Ana Gonzalez
Die Maya Ana González hat es aus schwierigen Verhältnissen zur Co-Direktorin einer Textilakademie gebracht. Mit Unterstützung von Adveniat hilft sie anderen indigenen Frauen, ihren eigenen Weg zu finden.

Die Maya Ana González hilft anderen indigenen Frauen, ihren eigenen Weg zu finden. Foto: Florian Kopp/Adveniat
Fäden der Hoffnung
San Cristóbal de las Casas ist eine der schönsten Kolonialstädte Mexikos. Lange vor der Ankunft der spanischen Eroberer war diese Region im Süden Mexikos bereits eine Hochburg der Maya-Indigenen. In San Cristóbal überlappen sich Kulturen, Traditionen und Sprachen. Das ist ein Reichtum – aber auch eine Bürde. Vor allem für diejenigen, die auf der untersten gesellschaftlichen Stufe stehen: indigene Frauen.
Ana González kann davon ein Lied singen. Sie stammt aus der indigenen Gemeinde Zinacantán: wegen seiner Blumen und Webkunst ein touristisches Highlight. Anas Erinnerungen an ihre Kindheit sind weniger lieblich: Ein prügelnder, alkoholsüchtiger Vater, fünf Geschwister und ständig Geldsorgen. Mit sieben bekam sie ihren ersten mobilen Webrahmen, der am Rücken befestigt wird. „Als indigene Frau musst du weben können, denn sonst hat deine Familie nichts zum Anziehen, und du bist nichts wert für einen Mann“, erzählt sie. Die schüchterne Ana gehorchte.

Zusammen mit ihrer Tocher lebt Ana in einem kleinen Haus auf dem Grundstück ihrer Eltern. Foto: Adveniat/Florian Kopp
Als sich ihre Mutter schließlich trennte, webte Ana, um zum Familieneinkommen beizutragen. Ihre Mutter trat der Textilschule „El Camino de los Altos“ in San Cristóbal bei – ein Zusammenschluss von indigenen Frauen unter der Leitung der französischen Designerin Véronique Tesseraud.
Ana hat angenehme Erinnerungen an die warmherzige Atmosphäre in der Textilschule. Sie konnte mit ihrer Arbeit das Abitur finanzieren und Sozialwissenschaften studieren. Mittlerweile ist sie Koordinatorin der Textilschule. Nun möchte sie anderen Frauen neue Perspektiven eröffnen. Mit Unterstützung von Adveniat haben sie und Tesseraud eine mobile Textilschule gegründet. Denn viele indigene Dörfer liegen weit entfernt in den Bergen, und es ist für die Frauen schwierig, nach San Cristóbal zu kommen. Zweimal im Monat kommt also die Schule zu den Frauen. Manchmal gibt Ana selbst Unterricht im Nähen oder Siebdrucken, manchmal eine andere indigene Mitarbeiterin.
Gewoben wird bei den Kursen auch am sozialen Geflecht, an Frauen-Netzwerken der Unterstützung. Das schafft nicht nur Gemeinschaft, sondern bietet den Frauen auch Schutz. Falls Männer eifersüchtig und gewalttätig werden, können Betroffene im Gruppenchat ihre Nachbarinnen alarmieren, die dann sofort vorbeikommen.
Ana lebt ganz traditionell in einem kleinen Haus auf dem Grundstück ihrer Eltern. „Aber die Gewissheit, dass ich im Notfall für mich selbst sorgen kann, gibt mir Gelassenheit, Sicherheit und Freiheit“, sagt sie. Damit ist sie für viele der Kursteilnehmerinnen eine Inspiration.
Ana sieht in der Webkunst nicht nur eine schöne Tradition, sondern einen heilsamen Prozess und eine Sprache, in der die Frauen ihre Gefühle und ihre Geschichte verarbeiten. Eine Brücke zwischen Tradition und Moderne – wie sie selbst.
Text: Sandra Weiss, Fotos: Florian Kopp

