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Chile - Lasst uns nicht gleichgültig sein

Dienstag, 13. April 2010

betroffenheit-und-engagement-in-bolivien_1„No quédemos indiferentes”, was soviel bedeutet wie “Lasst uns nicht gleichgültig bleiben”, ist das Motto einer Werbung, die auch noch nach mehr als sechs Wochen nach dem Erbeben Chile fast stündlich im bolivianischen Fernsehen zu sehen ist und die weiterhin zu Spenden auffordert. Während in Deutschland die Erdbeben in Haiti und Chile schon langsam in Vergessenheit geraten und aus der Medienlandschaft verschwinden, ist dies immer noch Thema in  Fernsehen, Radio und Zeitung. Oft sind es freiwillige Helfer die in etlichen Fernsehsendungen über ihre Erfahrungen in Haiti und Chile berichten und von den katastrophalen Bedingungen in den Erbebengebieten erzählen.

betroffenheit-und-engagement-in-bolivien_2Es ist unglaublich, wie sehr die Betroffenheit der Bolivianer direkt nach dem Erdbeben vom 27. Februar zu spüren war, und das trotz der historisch stark belasteten Beziehung der beiden Andenländer. Viele der Menschen hier haben Verwandte in Chile, die aufgrund einer besseren ökonomischen Perspektive dorthin ausgewandert sind, und daher einen direkten persönlichen Bezug dorthin haben. Doch auch die Solidarität gegenüber den Menschen in Haiti ist ungebrochen und es wird weiterhin über die Zustände auf der Karibikinsel berichtet.

„Auch wenn wir ein nicht so reiches Land sind, wollen wir unseren Teil geben, um den Chilenen zu helfen”, erzählt mir der Leiter des Jugendsymphonieorchesters Santa Cruz, nach einem Benefizkonzert. Ca. 200 Menschen sind gekommen, um sich das Konzert anzuhören und somit den Wiederaufbau eines Altenheims im Süden von Santiago de Chile mit Spenden zu unterstützen. Nach dem Konzert erzählt der chilenische Botschafter in Bolivien von den verheerenden Folgen des Erdbebens und der problematischen Situation im Süden Chiles, die viele Menschen in Not und Armut getrieben hat. Sichtlich berührt bedankt er sich bei den Musikern und Besuchern des Konzerts für die Spenden und freut sich darüber, dass so viele Menschen in Bolivien an der Katastrophe Anteil nehmen und ihrem Mitgefühl Ausdruck verleihen.

Text + Fotos: Dominik Pieper

Hilfe nicht nur in der Hauptstadt nötig

Freitag, 19. Februar 2010

Die beiden Jesuiten P. Regino und P. David haben mir gestern erzählt, wie sie zwei Tage nach dem Erdbeben mit Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten nach Haiti gefahren sind. Sie waren nicht nur in Port-au-Prince und Umgebung, sondern auch in den  Departements des Nordens, wo sie mit den Bischöfen von Gonaives, Cap Haitien und Fort Liberté darüber sprachen, welche Hilfe für die Flüchtlinge am Notwendigsten ist und wie die Güter am Besten verteilt werden. (Fort Liberté veröffentlichte übrigens nur wenige Tage nach dem Erdbeben einen strukturierten Aktionsplan). Derzeit konzentriert Solidaridad Fronteriza seine Hilfe vor allem auf den Norden. „Unsere Region ist die, die am weitesten von der Hauptstadt entfernt liegt und von jeher vernachlässigt wurde,“ sagt Schwester Nidia aus Ouanaminthe. Sie arbeitet eng mit den dominikanischen Kollegen zusammen.

„Haiti ist nicht im Krieg!“

Den kirchlichen Mitarbeitern war gleich klar, dass die Verteilung der Hilfsgüter überall im Land mit den Menschen vor Ort vonstatten gehen muss – sie wurden und werden bis heute mit eingebunden. „Das geht dann Hand in Hand“. David lacht, wenn er an die Vorgehensweise der Amerikaner denkt: „wie die mit ihren Hubschraubern und in Tarnanzügen das Land überflogen haben und die Päckchen abgeworfen haben! Denken die, es gäbe hier überall Bin Ladens?“

Doch nicht nur an der eigenartigen „Verteilung“ der Hilfsgüter seitens der USA üben sie Kritik, sondern vor allem an der massiven Militärpräsenz, die aufgefahren wurde. „Haiti ist doch nicht im Krieg“, sagen Regino, David und ihr haitianischer Mitbruder Monestime. „Wir brauchen keine militärische „Hilfe“, sondern technische.“

Das Zauberwort: Dezentralisierung

Bevor ich in die dominkanisch-haitianische Grenzregion bei Dajabón und Ouanaminthe fuhr, dachte ich, dass es auch hier wie in Jimaní Hilfstransporte ohne Ende gäbe, dass auch hier die Grenze voller Helfer aus aller Welt sei. Weit gefehlt. In Ouanaminthe sieht man so gut wie keine internationale Hilfsorganisationen, die Hilfe wird unter Haitianern organisiert. „Die ausländische Hilfe konzentriert sich vor allem auf die Hauptstadt und ihre Umgebung“, sagt Regino. Dabei bräuchte das ganze Land Hilfe, vor allem weil schätzungsweise bisher mindestens 100.000 Menschen die Hauptstadt verlassen haben.

Wie die meisten Menschen, mit denen wir während der Reise über das Erdbeben und seine Folgen gesprochen haben, hofft Regino, dass Haiti dezentralisiert wird, dass die anderen Regionen des Landes entwickelt und gestärkt werden – auch politisch. Die Ministerien könnten etwa auf die verschiedenen Städte verteilt werden. Da das Land klein ist, gäbe es keine Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit und gemeinsame Treffen. Für Monestime muss die Dezentralisierung auch unbedingt unter Einbindung der Zivilgesellschaft eingehen.

Verwirrende Natur

Donnerstag, 18. Februar 2010

Es hat wieder die ganze Nacht geregnet. Normalerweise sei Februar kein Monat, in dem es so viel regnet, sagen die Schwestern, „doch alles ist durcheinander mit der Natur, es gibt keine Regeln mehr.“ Es ist ein kräftiger, unnachgiebiger, tropischer Regen. Frage mich, wieviele Hütten völlig durchnässt sein müssen.

Beerdigungen

Ich musste nochmals an die zwei Beerdigungen denken, die wir in Ounaminthe gesehen haben. Lange Beerdigung in OuanamintheProzessionen von Angehörigen, Freunde und Nachbarn, alle elegant gekleidet. Männer in dunklen Anzügen tragen den Sarg, es wird viel gesungen, auch eine Blaskapelle ist manchmal dabei. Bei der Beerdigung der Mutter einer Lehrerin waren alle Schulklassen und die gesamte Lehrerschaft anwesend. Die Leute scheuen keine Mühe, um die Toten angemessen zu verabschieden. Wie schlimm muss es für die Menschen in Port-au-Prince sein, die ihre Angehörigen nicht begraben konnten!

Die Frau unterm Mangobaum

Denis Joseph (mit grünem Top) aus Port-au-Prince mit ihrer Gastfamilie Auch eine Frau will mir nicht aus dem Kopf. Denis Joseph, 31 Jahre. Sie hat ihren Mann und ihre beiden Jungen beim Erdbeben verloren. Sie ist nach Ouanaminthe gekommen, weil ihre Tante in Cap Haitien wohnt. Doch sie hat nicht die Kraft weiterzureisen. Den ganzen Tag sitzt sie auf einem kleinen gelben Stuhl unter einem niedrigen schattenspendenden Mangobaum bei den Leuten, bei denen sie untergebracht ist, und schaut ins Leere. Ihre Gastgeber bringen ihr zu essen, versuchen mit ihr zu sprechen. Doch Denis antwortet kaum. Sie sitzt und schweigt. Die Trauer lähmt sie.

Die Hilfe aus dem Nachbarland

Wir haben Padre Regino Martínez getroffen. Er ist Leiter der Menschenrechtsorganisation „Solidaridad Padre Regino Martínez aus DajabónFronteriza“ und einer der Menschen, die trotz vieler Kritik, die manchmal ihn mir für die Institution Kirche gärt, mich mit ihr versöhnt. (Ein kleines Porträt über den außergewöhnlichen Mann findet sich im Reportageheft Kontinent der Hoffnung – Haiti, das 2009 erschienen ist: „Padre Reginos radikale Option für die Armen.“). Regino und seine Mitearbeiter und ehrenamtliche Unterstützer arbeiten seit Jahren schon für einen besseren Schutz haitianischer Migranten in der Dominikanischen Republik und prangern Menschenrechtsverletzungen an der Grenze an. Und Padre Regino hat sich nie gescheut, den Rassismus und die populistische Migrationspolitik seines Landes zu kritisieren.

Umso glücklicher und voll des Lobes für sein Land ist er seit dem Erdbeben. Die spontane Hilfsbereitschaft und Solidarität der Dominikaner für die Haitianer ist enorm gewesen – und auf allen Ebenen: Bevölkerung, Regierung, Kirche – alle haben schnell, koordiniert und großzügig geholfen. „Das zeigt, dass der anti-haitianische Diskurs und der Rassismus in der Dominikanischen Republik keine tiefen Wurzeln haben, sondern ideologischer, konzeptueller Natur ist“, sagt P. Regino. Selbst nationalistische Politiker hätten nachdrücklich zur Solidarität aufgerufen. Mittlerweile sei die große Welle spontaner, großzügiger Hilfe etwas abgeklungen und habe einer pragmatischeren, rationaleren Vorgehensweise Platz gemacht. Doch die Begeisterung bleibt: im Moment der höchsten Not bei den Nachbarn sind alle Vorbehalte, Vorurteile, Kritik und Abwehr gegenüber den Haitianern vergessen.

Vorletzter Tag

Morgen abend geht es zurück nach Deutschland. Es ist immer das Gleiche: vor der Reise plagen mich lauter Ängste (und ich jammere meinen armen Kollegen die Ohren voll), doch kaum steige ich am Zielort aus dem Flugzeug, ist es damit vorbei und die Zeit vergeht sehr schnell. Das hat mit den vielen neuen Eindrücken und Informationen zu tun, aber vor allem auch mit der enormen Gastfreundschaft, Herzlichkeit und dem Engagement unserer Projekt- und Gesprächspartner. Immer wieder bin ich äußerst beeindruckt von diesen Menschen, die beharrlich und mutig – jede und jeder auf seine Weise und oft unter widrigen Umständen - für bessere Lebensbedingungen kämpfen. Wir können viel von ihnen lernen.

Text: Verena Hanf

Fotos: Jürgen Escher

In Kuba ausgebildet, in Léogâne und Jacmel im Einsatz

Donnerstag, 18. Februar 2010

Heute hatten wir ein Gespräch mit einer Dominikanerin, die in Kuba Medizin studiert hat und mit fünf weiteren in der Woche nach dem Erdbeben nach Léogâne und Jacmel gereist ist. Derzeit ist sie zur kurzen Erholung in ihrer Heimatstadt Dajabón – ihre Mutter arbeitet für Radio Marién, einem von Adveniat geförderten kirchlichen Sender, der unablässig über Haiti berichtet, zur Solidarität aufruft und auch eine kreolische Sendung für die Haitianer hat.

Elbania Ventura ist 27 Jahre alt, eine große, hübsche Frau, die schnell redet und völlig durchdrungen ist von dem, was sie tut: anderen helfen, eine gute Ärztin sein. In Kuba hat sie studiert, weil ihre früh verwitwete Mutter keine Mittel hatte, ihr ein Studium in der Dominikanischen Republik zu finanzieren. Kuba bietet Studenten aus Lateinamerika und der Karibik kostenlose Medizinstudien, nur die Reise müssen sie selbst bezahlen. Kein Wunder, dass Elbania sich Kuba eng verbunden fühlt: „Dort werden wir zu Ärzten ausgebildet, die als allererstes Menschen helfen wollen – und nicht an die eigene Bereicherung denken.“ Bei Elbania gibt es keinen Zweifel, dass die Ausbildung gefruchtet hat.

Einen Tag nach dem Erdbeben rief eine Freundin bei ihr an, vier Tage später reiste sie mit fünf Ärzten, Medikamenten, Zelten und Lebensmittel über die Grenze nach Haiti. Sie blieb eine Woche, arbeitete gemeinsam mit Haitianern und Spaniern, kam zur Erholung eine Woche zurück und reiste dann wieder nach Legoâne. „In der ersten Woche waren die Menschen wie Zombies“, erzählt sie, „unter Schock, ganz starr“. Am Tag behandelte sie 50 Patienten. “Das war sehr schwierig, vor allem bei der Hitze und dem Staub die Konzentration zu bewahren.” In der zweiten Woche vor Ort war ein Aufbruch bemerkbar: „Die Menschen stehen auf, versuchen sich zu organisieren, ein neues Leben aufzubauen.“ Sie habe großen Respekt davor, wie diszipliniert, wie würdig, wie solidarisch die Haitianer seien. Doch der Bedarf an psychologischer Betreuung sei enorm: „Es gibt natürlich sehr sehr viele Verletzte, körperlich verletzte, die schnell behandelt werden müssen.
Doch es gibt auch sehr sehr viele Menschen, die psychologisch betreut werden müssen, die reden müssen, wir müssen zuhören.“

Text: Verena Hanf

Visuelle Information nur für die Ferne

Mittwoch, 17. Februar 2010

Während in Europa in den zehn Tagen nach dem Beben in Haiti unsere Medien voller Berichte, Bilder und Filme aus Port-au-Prince waren, haben die allermeisten Menschen in Ouanaminthe nur nach und nach mündlich davon erfahren. Zum einen waren die meisten Redaktionen in Port-au-Prince zerstört. Zum anderen gibt es hier in Ouanaminthe wie auch in vielen anderen ländlichen Gegenden Elektrizität nur für eine Minderheit - über Generatoren. Auch das ist eine Facette von Reichtum: Zugang zur schnellen Information. Arme sind davon ausgeschlossen. Eine Schwester kommentiert den Mangel an visueller Informationen aus Port-au-Prince sehr pragmatisch: „es ist vielleicht besser, die Bilder nicht zu sehen.“ Von schneller und unbürokratischer Hilfe hat es die Menschen in Ouanaminthe und auch in anderen Gegenden des Nordens nicht abgehalten. Und die Hilfe hat einen langen Atem. Schätzungsweise 10.000 Menschen sind bisher aus Port-au-Prince nach Ouanaminthe gekommen. Jeden Tag reisen weitere an.

Ungleiche Genzstädte

Straßenszene in OuanamintheOuanaminthe auf haitianischer Seite und Dajabón auf dominikanischer Seite sind nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Doch die Unterschiede zwischen den beiden Städten sind immer noch augenfällig. Dajabón hat geteerte Straßen, Geschäfte, Hotels und Restaurants. Autos und Motorräder röhren durch die Straßen. Die Menschen sind überwiegend gut gekleidet und gut ernährt – trotzdem könnte man Dajabón nicht mit einer westeuropäischen Kleinstadt vergleichen). Nicht so in Ouanaminthe. Auch wenn sich Ouanaminthe in den vergangenen Jahren weiterentwickelt hat, bleibt die schnell gewachsene Stadt von Armut geprägt: Die meisten Wohnhäuser sind eher Hütten – bestehend aus ein oder zwei Zimmer, Holz- oder Steinmauern und Wellblechdächern. Gekocht wird vor oder neben dem Häuschen, das Wasser holt man sich an Brunnen. Fast alle Straßen sind ungeteert – jetzt, nach 24 Stunden heftigen Regens voller großer Pfützen, in denen Papiere und leere Plastikflaschen schwimmen. In einer Neben“straße“ sucht eine Sau mit ihren fünf Ferkeln nach Essbarem, etwas weiter drückt sich eine Ziege an eine Hauswand. Geschäfte gibt es kaum, dafür umso mehr Straßenhändler. Manche haben nur ein oder zwei Waren im Angebot – etwa geschälte Orangen. Überall sieht man Kinder, eines hübscher als das andere, aber die meisten von ihnen zu dünn und in Lumpen gekleidet. Einige sind sogar gänzlich unbekleidet – und wirken dadurch so entsetzlich verletzlich.

100 Dollar für ein SchuljahrSchulkinder in Ouanaminthe

Doch morgens sieht man auch viele, die in adretter Schuluniform, die Mädchen mit Schleifchen im Haar, fröhlich zur Schule gehen. „Nichts ist vielen Eltern wichtiger als der Schulbesuch. Morgens fasten manche, damit ihre Kinder etwas zu essen bekommen,“ sagt Schuldirektorin Marie-Daniel Rameau. Doch Schule ist teuer. Als Rameau im vergangenen Jahr die Schulkosten um 200 Gourdes erhöhen musste, kamen 48 der mehr als 500 eingeschriebenen Kinder nicht mehr zur Schule.

Nach Auskunft der Schwestern von Saint Jean, die sich um die Unterbringung von rund 1000 Schulkinder aus Port-au-Prince in den örtlichen Schulen kümmern, belaufen sich die Schulkosten (Einschreibung, Hefte, Bücher)  pro Jahr und pro Kind  auf etwa 100 Dollar. Viel Geld in einem Land, in dem die Mehrheit mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen müssen. Und unbezahlbar für Menschen, die beim Erdbeben alles verloren haben.

Text: Verena Hanf

Fotos: Jürgen Escher

Angst vor Mauern

Dienstag, 16. Februar 2010

Heute erzählen uns zehn- bis zwölfjährige Mädchen, die vor zwei oder drei Wochen aus Port-au-Prince hierhergekommen sind, wie sie das Erdbeben erlebt haben. Und wie tief die Angst vor weiteren Beben ihnen in den Knochen steckt. Die zwölfjährige Sabine-Carla etwa würde am liebsten beim geringsten Geräusch losrennen. Anfangs wollte sie in kein Gebäude mehr rein, nur darußen sein. Wenn sie im Klassenraum sitzt, begutachtet sie die Wände, hält Ausschau nach Rissen und malt sich Fluchtwege aus. Nach Port-au-Prince will sie auf keinen Fall zurück. Die anderen Mädchen nicken zustimmend. Bloß nicht zurück nach Port-au-Prince. Doch eines hasst Sabine-Carla: „je déteste qu’on m’appelle une sinistrée“ - sie will nicht als Erdbebenopfer bezeichnet werden. Anfangs, als sie nach Ouanaminthe kam, wehrte sie auch jede Frage nach ihren Erlebnissen ab. Sie wie auch die anderen Mädchen möchten normale Schulmädchen sein – bei den Salesianerinnen scheinen sie gut aufgehoben. Neue Freundinnen haben sie auch schon gefunden. Es kommt fast Begeisterung auf, als zwei der Mädchen feststellen, dass sie in Port-au-Prince auf der gleichen Schule waren. Namen werden ausgetauscht, Neuigkeiten abgefragt. Nur ein Mädchen will nichts sagen. Mit verschlossenem, unbeweglichen Gesicht sitzt sie in ihrem blauen Schulkleid auf dem Stuhl. Stumm. „Viele, vor allem die größeren Kinder sind traumatisiert“, sagt die Schulleiterin Schwester Marie-Daniel. „Wir versuchen ihnen so gut wie möglich zur Seite zu stehen.“

In Cap-Haitien, eine Fahrstunde von Ouanaminthe, ist gestern eine Schule zusammengebrochen. Vier Kinder starben. Deshalb blieben einige Schulen in Ouanaminthe heute geschlossen. Auch hier war das Beben vom 12. Januar deutlich zu spüren, wer weiß, welche Auswirkungen es auf die Gebäude hatte. Die Angst vor weiteren Beben ist überall präsent. Zurück in meinem Zimmer bei den höchst gastfreundlichen Salesianerinnen, schaue ich prüfend über die Wände. Würden sie einem Beben standhalten? Sind sie solide? Abends hört es nicht auf zu regnen. Prasselnder dichter Regen. Muss an die rührende Vorkehrung der Schwestern denken: aus Angst vor einem Tsunamie haben sie eine Zehn-Liter-Trinkwasserflasche und eine Kiste Kekse auf die Dachtreppe deponiert. Ein Schlafsack ist auch griffbereit. Nur das Meer ist entfernt.

Verena Hanf

Kontrastprogramm

Montag, 15. Februar 2010

Nach Einsicht in die Luxuswelt der Playa Dorada am Montag ist der „Kontrast-Schock“ besonders groß, als wir in die haitianische Grenzstadt Ouanaminthe kommen (übrigens mit Gepäckstücken auf dem Sozius eines Moto-Taxis …durch das Marktgewimmel auf einer Schlammpiste… auch eine interessante Fortbewegungserfahrung…ich war sehr „entspannt“). Wir fahren direkt zu den Schwestern von Saint Jean – DIE Anlaufstelle für Hilfsbedürftige in der Stadt. Im Hinterhof des Hauses mit den blauen Fensterläden sitzen und stehen viele Menschen, Kinder spielen, Jugendliche verharren still und unbeweglich auf Stühlen. Männer unterhalten sich leise auf einer Holzbank. Die vier Schwestern und eine Praktikantin aus Spanien sind voller Elan, reden mit den einen, mit den anderen, telefonieren, erklären, beruhigen.

Aufnahme der Flüchtlinge aus Port-au-Prince

Die meisten Hinterhofgäste sind Menschen, die wegen des Erdbebens aus Port-au-Prince nach Ouanaminthe geflohen sind. Da ist zum Beispiel eine hochschwangere Mutter, Louie, die mit drei eigenen Kindern und fünf nach dem Beben aufgelesenen, orientierungslosen Kindern, die ihre Eltern verloren haben, vor zwei Wochen hierhergekommen ist. Oder eine sechzehnköpfige Familie (ohne Eltern – nur Kinder, Jugendliche, ein Großvater und eine Tante), die einen Schlepper bezahlten, um in die Dominikanische Republik zu kommen. An der Grenze wurden sie festgenommen – keiner von ihnen hat gültige Papiere. Sie müssen wieder zurück nach Port-au-Prince, doch vorerst sind sie bei den Schwestern untergebracht.

Louie (mit Strohhut) mit ihren KindernFür Louie, die Mutter mit den acht Kindern haben die Schwestern und ihre zahlreichen freiwilligen Helfer Lebensmittel und Kleidung besorgt und eine Schule gefunden, in die die Kinder gehen können. Eine Unterkunft hat sie selbst ausfindig gemacht: noch schläft sie in dem Einzimmerhüttchen auf den nackten Erdboden – die Kinder um sie herum. Die Schwestern wollen ihr ein Bett besorgen. Im Juni wird Louies Baby geboren. Ein Bett ist ihr größter Wunsch. Die Frau ist rund und stark – sie lacht schnell, weist genauso rasch die Kinderschar zurecht und liebkost unablässig ihr jüngstes Kind, das sofort protestiert, wenn sie es loslässt.

Die Flüchtlinge kommen mit leeren Händen. Wenn sie hier keine Familie haben, brauchen sie alles. Die Schwestern haben zusammen mit Partnerorganisationen wie „Solidaridad Fronteriza“ (Jesuitenflüchtlingsorganisation in Dajabón) vier Kommissionen gebildet, die sich um die Erdbebenopfer kümmern: Gesundheit (darunter fällt auch psychologische/seelsorgerliche Betreuung), Familienzusammenführung, Erziehung und Kommunikation. Doch nicht nur die Schwestern sind für die „déplacés“ aus Port-au-Prince aktiv. Viele viele Menschen in Ouanaminthe haben ihr Haus geöffnet und beherbergen teilweise ganze Familien. So hat etwa Marie-Mercie St.Ange, Lehrerin an der Schule der Salesianerinnen, eine sechsköpfige Familie aufgenommen, sie hat selbst drei eigene Kinder. „Wir müssen zusammenhalten und kommen ganz gut miteinander aus“, sagt sie. Schwierig sei es vor allem mit den Lebensmitteln – es reiche hinten und vorne nicht.

Verena Hanf

„Wir wünschen ihnen einen erholsamen Urlaub“

Freitag, 12. Februar 2010

Das Flugzeug von Frankfurt nach Puerto Plata ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Mehrheit der Reisenden sind Deutsche, es gibt eine Handvoll Dominikanerinnen mit Kindern und einige Dänen. Viele Paare sind unterwegs, jüngere knutschende, ältere, sich zurechtweisende. Familien sind rar, dafür gibt es verhältnismäßig viele alleinstehende Männer. Sie sind nicht mehr die Jüngsten, tragen Schnauzbart und Bierbauch, blättern in Sport-Bild und im Werbemagazin der Fluglinie. Meistens aber schauen sie schweigend ins Leere. Einer liest gute drei Stunden in einem bunten Heftchen, auf dem ein nahezu unbekleideter junger Mann abgebildet ist. Reiseführer oder Bücher sieht man in keiner Hand, dafür Pferdezeitungen, Frauenzeitschriften und Reisekataloge. Die Stimmung ist eindeutig auf Urlaub ausgerichtet, aber es herrscht keine Ballermann-Atmosphäre, trotz der wegen dreistündiger Verspätung kostenlos ausgeschenkten Gin-Tonics.

Neben mir sitzt ein ruhiger schmaler Mann, Mitte vierzig, höflich, freundlich. Er hört Musik, liest sich ab und zu spanische Vokabeln durch, trinkt kein Alkohol. Kurz vor Landung kommen wir ins Gespräch. Er arbeitet als Angestellter im Vertrieb, wollte der Kälte in Deutschland für paar Tage entfliehen und hat die Reise Last Minute, All Inklusive gebucht. Schon letztes Jahr war er in der Dominikanischen Republik, an Weihnachten. „Sonne, Meer, Entspannen“ - das ist sein Programm, vielleicht aber auch mal ein Ausflug aus der Hotelanlage ‘raus und da möchte er auch paar spanische Wörter sagen können. Er hat einen Kleidersack mit gebrauchter Kleidung mitgenommen („die freuen sich darüber“) und weiß „das wir ja schon großes Glück haben, überhaupt fliegen zu können und so einen Urlaub machen zu können.“ Ich kann mir nicht vorstellen, dass er von der Fraktion „weißer Tourist will junges dominikanisches Mädchen abschleppen“ ist. Wir sprechen auch kurz über das Erdbeben in Haiti. Er findet es gut, dass so viel gespendet wurde. Angst vor Beben im Nachbarland hat er keine und das Unglück war für ihn auch kein Grund nicht in die Dominikanische Republik zu fahren. „Das bringt den Haitianern ja auch nichts – und für die Dominikaner ist es auch nicht gut, wenn die Touristen ausbleiben.“ Das Argument ist nicht von der Hand zu weisen.

Kurz bevor wir aussteigen, wünscht der Kapitän allen einen wunderschönen und erholsamen Urlaub. Er kann sich nicht vorstellen, dass man aus anderen Gründen in die Dominikanische Republik fliegt.

Verena Hanf

„Haitianer müssen Akteure ihrer Zukunft sein!“

Dienstag, 19. Januar 2010

Die Haitianer selbst müssen die führende Rolle beim Wiederaufbau ihres Landes spielen. Wer sonst kennt die Verhältnisse im Land besser als die Menschen dort? Es kann nicht angehen, dass das Land noch tiefer in eine internationale (politische) Abhängigkeit gerät.

Ich habe den Eindruck, dass es derzeit in der Berichterstattung zwei Pole gibt: Die armen haitianischen Opfer und die guten Helfer aus den USA und Europa. Wir bei Adveniat erfahren jedoch aus zahlreichen Mails von Projektpartnern im ganzen Land, dass die Haitianer selbst längst zu Helfern geworden sind: Zahlreiche Pfarreien in den ländlichen Regionen haben Flüchtlinge aufgenommen und versuchen sie mit dem Notwendigsten zu versorgen. Pfarrer und Ordensleute sind in die Hauptstadt gefahren, um Menschen aus dem Chaos der Not herauszuholen; sie bieten ihnen jetzt Hilfe und Obdach an.

In einer Mail an Adveniat schrieb Pater Jan Hanssens aus Haiti, der im Advent 2009 als Adveniat-Aktionsgast in Deutschland war: „Die internationale Gemeinschaft muss sicherlich eine Rolle in der Frage der Sicherheit in Haiti nach der Katastrophe spielen, aber nicht in der der Frage, wem der Ruhm zusteht.”

Ich habe außerdem den Eindruck, dass derzeit kaum Haitianer zu Wort kommen, wenn es um den Wiederaufbau des Landes geht. Die Haitianer, um deren Heimatland es ja geht, werden in eine Randposition gedrängt. Dies spiegelt sich auch in der Berichterstattung über die Katastrophe: In den großen Fernsehsendungen sitzen die Haitianer am Katzentisch, spielen also nur eine Nebenrolle.

Die Haitianer selbst müssen Akteure ihrer Zukunft sein - in Zusammenarbeit mit der internationalen Gemeinschaft.

Ich freue mich sehr über die Entscheidung der Bischöfe, dass an diesem Wochenende in allen Gottesdiensten eine Sonderkollekte für Haiti abgehalten wird. Adveniat hat bereits 1,5 Millionen Euro Sondermittel den Wiederaufbau in Haiti bereitgestellt.

Die Hilfsbereitschaft für Haiti darf kein Strohfeuer sein. Ich bitte Sie: Vergessen Sie Haiti nicht!

Prälat Bernd Klaschka

Adveniat-Geschäftsführer

Tocopilla, ein Jahr nach dem Erdbeben

Montag, 26. Januar 2009

Tocopilla, eine Stadt mit 25.000 Einwohnern, verdankt seine Existenz dem Salpeter, der wegen der Produktion von Schwarzpulver im 19. Jahrhundert für die Militärindustrie unverzichtbar war. Die Stadt prosperierte. Nachdem chemische Stoffe das Salpeter verdrängten, geriet Tocopilla in eine tiefe Krise, die durch Kupferfunde nicht aufgehalten wurden. So verlor die Stadt zunehmend Bedeutung, konnte sich dank des Salpeters und des Kupfers dennoch halten. Einen geringen Aufschwung verspürte man im Rahmen des Wirtschaftsbooms, der im vergangenen Jahr stark abgebremst wurde und den Verfall der Rohstoffpreise mit sich brachte. Tocopilla bekam die Krise unmittelbar zu spüren; sie zeigt sich in einer hohen Arbeitslosenrate und der Schließung vieler kleinerer Kupferminen.

Am 14. November 2007 begann um die Mittagszeit die Erde in der Region Tocopilla zu Beben. Das Erdbeben mit seinem Epizentrum unmittelbar in der Nähe der Stadt hatte eine Stärke von über 9,2 auf der Richterskala. In Tocopilla maßen die Seismographen immer noch eine Stärke von 8,5, die aber von den Behörden auf 8,0 heruntergesetzt wurden. Fast alle Gebäude der Stadt wurden beschädigt, viele Häuser stürzten sofort ein. Dank der Tageszeit wurden nur wenige Menschen getötet oder verletzt. Während die Medien in Chile ausführlich über die Ereignisse in Tocopilla berichteten, blieb das Echo in der internationalen Presse nicht zuletzt wegen anderer Tagesereingnisse eher gering. Während des Erdbebens, das nicht einmal eine Minute dauerte, verloren 3.000 Familien ihr Zuhause.

Die Erzdiözese Antofagasta, die erste Organisation vor Ort, half den Opfern umgehend mit Trinkwasser und Lebensmitteln, bis der Staat wenige Tage später die gesamte Versorgung übernahm. Umgehend bracht das chilenische Militär Bretterverschläge in die Stadt, wo sehr schnell provisorische Häuser in Leichtbauweise errichtet wurden. Da der Wiederaufbau nur schleppend vorangeht, leben bis heute in ihnen immer noch viele Menschen. Es sind kleine Behausungen von knapp 20 m², in denen Familien mit vielen Kindern wohnen. Für persönliche Dinge oder gar Möbel bleibt da kein Platz. Die Sozialpastoral der Erzdiözese Antofagasta und Caritas Chiles halfen daher den Bewohnern der verschiedenen Lager mit doppelstöckigen Betten, den so genannten „literas“, um die Menschen wenigstens ausreichend Schlafraum zu bieten. Die Wasserversorgung wird bis heute durch Tankwagen gesichert, die das Wasser in großen Tanks vor den Häusern einfüllen. Daher war es notwendig den Bewohnern kle  inere Eimer zu geben, damit sie das Trinkwasser auch transportieren konnten. Eine kleine Hilfe mit großem Nutzen. Bis heute verfügen die provisorischen Häuser weder über einen Wasseranschluss noch über ein Abwassersystem. Es müssen Gemeinschaftsduschen und -toiletten genutzt werden. Probleme mit der Hygiene bleiben da nicht aus. Hinzu kommen persönliche Spannungen, da die Bewohner aus ihrem sozialen und familiären Umfeld herausgerissen wurden und neue Lebensgemeinschaften entstanden sind. Die Kirche begann unmittelbar mit der Seelsorge unter den Opfern, organisierte neues soziales und religiöses Leben, so dass neue Beziehungen wachsen konnten. Da der Wiederaufbau nur schleppend vorangeht und die Opfer in den Lagern immer noch unter dem Einfluss des Erdbebens und der veränderten Lebensbedingungen leiden, ist die pastorale Arbeit der Priester, Diakone und der vielen freiwilligen Helfer in diesem Umfeld ein wichtiger Beitrag für eine hoffnungsvolle Zukunft der Stadt.
  Die Nachbardiözese Iquique unterstützte diese Arbeit mit einer Prozession der Muttergottes von Tirana, die durch die Straßen der zerstörten Stadt getragen wurde. Die Marienverehrung in der Region ein fundamentaler Bestandteil des Glaubens der Menschen und war daher ein wichtiger solidarischer Beitrag.

Die Stadt hat sich nach gut einem Jahr nach der Katastrophe noch nicht ganz erholt. So findet der Unterricht der Kinder in einem Gebäude aus aufeinander gestapelten Containern statt. Ungeklärte Besitzverhältnisse verhindern ebenfalls einen zügigen Wiederaufbau, da die Häuser auf dem alten Grundstück errichtet werden müssen. Auch hat der Staat, indem er die Stärke des Erdbebens heruntersetzte, nur ein Teil der beschädigten Häuser ersetzt. Viele Familien blieben unberücksichtigt und müssen mit eigenen Mitteln versuchen, ihre Wohnungen wieder bewohnbar und sicher zu machen. Dennoch ist die geleistete Arbeit der Helfer und der Behörden beachtlich. Die Kirche Chiles hat ihre Fastenaktion 2008 ganz dem Wiederaufbau Tocopillas gewidmet, ein starkes Zeichen innerkirchlicher Solidarität.

Reiner Wilhelm