Chiapas…¡El pueblo unido jamás será vencido!

18. März 2010

Seit 1994 ist dieser Ruf wohl in vielen Häusern und Versammlungen besonders der indigenen Bevölkerung des mexikanischen Bundesstaates Chiapas zu hören. Seit dem bewaffneten Aufstand der ZapatistInnen, um auf sich und die Probleme indigener Gruppen aufmerksam zu machen, sind einige Jahre vergangen. Auch so manche Hoffnung auf die volle Umsetzung der Ziele für die Rechte der indigenen Bevölkerung und zum Schutz der Natur ist vergangen. Die harte Realität zermürbt. Und die Strategien von Militär, nationaler und regionaler Regierung, die Bewegung in einem “Krieg auf niederer Schwelle” greifen: „divide y vencerás“ („teile und du wirst siegen“) sei die Strategie, so eine Missionsschwester aus Ocosingo, um das starke soziale Netz der indigenen Gemeinden zu schwächen und dadurch unbehindert die Lizenzen für Großrojekte wie Staudämme, Minen, den Verkauf von Wasserrechten, die Ausbeutung von Medizinischen Pflanzen und Nutzhölzern sowie ökotouristischer Projekte zu vergeben. Die Gewinne streifen meist nur transnationale Konzerne (wie z.b. Coca Cola oder Pepsi Cola) ein, während der Umgang mit  Umweltverschmutzung und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen den Einheimischen überlassen wird.
Viele indigene Gemeinden und zivilgesellschaftliche Gruppen leisten den Vorhaben der wirtschafliche und politisch Mächtigen Widerstand – und werden oft unter dem Vorwand der Terror- und Drogenbekämpfung eingesperrt, bedroht, auch vergewaltigt und umgebracht.

Politische Gruppen und auch der massive Zuzug von evangelikalen Sekten (meist us-amerikanischer Provenienz) leisten – bewusst oder unbewusst – das Ihre, um das soziale Netz zu schwächen und so den KämferInnen des eingangs zitierten Rufes den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Gerade die katholische Kirche und viele ProjektpartnerInnen von Adveniat leisten einen wichtigen Beitrag, um durch Bildung und gemeinschaftsstärkende Maßnahmen, die ihre Kraft aus dem Glauben an einen befreienden Gott schöpfen, den sozialen Zusammenhalt, die Vertiefung des Glaubens angesichts der vielfältigen und auch bedrohlichen Herausforderungen und den Einsatz für mehr Gerechtigkeit zu stärken.

Text: Magdalena Holztrattner

Oaxaca…das interkulturelle Bauprojekt TU Berlin – Pfarrei Zaachila

18. März 2010

Als wunderschöne Touristenstadt zieht mich Oaxaca in den Bann. Besonders deswegen, weil es für mich nach wie vor ungewohnt ist, in der Stadt abends und nachts zu Fuß und auch alleine unterwegs zu sein, ohne Angst vor Überfällen oder Schießereien haben zu müssen. In den Städten von Guatemala und El Salvador ist das anders.
Besonders bereichernd war der Besuch des Bauprojektes in der Pfarre Zaachila, etwa eine halte Autostunde außerhalb der Stadt. Das in gemeinsamer Planung entstandene Projekt verbindet nicht nur Mexiko und Deutschland, Studierende der TU Berlin und PfarrmitarbeiterInnen, sondern vor allem die Anliegen zweier Projektpartnerinnen, durch eine kostengünstige, erdbebensichere und den Bedürfnissen der BenutzerInnen angepasste Bauweise Säle zu errichten, die den verschiedensten Gruppen der lebendigen Pfarrgemeinde von Zaachila Platz bieten.
Die TU Berlin hat in intensivem Dialog mit MitarbeiterInnen der Pfarre Zaachila diese in Modulen zu bauenden Säle geplant und baut diese nun unter breiter Unterstützung der lokalen Bevölkerung.
26 Studierende aus Berlin (TU) und 3 Studierende aus Mexiko-Stadt (UNAM) bauen gemeinsam die Pfarrsäle. Das lokalen Baukomitee und die vielen Mitglieder der Pfarrgemeinde sorgen nicht nur für die Verpflegung des Bauteams, sondern diskutieren immer wieder sich aus dem Prozess ergebende Änderungen und Anfragen. Die tägliche Präsenz der Pfarrgemeindemitglieder überrascht und motiviert die Studierenden, die unter der stechenden Sonne Mexikos ungewohnte und anstrengende Arbeit verrichten. Sie lernen viel, da die Handarbeit des Baus in Mexiko ganz andere Ansprüche an sie stellt als dessen theoretische Planung in Deutschland.
Die engagierte Arbeit der jungen Leute wiederum überrascht und motiviert die Mitglieder der Pfarre, denen besonders die reibungslose Zusammenarbeit aller, die Sauberkeit am Arbeitsplatz und die körperliche Mitarbeit auch der Frauen an diesen sehr anstrengenden Arbeiten fasziniert.

Dieses Projekt wird nachhaltige Spuren hinterlassen:
Einerseits bei den Studierenden, für die dieser einzigartige Arbeitseinsatz im fremden Umfeld ein großer persönlicher und fachlicher Gewinn ist und den menschlichen Horizont auf unterschiedliche Aspekte der internationalen Solidarität weitet.
Andererseits werden Mitgliedern der Pfarre, die neben der persönlichen Bereicherung durch diese konkrete deutsche Solidarität vor allem durch luft- und lichtdurchlässige Bauten bereichert, in denen sich das vielfältige Pfarrleben in seinen Kinder-, Jugend-, Firm-, Frauen-, Ehevorbereitungs- und Taufvorbereitungsgruppen unter der weitsichtigen Führung von Pfarrer Ruíz und in tatkräftiger und weiser Mitarbeit vieler Laien weiter entfalten kann – damit die Ehre Gottes sich in lebendigen, selbstbewussten, kritischen und im Glauben verwurzelten Menschen spiegelt.

Text: Magdalena Holztrattner

Oscar Romero - Gallionsfigur der Solidarität

17. März 2010

Oscar Arnulfo Romero Galdámez - der salvadorianische Erzbischof, 1980 wegen seines mutigen Einsatz für die Armen in seinem Land ermordet - bewegt an seinem 30. Todestag mehr Menschen denn je. Längst ist er über Lateinamerika hinaus eine Symbolfigur für den prophetischen Einsatz für soziale Gerechtigkeit geworden. Viele Organisationen und Menschen sind El Salvador seit Jahrzehnten solidarisch verbunden. So habe ich auf dem Campus der zentralamerikanischen Universität neben Menschen aus allen Teilen El Salvadors, auch Mitarbeiter von britischen, US-amerikanischen und österreichischen Hilfsorganisationen getroffen, außerdem über 50 Mitglieder mexikanischer, deutscher und kanadischer Solidaritätsgruppen. Der Campus wimmelt von Besuchern, denn heute Nachmittag beginnen hier die Gedenkfeierlichkeiten für Erzbischof Romero mit einem theologischen Kongress.

Text: Julia Stabentheiner

Ankunft in San Salvador

17. März 2010

Verkehrschaos in der Hauptstadt: Klapprige Autos und neue glänzende. Schnaubende Busse, die schon im letzten Jahrhundert alt waren. Unglaublicher Schmutz und Gestank. Jonglierende oder Scheiben wischende Kinder, die an den Ampeln Geld zu erbetteln versuchen. Blinkende Werbeflächen der blitzblanken Supermärkte. Marktfrauen mit bunten Wägelchen. Ein Baby, das am Straßenrand im Schatten einer Palme gestillt wird. Arbeiter auf der Ladefläche eines Pick-Ups. Mit und unter diesen Menschen lebte der berühmteste aller Salvadorianer: Erzbischof Oscar Romero, dessen Tod sich in wenigen Tagen zum 30. Mal jährt.

Auf dem Foto: Blick über San Salvador

Text und Foto: Julia Stabentheiner

Mexiko … ¡un país fascinante!

15. März 2010

Sich Treiben lassen

Kaum angekommen in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Mexiko fühle ich mich heimisch. Zwar ist mir hier alles neu, aber doch nicht fremd, da mich sehr vieles an Mittelamerika erinnert. Und in diese fremde, bekannte Welt tauche ich ein und lasse mich treiben - nicht nur vom ständig rauschenden Verkehr, der meist die Straßen verstopft und auch kurze Distanzen in lange Wegstrecken ausdehnt, sondern hauptsächlich von unseren ProjektpartnerInnen, durch die ich in eine Welt eintauchen darf, die mir ebenfalls nicht fremd, aber doch neu ist: z.B. die Probleme einer Gesellschaft, die sich im globalisierten Markt behaupten will und dabei zu gerne auf ihre Menschen vergisst - besonders die Indígenas, die in Museen und als Denkmäler bewundert, in der Gegenwart jedoch diskriminiert und marginalisiert werden. Dass alleine Mexiko-Stadt 1.5 Mio Menschen mit indigenen Wurzeln beherbergt, wollen die wenigsten sehen. Und die Betroffenen wollen es meistens verstecken, da „indigen” noch immer mit „ungebildet, arm, schmutzig, rückständig, zu zivilisieren, heidnisch” gleichgesetzt wird.

Einsatz für Indigenas 

Dort setzt z.B. die Arbeit von Caritas Hemanos Indígenas y Migrantes (Caritas für indigene MigrantInnen) an, die den von anderen Bundesstaaten in die Hauptstadt migrierten Mazahuá-Indígenas nicht nur bei rechtlichen und bautechnischen Fragen unterstützt, wenn sie aus einer Müllhalde eine Wohnsiedlung bauen, die diesen Namen eigentlich nicht verdient. Trotzdem: Die 12 Häuser, mit einem Grundriss von je 4×6m, sind in einer Stichstraße in Gemeinschaftsarbeit entstanden - was sich nicht nur in den gemeinschaftlich genutzten Toiletten und Waschbecken ausdrückt, sondern besonders in dem Gemeinschaftsraum, der für Versammlungen genutzt wird. In der Tradition der Indígenas, gemeinschaftsbezogene Entscheidungen auch in der ganzen Gemeinschaft zu besprechen und zu entscheiden, werden dort  nicht nur die Belangen der „Wohnstraße” diskutiert und Feste  vorbereitet, sondern es werden unter Anleitung der Caritas Kurse gehalten, wo besonders die Frauen angeleitet werden, über ihre Identität zu reflektieren und ihr Selbstbewusstsein als indigene Bevölkerung mit eigenen Rechten und Traditionen zu stärken. Auch die Kinder erhalten Nachhilfeunterricht in den klassischen Schulfächern und zudem Unterricht in der Sprache der Eltern, mazahuá.

Wie erfolgreich die Zusammenarbeit der SiedlungsbewohnerInnen und die Unterstützung der CaritasmitarbeiterInnen ist, zeigen sie mir anhand eines Filmes, den Jugendliche der Gemeinschaft gedreht haben, um kulturelle Bräuche wie die Errichtung der Altäre für die Toten zu Allerheiligen fest zu halten.

Jungfrau von Guadalupe

Treiben lass ich mich auch von der Menge, die dem nationalen und kontinentalen Heiligtum zuströmen, um aufrecht oder auf Knien rutschend, Kind, Kreuz oder ein Blumengesteck tragend vor jenem Gnadenbild die Anliegen vorzubringen, das als „Jungfrau von Guadalupe” eine spezielle Bedeutung weit über Mexiko hinaus trägt: Im Jahre 1541 soll dem nahuátl-Indigena Juan Diego, einer der ersten getauften Indígenas von Tenochtitlán, dem heutigen Mexiko-Stadt, die Gottesmutter Maria in Form einer jungen, dunkelhäutigen und schwarzhaarigen Frau erschienen sein und ihn beauftragt haben, bestärkt durch ein Zeichen vor dem damaligen Bischof, ihr eine Kapelle zu errichten. Nicht nur die jüngste Untersuchungen der NASA, die belegen, dass der Stoff des Mantels von Juan Diego, auf dem das Bildnis Mariens auf wundersame Weise erschienen ist, eigentlich bereits verwest sein müsste und die Farben nicht mit damaligen Techniken hergestellt werden konnten. Sondern die seit damals bezeugten Wunder und besonders der ungebrochene Strom der Pilgerschar sind beeindruckend und lassen mich bewegt zum Bildnis hochschauen und auch meine Anliegen der Gottesmutter vorbringen, während mich ein Rollband mit vielen anderen Gläubigen an diesem Bildnis vorbeifährt.

Treiben lasse ich mich auch von der Vielfalt der Ausdrucksweisen kirchlichen Engagements in der Arbeit unserer ProjektpartnerInnen für die Gläubigen, die Armen, die Entrechteten und die Indígenas. Ich genieße es, von den Erfahrungen und dem z.T. sehr hohen Reflexionspotenzial meiner GesprächspartnerInnen bereichern zu lassen, zuzuhören, meistens äußerlich zu nicken und manchmal innerlich den Kopf zu schütteln. Aber auch die Freuden und Hoffnungen, Sorgen und Kümmernisse vieler zu teilen und so die Buntheit und Katholizität kirchlicher Arbeit am Bau des Reiches Gottes näher kennen zu lernen.

Mexiko - ein Land, das mich mit seinen Reichtümern in den Bann gezogen hat und mich neugierig macht auf das, was mich bei den nächsten Reiseabschnitten mit den PartnerInnen von Adveniat erwartet: Oaxaca und Chiapas.

Text: Dr. Magdalena Holztrattner

Bolivien - Politik und Gastfreundschaft

10. März 2010

Indigene und Weiße in BolivienBolivien ist vor allem für die wunderschöne Landschaft im Hochland bekannt und für die bis heute stark präsente indigene Kultur, die immer noch das tägliche Bild des bolivianischen Lebens prägt. Schlagzeilen macht das Land in den letzten Jahren aufgrund des ersten indigenen Präsidenten, Evo Morales, der im Dezember des letzten Jahres mit einem überraschend starken Ergebnis wiedergewählt wurde und nun seine zweite Amtszeit antritt. Sogar in den Departamentos des Tieflands, in denen die politischen Führungen weiterhin für mehr Autonomie kämpfen, stimmten viele Menschen für Evo Morales. Dennoch ist das Land gespalten, nicht nur geographisch in das durch die indigenen dominierte Hoch- und das vor allem von Weißen bevölkerte Tiefland, sondern auch ideologisch teilt sich das Land in Anhänger und Gegner der Regierung.
Schon während meines ersten Aufenthalts als Missionar auf Zeit in Bolivien ist mir der in der bolivianischen Gesellschaft stark verankerte Rassismus aufgefallen. Und auch jetzt, bei meinem zweiten Besuch, ist die starke gegenseitige Abneigung zwischen indigenen und Weißen allgegenwärtig und stellt meines Erachtens eines der größten Probleme dieses Landes dar. Verschärft wird dieser Konflikt durch Maßnahmen, wie die Nationalisierung der Bodenschätze, wodurch die gesamte bolivianische Bevölkerung von dem enormen Reichtum profitieren soll und nicht nur das ökonomisch starke Tiefland. Doch dort fühlen sich die Menschen hintergangen und fürchten weitere Einschnitte ihrer Prioritäten.
Doch vor allem unter den jungen Menschen im Tiefland gibt es viele, die eine differenzierte Meinung der bolivianischen Politik haben und vor allem die Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Situation der in Armut lebenden Bolivianer befürworten. Gleichzeitig werfen sie Evo Morales eine einseitige Politik vor, die nur die Indigenen bevorteilt und somit die Spaltung des Landes weiter vorantreibt.
Abseits der ganzen Probleme Boliviens, ist für mich aber vor allem die extreme Gastfreundschaft bemerkenswert, die ich sowohl im Tiefland als auch im Hochland erlebt habe. Menschen die in bitterer Armut leben und dennoch alles tun, um Gäste so gut wie eben möglich zu empfangen.
Warum ist ein Land wie Bolivien eigentlich nicht dafür bekannt?

Text + Foto: Dominik Pieper

Brasilien - Alexandre, unser “Sesam öffne dich”

04. März 2010

Mit der Polizei auf Streife in BrasilienFür unseren Artikel über den Alltag der Kirche in den Favelas  von Vitória, einem der gewalttätigsten Bundesstaaten des Landes, wollten wir gerne die Polizei auf Streife begleiten. Weder die offizielle Anfrage bei der Leitung der Militärpolizei noch der persönliche Anruf des Sicherheitsbeauftragten der Präfektur beim örtlichen Kommandanten brachten uns weiter.

Mit der Polizei auf Streife in Brasilien2Auch eine Gruppe Polizisten, die wir angesprochen hatten, wimmelte uns ab. In einem letzten verzweifelten Versuch fuhren wir wenige Stunden vor unserem Abflug auf gut Glück zum Hauptquartier der Militärpolizei. Unser Begleiter Alexandre Lemos von der Kommission für Frieden und Gerechtigkeit war nicht sehr zuversichtlich, da die Polizei generell keine Presse mag. Doch zufällig kannte unser Taxifahrer den Soldaten, der am Eingang Wache schob. Und das schwere Tor öffnete sich wie von Zauberhand. Einmal drinnen fragten wir uns zur Pressestelle durch, und Alexandre strahlte, als er die zuständige Funktionärin erblickte: es handelte sich um eine alte Bekannte. Plötzlich war innerhalb von einer halben Stunde doch noch möglich, was uns vorher tagelang verwehrt blieb. Ohne persönliche Beziehungen, haben wir festgestellt, läuft fast nichts in Brasilien.

Text: Sandra Weiss

Fotos: Jürgen Escher

Chaos an Brasiliens Flughäfen

03. März 2010

Am Flughafen in Brasilien“Wir sind nur für Sie da”, prangt derzeit auf grossen Werbetafeln an fast allen brasilianischen Flughäfen. Das muss ein Überbleibsel von Karneval sein, vermuten Fotograf Jürgen Escher und ich. Für uns allerdings ist meist gar keiner da, um auch nur den Anschein von Logik in das Chaos brasilianischer Flughäfen zu bringen. In Fortaleza beispielsweise checken wir gemeinsam ein in den gleichen Flug. Doch auf den Bordpässen stehen zwei verschiedene Gates zum Einsteigen. Als wir das richtige herausgefunden haben – der dritte Flughafenangestellte wusste schliesslich Bescheid – werden wir dort je nach Sitzplatznummer in drei verschiedene Reihen eingeteilt. Dann läuft ein Angestellter der Fluglinie durch die Reihe, und lässt sich die Personalausweise oder Pässe zeigen. Weil die Ansage nicht per Lautsprecher durchgegeben wurde, haben allerdings nur die vordersten in der Reihe sie überhaupt verstanden, hinten entwickelt sich ein Riesenchaos. Der Kontrolleur versucht, Ordnung zu schaffen, sieht aber deshalb viele Pässe gar nicht. Als er noch damit beschäftigt ist,  öffnet sich die Türe, vorne nuschelt wieder jemand etwas, und aus den drei Reihen wird plötzlich eine Riesentraube.

Am Flughafen in Brasilien 2Beim Abreissen des Tickets sagt uns eine freundlich lächelnde Dame, wir mögen durch den Gang bis zur Röhre 17 laufen, damit wir im richtigen Flugzeug landen. Obwohl wir sichtbar Ausländer sind, spricht sie ganz selbstverständlich Portugiesisch. Im Geiste male ich mir aus, wie bei der Fussball-WM massenweise Fans in falsche Flugzeuge steigen, in falschen Städten landen, fehlgeleitet von stets freundlich nuschelnden Brasilianern es niemals rechtzeitig zum Spiel ihrer Mannschaft schaffen und hilflos auf brasilianischen Strässen und Flughäfen umherirren. Warten auf Godot auf brasilianisch.

Text: Sandra Weiss

Fotos: Jürgen Escher

Brasilien - Verkaufsfördernde Heilige

02. März 2010

Supermarkt São José“Gott ist treu”, steht auf dem klapprigen Kleinbus, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat, und dessen Fahrer wie ein Henker über die schlaglochübersäte Piste brettert. Der Supermarkt gegenüber unserem kirchlichen Haus in Vitória heisst São José, Heiliger Josef, und sein Logo ist ein über den Wolken schwebender Geistlicher mit einem Heiligenschein. Über der kleinen Fressbude am Busbahnhof prangt in dicken Lettern “Gott ist mein Hirte, mir wird es an nichts fehlen”. Brasilianische Marketingexperten scheinen die Religion für sehr verkaufsfördernd zu halten. Das mag daran liegen, dass hier Alltag und Religion viel enger miteinander vermischt sind als in Deutschland. Wer sein Haus fertiggebaut, ein Auto gekauft oder einen Brunnen gebohrt hat, der bittet den Priester um seinen Segen. Irgendwo steht in jedem Haus garantiert ein kleiner Altar mit einer Marienstatue oder prangt ein Heiligenbild an der Wand. “Beim heiligen Jesus” rufen die Brasilianer, wenn sie etwas erstaunt, und wenn sie einmal keine Antwort wissen, verweisen sie gerne an höhere Mächte: “só Deus sabe”, nur Gott weiss”.

Text: Sandra Weiss

Foto: Jürgen Escher

Brasilien - Hauptsache laut

01. März 2010

Party in Dom PedroEs ist Freitagabend in Dom Pedro. Partytag. Was macht die Jugend in einem 8000 Einwohner zählenden, verlorenen Nest mitten in der Pampa des Bundesstaat Maranhão? Von dem die nächste Großstadt fünf Fahrtstunden entfernt ist? Ganz einfach, sie trifft sich auf dem Dorfplatz, wo ein paar findige Händler an mobilen Ständen gebratenes Fleisch, eiskaltes Bier, belegte Brote und Säfte verkaufen. Zwei oder drei der Bessergestellten haben ihre Autos mit übergroßen Boxen mitgebracht, werfen eine CD ein, öffnen alle Türen und drehen auf. Egal ob Reggae, Samba, Pop oder alles zusammen – Hauptsache laut. Ein paar Jugendliche klopfen den Takt und schwingen die Hüften zu den schmissigen Rhythmen. Die Anwohner scheint es nicht zu stören. Musik gehört in Brasilien einfach mit zum Leben dazu. Egal ob Live-Musik im Restaurant, rappende Straßenkinder, eine Capoeira-Session am Strand oder die volle Dröhnung vom Nachbarn – nie kämen die Brasilianer auf die Idee, sich darüber zu beschweren. Ungläubige Blicke ernte ich, wenn ich erzähle, dass in Deutschland schon mal die Polizei eine zu laute Party beendet, weil sich die Nachbarn gestört fühlen, oder die Kinder auf Spielplätzen eine Mittagspause einhalten müssen.