10 Jahre Laudato si’
10 Jahre Pariser Klimaabkommen – Wie steht es um den Schutz des Amazonasregenwaldes?
Das größte zusammenhängende tropische Waldgebiet der Erde steht vor dem Zusammenbruch: Der südamerikanische Amazonasregenwald droht sich einem Kipppunkt zu nähern. Wird er überschritten, setzen sich unwiderrufliche und mitunter selbstverstärkende Veränderungen in Gang. Steigende Temperaturen, Dürren, veränderte Niederschlagsmuster, Abholzung und Brände schwächen die Widerstandskraft des Waldes. Das riesige Areal könnte sich destabilisieren und im Extremfall zu einer Savanne werden.
Wenn der Amazonas „kippt“, hätte das grundlegende Auswirkungen auf das globale Klima. Denn der rund sechs Millionen Quadratkilometer umfassende Regenwald ist eines von neun Kern-Kippelementen, die zum Funktionieren des gesamten Erdsystems beitragen.

Professor Dr. Ottmar Edenhofer ist Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Foto: PIK/ Ausserhofer
Zum einen speichert der Wald große Mengen an Kohlenstoffdioxid (CO2): Der Gegenwert der globalen Emissionen von 15 bis 20 Jahren ist in den Bäumen des Amazonas eingelagert. Stirbt der Wald ab, wird dieses CO2 freigesetzt und die globale Erderwärmung dadurch beschleunigt. Schon heute stößt der südöstliche Teil des Amazonas mehr CO2 aus, als er über das Waldwachstum speichert. Er ist also – wahrscheinlich infolge von Abholzung und Waldbränden – zu einer CO2-Quelle geworden.
Zum anderen ist der Amazonas essenziell für den Wasserkreislauf auf dem südamerikanischen Kontinent: Der Regenwald reichert die Luft mit Feuchtigkeit an, die durch Windströme weiter in den Westen getragen und dort von den Anden abgelenkt und nach Süden geleitet wird. Diese durch wiederholtes Verdunsten und Abregnen über dem Regenwald entstehenden „fliegenden Flüsse“ sind ausschlaggebend für Niederschläge in Regionen, die andernfalls trockener wären. Ein Verlust des Waldes würde auch zu Trockenheit in weit entfernten Gebieten führen.
Auch mit Blick auf die Biodiversität und die sozio-kulturelle Vielfalt der Erde wäre der Verlust des Amazonasregenwaldes fatal. Das Gebiet ist bekannt für seine enorme Artenvielfalt. Außerdem leben dort rund 40 Millionen Menschen – unter ihnen diverse lokale, traditionelle Gemeinschaften und 2,2 Millionen Indigene, die über 300 verschiedenen Ethnien mit jeweils eigenen Sprachen angehören. Damit ist der Amazonas auch das Gebiet mit der höchsten Sprachenvielfalt.
Die Lebensweise der indigenen Völker ist eng mit dem Waldsystem verwoben. Über Jahrtausende haben sich die traditionell im Amazonas lebenden Bevölkerungsgruppen an das Ökosystem angepasst und die Natur durch begrenzte Eingriffe für sich nutzbar gemacht, ohne dabei das natürliche Gleichgewicht zu stören. Kippt der Regenwald, verlieren sie ihre Lebensgrundlage. Damit einher geht auch die Bedrohung ihrer Sprachen, Kulturen und des traditionellen ökologischen Wissens, das wiederum von entscheidender Bedeutung für den Schutz des Regenwaldes ist.

Die gerechte Nutzung globaler Gemeinschaftsgüter: Laudato si’ und Pariser Klimaabkommen
Das Kippen des Amazonas zu verhindern, erfordert internationale Kooperation. Denn als globale Gemeinschaftsgüter sind Wälder und die Atmosphäre frei verfügbare Ressourcen, die ohne einschränkende Zugriffsrechte übermäßig genutzt und damit aus ihrem natürlichen Gleichgewicht gebracht werden. Sie fungieren als Senken für das weltweit emittierte CO2 und als kostenlose Rohstoffdepots. Um sie zu schützen, müssen der Ausstoß von Treibhausgasen und die (oft illegale) Abholzung des Regenwaldes gestoppt werden.
Die Atmosphäre, Ozeane und Wälder als ein Gemeinschaftsgut der Menschheit – diesen Gedanken skizzierte auch Papst Franziskus in seiner viel beachteten Enzyklika Laudato si’. Das 2015 veröffentlichte Schreiben „über die Sorge für das gemeinsame Haus“ zeigt die zentralen ethischen Herausforderungen unserer Zeit auf: den Klimawandel, die Armut und die wachsende gesellschaftliche Ungleichheit. Der Schutz der globalen Gemeinschaftsgüter wird damit zu einer notwendigen Voraussetzung für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung. In ungewohnt klarer Sprache nahm Papst Franziskus dabei auch auf die Erkenntnisse des Weltklimarats IPCC Bezug, dessen Berichte den wissenschaftlichen Erkenntnisstand zum Klimawandel zusammenfassen. Damit ließ sich Franziskus auf einen bis dahin ungekannten Dialog zwischen katholischer Kirche und Wissenschaft ein.
Wenige Monate nach der Veröffentlichung von Laudato si’ einigte sich die internationale Staatengemeinschaft mit dem Pariser Klimaabkommen auf eine konkrete Temperaturgrenze: Deutlich unter 2 Grad Celsius über dem vorindustriellen Durchschnitt soll die Erderwärmung gehalten werden – mit dem Ziel, sie auf 1,5 Grad zu begrenzen. Die Pariser Klimaziele legen damit auch fest, wie viele Treibhausgase künftig noch emittiert werden dürfen. Dieses sogenannte CO2-Budget leitet sich aus dem linearen Zusammenhang zwischen der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre und der Erwärmung der Erde ab. Mit jedem Jahr, in dem weiter Emissionen ausgestoßen werden, schrumpft dieses Budget. Ab Jahresbeginn 2024 gerechnet blieben gerade einmal rund 200 Gigatonnen CO2, um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das entspricht etwa den globalen Emissionen von fünf bis sechs Jahren. Demgegenüber steht ein Überangebot an fossilen Brennstoffen. Wir können also nicht darauf hoffen, dass uns deren natürliche Knappheit auf den Pfad der klimapolitischen Tugend zwingt. Außerdem legt das knappe CO2-Budget nahe, dass die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre immer wichtiger wird. Natürliche Senken wie der Amazonas spielen hier eine große Rolle, da sie – sofern die Natur intakt bleibt – auf natürlichem Wege CO2 aufnehmen.
Für die Besitzer von Kohle, Öl und Gas bedeutet dieses beschränkte CO2-Budget eine Entwertung ihrer Vermögen: Wenn der Ausstoß der Treibhausgase begrenzt werden soll, dann ist klar, dass ein großer Teil der fossilen Rohstoffe im Boden verbleiben muss. Laudato si’ akzeptiert diesen Eingriff in die Eigentumsrechte im Sinne des Allgemeinwohls.



Der weltweite Hunger nach Rohstoffen, Holz und Fleisch zerstört die Lebengrundlage der indigenen Völker am Amazonas und erstickt die Lunge der Welt.
Was jetzt zu tun ist: Klimafinanzierung, Bepreisung fossiler Brennstoffe und internationale Kooperation
Auch auf dem diesjährigen Klimagipfel – der COP30 – in Brasilien steht der Schutz der globalen Gemeinschaftsgüter erneut auf dem Prüfstand. Durch den Austragungsort Belém an der Mündung des Amazonas rückt der Schutz der tropischen Wälder in den Blick. Klar ist, dass für die Herausforderungen der Zukunft dringend Kapital mobilisiert werden muss: Für den Umstieg von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien müssen Solar-, Wind- und Bioenergieanlagen weiter ausgebaut, Speichertechnologien weiterentwickelt, die Stromnetze fortlaufend angepasst und die Infrastruktur für neue Brennstoffe wie grünen Wasserstoff angelegt werden. CO2-intensive Industrieunternehmen müssen ihre Produktion umstellen, neue Wirtschaftszweige müssen gefördert und die finanziellen Belastungen für Haushalte abgefedert werden. Außerdem sind finanzielle Anreize für den Schutz der Artenvielfalt und der Wälder als Kohlenstoffsenken notwendig. Zwar sind die Kosten zur Begrenzung der Erderwärmung um ein Vielfaches geringer als die Verluste durch Klimaschäden, doch gerade ärmere Länder des Globalen Südens benötigen finanzielle Unterstützung, um die fossile Entwicklungsphase zu überspringen oder sich zumindest schneller von ihr lösen zu können.
Auf der Weltklimakonferenz in Aserbaidschan im vergangenen Jahr einigte sich die Staatengemeinschaft darauf, dass Industrieländer bis 2035 jährlich mindestens 300 Milliarden US-Dollar für die internationale Klimafinanzierung mobilisieren sollten. Unklar ist jedoch, wie. Entscheidend wäre es, fossile Brennstoffe über eine CO2-Steuer oder ein Emissionshandelssystem zu bepreisen. Wird ein Preis auf Kohle, Öl und Gas erhoben, ist das erstens ein effektiver Weg für Emissionsminderungen und damit für den direkten Schutz der globalen Gemeinschaftsgüter. Zweitens generiert ein CO2-Preis Einnahmen, die etwa für die Kompensation ärmerer Haushalte, für die Finanzierung von Klimamaßnahmen oder den Schutz von Biodiversität verwendet werden können.
Die Ausbreitung der CO2-Bepreisung und der Aufbau von internationalen Finanzclubs, die beispielsweise durch Abgaben auf den internationalen Flugverkehr Gelder mobilisieren, wären wichtige Schritte. Die Verantwortung ist groß und die Weltöffentlichkeit wird den Erfolg der 30. Weltklimakonferenz besonders kritisch prüfen in einem Jahr, in dem sich die Veröffentlichung von Laudato si’ und das Pariser Klimaabkommen zum zehnten Mal jähren, die Staaten ihre neuen Klimapläne vorlegen müssen und der Amazonasregenwald vor den Toren des Konferenzgeländes mehr denn je an die Dringlichkeit von ambitionierter globaler Klimakooperation erinnern wird.
Adveniat Weihnachtsaktion 2025
Rettet unsere Welt – Zukunft Amazonas
Der weltweite Hunger nach Rohstoffen, Holz und Fleisch zerstört die Lebengrundlage der indigenen Völker am Amazonas und erstickt die Lunge der Welt. Gemeinsam mit den Partnerorganisationen vor Ort unterstützt Adveniat indigene Gemeinschaften dabei, ihre Rechte zu schützen und den zerstörerischen Eingriffen von Konzernen und Regierungen entgegenzuwirken. Die indigenen Völker leben im Einklang mit der Natur und sind damit die wahren Umweltschützer und Klimaretter. Unter dem Leitwort „Rettet unsere Welt – Zukunft Amazonas“ ruft Adveniat dazu auf, sich an die Seite der Menschen zu stellen, die für die Bewahrung des Amazonas als gemeinsames Haus und als globale Grundlage für zukünftige Generationen einstehen – oft unter Einsatz des eigenen Lebens.


