
> Beschluss der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz am 19.05.2010 <
In einem Videobeitrag erklärt Thomas Wieland - Leiter der Projektabteilung bei Adveniat - die Bedeutung der Grundsätze und Richtlinien der Projektföderung
Einführung
1961 rief die Deutsche Bischofskonferenz die Bischöfliche Aktion Adveniat ins Leben. „Mit der Zielsetzung der pastoralen Hilfe für die Ortskirchen in Lateinamerika und in der Karibik leistet sie einen eigenständigen und wesentlichen Beitrag zur weltkirchlichen Zusammenarbeit.“ (1) 1998 wurden „Grundlagen und Orientierungshilfen“ für die Projektbearbeitung verabschiedet, seitdem haben sich Kirche und Gesellschaft verändert.
Zum weltkirchlichen Engagement einer sich verändernden Kirche in Deutschland
Weltkirchliches Engagement spielt in den deutschen Pfarrgemeinden nach wie vor und trotz der Umstrukturierungsprozesse eine bedeutende Rolle. Aus dem Glauben heraus weltweite Solidarität zu üben, sich für Gerechtigkeit und Frieden als einer Wirklichkeit des Reiches Gottes einzusetzen und die Pastoral der Ortskirchen in den anderen Kontinenten zu stärken, ist Motivation für die Spenderinnen und Spender. (2)
Inmitten der kirchlichen Veränderungen in Deutschland stellt sich auch Adveniat den neuen Herausforderungen. Die Partner in Lateinamerika, die Spenderinnen und Spender und Interessierte in Deutschland erwarten Fachkompetenz und eine klare Armenorientierung in der Projektarbeit.
Zur Situation von Kirche und Gesellschaft in Lateinamerika
Aus einem intensiven Dialog mit den Partnern in Lateinamerika, aufgrund der Erfahrungen in der Projektarbeit und mit den Ausführungen der Lateinamerikanischen Bischofsversammlung in Aparecida (2007) kann ein differenziertes und aktuelles Bild der Gegenwart Lateinamerikas gezeichnet werden:
Auch wenn Krisen immer wieder zu vorübergehenden Einbrüchen führen, wächst in vielen Ländern Lateinamerikas die Wirtschaft kontinuierlich an. Doch die Kluft zwischen Armen und Reichen wird nicht geringer, im Gegenteil: Selbst in vergleichsweise wohlhabenden Ländern gibt es eine erschreckende Armut. Diese Kluft spiegelt sich auch innerhalb der Kirche auf dem Kontinent wider. Die katholische Kirche in Lateinamerika hat deshalb ihre Option für die Armen formuliert und diese im Schlussdokument der Lateinamerikanischen Bischofsversammlung in Aparecida nochmals eindrucksvoll bekräftigt. (3)
(1) Präambel des Statutes der Bischöflichen Aktion Adveniat (1993). Im Folgenden wird um der besseren Lesbarkeit willen auf den Zusatz „und der Karibik verzichtet“.
(2) Vgl. Weltkirchliche Arbeit heute für morgen. Wissenschaftliche Studie in Gemeinden deutscher Diözesen. 23. September 2009 (Arbeitshilfen 235), hrsg. vom Sekretariat der DeutschenBischofskonferenz, Bonn 2009, S. 30–33.
(3) Vgl. Aparecida 2007. Schlussdokument der 5. Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik. 13.–31. Mai 2007 (Stimmen der Weltkirche 41), hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 2007, Nr. 391–398.
Darüber hinaus sind folgende Einsichten für das Verständnis der Gegenwart Lateinamerikas wichtig:
- Lateinamerika ist vielfältig. Die Vielfalt zeigt sich in den Kulturen der indigenen Völker und Afroamerikaner, aber auch im Leben der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Wir beobachten auch eine Aufspaltung in Parallelgesellschaften, die den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet.
- Mittlerweile lebt ein Großteil der Bevölkerung in Städten. Diese zunehmende Verstädte-rung ist eine der Folgen der andauernden Migration innerhalb Lateinamerikas.
- Zwar gibt es inzwischen in fast allen Ländern des Kontinents formal demokratische Struk-turen, doch nach wie vor sind große Bevölkerungsschichten von einer tatsächlichen Mit-wirkung an politischen Entscheidungen ausgeschlossen.
- Die natürlichen Lebensgrundlagen in Lateinamerika werden durch menschliches Handeln immer mehr bedroht. Das Bewusstsein, dass die Zerstörung der Umwelt auch das Leben der Menschen gefährdet, nimmt in Lateinamerika zu.
Auch die katholische Kirche ist von wichtigen Veränderungen betroffen:
- Neben den kirchlichen Basisgemeinden haben geistliche Gemeinschaften an Bedeutung gewonnen.
- Die Zunahme von nichtkatholischen Glaubensgemeinschaften und Bewegungen sowie der Prozess der Säkularisierung führen dazu, dass nicht mehr von einer selbstverständli-chen Zugehörigkeit des Großteils der Lateinamerikaner zur katholischen Kirche ausge-gangen werden kann. Gleichzeitig verliert die katholische Kirche an Einfluss innerhalb der politischen Strukturen.
- Die Vitalität der katholischen Kirche zeigt sich auch in der Volksreligiosität. Diese erfährt im kirchlichen Handeln und in der manchmal kontroversen theologischen Reflexion zu-nehmend Wertschätzung.
- In manchen Ländern gibt es innerkirchliche Konflikte, die die Glaubwürdigkeit der Kirche im Einsatz für die Menschen beeinträchtigen.
Die „Zeichen der Zeit“ und der Auftrag Adveniats
Die fünfte Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik deutet diese Entwicklungen als „Zeichen der Zeit“ und verlangt eine Umkehr „von einer rein bewahrenden Pastoral zu einer entschieden missionarischen Pastoral“. (4) Dabei meint „Pastoral“ kirchliches Handeln in der Welt, in Treue zum Evangelium und zur kirchlichen Erneuerung im Zweiten Vatikanischen Konzil. Dem ist Adveniat verpflichtet. Adveniat unterstützt die kirchliche Arbeit in Lateinamerika und damit eine Kirche, die die Option für die Armen getroffen hat und die Nöte der Menschen ernst nimmt. Adveniat fördert auf diese Weise die Mission der Kirche in Lateinamerika, nämlich eine befreiende Evangelisierung, die Verkündigung der Reich-Gottes-Botschaft in der Nachfolge Jesu Christi.
(4) Aparecida 2007, Nr. 370.
In der konkreten Projektarbeit greift Adveniat die oben beschriebenen Herausforderungen auf und orientiert sich an den folgenden Grundsätzen und Richtlinien:
Adveniat unterstützt Projekte der katholischen Kirche in Lateinamerika. Dabei legt Adveniat seinen Schwerpunkt auf Projekte, die der Förderung zukunftsfähigen kirchlichen Lebens dienen.
Richtlinien:
1.1 Projektanträge bedürfen einer kirchlichen Empfehlung, in der Regel vom Ortsbischof oder der Höheren Oberen bzw. dem Höheren Oberen.
1.2 Träger, die nicht in den Strukturen von Diözesen, Pfarreien, Ordensgemeinschaf-ten, geistlichen Gemeinschaften oder katholischen Verbänden eingebunden sind, können dann eine Förderung erhalten, wenn zusätzlich zur kirchlichen Empfehlung vom Ortsbischof bzw. bei Orden oder Kongregationen von der Höheren Oberen bzw. dem Höheren Oberen bestätigt wird, dass sie pastoral tätig sind. Dies gilt auch für ökumenische Projekte.
Adveniat unterstützt pastorale Projekte im Einklang mit dem Selbstverständnis der katholischen Kirche in Lateinamerika und in Koordination mit den anderen kirchlichen Hilfswerken in Deutschland.
Richtlinien:
2.1 Die Geschäftsstelle registriert alle bei Adveniat eingehenden pastoralen Projektanträge und führt sie gemäß den Verfahrensregeln einer Entscheidung zu.
2.2 Davon ausgenommen sind Anträge,
- die nicht von einem kirchlichen Antragsteller eingereicht werden,
- die sich auf Maßnahmen beziehen, die bereits abgeschlossen sind,
- die eindeutig in die Zuständigkeit eines anderen deutschen katholischen Hilfswerkes fallen,
- die keinen Bezug zu Lateinamerika aufweisen,
- für die bei Vorprojekten bereits Entscheidungen getroffen wurden,
- für Anliegen, die aufgrund eines Grundsatzbeschlusses der Unterkommission für Kontakte zu Lateinamerika (insbesondere Adveniat) nicht gefördert werden.
2.3 Adveniat bevorzugt Anträge, die ein geplantes und nachhaltiges pastorales Handeln erkennen lassen, das die „Zeichen der Zeit“ aufgreift und in Treue zum Zweiten Vatikanischen Konzil sowie den Beschlüssen der Generalversammlungen der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik steht.
Adveniat ist Ausdruck der Solidarität mit der Kirche und den Menschen in Lateinamerika. Demgemäß fördert Adveniat den Aufbau einer solidarischen Kirche.
Richtlinien:
3.1 Adveniat zeigt Solidarität,
- indem Adveniat wohlwollend auf die Anträge zugeht und sich dabei der eigenen finanziellen und personellen Grenzen bewusst ist; Solidarität und Gerechtigkeit zeigen sich auch in der Art und Weise, wie in der Projektbearbeitung mit diesen Grenzen umgegangen wird,
- indem Vorhaben gefördert werden, die in konzeptioneller und finanzieller Hin-sicht der Armenorientierung entsprechen,
- durch möglichst unbürokratisches Vorgehen; in der Partnerkorrespondenz werden vornehmlich für die Projektbearbeitung notwendige Informationen erbeten,
- durch zügige Bearbeitung der Anträge,
- in der Haltung, mit der wir unseren Partnern begegnen, etwa durch Offenheit, Wohlwollen und Gastfreundschaft,
- indem Adveniat in der deutschen Öffentlichkeit einzelne Projekte vorstellt und dadurch deren Träger unterstützt.
3.2 Adveniat erwartet vom Projektpartner folgende Handlungen der Solidarität:
- Transparenz in der Projektkommunikation, damit Adveniat den Spenderinnen und Spendern gegenüber angemessen Rechenschaft ablegen kann,
- Projektanträge, die sich auf das für den Projektpartner Notwendige konzentrieren,
- personelle, finanzielle und ideelle Unterstützung innerhalb der und unter den Pfarreien, Diözesen, Bischofskonferenzen, Laieninitiativen, Kongregationen,
- die Bereitschaft, Adveniats Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen.
3.3 Die Bemessung einer Projektförderung nimmt auf die spezifischen örtlichen Gegebenheiten Rücksicht.
Adveniat hilft dort, wo die Möglichkeiten der Ortskirche zur Finanzierung und Durchführung ihrer Vorhaben nicht ausreichen.
Richtlinien:
4.1 Voraussetzung für eine Unterstützung ist der Nachweis, dass sich die Ortskirche selbst für die Finanzierung und Durchführung des Vorhabens engagiert, ihre Mittel für die Realisierung des Vorhabens jedoch nicht ausreichen. Die Eigenleistung kann auch durch einen nicht monetären Beitrag erbracht werden. In Aussicht
gestellte Zusagen Dritter werden berücksichtigt.
4.2 Die Beihilfe Adveniats muss eine sinnvolle Unterstützung für die Verwirklichung
eines Vorhabens oder zumindest wesentlicher Teile davon sein.
4.3 Projekthilfen von Adveniat dienen dazu, kirchliches Leben zu fördern. Dazu unterstützt Adveniat die Eigenständigkeit und Funktionsfähigkeit der Kirche in Lateinamerika im materiellen und personellen Bereich. Gleichzeitig achtet Adveniat darauf, dass keine zu starken Abhängigkeiten entstehen.
4.4 Angestrebt wird eine zunehmende Selbstfinanzierung der Kirche in Lateinamerika.
Die Hilfe von Adveniat dient dazu, dass die Kirche in Lateinamerika die vorrangige Option für die Armen leben kann, auf die sie sich selbst verpflichtet hat. Die Armen sind die Subjekte ihrer Entwicklung.
Richtlinien:
5.1 Bevorzugt gefördert werden Projekte, die den Armen zugute kommen, vornehmlich Frauen, Jugendlichen, der indigenen oder afroamerikanischen Bevölkerung.
5.2 Die Armen sind auf die Entfaltung ihrer Spiritualität und ihrer Fähigkeiten angewiesen. Deshalb werden pastorale Projekte, die Bildungsprozessen dienen, vorrangig berücksichtigt.
5.3 Adveniat fördert das Notwendige, nicht das Wünschenswerte. Die Angemessenheit der Maßnahme sowie die Bedürftigkeit derer, denen die Hilfe letztlich zugute kommt, sind im Antrag nachvollziehbar darzustellen.
Adveniat und die Projektpartner beteiligen diejenigen, denen die Projekte zugute kommen, also die Zielgruppen, bei der Planung, Durchführung und Auswertung der Projekte. Sie sollen die Eigner der Projekte sein.
Richtlinien:
6.1 Die Zielgruppen sollen bei der Planung, Durchführung und Berichterstattung einbezogen werden.
6.2 Diese Beteiligung kann z. B. dadurch deutlich werden, dass den Projektanträgen Begleitschreiben der pfarrlichen und diözesanen Gremien beiliegen und/oder der Abrechnung eines Projektes Aussagen derjenigen hinzugefügt werden, denen das Projekt zugute gekommen ist bzw. kommt.
Die Partner entscheiden, welche Projekte sie Adveniat vorlegen. Adveniat entwickelt keine eigenen Projekte.
Richtlinien:
7.1 Adveniat greift die Anliegen der Partner auf. Die Projektpartner müssen ihre Anträge schriftlich stellen.
7.2 Adveniat prüft die Projektanträge, vereinbart im Dialog verbindlich mit den Partnern die Konditionen der Projektförderung und sorgt für die Einhaltung der Absprachen.
7.3 Adveniat berät die Partner in der Planung und Durchführung von Projekten.
7.4 Adveniat pflegt einen Partnerdialog über langfristige Ziele und Kriterien der
Zusammenarbeit.
Adveniat sorgt für die Transparenz in Darstellung, Durchführung und Abrechnung der Projekte und im Umgang mit den Projektmitteln.
Richtlinien:
8.1 Die Vollständigkeit der erforderlichen Unterlagen ist Voraussetzung für die Projektförderung.
8.2 Adveniat informiert die Partner frühzeitig über die Notwendigkeit von Transparenz in der Projektabwicklung und verpflichtet sie auf eine transparente Verwendung der Gelder.
8.3 Die Projektpartner erstellen für jedes Projekt einen Abschlussbericht.
8.4 Nachvollziehbarkeit, Überprüfbarkeit und die korrekte Verwendung der Mittel seitens des Projektpartners bei der Abrechnung früherer Projekte sind Voraussetzung für die Förderung neuer Projekte desselben Partners.
8.5 Wenn Projektpartner einer Diözese oder Kongregation trotz mehrfacher Aufforderung Beihilfen nicht abrechnen, kann Adveniat die Förderung für die Jurisdiktion oder die Kongregation bzw. den Orden einstellen.
Die Arbeit von Adveniat ist komplementär zu der Arbeit der anderen katholischen Hilfswerke in Deutschland. Adveniat stimmt sich mit den anderen Akteuren der weltkirchlichen Solidarität ab.
Richtlinien:
9.1 Adveniat stimmt sich in der konkreten Projektarbeit mit anderen Trägern weltkirchlichen Engagements ab.
9.2 Adveniat arbeitet an der Umsetzung der Aufträge und Empfehlungen mit, die sich aus dem von der deutschen Bischofskonferenz initiierten Projekt „Zur Zukunft der weltkirchlichen Arbeit in Deutschland“ ergeben.
Adveniat begleitet und prüft die Projekte professionell. Professionalität umfasst fachliche Aspekte sowie den Dialog mit den Partnern.
Richtlinien:
10.1 Adveniat evaluiert die Projektarbeit und prüft die Wirksamkeit der Projektförderung.
10.2 Die Professionalität der Projektbearbeitung bei Adveniat zeigt sich
- in der Fach- und Landeskenntnis derer, die die Projektanträge bearbeiten,
- in ihrer Fähigkeit zum interkulturellen und zielführenden Dialog,
- in der sachgemäßen Organisation der Arbeitsabläufe in der Geschäftsstelle.
Die Spenden an Adveniat helfen direkt - ohne Umwege erreichen sie die Menschen vor Ort.