Archiv für Februar 2010

Brasilien - Mittelalter bei der künftigen Weltmacht

Freitag, 26. Februar 2010

Wenn Politologen über die Länder sprechen, die das 21. Jahrhundert prägen werden, fällt neben China, Russland und Indien auch immer der Name Brasilien. So charismatisch Präsident Lula, so schön Rio und so kosmopolitisch und modern São Paulo auch sein mögen - in der  Provinz herrschen oft mittelalterliche Zustände. Der Bundesstaat Maranhão ist ein erschreckendes Beispiel. Das sechs Millionen Einwohner zählende Bundesland am Tor zum Amazonas wird seit über 40 Jahren von der gleichen Familie beherrscht, den Sarneys. Straßen, Schulen, Gebäude tragen ihre Namen. Ihnen gehören Medienkonzerne, Ländereien, Universitäten und Bauunternehmen. Maranhão ist das zweitärmste Bundesland, trotz Sojaanbau, Häfen, Aluminiumkonzernen. “ Aber die zahlen wenig Steuern, verschmutzen die Umwelt und exportieren die gesamte Produktion. Die Bevölkerung hat nichts von diesem Reichtum”, sagt Marta Bispo von der Landpastorale.

In der Hauptstadt São Luis gibt es vielerorts nicht mal eine Kanalisation, viele Menschen leben  in Lehmhütten, auf dem Land werden die Tagelöhner versklavt, und wenn sie ein Stück Erde besetzen, von bewaffneten Schutztruppen der Fazendeiros vertrieben. Dem Ganzen überdrüßig erteilte die Bevölkerung den Sarneys bei der letzten Wahl einen Denkzettel. Roseana Sarney, Tochter des Ex-Präsidenten und aktuellen Senatspräsidenten José Sarney, verlor gegen den Kandidaten der linken Arbeiterpartei PT von Präsident Lula. Doch die Familie gab nicht auf, zog vor das örtliche Gericht, in dem ausschließlich den Sarneys eng verbandelte Juristen sitzen – und erreichte wegen angeblichen Wahlbetrugs ihr Ziel: Per Gerichtsbeschluss wurde Roseana doch noch Gouverneurin. Lula schwieg. Er braucht im Bundesparlament die Stimmen der PMDB, der Partei Sarneys, um zu regieren. “Wir wurden geopfert, die Demokratie landete im Mülleimer”, sagt der PT-Abgeordnete Vadinar Barros bitter. Alltag in der Provinz.

Brasilien - Es lebe die Kokosnuss

Donnerstag, 25. Februar 2010

KokosnussverkäuferDeutschland versinkt im Schnee, Brasilien leidet unter einer rekordverdächtigen Hitzewelle. Seit Wochen werden Temperaturen zwischen 30 und 40 Grad gemessen. Wer nicht muss, geht nicht auf die Strasse sondern bleibt im klimatisierten Büro oder dem schattigen Zuhause. Doch wir haben keine Wahl und müssen raus für unsere Reportagen: in die Favelas, zu den Müllsammlern, zu den Strassenkindern. Trotz ärmellosen T-Shirts, Sommerkleid und Sandalen schwitzen wir, dass uns das Wasser nur so herunterläuft. Vor allem Jürgen, der seine schätzungsweise acht Kilo schwere Fototasche immer mit sich herumschleppt.

Unsere Retter sind die Kokosnussverkäufer. Besonders Edilson, der strategisch günstig gelegen im Stadtzentrum von Sao Luis platziert ist, und “coco gelado” feil bietet. Kaum ein Getränk erfrischt so gut wie die eisgekühlte Kokosmilch. Nichts ist so billig, so gesund und so ökologisch: die Nuss wird mit der Kokosnuss auslöffelnMachete aufgehackt, einziger Plastikmüll ist der Strohhalm, den man hineinsteckt, um sie auszutrinken, und wer will, kann sie sich anschließend aufschlagen lassen und das Fruchtfleisch auslöffeln mit einem Schaber, den Edilson mit drei gekonnten Machetehieben aus der Schale der Nuss herausschlägt. Edilson verkauft auch Wasser und Erfrischungsgetränke, doch die Kokosnüsse sind der Renner.

Reich wird Edilson dennoch nicht. Für umgerechnet etwa 60 Eurocents verkauft er jede Nuss, wenn der EdilsonEinkaufspreis, die Standgebühren an die Präfektur, der Bus, mit dem er ins Stadtzentrum fährt und die Kosten für die Eiswürfel zum Kühlen abgezogen werden, kommt er täglich auf etwa 60 Reais Gewinn (rund 25 Euro). Dafür steht er um sechs Uhr früh auf und kommt um zehn abends nach Hause. “Bitte gleich noch eine “, unterbricht Jürgen. Edilson strahlt und sucht die Größte davon aus. Extra für die guten Kunden aus “Alemanha.”

Text: Sandra Weiss, Fotos: Jürgen Escher

Brasilien - Demokratischer Strand

Mittwoch, 24. Februar 2010

JoggerSobald die Sonne untergeht in Fortaleza, schnappen sich die Brasilianer ihre Turnschuhe und machen sich auf den Weg zur Strandpromenade. Dann lässt die Hitze des Tages nach, und die Anwohner bemühen sich, anderweitig ins Schwitzen zu kommen. Darin unterscheidet sich Fortaleza nicht von den anderen Uferstädten Brasiliens wie Rio oder Recife: Tagsüber bevölkern Wellenreiter und Surfer den Strand, abends werden sie abgelöst von Fussballern und Volleyballern, für die eine extra Flutlichtbeleuchtung eingerichtet wurde.

Am frühen Morgen und abends zwischen sieben und neun Uhr abends reicht der überbreite Gehweg der Strandpromenade kaum aus für die vielen Walker, Jogger und Skater, die sich gegenseitig übertreffen. Ein frischer Saft oder eine eisgekühlte Kokosnuss vom fliegenden Händler am Strassenrand sorgen anschliessend für gesunde Erfrischung. Egal ob Nationalfeiertag, Sylvesterfeuerwerk oder Wahlkampfveranstaltung – gefeiert wird am Strand. Und das schönste daran ist, dass hier alle zusammen kommen, die sonst der soziale Status trennt. FortalezaDie Aussicht auf Olympische Spiele und die Fussball-WM scheint alle zu beflügeln und gleichermassen stolz zu machen auf ihr Heimatland. Für Taxifahrer Josmar ist schon ausgemacht, dass Brasilien auch in Südafrika wieder ganz oben auf dem Treppchen steht. Denn Deus é brasileiro. Gott ist schliesslich Brasilianer. Und sportlich muss er dann wohl auch sein.

Text: Sandra Weiss, Foto: Jürgen Escher

Hilfe nicht nur in der Hauptstadt nötig

Freitag, 19. Februar 2010

Die beiden Jesuiten P. Regino und P. David haben mir gestern erzählt, wie sie zwei Tage nach dem Erdbeben mit Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten nach Haiti gefahren sind. Sie waren nicht nur in Port-au-Prince und Umgebung, sondern auch in den  Departements des Nordens, wo sie mit den Bischöfen von Gonaives, Cap Haitien und Fort Liberté darüber sprachen, welche Hilfe für die Flüchtlinge am Notwendigsten ist und wie die Güter am Besten verteilt werden. (Fort Liberté veröffentlichte übrigens nur wenige Tage nach dem Erdbeben einen strukturierten Aktionsplan). Derzeit konzentriert Solidaridad Fronteriza seine Hilfe vor allem auf den Norden. „Unsere Region ist die, die am weitesten von der Hauptstadt entfernt liegt und von jeher vernachlässigt wurde,“ sagt Schwester Nidia aus Ouanaminthe. Sie arbeitet eng mit den dominikanischen Kollegen zusammen.

„Haiti ist nicht im Krieg!“

Den kirchlichen Mitarbeitern war gleich klar, dass die Verteilung der Hilfsgüter überall im Land mit den Menschen vor Ort vonstatten gehen muss – sie wurden und werden bis heute mit eingebunden. „Das geht dann Hand in Hand“. David lacht, wenn er an die Vorgehensweise der Amerikaner denkt: „wie die mit ihren Hubschraubern und in Tarnanzügen das Land überflogen haben und die Päckchen abgeworfen haben! Denken die, es gäbe hier überall Bin Ladens?“

Doch nicht nur an der eigenartigen „Verteilung“ der Hilfsgüter seitens der USA üben sie Kritik, sondern vor allem an der massiven Militärpräsenz, die aufgefahren wurde. „Haiti ist doch nicht im Krieg“, sagen Regino, David und ihr haitianischer Mitbruder Monestime. „Wir brauchen keine militärische „Hilfe“, sondern technische.“

Das Zauberwort: Dezentralisierung

Bevor ich in die dominkanisch-haitianische Grenzregion bei Dajabón und Ouanaminthe fuhr, dachte ich, dass es auch hier wie in Jimaní Hilfstransporte ohne Ende gäbe, dass auch hier die Grenze voller Helfer aus aller Welt sei. Weit gefehlt. In Ouanaminthe sieht man so gut wie keine internationale Hilfsorganisationen, die Hilfe wird unter Haitianern organisiert. „Die ausländische Hilfe konzentriert sich vor allem auf die Hauptstadt und ihre Umgebung“, sagt Regino. Dabei bräuchte das ganze Land Hilfe, vor allem weil schätzungsweise bisher mindestens 100.000 Menschen die Hauptstadt verlassen haben.

Wie die meisten Menschen, mit denen wir während der Reise über das Erdbeben und seine Folgen gesprochen haben, hofft Regino, dass Haiti dezentralisiert wird, dass die anderen Regionen des Landes entwickelt und gestärkt werden – auch politisch. Die Ministerien könnten etwa auf die verschiedenen Städte verteilt werden. Da das Land klein ist, gäbe es keine Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit und gemeinsame Treffen. Für Monestime muss die Dezentralisierung auch unbedingt unter Einbindung der Zivilgesellschaft eingehen.

Verwirrende Natur

Donnerstag, 18. Februar 2010

Es hat wieder die ganze Nacht geregnet. Normalerweise sei Februar kein Monat, in dem es so viel regnet, sagen die Schwestern, „doch alles ist durcheinander mit der Natur, es gibt keine Regeln mehr.“ Es ist ein kräftiger, unnachgiebiger, tropischer Regen. Frage mich, wieviele Hütten völlig durchnässt sein müssen.

Beerdigungen

Ich musste nochmals an die zwei Beerdigungen denken, die wir in Ounaminthe gesehen haben. Lange Beerdigung in OuanamintheProzessionen von Angehörigen, Freunde und Nachbarn, alle elegant gekleidet. Männer in dunklen Anzügen tragen den Sarg, es wird viel gesungen, auch eine Blaskapelle ist manchmal dabei. Bei der Beerdigung der Mutter einer Lehrerin waren alle Schulklassen und die gesamte Lehrerschaft anwesend. Die Leute scheuen keine Mühe, um die Toten angemessen zu verabschieden. Wie schlimm muss es für die Menschen in Port-au-Prince sein, die ihre Angehörigen nicht begraben konnten!

Die Frau unterm Mangobaum

Denis Joseph (mit grünem Top) aus Port-au-Prince mit ihrer Gastfamilie Auch eine Frau will mir nicht aus dem Kopf. Denis Joseph, 31 Jahre. Sie hat ihren Mann und ihre beiden Jungen beim Erdbeben verloren. Sie ist nach Ouanaminthe gekommen, weil ihre Tante in Cap Haitien wohnt. Doch sie hat nicht die Kraft weiterzureisen. Den ganzen Tag sitzt sie auf einem kleinen gelben Stuhl unter einem niedrigen schattenspendenden Mangobaum bei den Leuten, bei denen sie untergebracht ist, und schaut ins Leere. Ihre Gastgeber bringen ihr zu essen, versuchen mit ihr zu sprechen. Doch Denis antwortet kaum. Sie sitzt und schweigt. Die Trauer lähmt sie.

Die Hilfe aus dem Nachbarland

Wir haben Padre Regino Martínez getroffen. Er ist Leiter der Menschenrechtsorganisation „Solidaridad Padre Regino Martínez aus DajabónFronteriza“ und einer der Menschen, die trotz vieler Kritik, die manchmal ihn mir für die Institution Kirche gärt, mich mit ihr versöhnt. (Ein kleines Porträt über den außergewöhnlichen Mann findet sich im Reportageheft Kontinent der Hoffnung – Haiti, das 2009 erschienen ist: „Padre Reginos radikale Option für die Armen.“). Regino und seine Mitearbeiter und ehrenamtliche Unterstützer arbeiten seit Jahren schon für einen besseren Schutz haitianischer Migranten in der Dominikanischen Republik und prangern Menschenrechtsverletzungen an der Grenze an. Und Padre Regino hat sich nie gescheut, den Rassismus und die populistische Migrationspolitik seines Landes zu kritisieren.

Umso glücklicher und voll des Lobes für sein Land ist er seit dem Erdbeben. Die spontane Hilfsbereitschaft und Solidarität der Dominikaner für die Haitianer ist enorm gewesen – und auf allen Ebenen: Bevölkerung, Regierung, Kirche – alle haben schnell, koordiniert und großzügig geholfen. „Das zeigt, dass der anti-haitianische Diskurs und der Rassismus in der Dominikanischen Republik keine tiefen Wurzeln haben, sondern ideologischer, konzeptueller Natur ist“, sagt P. Regino. Selbst nationalistische Politiker hätten nachdrücklich zur Solidarität aufgerufen. Mittlerweile sei die große Welle spontaner, großzügiger Hilfe etwas abgeklungen und habe einer pragmatischeren, rationaleren Vorgehensweise Platz gemacht. Doch die Begeisterung bleibt: im Moment der höchsten Not bei den Nachbarn sind alle Vorbehalte, Vorurteile, Kritik und Abwehr gegenüber den Haitianern vergessen.

Vorletzter Tag

Morgen abend geht es zurück nach Deutschland. Es ist immer das Gleiche: vor der Reise plagen mich lauter Ängste (und ich jammere meinen armen Kollegen die Ohren voll), doch kaum steige ich am Zielort aus dem Flugzeug, ist es damit vorbei und die Zeit vergeht sehr schnell. Das hat mit den vielen neuen Eindrücken und Informationen zu tun, aber vor allem auch mit der enormen Gastfreundschaft, Herzlichkeit und dem Engagement unserer Projekt- und Gesprächspartner. Immer wieder bin ich äußerst beeindruckt von diesen Menschen, die beharrlich und mutig – jede und jeder auf seine Weise und oft unter widrigen Umständen - für bessere Lebensbedingungen kämpfen. Wir können viel von ihnen lernen.

Text: Verena Hanf

Fotos: Jürgen Escher

In Kuba ausgebildet, in Léogâne und Jacmel im Einsatz

Donnerstag, 18. Februar 2010

Heute hatten wir ein Gespräch mit einer Dominikanerin, die in Kuba Medizin studiert hat und mit fünf weiteren in der Woche nach dem Erdbeben nach Léogâne und Jacmel gereist ist. Derzeit ist sie zur kurzen Erholung in ihrer Heimatstadt Dajabón – ihre Mutter arbeitet für Radio Marién, einem von Adveniat geförderten kirchlichen Sender, der unablässig über Haiti berichtet, zur Solidarität aufruft und auch eine kreolische Sendung für die Haitianer hat.

Elbania Ventura ist 27 Jahre alt, eine große, hübsche Frau, die schnell redet und völlig durchdrungen ist von dem, was sie tut: anderen helfen, eine gute Ärztin sein. In Kuba hat sie studiert, weil ihre früh verwitwete Mutter keine Mittel hatte, ihr ein Studium in der Dominikanischen Republik zu finanzieren. Kuba bietet Studenten aus Lateinamerika und der Karibik kostenlose Medizinstudien, nur die Reise müssen sie selbst bezahlen. Kein Wunder, dass Elbania sich Kuba eng verbunden fühlt: „Dort werden wir zu Ärzten ausgebildet, die als allererstes Menschen helfen wollen – und nicht an die eigene Bereicherung denken.“ Bei Elbania gibt es keinen Zweifel, dass die Ausbildung gefruchtet hat.

Einen Tag nach dem Erdbeben rief eine Freundin bei ihr an, vier Tage später reiste sie mit fünf Ärzten, Medikamenten, Zelten und Lebensmittel über die Grenze nach Haiti. Sie blieb eine Woche, arbeitete gemeinsam mit Haitianern und Spaniern, kam zur Erholung eine Woche zurück und reiste dann wieder nach Legoâne. „In der ersten Woche waren die Menschen wie Zombies“, erzählt sie, „unter Schock, ganz starr“. Am Tag behandelte sie 50 Patienten. “Das war sehr schwierig, vor allem bei der Hitze und dem Staub die Konzentration zu bewahren.” In der zweiten Woche vor Ort war ein Aufbruch bemerkbar: „Die Menschen stehen auf, versuchen sich zu organisieren, ein neues Leben aufzubauen.“ Sie habe großen Respekt davor, wie diszipliniert, wie würdig, wie solidarisch die Haitianer seien. Doch der Bedarf an psychologischer Betreuung sei enorm: „Es gibt natürlich sehr sehr viele Verletzte, körperlich verletzte, die schnell behandelt werden müssen.
Doch es gibt auch sehr sehr viele Menschen, die psychologisch betreut werden müssen, die reden müssen, wir müssen zuhören.“

Text: Verena Hanf

Visuelle Information nur für die Ferne

Mittwoch, 17. Februar 2010

Während in Europa in den zehn Tagen nach dem Beben in Haiti unsere Medien voller Berichte, Bilder und Filme aus Port-au-Prince waren, haben die allermeisten Menschen in Ouanaminthe nur nach und nach mündlich davon erfahren. Zum einen waren die meisten Redaktionen in Port-au-Prince zerstört. Zum anderen gibt es hier in Ouanaminthe wie auch in vielen anderen ländlichen Gegenden Elektrizität nur für eine Minderheit - über Generatoren. Auch das ist eine Facette von Reichtum: Zugang zur schnellen Information. Arme sind davon ausgeschlossen. Eine Schwester kommentiert den Mangel an visueller Informationen aus Port-au-Prince sehr pragmatisch: „es ist vielleicht besser, die Bilder nicht zu sehen.“ Von schneller und unbürokratischer Hilfe hat es die Menschen in Ouanaminthe und auch in anderen Gegenden des Nordens nicht abgehalten. Und die Hilfe hat einen langen Atem. Schätzungsweise 10.000 Menschen sind bisher aus Port-au-Prince nach Ouanaminthe gekommen. Jeden Tag reisen weitere an.

Ungleiche Genzstädte

Straßenszene in OuanamintheOuanaminthe auf haitianischer Seite und Dajabón auf dominikanischer Seite sind nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Doch die Unterschiede zwischen den beiden Städten sind immer noch augenfällig. Dajabón hat geteerte Straßen, Geschäfte, Hotels und Restaurants. Autos und Motorräder röhren durch die Straßen. Die Menschen sind überwiegend gut gekleidet und gut ernährt – trotzdem könnte man Dajabón nicht mit einer westeuropäischen Kleinstadt vergleichen). Nicht so in Ouanaminthe. Auch wenn sich Ouanaminthe in den vergangenen Jahren weiterentwickelt hat, bleibt die schnell gewachsene Stadt von Armut geprägt: Die meisten Wohnhäuser sind eher Hütten – bestehend aus ein oder zwei Zimmer, Holz- oder Steinmauern und Wellblechdächern. Gekocht wird vor oder neben dem Häuschen, das Wasser holt man sich an Brunnen. Fast alle Straßen sind ungeteert – jetzt, nach 24 Stunden heftigen Regens voller großer Pfützen, in denen Papiere und leere Plastikflaschen schwimmen. In einer Neben“straße“ sucht eine Sau mit ihren fünf Ferkeln nach Essbarem, etwas weiter drückt sich eine Ziege an eine Hauswand. Geschäfte gibt es kaum, dafür umso mehr Straßenhändler. Manche haben nur ein oder zwei Waren im Angebot – etwa geschälte Orangen. Überall sieht man Kinder, eines hübscher als das andere, aber die meisten von ihnen zu dünn und in Lumpen gekleidet. Einige sind sogar gänzlich unbekleidet – und wirken dadurch so entsetzlich verletzlich.

100 Dollar für ein SchuljahrSchulkinder in Ouanaminthe

Doch morgens sieht man auch viele, die in adretter Schuluniform, die Mädchen mit Schleifchen im Haar, fröhlich zur Schule gehen. „Nichts ist vielen Eltern wichtiger als der Schulbesuch. Morgens fasten manche, damit ihre Kinder etwas zu essen bekommen,“ sagt Schuldirektorin Marie-Daniel Rameau. Doch Schule ist teuer. Als Rameau im vergangenen Jahr die Schulkosten um 200 Gourdes erhöhen musste, kamen 48 der mehr als 500 eingeschriebenen Kinder nicht mehr zur Schule.

Nach Auskunft der Schwestern von Saint Jean, die sich um die Unterbringung von rund 1000 Schulkinder aus Port-au-Prince in den örtlichen Schulen kümmern, belaufen sich die Schulkosten (Einschreibung, Hefte, Bücher)  pro Jahr und pro Kind  auf etwa 100 Dollar. Viel Geld in einem Land, in dem die Mehrheit mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen müssen. Und unbezahlbar für Menschen, die beim Erdbeben alles verloren haben.

Text: Verena Hanf

Fotos: Jürgen Escher

Angst vor Mauern

Dienstag, 16. Februar 2010

Heute erzählen uns zehn- bis zwölfjährige Mädchen, die vor zwei oder drei Wochen aus Port-au-Prince hierhergekommen sind, wie sie das Erdbeben erlebt haben. Und wie tief die Angst vor weiteren Beben ihnen in den Knochen steckt. Die zwölfjährige Sabine-Carla etwa würde am liebsten beim geringsten Geräusch losrennen. Anfangs wollte sie in kein Gebäude mehr rein, nur darußen sein. Wenn sie im Klassenraum sitzt, begutachtet sie die Wände, hält Ausschau nach Rissen und malt sich Fluchtwege aus. Nach Port-au-Prince will sie auf keinen Fall zurück. Die anderen Mädchen nicken zustimmend. Bloß nicht zurück nach Port-au-Prince. Doch eines hasst Sabine-Carla: „je déteste qu’on m’appelle une sinistrée“ - sie will nicht als Erdbebenopfer bezeichnet werden. Anfangs, als sie nach Ouanaminthe kam, wehrte sie auch jede Frage nach ihren Erlebnissen ab. Sie wie auch die anderen Mädchen möchten normale Schulmädchen sein – bei den Salesianerinnen scheinen sie gut aufgehoben. Neue Freundinnen haben sie auch schon gefunden. Es kommt fast Begeisterung auf, als zwei der Mädchen feststellen, dass sie in Port-au-Prince auf der gleichen Schule waren. Namen werden ausgetauscht, Neuigkeiten abgefragt. Nur ein Mädchen will nichts sagen. Mit verschlossenem, unbeweglichen Gesicht sitzt sie in ihrem blauen Schulkleid auf dem Stuhl. Stumm. „Viele, vor allem die größeren Kinder sind traumatisiert“, sagt die Schulleiterin Schwester Marie-Daniel. „Wir versuchen ihnen so gut wie möglich zur Seite zu stehen.“

In Cap-Haitien, eine Fahrstunde von Ouanaminthe, ist gestern eine Schule zusammengebrochen. Vier Kinder starben. Deshalb blieben einige Schulen in Ouanaminthe heute geschlossen. Auch hier war das Beben vom 12. Januar deutlich zu spüren, wer weiß, welche Auswirkungen es auf die Gebäude hatte. Die Angst vor weiteren Beben ist überall präsent. Zurück in meinem Zimmer bei den höchst gastfreundlichen Salesianerinnen, schaue ich prüfend über die Wände. Würden sie einem Beben standhalten? Sind sie solide? Abends hört es nicht auf zu regnen. Prasselnder dichter Regen. Muss an die rührende Vorkehrung der Schwestern denken: aus Angst vor einem Tsunamie haben sie eine Zehn-Liter-Trinkwasserflasche und eine Kiste Kekse auf die Dachtreppe deponiert. Ein Schlafsack ist auch griffbereit. Nur das Meer ist entfernt.

Verena Hanf

Kontrastprogramm

Montag, 15. Februar 2010

Nach Einsicht in die Luxuswelt der Playa Dorada am Montag ist der „Kontrast-Schock“ besonders groß, als wir in die haitianische Grenzstadt Ouanaminthe kommen (übrigens mit Gepäckstücken auf dem Sozius eines Moto-Taxis …durch das Marktgewimmel auf einer Schlammpiste… auch eine interessante Fortbewegungserfahrung…ich war sehr „entspannt“). Wir fahren direkt zu den Schwestern von Saint Jean – DIE Anlaufstelle für Hilfsbedürftige in der Stadt. Im Hinterhof des Hauses mit den blauen Fensterläden sitzen und stehen viele Menschen, Kinder spielen, Jugendliche verharren still und unbeweglich auf Stühlen. Männer unterhalten sich leise auf einer Holzbank. Die vier Schwestern und eine Praktikantin aus Spanien sind voller Elan, reden mit den einen, mit den anderen, telefonieren, erklären, beruhigen.

Aufnahme der Flüchtlinge aus Port-au-Prince

Die meisten Hinterhofgäste sind Menschen, die wegen des Erdbebens aus Port-au-Prince nach Ouanaminthe geflohen sind. Da ist zum Beispiel eine hochschwangere Mutter, Louie, die mit drei eigenen Kindern und fünf nach dem Beben aufgelesenen, orientierungslosen Kindern, die ihre Eltern verloren haben, vor zwei Wochen hierhergekommen ist. Oder eine sechzehnköpfige Familie (ohne Eltern – nur Kinder, Jugendliche, ein Großvater und eine Tante), die einen Schlepper bezahlten, um in die Dominikanische Republik zu kommen. An der Grenze wurden sie festgenommen – keiner von ihnen hat gültige Papiere. Sie müssen wieder zurück nach Port-au-Prince, doch vorerst sind sie bei den Schwestern untergebracht.

Louie (mit Strohhut) mit ihren KindernFür Louie, die Mutter mit den acht Kindern haben die Schwestern und ihre zahlreichen freiwilligen Helfer Lebensmittel und Kleidung besorgt und eine Schule gefunden, in die die Kinder gehen können. Eine Unterkunft hat sie selbst ausfindig gemacht: noch schläft sie in dem Einzimmerhüttchen auf den nackten Erdboden – die Kinder um sie herum. Die Schwestern wollen ihr ein Bett besorgen. Im Juni wird Louies Baby geboren. Ein Bett ist ihr größter Wunsch. Die Frau ist rund und stark – sie lacht schnell, weist genauso rasch die Kinderschar zurecht und liebkost unablässig ihr jüngstes Kind, das sofort protestiert, wenn sie es loslässt.

Die Flüchtlinge kommen mit leeren Händen. Wenn sie hier keine Familie haben, brauchen sie alles. Die Schwestern haben zusammen mit Partnerorganisationen wie „Solidaridad Fronteriza“ (Jesuitenflüchtlingsorganisation in Dajabón) vier Kommissionen gebildet, die sich um die Erdbebenopfer kümmern: Gesundheit (darunter fällt auch psychologische/seelsorgerliche Betreuung), Familienzusammenführung, Erziehung und Kommunikation. Doch nicht nur die Schwestern sind für die „déplacés“ aus Port-au-Prince aktiv. Viele viele Menschen in Ouanaminthe haben ihr Haus geöffnet und beherbergen teilweise ganze Familien. So hat etwa Marie-Mercie St.Ange, Lehrerin an der Schule der Salesianerinnen, eine sechsköpfige Familie aufgenommen, sie hat selbst drei eigene Kinder. „Wir müssen zusammenhalten und kommen ganz gut miteinander aus“, sagt sie. Schwierig sei es vor allem mit den Lebensmitteln – es reiche hinten und vorne nicht.

Verena Hanf

Playa Dorada

Sonntag, 14. Februar 2010

Im Bild: Luxushotel auf der Playa Dorada

Luxushotel auf der Playa DoradaHinter einem großen Tor, das Befugten den Weg zu einem weitläufigen Komplex mit 16 Hotels, Golfplatz und Einkaufszentrum freimacht, sehe ich sie, die Touristen. Zuhauf, rotgebrannt und beshortet am Pool, am Strand oder an der Bar der All-Inclusive-Hotels; vereinzelt, sonnenbebrillt und von eleganter Stille umhüllt im 5-Sterne-Boutique-Hotel à la carte. Der Hoteldirektor zeigt uns stolz seine drei Hotels, er ist ein freundlicher Geschäftsmann, der sich Zeit nimmt und bei dem Rundgang durch die Hotelanlagen immer wieder mit Gästen ins Gespräch kommt. Von Prostitution will er nichts hören, seine Hotels seien Familienhotels, All-Inklusive sei für Eltern geschaffen worden, zudem kämen viele Paare und sonnenhungrige Rentner.

Tatsächlich sieht man kein Paar des Typs „alter weißer Mann mit schöner junger Dominikanerin“ - keines? Doch: in der Lobby des 5-Sterne-Hotels. Beide sehen vor allem gelangweilt aus. Und als wir am Golfplatz vorbeifahren meine ich den ruhigen höflichen Mitvierziger wiederzuerkennen, der neben mir im Flugzeug saß – in Begleitung einer dominikanischen Schönheit. Beide lachen und schubsen sich. Ein Win-win-Geschäft?

Die Arbeitsplätze in den Hotels sind bei den Dominikanern beliebt – es sind relativ sichere Arbeitsplätze, Dominikanischer Angestellter im Hotelaußerdem versprechen sie Zusatzeinnahmen durch Trinkgeld. Allerdings müssen alle Hotelangestellte, die direkt mit den Klienten zu tun haben, Englisch sprechen können.

Glatt is beautiful?

Schon im Flugzeug fiel mir das seltsame Haaraccessoire bei einer Dominikanerin auf, in Puerto Plata sehe ich es wieder und am Busbahnhof von Santiago auch mehrfach: ein schwarzes engmaschiges Netzkäppchen aus Haargummi. Es ist eng um den Kopf gespannt und soll – so werde ich belehrt - helfen, widerspenstiges, kräuselndes Haar zu bändigen. Kaum eine Frau hier, egal welchen Alters, trägt Löckchen. Alle Mittel sind erlaubt, um das Haar zu feinem dunklen Schnittlauch zu glätten. Schade eigentlich.

Text: Verena Hanf

Fotos: Jürgen Escher