Fragen an die Purisima
Montag, 18. Januar 2010
Die Inmaculada Concepcion ist Patronin von Nicaragua. Auf der Mondsichel stehend, grüßt die Hocherhobene in unübersehbarer Größe von einem der Hauptplätze Managuas. Viele Kirchen sind ihr geweiht, selbst einer der Vulkane in Nicaragua trägt ihren Namen. Von den Franziskanern nach Lateinamerika gebracht, genießt die Purisima seit Jahrhunderten höchste Verehrung, lange bevor 1854 ihr Dogma verkündet worden ist. Vom Volk wird sie zärtlich Conchita genannt, sei es, weil sie in barocker Manier vor einer geöffneten Muschel dargestellt ist, sei es, weil die Mädchen mit dem
Namen Concepcion Conchita gerufen werden. Die Feierlichkeiten zum Festtag der Purisima am 8. Dezember beginnen in Granada schon am 27. November. Dann wird die prächtige Statue vom Hochaltar heruntergeholt und in tagelangen Prozessionen durch die Straßen dieser schönen Kolonialstadt getragen - vorausgesetzt, der Bischof ist da. “Si el Obispo no esta, la Virgen no baja!”.
Unserem Gastgeber, Bischof Bernardo Hombach, dem langjährigen und geschätzten Partner von Adveniat, gefällt das nicht ganz: sechs Marienstatuen in seiner Kathedrale und nur eine bedeutsame von Christus. Da ist etwas nicht richtig. Der Marienkult habe sich in Nicaragua verselbstständigt, sagt Bischof Hombach lächelnd mit seinem feinen Humor. Seit 47 Jahren lebt er in Lateinamerika sehr nahe am Herzen der Menschen. Er weiß, wie wichtig für viele die Zuflucht zu Maria ist, für die Frauen, die in der Mehrzahl ihre Kinder allein und unter schwierigsten Bedingungen aufziehen müssen und für die vielen Menschen, die nie ein zuhause hatten. Doch könnte es nicht sein, dass die Verehrung der Inmaculada mit neuen Inhalten gefüllt werden muss? Nicht als die Purisima, die in unerreichbarer Ueberhöhung von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt ist, sondern als der Mensch des Ursprungs, wie in Gott erschaffen und gemeint hat?
Text: Ursula Bernauer
