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Brasilien - Alexandre, unser “Sesam öffne dich”

Donnerstag, 04. März 2010

Mit der Polizei auf Streife in BrasilienFür unseren Artikel über den Alltag der Kirche in den Favelas  von Vitória, einem der gewalttätigsten Bundesstaaten des Landes, wollten wir gerne die Polizei auf Streife begleiten. Weder die offizielle Anfrage bei der Leitung der Militärpolizei noch der persönliche Anruf des Sicherheitsbeauftragten der Präfektur beim örtlichen Kommandanten brachten uns weiter.

Mit der Polizei auf Streife in Brasilien2Auch eine Gruppe Polizisten, die wir angesprochen hatten, wimmelte uns ab. In einem letzten verzweifelten Versuch fuhren wir wenige Stunden vor unserem Abflug auf gut Glück zum Hauptquartier der Militärpolizei. Unser Begleiter Alexandre Lemos von der Kommission für Frieden und Gerechtigkeit war nicht sehr zuversichtlich, da die Polizei generell keine Presse mag. Doch zufällig kannte unser Taxifahrer den Soldaten, der am Eingang Wache schob. Und das schwere Tor öffnete sich wie von Zauberhand. Einmal drinnen fragten wir uns zur Pressestelle durch, und Alexandre strahlte, als er die zuständige Funktionärin erblickte: es handelte sich um eine alte Bekannte. Plötzlich war innerhalb von einer halben Stunde doch noch möglich, was uns vorher tagelang verwehrt blieb. Ohne persönliche Beziehungen, haben wir festgestellt, läuft fast nichts in Brasilien.

Text: Sandra Weiss

Fotos: Jürgen Escher

Chaos an Brasiliens Flughäfen

Mittwoch, 03. März 2010

Am Flughafen in Brasilien“Wir sind nur für Sie da”, prangt derzeit auf grossen Werbetafeln an fast allen brasilianischen Flughäfen. Das muss ein Überbleibsel von Karneval sein, vermuten Fotograf Jürgen Escher und ich. Für uns allerdings ist meist gar keiner da, um auch nur den Anschein von Logik in das Chaos brasilianischer Flughäfen zu bringen. In Fortaleza beispielsweise checken wir gemeinsam ein in den gleichen Flug. Doch auf den Bordpässen stehen zwei verschiedene Gates zum Einsteigen. Als wir das richtige herausgefunden haben – der dritte Flughafenangestellte wusste schliesslich Bescheid – werden wir dort je nach Sitzplatznummer in drei verschiedene Reihen eingeteilt. Dann läuft ein Angestellter der Fluglinie durch die Reihe, und lässt sich die Personalausweise oder Pässe zeigen. Weil die Ansage nicht per Lautsprecher durchgegeben wurde, haben allerdings nur die vordersten in der Reihe sie überhaupt verstanden, hinten entwickelt sich ein Riesenchaos. Der Kontrolleur versucht, Ordnung zu schaffen, sieht aber deshalb viele Pässe gar nicht. Als er noch damit beschäftigt ist,  öffnet sich die Türe, vorne nuschelt wieder jemand etwas, und aus den drei Reihen wird plötzlich eine Riesentraube.

Am Flughafen in Brasilien 2Beim Abreissen des Tickets sagt uns eine freundlich lächelnde Dame, wir mögen durch den Gang bis zur Röhre 17 laufen, damit wir im richtigen Flugzeug landen. Obwohl wir sichtbar Ausländer sind, spricht sie ganz selbstverständlich Portugiesisch. Im Geiste male ich mir aus, wie bei der Fussball-WM massenweise Fans in falsche Flugzeuge steigen, in falschen Städten landen, fehlgeleitet von stets freundlich nuschelnden Brasilianern es niemals rechtzeitig zum Spiel ihrer Mannschaft schaffen und hilflos auf brasilianischen Strässen und Flughäfen umherirren. Warten auf Godot auf brasilianisch.

Text: Sandra Weiss

Fotos: Jürgen Escher

Brasilien - Verkaufsfördernde Heilige

Dienstag, 02. März 2010

Supermarkt São José“Gott ist treu”, steht auf dem klapprigen Kleinbus, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat, und dessen Fahrer wie ein Henker über die schlaglochübersäte Piste brettert. Der Supermarkt gegenüber unserem kirchlichen Haus in Vitória heisst São José, Heiliger Josef, und sein Logo ist ein über den Wolken schwebender Geistlicher mit einem Heiligenschein. Über der kleinen Fressbude am Busbahnhof prangt in dicken Lettern “Gott ist mein Hirte, mir wird es an nichts fehlen”. Brasilianische Marketingexperten scheinen die Religion für sehr verkaufsfördernd zu halten. Das mag daran liegen, dass hier Alltag und Religion viel enger miteinander vermischt sind als in Deutschland. Wer sein Haus fertiggebaut, ein Auto gekauft oder einen Brunnen gebohrt hat, der bittet den Priester um seinen Segen. Irgendwo steht in jedem Haus garantiert ein kleiner Altar mit einer Marienstatue oder prangt ein Heiligenbild an der Wand. “Beim heiligen Jesus” rufen die Brasilianer, wenn sie etwas erstaunt, und wenn sie einmal keine Antwort wissen, verweisen sie gerne an höhere Mächte: “só Deus sabe”, nur Gott weiss”.

Text: Sandra Weiss

Foto: Jürgen Escher

Brasilien - Hauptsache laut

Montag, 01. März 2010

Party in Dom PedroEs ist Freitagabend in Dom Pedro. Partytag. Was macht die Jugend in einem 8000 Einwohner zählenden, verlorenen Nest mitten in der Pampa des Bundesstaat Maranhão? Von dem die nächste Großstadt fünf Fahrtstunden entfernt ist? Ganz einfach, sie trifft sich auf dem Dorfplatz, wo ein paar findige Händler an mobilen Ständen gebratenes Fleisch, eiskaltes Bier, belegte Brote und Säfte verkaufen. Zwei oder drei der Bessergestellten haben ihre Autos mit übergroßen Boxen mitgebracht, werfen eine CD ein, öffnen alle Türen und drehen auf. Egal ob Reggae, Samba, Pop oder alles zusammen – Hauptsache laut. Ein paar Jugendliche klopfen den Takt und schwingen die Hüften zu den schmissigen Rhythmen. Die Anwohner scheint es nicht zu stören. Musik gehört in Brasilien einfach mit zum Leben dazu. Egal ob Live-Musik im Restaurant, rappende Straßenkinder, eine Capoeira-Session am Strand oder die volle Dröhnung vom Nachbarn – nie kämen die Brasilianer auf die Idee, sich darüber zu beschweren. Ungläubige Blicke ernte ich, wenn ich erzähle, dass in Deutschland schon mal die Polizei eine zu laute Party beendet, weil sich die Nachbarn gestört fühlen, oder die Kinder auf Spielplätzen eine Mittagspause einhalten müssen.

Brasilien - Mittelalter bei der künftigen Weltmacht

Freitag, 26. Februar 2010

Wenn Politologen über die Länder sprechen, die das 21. Jahrhundert prägen werden, fällt neben China, Russland und Indien auch immer der Name Brasilien. So charismatisch Präsident Lula, so schön Rio und so kosmopolitisch und modern São Paulo auch sein mögen - in der  Provinz herrschen oft mittelalterliche Zustände. Der Bundesstaat Maranhão ist ein erschreckendes Beispiel. Das sechs Millionen Einwohner zählende Bundesland am Tor zum Amazonas wird seit über 40 Jahren von der gleichen Familie beherrscht, den Sarneys. Straßen, Schulen, Gebäude tragen ihre Namen. Ihnen gehören Medienkonzerne, Ländereien, Universitäten und Bauunternehmen. Maranhão ist das zweitärmste Bundesland, trotz Sojaanbau, Häfen, Aluminiumkonzernen. “ Aber die zahlen wenig Steuern, verschmutzen die Umwelt und exportieren die gesamte Produktion. Die Bevölkerung hat nichts von diesem Reichtum”, sagt Marta Bispo von der Landpastorale.

In der Hauptstadt São Luis gibt es vielerorts nicht mal eine Kanalisation, viele Menschen leben  in Lehmhütten, auf dem Land werden die Tagelöhner versklavt, und wenn sie ein Stück Erde besetzen, von bewaffneten Schutztruppen der Fazendeiros vertrieben. Dem Ganzen überdrüßig erteilte die Bevölkerung den Sarneys bei der letzten Wahl einen Denkzettel. Roseana Sarney, Tochter des Ex-Präsidenten und aktuellen Senatspräsidenten José Sarney, verlor gegen den Kandidaten der linken Arbeiterpartei PT von Präsident Lula. Doch die Familie gab nicht auf, zog vor das örtliche Gericht, in dem ausschließlich den Sarneys eng verbandelte Juristen sitzen – und erreichte wegen angeblichen Wahlbetrugs ihr Ziel: Per Gerichtsbeschluss wurde Roseana doch noch Gouverneurin. Lula schwieg. Er braucht im Bundesparlament die Stimmen der PMDB, der Partei Sarneys, um zu regieren. “Wir wurden geopfert, die Demokratie landete im Mülleimer”, sagt der PT-Abgeordnete Vadinar Barros bitter. Alltag in der Provinz.

Brasilien - Es lebe die Kokosnuss

Donnerstag, 25. Februar 2010

KokosnussverkäuferDeutschland versinkt im Schnee, Brasilien leidet unter einer rekordverdächtigen Hitzewelle. Seit Wochen werden Temperaturen zwischen 30 und 40 Grad gemessen. Wer nicht muss, geht nicht auf die Strasse sondern bleibt im klimatisierten Büro oder dem schattigen Zuhause. Doch wir haben keine Wahl und müssen raus für unsere Reportagen: in die Favelas, zu den Müllsammlern, zu den Strassenkindern. Trotz ärmellosen T-Shirts, Sommerkleid und Sandalen schwitzen wir, dass uns das Wasser nur so herunterläuft. Vor allem Jürgen, der seine schätzungsweise acht Kilo schwere Fototasche immer mit sich herumschleppt.

Unsere Retter sind die Kokosnussverkäufer. Besonders Edilson, der strategisch günstig gelegen im Stadtzentrum von Sao Luis platziert ist, und “coco gelado” feil bietet. Kaum ein Getränk erfrischt so gut wie die eisgekühlte Kokosmilch. Nichts ist so billig, so gesund und so ökologisch: die Nuss wird mit der Kokosnuss auslöffelnMachete aufgehackt, einziger Plastikmüll ist der Strohhalm, den man hineinsteckt, um sie auszutrinken, und wer will, kann sie sich anschließend aufschlagen lassen und das Fruchtfleisch auslöffeln mit einem Schaber, den Edilson mit drei gekonnten Machetehieben aus der Schale der Nuss herausschlägt. Edilson verkauft auch Wasser und Erfrischungsgetränke, doch die Kokosnüsse sind der Renner.

Reich wird Edilson dennoch nicht. Für umgerechnet etwa 60 Eurocents verkauft er jede Nuss, wenn der EdilsonEinkaufspreis, die Standgebühren an die Präfektur, der Bus, mit dem er ins Stadtzentrum fährt und die Kosten für die Eiswürfel zum Kühlen abgezogen werden, kommt er täglich auf etwa 60 Reais Gewinn (rund 25 Euro). Dafür steht er um sechs Uhr früh auf und kommt um zehn abends nach Hause. “Bitte gleich noch eine “, unterbricht Jürgen. Edilson strahlt und sucht die Größte davon aus. Extra für die guten Kunden aus “Alemanha.”

Text: Sandra Weiss, Fotos: Jürgen Escher

Brasilien - Demokratischer Strand

Mittwoch, 24. Februar 2010

JoggerSobald die Sonne untergeht in Fortaleza, schnappen sich die Brasilianer ihre Turnschuhe und machen sich auf den Weg zur Strandpromenade. Dann lässt die Hitze des Tages nach, und die Anwohner bemühen sich, anderweitig ins Schwitzen zu kommen. Darin unterscheidet sich Fortaleza nicht von den anderen Uferstädten Brasiliens wie Rio oder Recife: Tagsüber bevölkern Wellenreiter und Surfer den Strand, abends werden sie abgelöst von Fussballern und Volleyballern, für die eine extra Flutlichtbeleuchtung eingerichtet wurde.

Am frühen Morgen und abends zwischen sieben und neun Uhr abends reicht der überbreite Gehweg der Strandpromenade kaum aus für die vielen Walker, Jogger und Skater, die sich gegenseitig übertreffen. Ein frischer Saft oder eine eisgekühlte Kokosnuss vom fliegenden Händler am Strassenrand sorgen anschliessend für gesunde Erfrischung. Egal ob Nationalfeiertag, Sylvesterfeuerwerk oder Wahlkampfveranstaltung – gefeiert wird am Strand. Und das schönste daran ist, dass hier alle zusammen kommen, die sonst der soziale Status trennt. FortalezaDie Aussicht auf Olympische Spiele und die Fussball-WM scheint alle zu beflügeln und gleichermassen stolz zu machen auf ihr Heimatland. Für Taxifahrer Josmar ist schon ausgemacht, dass Brasilien auch in Südafrika wieder ganz oben auf dem Treppchen steht. Denn Deus é brasileiro. Gott ist schliesslich Brasilianer. Und sportlich muss er dann wohl auch sein.

Text: Sandra Weiss, Foto: Jürgen Escher

Dom Helder Camara

Donnerstag, 27. August 2009

Dom Helder CamaraKlein von Gestalt, ist und bleibt Dom Helder Camara einer der ganz großen der Christenheit im 20. Jahrhundert.

Mit dem 1980 ermordeten Erzbischof Oscar Arnulfo Romero aus El Salvador wurde Dom Helder zum Inbegriff jenes Aufbruches der lateinamerikanischen Kirche, der mit den Basisgemeinden und der „Option für die Armen” die Weltkirche veränderte.

Helder Camara wurde am 7. Februar 1909 als elftes von 13 Kindern in Fortaleza im Nordosten Brasiliens geboren mit bereits 22 Jahren zum Priester geweiht. Hochbegabt, ein geborener Organisator, mutig und unermüdlich wie er war, betraute ihn sein Bischof mit dem Aufbau katholischer Organisationen zunächst im heimatlichen Bundesstaat Ceará , dann in der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro.

Es  war eine Frage, 1955 in Rio de Janeiro, die sein Leben verändern sollte, „Wie kann es angehen, dass wir alle den Eucharistischen Christus in unserer Mitte verehren und den Christus übersehen, der buchstäblich am Rande lebt, in den Armen in den Favelas von Rio de Janeiro?” und die ihn nicht mehr losließ. Fortan stellte er seine immense Arbeitskraft, sein Organisationstalent und sein Charisma in den Dienst der Armen.

1964, im Jahr des Militärputsches, wurde Dom Helder zum Erzbischof von Olinda und Recife ernannt, kehrte also in seinen geliebten Nordosten zurück und setzte am armen Rand Brasiliens fort, was er in der Metropole begonnen hatte: den Kampf für die Armen und für Gerechtigkeit.

Er starb am 27. August 1999 in Recife. Als ein wegweisender Prophet lebt er in der Erinnerung, als ein Optimist Gottes und als ein Lehrer des Betens.

Sein Zeugnis, dass gesellschaftliches Engagement und die Verkündigung des Evangeliums, dass Mystik und Politik untrennbar zusammengehören, ist sein Vermächtnis.

Michael Huhn

Viele weitere Informationen zu Dom Helder Camara finden Sie auf adveniat.de

Was bleibt nach dem großen Treffen vieler „kleiner Leute“ in Porto Velho?

Dienstag, 28. Juli 2009

Das knapp einwöchige Treffen der Deligierten der Basisgemeinden Brasiliens (CEBs) hinterlässt vielfältige Eindrücke. Bei mir überwiegt zunächst einmal die Dankbarkeit für die Gelegenheit, ein Stück Weg mitgegangen zu sein, sei es in Arbeitsgruppen, in Ansprachen, während der täglichen Liturgie, in Gesprächen oder auf dem heißen Asphalt, dem der ursprüngliche Regenwald um Porto Velho zum Opfer gefallen ist.

Lebendigkeit.  Sofern die 3.000 Deligierten die 80.000 Basisgemeinden Brasiliens repräsentieren – und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln – kann man uneingeschränkt feststellen, dass diese sehr lebendig sind. Davon zeugen die Liturgiefeiern ebenso wie die kulturellen Höhepunkte und die verschiedenen Charismen der anwesenden Frauen und Männer aus dem ganzen Land. Prägend für die vielen Gespräche sind die für den Anderen offenen Augen, Ohren und Herzen. Das Bild des Unterwegs-Seins der CEBs drückte sich bisher in einem Zug aus, an den zu jedem bisher zwölf landesweiten Treffen ein Waggon angehängt wird. Hier in Amazonien fügt sicht das Bild des Kanus als Fortbewegungsmittel hinzu. Überall zu spüren ist die Sensibilität für die Orte, an denen das biblische „Leben in Fülle“ bedroht ist und der Wille, das Leben von seinen Bedrohungen zu befreien (Armut, Umweltzerstörung, Gewalt, Korruption, Unterdrückung von Frauen, Kindern, Indigener, Afrobrasilianern und anderen so genannten Minderheiten, etc.).

Treue zur eigenen Tradition. Der in den CEBs seit den 1960er Jahren praktizierte Dreischritt Sehen-Urteilen-Handeln ist nicht eine bloße Methode, sondern ein konkreter Weg, in der Nachfolge Jesus Christi zu leben, zu beten und zu handeln. Interessant war, dass in Porto Velho zunächst zwei Tage lang das Sehen der Wirklichkeit im Mittelpunkt stand. Am ersten Tag begegneten sich die Delegierten aus dem ganzen Land in bunt gemischten Arbeitsgruppen, um sich untereinander auszutauschen. Am zweiten Tag ging es darum, dass vor allem die aus anderen Regionen Brasiliens stammenden Teilnehmer/innen (das war die überwiegende Mehrzahl) konkrete Schritte taten, um die Realität in Porto Velho kennen zu lernen. Sie wurden – wiederum bunt gemischt – ausgesandt, um Menschen und Gemeinden in bedrohten Lebenskontexten zu besuchen: Peripherieviertel der 600.000-Einwohner-Stadt, Indígena-Dörfer, Siedlungen am Ufer des Rio Madeira, Gefängnisse, Jugendhaus, Krankenhaus, Kleinbauern, Quilombolas etc. Einer der Teilnehmer äußerte etwas sehr Interessantes: „Wir Brasilianer müssen erst einmal Amazonien kennen lernen.“ Aus der entgegengesetzten Perspektive sprach ein Referent: „Brasilien muss amazonisiert werden“. Bei den Besuchen vor Ort ging es auch um ein Üben der Weise, wie man als Fremder dem Neuen begegnet: nicht mit fertigen Rezepten und Lösungen in der Tasche, sondern mit Zuhören, Fragen und dem Versuch, die lokalen Kontexte zunächst einmal zu verstehen, so wie Jesus es in den ersten 30 Jahren seines Lebens inmitten der Menschen in seiner Umgebung tat. Dieser Tag wurde für die Deligierten zu einer Art Labor für die Fragen: Was bedeutet Mission heute, vor allem für Amazonien, das bis heute überwiegend ausgebeutet wurde? Wie kann der Aufruf der Bischofskonferenz für eine Woche der Mission in Amazonien umgesetzt werden? Wie kann man dem entsprechenden Appell der lateinamerikanischen Bischöfe in Aparecida für eine kontinentale Mission folgen? Das gelebte Beispiel der Basisgemeinden mit ihrer Sensibilität für die Wahrnehmung der Zeichen der Zeit und ihre reichen Erfahrung der Reflexion im Lichte des Glaubens (2. Schritt: Urteilen) könnten helfen, dass diese Mission gelingt.

Hinwendung zur Ökologie und zur Verantwortung für den Planeten Erde. Thematisch nahm die Frage der Bedrohung der Erde durch globale Erwärmung und der Bedrohung der Umwelt im Lebenskontext jeder/es Einzelnen in der Vorbereitung und Durchführung des CEBs-Treffens einen breiten Raum ein („Amazonien vor der eigenen Haustür entdecken“). Deutlich wurde auch, dass die Basisgemeinden die Überwindung von Armut und Misere nicht losgelöst von der Umweltzerstörung und der weltweiten Wirtschafts- sowie Politikkrise diskutieren, deren Folgen die Armen besonders hart treffen. Im Schlussdokument (www.cebs12.org.br) verpflichten sich die Teilnehmenden am letzten Tag des Treffens (3. Schritt: Handeln) u.a., sich für eine umweltverträgliche Landwirtschaft und für nachhaltiges Wirtschaften einzusetzen, die ökologische Perspektive der Basisgemeinden zu stärken und auszubauen. Möglicherweise war es gerade das wachsende Bewusstsein für die bedrohten Biome in Brasilien – Regenwald Amazoniens, Atlantischer Regenwald, Cerrado (Buschsteppe), Pantanal etc. – das die Deligierten dazu veranlasste, als Austragungsort des 13. Treffens der CEBs im Jahr 2013 für das Bistum Crato im Nordosten Brasiliens zu stimmen und nicht für Kandidaten aus dem Süden des Landes. Auch für den Nordosten gilt ähnlich wie für Amazonien, dass er vom Großteil der Brasiliener anderer Regionen bis heute nicht ausreichend verstanden und respektiert, sondern überwiegend mit kolonialen Augen betrachtet wird. Es gibt große soziale und ökologische Herausforderungen: Teilableitung des Rio São Francisco, Vordringen von Monokulturen wie Zuckerrohr, Soja und Eukalyptus (mit weitreichenden internationalen Verflechtungen), nachhaltiges Wirtschaften im semi-ariden Sertão, Migration.

CEBs in der Katholischen Kirche und der Gesellschaft Brasiliens. Bemerkenswert ist die gegenüber anderen Treffen der brasilianischen Basisgemeinden sehr hohe Zahl von etwa 50 katholischen Bischöfen, die in Porto Velho waren. Der kürzlich verstorbene brasilianische Kardinal Lorscheider hat über die Bedeutung der CEBs für die katholische Kirche gesagt: „Die Kirche braucht die Baisgemeinden in der heutigen Welt, vor allem in der Welt der Verarmten, der Marginalisierten, der Vergessenen. Die Kirche muss im Wesentlichen Gemeinde des Glaubens und des Kampfes sein und wirkliche geschwisterliche Verbindungen schaffen, nicht bloß Menschenmassen anziehen und unterhalten. Alle katholischen Bewegungen und Pastoralbereiche sollten die Basisgemeinden als Modell haben, als Form, Kirche zu sein. „Die lebendigen CEBs in Brasilien zeigen nach den Eindrücken von Porto Velho, dass ein Teil der katholischen Kirche nicht in innerkirchlicher Nabelschau verharrt, sondern in seinen Reihen Menschen hervorbringt und fördert, die sich aus ihrem Glauben heraus für eine gerechtere Gesellschaft engagieren. Dazu bekennen sich die Delegierten im Schlussdokument des zwölften CEBs-Treffens, das sie als Selbstverpflichtung mit in ihre Heimatgemeinden und -bistümer nehmen. Dieses lesenwerte Dokument (www.cebs12.org.br) macht deutlich, dass die CEBs – anders als die katholische Kirche insgesamt – die vorurteilsfreie Vernetzung mit sozialen Bewegungen, mit anderen christlichen Kirchen und anderen Religionen als essentiellen Teil ihres Selbstverständnisses betrachten, um zusammen mit ihnen die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen zu erreichen. Innerhalb eines öffentlichen Bekenntnisses für den gemeinsamen Einsatz für Frieden zusammen mit Vertreter/innen anderer Religionen wurde dies am Ende des CEBs-Treffen erneut unterstrichen.

Autor: Norbert Bolte

28. Juli 2009

Nationaltreffen der kirlichen Basisgemeinden in Brasilien

Donnerstag, 09. Juli 2009

DIE CA. 80.000 KIRCHLICHEN BASISGEMEINDEN IN BRASILIEN (COMUNIDADES ECLESIAIS DE BASE - CEBS)  haben eine lange Tradition. Seit Mitte der 1970er Jahre werden Nationaltreffen der CEBs durchgeführt. Mit Porto Velho als Veranstaltungsort findet erstmals ein Nationaltreffen der Basisgemeinden in der flächenmäßig größten Region des Landes - dem Amazonas-Raum - statt. Dies liegt ganz auf der Linie der gesellschaftlichen und auch der kirchlichen Hinwendung  nach Amazonien in den letzten Jahren. Gemessen an der Realität anderer Regionen des Landes sind die Herausforderungen im Amazonas-Raum besonders groß und vielfältig. In Porto Velho breiten sich vor allem die extensive Viehwirtschaft und die Sojamonokulturen immer weiter aus. Es gibt zahlreiche Landkonflikte, die Indios, Kleinbauern und Goldsucher involvieren. Illegale Goldsuche und Abholzung des Regenwalds, sowie der Bau von zwei großen Staustufen am Rio Madeira haben schwerwiegende Auswirkungen auf Mensch und Natur. Zum Nationaltreffen im Juli 2009, das unter dem Leitwort “Aus dem Schoß der Erde kommt der Schrei Amazoniens” steht, erwartet man 3.000 Delegierte aus ganz Brasilien. Das Nationaltreffen der CEBs ist von großer Bedeutung für die Lokalkirche von Porto Velho, die Region Westamazonien und die Kirche in Brasilien. Für die Ortskirche von Porto Velho war es eine mutige Entscheidung, Austragungsort des XII Encontro zu werden. Die Katholische Kirche muss gegen permanente Anfeindungen, teilweise auch Bedrohungen seitens einiger politischer Gruppen und der organisierten Kriminalität, ankämpfen.

Norbert Bolte, Länderreferent für Brasilien bei Adveniat, wird während seiner Brasilienreise im Juli 2009 an dem Nationaltreffen der Basisgemeinden in Porto Velho teilnehmen und von dort berichten.