„Sie stellen den Profit über das Leben.“

Bischof Vicente Ferreira steht unterstützt vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat an der Seite der Menschen, deren Leben und Zukunft von der Profitgier von Bergbaukonzernen bedroht ist.

Dom Vicente spricht auf dem von ihm initiierten ersten Quilombola-Treffen in Livramento de Nossa Senhora. Im Bild ist er mit einer Gitarre zu sehen.

Bischof Dom Vicente Ferreira unterstützt die Menschen, die von Bergbauunternehmen bedroht sind. Foto: Adveniat/Florian Kopp

Bischof Dom Vicente Ferreira lenkt seinen Wagen über eine kurvige Landstraße in der Chapada Diamantina, einer zerklüfteten Berglandschaft in Brasilien. Vorbei an traditionellen Bauernhäusern und einer paradiesischen Natur. Doch nach einer Kurve fällt der Blick auf eine riesige Mine. Eine offene Wunde klafft mitten in der grünen Landschaft.

„Der britische Konzern Brazil Iron baut dort Eisenerz ab“, erklärt Dom Vicente. Ein halber Berg wurde bereits weggesprengt. Geröll und Schutt sind übriggeblieben. Der Bischof von Livramento de Nossa Senhora im brasilianischen Bundesstaat Bahia kämpft – unterstützt vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat – gegen diese Umweltzerstörung und steht an der Seite der Menschen, die sich gegen die Minenindustrie wehren.

Die ökologisch wertvolle Region wird bis heute von kleinbäuerlicher Landwirtschaft und Quilombo-Gemeinden geprägt, in denen die Nachfahren entflohener Sklaven leben. Doch das traditionelle Leben ist bedroht. Denn es lagern hier große Eisenerz-, Gold- und Quarzvorkommen, auf die es internationale Minenkonzerne abgesehen haben. Mehr als 2.000 Anträge auf Förderungslizenzen haben sie bereits beim Staat gestellt.

Solche Entwicklungen gibt es auch in anderen Teilen Brasiliens. Allein in der Amazonasregion existieren mehr als 45.000 Bergbauprojekte, die schon in Betrieb sind oder angemeldet wurden. Mehr als 21.000 davon befinden sich in Umweltschutzgebieten oder auf dem Land indigener Völker. Unterstützt vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat kämpfen auch das kirchliche Amazonasnetzwerk Repam (Red Eclesial PanAmazónica) und der kirchliche Indigenen-Rat Cimi (Conselho Indigenista Missionário) mit den Betroffenen gegen diesen Raubbau an der Natur.

Die Bergbaukonzerne hinterlassen klaffende Wunden in der Landschaft. Foto: Florian Kopp/ Adveniat

„Im Quilombo Bocaina kann man sehen, was passiert, wenn die Minenkonzerne kommen“, sagt Bischof Dom Vicente. Hier begann die Firma Brazil Iron 2011 mit der Sprengung eines Berges, um Eisenerz zu fördern. In Bocaina leben rund 250 Menschen verstreut auf kleine Höfe. Zwar ist die Gemeinde laut der staatlichen Palmares-Stiftung ein anerkannter Quilombo. Doch die Regierung weigert sich bis heute, ihn mit allen von der Verfassung garantierten Rechten auszustatten. Denn dies würde bedeuten, dass die Bewohner Entscheidungen über ihr Land selbst treffen können. Insgesamt betrachten sich 77 Gemeinden in Dom Vicentes Diözese als Quilombos, aber nur 13 werden von der Regierung als solche akzeptiert.

Catarina Oliveira lebt in der sechsten Generation in Bocaina. Sie und ihr Mann sind Kleinbauern. Die 52-Jährige organisiert den Widerstand gegen die Mine. Besonders schlimm sei der Staub, berichtet sie. Nach jeder Sprengung lege er sich zentimeterdick auf Häuser, Gärten und Felder. „An manchen Tagen sieht man die Sonne vor lauter Staub nicht mehr.“ Die Mine ist 24 Stunden täglich in Betrieb und der Lärm hört nie auf.

Dom Vicente informiert sich über die Pläne der Minenindustrie. Foto: Florian Kopp/ Adveniat

Catarina Oliveira und Bischof Vicente breiten eine Landkarte auf dem Küchentisch aus. Sie zeigen, wo neue Minenprojekte geplant sind und welche Quilombos betroffen sind. „Das Naturwunder Chapada Diamantina und seine traditionellen Gemeinden sind akut bedroht“, fasst Dom Vicente zusammen. „Den Menschen, die seit vielen Generationen hier leben, soll das Land weggenommen werden. Dabei hätte der Staat die Pflicht, sie anzuhören. Aber er handelt nur, wenn die Menschen ihre Rechte einfordern. Sonst werden sie überrollt.“

Der Widerstand hatte bereits Erfolg. Brazil Iron kippte den Abraum aus seiner Mine ausgerechnet ins Quellgebiet des Flusses Bebedouro, der daraufhin versiegte. Als die Quilombo-Bewohner klagten, setzte ein Gericht den Minenbetrieb vorläufig aus.

Die Briten bestreiten jedoch jegliches Fehlverhalten und sitzen bereits in den Startlöchern, um weiter Eisenerz zu fördern. Die Regierung des Bundesstaats Bahia befürwortet dies. „Brasiliens Politik handelt im Interesse der Konzerne, der Großgrundbesitzer, des Kapitals“, sagt Dom Vicente. „Sie stellen den Profit über das Leben.“

In Predigten, privaten Gesprächen und auf dem ersten, von ihm organisierten Treffen der Quilombo-Bewohner seiner Diözese, prangert Dom Vicente die Umweltzerstörung in der Chapada Diamantina und die Verletzung der Rechte der traditionellen Gemeinden an. Immer wieder zitiert er den verstorbenen Papst Franziskus und dessen Enzyklika „Laudato si‘ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus“, das die Menschen pflegen und schützen sollten. „Es kann keine gesunden Menschen auf einem kranken Planeten geben“, ist Dom Vicente überzeugt.

Der 54-Jährige gilt hier als Bischof des Volkes. Es liegt auch daran, dass er eine einfache und starke Sprache spricht und kein Aufhebens um seine Stellung macht. Samstags berichtet Dom Vicente in seiner wöchentlichen Sendung im Lokalradio von den aktuellen Ereignissen in der Diözese und dem Rest der Welt. Danach besucht er den Markt von Livramento, auf dem hunderte Kleinbäuerinnen und Kleinbauern der Region ihre Erzeugnisse verkaufen. Er nennt ihn „das Herz der Stadt“. Die Menschen kommen mit ihren Sorgen zu ihm und machen Selfies mit ihm. „Dieser Bischof ist wunderbar, er sagt die Wahrheit“, sagt eine Frau. Und ein Käseverkäufer betont: „Wir hatten in Livramento noch nie einen so beliebten Bischof, wir fühlen uns von ihm geschätzt.“

Dom Vicente ist nah bei den Menschen in seiner Diözese. Foto: Florian Kopp/ Adveniat

Dom Vicente war zuvor Weihbischof in der Stadt Brumadinho, in deren Nähe 2019 das Rückhaltebecken einer Eisenerzmine des brasilianischen Bergbaugiganten Vale barst. Die ins Tal stürzende Schlammlawine begrub 272 Menschen unter sich und zerstörte Häuser, Felder, Flüsse. Dom Vicente war damals für die Angehörigen der Opfer da und verlangte Gerechtigkeit.

Sein kompromissloser Einsatz führte jedoch auch dazu, dass die Elite Brumadinhos revoltierte. Spruchbänder tauchten auf: Man wolle keine Politik in der Kirche, sondern „nur beten“. „Die Erfahrung hat bei mir Wunden hinterlassen“, räumt Dom Vicente ein. „Aber sie hat mich auch bestärkt.“ Als er 2023 nach Livramento versetzt wurde, wusste er nicht, dass seine neue Diözese ebenfalls von der Minenindustrie bedroht wird. Dass er nun hier seine Erfahrung einbringt, sehen manche als Fügung. Catarina Oliveira aus Bocaina sagt: „Es kann kein Zufall sein, dass Dom Vicente an unserer Seite steht.“

Text: Philipp Lichterbeck; Fotos: Florian Kopp

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Rettet unsere Welt – Zukunft Amazonas

Der weltweite Hunger nach Rohstoffen, Holz und Fleisch zerstört die Lebengrundlage der indigenen Völker am Amazonas und erstickt die Lunge der Welt. Gemeinsam mit den Partnerorganisationen vor Ort unterstützt Adveniat indigene Gemeinschaften dabei, ihre Rechte zu schützen und den zerstörerischen Eingriffen von Konzernen und Regierungen entgegenzuwirken. Die indigenen Völker leben im Einklang mit der Natur und sind damit die wahren Umweltschützer und Klimaretter. Unter dem Leitwort „Rettet unsere Welt – Zukunft Amazonas“ ruft Adveniat dazu auf, sich an die Seite der Menschen zu stellen, die für die Bewahrung des Amazonas als gemeinsames Haus und als globale Grundlage für zukünftige Generationen einstehen – oft unter Einsatz des eigenen Lebens.