Weltrecyclingtag: Segen und Fluch der Müllhalde

Weltweit leben tausende Familien von wachsenden Müllbergen. Am 18. März soll der Weltrecyclingtag zu globalen Anstrengungen für nachhaltige Abfallwirtschaft motivieren. Doch an der größten Deponie Mittelamerikas in Guatemala-Stadt ist Recycling vor allem eine tägliche Überlebensstrategie. Adveniat unterstützt daher ein Projekt vor Ort, das Jugendliche und junge Erwachsene sensibilisiert, die Sorge um unsere Erde als “Gemeinsames Haus” zu stärken und sich für Müllrecycling und gegen Umweltzerstörung einzusetzen.

Eine Frau mit Warnweste steht vor einem großen Müllberg. Dort landet gerade auch ein Geier

Tausende Familien weltweit leben vom informellen Müllrecycling (Symbolbild). Foto: Adveniat/Hans-Maximo Musielik

Zuhause auf der Müllhalde

Mit schnellen Schritten läuft das Mädchen Rosa durch die Siedlung Manuel Colom Argueta im Norden von Guatemala-Stadt. „Die Gassen hier sind echt verseucht“, sagt sie. „Voller Müll und dreckig.“ Sie steigt über zerborstene Kanister, weicht rostigem Metall aus und bahnt sich ihren Weg vorbei an umgestürzten Stapeln alter Zeitungen.Hier gibt es kaputte Bretter, Metallteile und viele Sachen, die zu nichts mehr nutze sind.“

Die heißen Gassen sind voller sonderbarer Gerüche. Jede Ecke riecht anders.Wahrscheinlich finden das viele Menschen ekelhaft“, vermutet Rosa. „Aber für uns, die wir hier wohnen, sind die Gerüche ganz normal. Nur wenn es heftig regnet, wird der Gestank so schlimm, dass auch wir ihn bemerken.“

Seit ihrer Geburt vor fünfzehn Jahren lebt Rosa auf einem Grundstück, das nur wenige Jahre zuvor noch Teil einer Müllhalde war. Im Jahr 2009 haben dutzende Familien in einer gut organisierten Aktion rund zwei Hektar Land besetzt und innerhalb weniger Tage mehrere provisorische Hütten gebaut. Noch heute wird in der Siedlung vor allem mit Materialien gebaut, die von der größten Müllhalde Mittelamerikas stammen – der Deponie in Zone 3 von Guatemala-Stadt. Ihr Eingang liegt keine zweihundert Meter entfernt von der klapperigen Haustür, durch die Rosa ihr Zuhause betritt.

Die Hütte, in der Rosas Familie lebt, steht auf einer tiefen Schicht jahrzehntealten Mülls. Das Mädchen hat keine Vorstellung davon, wie weit unter den wenigen Zentimetern gestampften Lehmbodens der eigentliche Erdboden beginnt. Sie hockt sich auf eine Matratze, die auf einer Plastikplane liegt. Der etwa fünfzehn Quadratmeter große Raum ist vollgestopft mit Sachen, die irgendwann mal von jemandem weggeworfen wurden, aber trotzdem noch zu gebrauchen sind. „Wir haben hier jede Menge Dinge: Fässer, Dosen, Kleidung und Aluminium. All der Kram liegt einfach rum. Wir haben nur einen Raum, in dem alles untergebracht ist – die Küche, das Esszimmer, ganz ohne Trennwände. Die Toilette ist da hinten unter der Treppe.

Eine Frau sitzt vor mehreren Tüten mit Plastikflaschen. Sie trägt eine Cap, Sonnenbrille und eine Kapuze.

Viele Menschen in der Umgebung der Müllhalde der Zone 3 im Norden von Guatemala-Stadt arbeiten im Recycling. Foto: Adveniat/Andreas Boueke

Rosa hat vier Schwestern. Die kleinste heißt Samantha. Sie ist drei Jahre alt. „Ich denke, es geht ihr gut“, meint Rosa. „Sie geht in einen Kindergarten. Ihre Zukunft und die der anderen Kleinen wird anders sein als mein Leben. Rosa selbst war nie im Kindergarten. Sie hat ihre Mutter von klein auf zur Arbeit auf die Müllhalde begleitet.Das ist hart, auch weil die Hitze oft schwer zu ertragen ist. Zudem kommen stinkende Gase aus dem Abfall und die Luft ist voller Staub. Während der Regenzeit ist alles schlammig, aber du musst trotzdem weitermachen. Gegessen wird buchstäblich mitten im Müll, umgeben von Mücken. Über uns kreisen Geier.

Alltag auf der Müllhalde

Aber ein Tag auf der Müllhalde kann für Kinder auch unerwartete Entdeckungen und schöne Überraschungen bereithalten.Ich freue mich, wenn ich gebrauchte Kleidung finde, die mir passt, oder auch Stofftiere, Handtaschen – Sachen, die die Leute wegwerfen. Anstatt in ein Einkaufszentrum zu gehen oder auf den Markt, hole ich meine Kleidung immer aus dem Müll. Dort findet man auch Gemüse, Suppen, die noch originalverpackt sind, Fleisch – lauter Sachen zum Essen. Es gibt Leute, die darüber klagen, sie hätten nichts zu essen. Für mich ist es ganz normal, dort runterzugehen, den Müll zu durchsuchen und Essen rauszuholen.“

Die Arbeit auf der Müllhalde  ist gefährlich, besonders für Kinder und Jugendliche. Rosa erinnert sich an einen Freund, der schon als Kind angefangen hat, dort zu arbeiten: „Manchmal rutscht der Müll ab oder große Massen geraten in Bewegung. So ist mein Freund geradezu vom Müll verschluckt worden. Sein Körper wurde nie gefunden. Er liegt irgendwo unter all dem Abfall begraben. Wir haben uns nie wieder gesehen.“

Gefahren auf der Deponie

Gegenüber Rosas Hütte, keine zwei Meter entfernt, gewährt eine Gittertür Einblick in den Laden ihres Nachbarn Alvaro Tiño. Der dreißigjährige Familienvater verkauft Getränke und Süßigkeiten. Er arbeitet aber auch auf der Müllhalde – seit über zwanzig Jahren. Er kennt die Gefahren.

Eine dreiköpfige Familie sitzt um einen Stuhl und isst. Die Hütte in der sie sitzen ist voller Dinge.

Auch die Hütte der Familie von Alvaro Tiño ist voller Dinge, die er auf der Müllhalde gefunden hat. Foto: Adveniat/Andreas Boueke

Vor neun Jahren hat der junge Vater eine Katastrophe miterlebt, der damals auch Aufmerksamkeit von den guatemaltekischen Medien geschenkt wurde. Trotzdem weiß bis heute niemand, wie viele Menschen genau an diesem Tag gestorben sind.Es hatte extrem geregnet, drei Tage lang. Wir waren mit etwa sechs Kollegen am Rand der Müllhalde, als plötzlich dieser laute Donner ertönte. Dann kam eine Mülllawine von oben herunter. Ein Rohr ist geplatzt und das ganze Wasser kam raus. Die Erde ist aufgerissen und ich habe gesehen, wie viele Leute in den Spalt gefallen sind. Das waren Papierrecycler, Metallsucher, Müllsammler. Die Wasserflut hat sie einfach mitgerissen. Alle schrien: ‚Lauft, lauft raus hier.‘ Einige sind entkommen. Die anderen sind nie wieder aufgetaucht.

Damals sind wahrscheinlich über dreißig Menschen umgekommen. Auch deshalb möchte Rosa nicht mehr lange in dieser Gegend wohnen: „Ich habe das Gefühl, dass die Menschen, die hier leben, noch viele Jahre auf der Müllhalde verbringen werden. Ich aber möchte eine Zukunft an einem anderen Ort haben. Zwar bin ich dem Müllplatz sehr dankbar. Er hat mir ein gutes Leben ermöglicht. Aber ich hoffe, dass ich bald woanders eine Arbeit finde und nicht mehr Müll sammeln muss. Wenn ich einmal selbst Kinder habe, möchte ich nicht, dass sie das Gleiche durchmachen wie ich. 

Hoffnung durch Bildung

Ein Ausweg aus dem Leben im und vom Müll führt über Schulbildung. Doch viele Menschen in der Umgebung der Deponie können weder lesen noch schreiben. Sie sind nie zur Schule gegangen. Gloria Xel, die Direktorin des katholischen Bildungszentrums Francisco Coll, ist vor zehn Jahren zum ersten Mal in diese Gegend gekommen.Damals war das sehr schwer für mich“, erzählt sie. „Viele der Kinder sind gewalttätig. Aber wie könnte es anders sein, bei all dem, was sie hier erleben?“

Die Theologin und Pädagogin weiß, dass es in der Gegend aggressive Jugendbanden gibt. Viele Familien sind kaputt. Kinder wachsen bei den Großeltern auf. Manche Mädchen werden von den eigenen Vätern missbraucht, oder von Brüdern, Onkeln. „Natürlich macht das was mit ihrer Psyche. Sie brauchen sehr viel spirituelle und moralische Begleitung. Bevor wir hierhergekommen sind, wollten die nahegelegenen Schulen die Kinder der Müllhalde meist nicht aufnehmen. Sie galten als schmutzig und kriminell.“

Gloria Xel hat sich sehr bewusst für diese Arbeit entschieden – mit Kindern, die am Rand der Gesellschaft leben: „Sie essen, was sie im Müll finden. Sie schlafen auf engstem Raum. Für die Behörden sind sie Menschenmüll. Es interessiert niemanden, ob sie leben oder sterben, ob sie zur Schule gehen oder ein Zuhause haben. Die Mächtigen leben bequem – die Armen sind ihnen egal.

 

Nachmittags arbeiten viele Kinder auf der Müllhalde (Symbolbild). Foto: Adveniat/Achim Pohl

Nachmittags arbeiten viele der Grundschulkinder auf der Müllhalde, so auch der elfjährige Marcos.Ich begleite meine Mutter und trage die Säcke“, berichtet er. „Wir sammeln, was die Lastwagen abladen. Das ist sehr anstrengend. Zusammen schaffen wir zwanzig große Säcke. Meine Mutter allein schafft nur zehn. Aber die Arbeit ist widerlich. Man muss viele Mülltüten aufreißen. Manchmal sind die voll stinkender Eier, schmutziger Windeln, Hygieneartikel.

Für Kinder wie Marcos öffnet die Schule neue Lebensperspektiven, jenseits der Müllhalde.Ich bin seit acht Jahren auf der Schule. Nach zwei Monaten konnte ich lesen und bis hundert zählen. Ich will Dolmetscher werden und für Besucher aus dem Ausland übersetzen. Deshalb lerne ich Englisch.

Text: Andreas Boueke

 

 

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