Maria de Jesus Padilla

Die 70-Jährige Maria ist der Sonnenschein im Kindergarten von San Juan Bautista.  Das kleine Dorf auf 2400 Metern Höhe liegt an der Peripherie von Mexiko-Stadt und wurde vor über 30 Jahren von obdachlosen Zuwanderinnen besetzt.

Eine ältere indigene Frau streckt die Arme aus und ihr Gesicht der Sonne entgegen. Sie lacht.

Maria de Jesus Padilla ist immer zu einem Späßchen aufgelegt. Hier mit einem Strampler auf dem Kopf. Sie hat ihre düstere Vergangenheit hinter sich gelassen. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Netzwerke der Fürsorge

Der Staat vertrieb die zugewanderten Frauen immer wieder und stellte wegen fehlender Landtitel nie Infrastruktur wie Wasser, Strom, Schulen oder Kindergärten für die rund 1500 Menschen zur Verfügung. So organisierten die Frauen sich selbst und gründeten 2012 einen eigenen Kindergarten. Maria  arbeitet dort als Köchin und ist immer zu einem Späßchen aufgelegt. Doch das war nicht immer so. Ihre Mutter war alkoholabhängig, hatte viele Kinder von verschiedenen Liebhabern, die sehr gewalttätig waren und sie missbraucht haben.

„Ich habe mich früher nicht getraut, den Mund aufzumachen. Schon gar nicht vor fremden Menschen oder in der Öffentlichkeit. Denn das brachte mir immer nur Probleme. Mir wurde beigebracht, dass Männer Privilegien haben und Frauen gehorchen müssen. Zuhause haben wir nie über Gefühle gesprochen, und Probleme wurden mit Schlägen gelöst.“

„Heute kann ich mich mit anderen unterhalten, und ich habe mich selbst akzeptiert. Ich habe mich aus einer starren Hülle befreit.“, erzählt Maria. Foto: Adveniat/ Florian Kopp

Durch das von Adveniat geförderte Projekt „Movimiento Raiz“ (dt. Veränderung der Wurzel) hat sie gelernt, Gefühle wieder zuzulassen und sich selbst zu akzeptieren. Die 2019 von zwei Therapeutinnen gegründete Organisation kümmert sich vor allem um traumatisierte Frauen, sowie um deren Pflegepersonal, das ebenfalls Stress und sekundärem Trauma ausgesetzt ist. Durch verschiedene Gruppentherapien lernen die Frauen die eigenen Probleme zu erkennen, zu benennen und sowohl individuell als auch gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie man mit diesen Traumata umgehen kann, zudem bilden sie Netzwerke der Fürsorge.

Sie arbeiten mit 40 NGOs in Mexiko-Stadt zusammen. Die Idee dahinter ist, dass nur psychisch stabile Menschen in der Lage sind, strukturelle Gewaltmuster zu erkennen und den Teufelskreis zu durchbrechen. In Mexiko ist das besonders wichtig, weil dort Frauen gleich mehrfach mit Gewalt konfrontiert werden: Der Alltagsgewalt, die im Machismus und Kolonialismus wurzelt und Männern viel mehr Wert und Macht einräumt als Frauen. Gewalt und Diskriminierung, die von staatlichen Stellen ausgeht und die Bedürfnisse von Frauen nicht berücksichtigen. Dritter Faktor ist die von der Organisierten Kriminalität ausgehende brutale Gewalt wie Morde, Verschwindenlassen, Schutzgelderpressung, die Frauen ebenfalls besonders stark trifft, da sie ihre Sorgerolle für die Familie beeinträchtigt. Hinzu kommt, dass es keine Gerechtigkeit gibt: 95 Prozent aller Straftaten bleiben ungeahndet.

„Früher war ich sehr hart, mir selbst und anderen gegenüber. Nun bin ich liebevoller. Ich habe noch immer nicht viel Geld und nur ein ganz bescheidenes Häuschen. Aber ich bin glücklich, denn ich habe ein reiches Herz. Ich fühlte mich unnütz, und jetzt habe ich meinen Weg gefunden und fühle, dass ich etwas Positives im Leben anderer bewirken kann.“

Text: Sandra Weiss, Fotos: Florian Kopp