“Wie fröhlich ist Waslala jetzt”
Montag, 04. Januar 2010Der Name Waslala hat einen besonderen Klang. In der indigenen Sprache der Misquitos bedeutet er “Silberfluss”. Und der zieht sich wie ein unsichtbares Band durch die Erzählungen von Junio, der uns am letzten Tag des Jahres im Pick-Up durch die wellige, tropisch-grüne Berglandschaft von Managua nach Waslala bringt (236 km).
Junio, ein ca. vierzigjähriger Brasilianer ist seit einigen Jahren in der Pfarrei Maria Inmaculada von Waslala führend tätig. Für ihn wie für die anderen Mitglieder der Pastoral-Equipe ist Waslala zum zentralen Lebensort
geworden, mehr noch, Waslala gilt ihnen als der eigentliche Mittel- und Anziehungspunkt Nicaraguas. Hier komme alles zusammen, was in einer menschen-nahen Pastoral zusammengehört: Die Arbeit mit den vielen Kindern und Jugendlichen (samt ihrer fantastischen Musik-Band), Reflexion zu Bibel und Lebenswirklichkeit, Gesundheitsprogramme und Förderung der Kleinbauern, bis hin zu einer “Pastoral del agua” - alles fließe hier, wir würden es bald selbst erleben.
Waslala ist in Nicaragua die meist umkämpfte Region gewesen im Krieg zwischen der Frente Sandinista und den Contras mit allen verheerden Folgen von Gewalt, Korruption und Festschreibung der extremen Armut. Unterwegs begegnen uns auf der abschüssig - steilen Strasse zwischen Matagalpa und Waslala die in Staubwolken gehüllten schwankenden Lastwagen, bis oben hin besetzt mit Menschen, darunter viele Kinder. Sie sind auf dem Weg zum Einsatz in den Kaffeeplantagen. Was die Kaffeepflücker des guten und international prämierten Kaffees aus Nicaragua verdienen, reicht weder zum Leben noch zum Sterben: ca. ein Euro für einen Eimer gepflückte Kaffeebohnen auf meist unwegsamen Gelände.
Wie war es möglich, dass Ernesto Cardenal in seinem “Canto Cosmico” 1989 so euphorisch von Waslala sprechen konnte? “Wie fröhlich fließt der Fluss jetzt durch Waslala, die Kaffeeernte wird gut in diesem Jahr, wie fröhlich ist Waslala jetzt”. Die Realität ist nämlich die, dass heute, dreißig Jahre später die meisten Dörfer des Munizips Waslala noch immer nicht angeschlossen sind an Strom und Trinkwasser, dass die Ausbeutung weiter geht…
Und dennoch: Waslala lebt. Spannend ist, wie im Roman “Waslala” von Gioconda Belli dieser Ort noch Jahre später erscheint als “eine Legende, ein Anhaltspunkt, eine Hoffnung”. “Wie ein Traum vermochte Waslala die Wünsche und Erwartungen derjenigen zu moblisieren, die eine gemeinsame, bessere Zukunft wollten. Da verstanden wir, dass die Phantasie genauso viel wert war wie die Wirklichkeit.” (S. 425) Diese Vision Bellis ist in der Tat nicht weit entfernt von der Begeisterung, die Junio uns auf dem Weg dorthin überzeugend vermittelt hat. Wer nach Waslala kommt, so sagt er, kehrt immer wieder zurück oder er bleibt gleich da. So hat er es erlebt wie einige seiner Kolleginnen und Kollegen im Pastoralteam, die, aus Brasilien, Italien, Kanada und den USA kommend, hiergeblieben sind, eine Familie gegründet haben und zusammen mit den Nicas in Waslala kontinuierlich die Option für die Armen leben.
Als wir am Silvesterabend in Waslala ankommen, steht der Vollmond am Himmel. Junio sorgt nach dieser eindrucksvollen Tagesfahrt noch für den Asado im Rauchfang. Das gemeinsame Silvesteressen im Pfarrhaus wird ein Fest.
Im Übergang zum neuen Jahr sagt einer der Delegados de la Palabra: “In der biblischen Botschaft befinden wir uns auf den Spuren zur Befreiung, erreicht haben wir sie noch nicht. Aber sie bestimmen mein Leben und das von Waslala.”
Text: Ursula Bernauer