Archiv für November 2009

Die Roten und die Blauen

Montag, 30. November 2009

Wahlen in HondurasWährend es im Zentrum von Tegucigalpa an diesem Sonntag ruhig ist - die Regierungsgebäude werden von Soldaten schwer bewacht - sind auf den Straßen der besseren Stadtviertel fröhlich hupende Autokorsos unterwegs mit den blauen Fahnen der Nationalisten und den rot-weiß-roten der Liberalen. Die Liberalen haben auf den Straßen eindeutig die Hoheit, fast erinnert alles an ein gewonnenes Fußballspiel. Auch vor dem Haus ihres Kandidaten Elwin Santos weht ein Meer aus Fahnen, jedes vorbeifahrende Auto wird johlend begrüßt, vereinzelte Autos mit blauen Fahnen werden heftig ausgebuht. Im Garten baut die internationale Presse Fernsehkameras auf für die erwartete Rede von Elwin. Doch als die ersten Hochrechnungen am Bildschirm ein Desaster für die Liberalen ankündigen, machen sich die frustrierten Anhänger rasch aus dem Staub und die Rede am Balkon fällt aus.

Foto+Text: Achim Pohl

“Ein wichtiger Schritt nach vorn”

Montag, 30. November 2009

Ein Interview mit Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga über die Wahlen und die Lage in Honduras.

Vor den Wahlen in HondurasHerr Kardinal, Sie waren bei der Amtseinführung Manuel Zelayas dabei und galten als enger Berater, haben sich dann aber vom Präsidenten distanziert und ihm nach seinem Sturz nahegelegt, er solle nicht zurückkehren. Was ist da vorgefallen?

Eine der grössten Enttäuschungen war für mich,  dass diese Regierung vom Schuldenerlass profitiert hat, für den sich unter anderem die Kirche sehr eingesetzt hat, und so 400 Millionen Dollar jährlich zur Verfügung hatte für soziale Projekte. Zu Beginn gab es auch gute soziale Programme, dann aber wurde leider alles dem Projekt der Wiederwahl untergeordnet. Die internationale Gemeinschaft hat das nicht wahrgenommen.

Wegen dieser Haltung sind Sie mehrfach bedroht worden und stehen unter besonderem Personenschutz. Woher kommen diese Drohungen?

Sie kamen zunächst von Hugo Chavez aus Venezuela. Er hat mich beschimpft und verkündet, ich werde entführt werden. Seither erhalte ich wöchentlich anonyme Drohungen per Telefon, ein Bombenanschlag auf meine Residenz wurde vereitelt. Auch die Mauern der Kathedrale und der ganzen Stadt sind vollgeschmiert mit Parolen des Widerstands gegen mich, zum Beispiel “tötet den Kardinal”. Seither kann ich aus Sicherheitsgründen keine Messen in der Kathedrale mehr lesen.

Hat der Konflikt die Kirche gespalten? Es gab ja beispielsweise einen Pfarrer, der lange bei Zelaya in der brasilianischen Botschaft verschanzt war?

Die Kirche hat zwei Erklärungen abgegeben, die ich verlesen habe und auf einem breiten Konsens basierten. Dieser Pfarrer, von dem Sie sprechen, ist ein verirrtes Schäflein. Er hat von Anfang an den Widerstand mit organisiert. Inzwischen hat er das aber bereut und die Botschaft verlassen.

Welche Rolle wird die Kirche jetzt nach den Wahlen spielen?

Die Wahlen werden das Problem nicht lösen, sie sind aber ein wichtiger Schritt nach vorne. Die Kirche wird sich für die Aussöhnung einsetzen. Wir Honduraner können  unterschiedlich denken, aber deshalb sind wir keine Feinde. Und wichtig ist auch die soziale Gerechtigkeit. Das muss der neuen Regierung klar sein.

Von Sandra Weiss
Foto: Achim Pohl

Zwischenstopp Miami

Freitag, 27. November 2009

Weil der einzige Flieger nach Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, exakt fünf Minuten vor der Ankunft meines Flugzeugs aus Deutschland in Miami abfliegt, bleibt mir fast ein ganzer Tag zum Herumschlendern und zum Gewöhnen an die Zeitumstellung. Und natürlich ans Wetter: Nicht umsonst prangt auf allen Autokennzeichen Floridas der Hinweis “The Sunshine State”. Ich wohne in einem Art-Deco-Hotel in South Beach, das auf jeden Fall schon bessere Zeiten gesehen hat, aber das tut dem Charme keinen Abbruch.

Miami ist anders als andere amerikanische Städte: Mit seinen Fußgängerzonen und lässigen Straßencafes wirkt es sehr europäisch, die Hotels heißen dementsprechend auch “Marseille” oder “The Parisian”. Man kann hier einige Zeit verbringen, ohne einen gebürtigen US-Amerikaner zu treffen: Die Flughafenarbeiter sind Haitianer, mein Taxifahrer Brasilianer und alle Mitarbeiter meines Hotels kommen aus Kolumbien.
Und neben den Immigranten zieht Miami auch Touristen aus Europa, ganz Lateinamerika und aus den USA selbst an, die ein bisschen Alte Welt in ihrem Heimatland schnuppern wollen. Was man ebenfalls schnuppert, sind die dicken Zigarren, mit denen viele Touristen abends durchs Vergnügungsviertel ziehen. Währenddessen bereiten in den Vorgärten und am Strand die Obdachlosen ihr Nachtlager und ziehen sich unter dem Gewummer der Disco-Musik ihre Schlafsäcke über die Ohren.

Text und Foto: Achim Pohl

Haiti und Honduras im Blick

Freitag, 27. November 2009

Bamberg zeigt sich von seiner weiß-blauen Seite: Der Himmel über der Bischofsstadt lacht (noch). Inzwischen sind alle Gäste zur Adveniat-Aktionseröffnung in Bamberg eingetroffen. Am Vormittag steht eine Besichtigung des Doms zu Bamberg auf dem Programm - die mehr als 1000-jährige Geschichte des Bauwerks lässt auch die Deutschen staunen. Für Haitianer, die stolz sind auf ihre mehr als 200-jährige Unabhängigkeit, sind 1.000 Jahre eine geradezu biblische Zeitspanne. Und die gekrönten Häupter des heiligen Herrscherpaares Heinrich und Kunigunde flößen Ehrfurcht ein.
Am Nachmittag dann Proben für den Lateinamerika-Tag: Jugendliche aus Bamberger Schulen wollen am Sonntag die Adveniat-Trachtenschau aufführen. Das ist eine Modenschau mit typischer lateinamerikanischer Kleidung: Sombreros aus Mexiko, Ponchos aus Argentinien und eine Mae dos Santos mit dem weißen Gewand der „Priesterinnen“ aus dem brasilianischen Bahia werden am Sonntag vorgeführt werden.
Um 15 Uhr treffen Paten aus dem gesamten Erzbistum ein: Viele von ihnen unterstützen bereits seit Jahren die Ausbildung von Priestern in Haiti und freuen sich, dass sie in Erzbischof Louis Kebrau, dem Vorsitzenden der Haitianischen Bischofskonferenz, einen kompetenten Berichterstatter haben.
Gott sei Dank hat sich auch das Problem mit dem Flug unseres Gastes aus Haiti geklärt: Da er kein Visum für den Flug über Miami nach Europa erhalten hatte, haben wir ihm einen neuen Flug gebucht, der zwar einen Umweg bedeutet, ihn aber sicher nach Deutschland bringen wird. Dank an unser Reisebüro raptim in Aachen!
Fast hätten wir die Debatte im Bundestag am gestrigen Donnerstag über die aktuelle Lage in Honduras verpasst. In dem mittelamerikanischen Land sind für das Wochenende Wahlen angesetzt, und Adveniat hat ein Journalistenteam im Land, da Honduras 2010 eines der Beispielländer der Adveniat-Jahresaktion sein wird. Die Journalisten werden hier im Blog schreiben und auf der Internet-Seite www.blickpunkt-lateinamerika.de über die Wahlen berichten.
Wir hoffen auf einen guten, gewaltfreien Ausgang der Wahlen.
Christian Frevel

Auftakt zur Aktionseröffnung

Donnerstag, 26. November 2009

Gestern Abend sind wir in Bamberg angekommen. Das 1000-jährige Erzbistum ist in diesem Gastgeber der Eröffnung zur Adveniat-Jahresaktion. Im Bistumshaus St. Otto, das zum Teil noch als Priesterseminar dient, haben wir bis Sonntag ein Büro eingerichtet und beziehen auch unsere Zimmer.

Die ersten Gäste aus Haiti waren schon vor zehn Tagen gekommen: Der Maler Fritzner Cedon und seine Frau haben bereits Workshops in drei Schulen im Großraum Bamberg hinter sich – einige Bilder hat Adveniat gemeinsam mit Fotografie aus Haiti zu einer Ausstellung zusammengestellt, die zwei Wochen lang im Diözesanmuseum zu sehen war und jetzt, zum Aktionswochenende, in das Bistumshaus kommt. Hier findet am Sonntag ein großer Lateinamerikatag statt: Gruppen aus dem ganzen Erzbistum stellen ihre Arbeit für Lateinamerika oder einzelne Länder des Kontinents vor, es gibt Musik, Tanz, Gespräche…

Wir beginnen unseren Aufenthalt in Bamberg mit einem zünftigen Kellerbier oder – für die Unerschrockenen unter uns – einem typischen „Rauchbier“. Die Gäste aus Haiti sind beeindruckt von den großen tönernen Krügen, in denen der Gerstensaft serviert wird.

Heute morgen dann die Pressekonferenz zum Auftakt der Aktion im Bischofshaus. Gastgeber Erzbischof Ludwig Schick hat eine Haiti-Karte mitgebracht, die gemeinsam mit dem Adveniat-Aktionsplakat als Fotokulisse dient. Die Ausführungen des Vorsitzenden der Haitianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Louis Kébreau aus Cap-Haitien werden aus dem Französischen und Spanischen simultan ins Deutsche übersetzt. Bischof Felix Genn, Vorsitzender der Kommission Adveniat, fordert einen „Perspektivwechsel im Umgang mit der weltweiten Armut“. Wir Deutschen, so der Münsteraner Bischof, gründeten unseren Lebensstandard auch auf die Lebensbedingungen in den ärmeren Ländern. „Billig-Angebote sind nur deshalb möglich, weil anderswo Menschen zu Hungerlöhnen arbeiten“, sagt Genn. „Wer Menschen arm macht oder arm hält, verletzt elementare Menschenrechte.“

Das Adveniat-Aktionsbüro kämpft derweil mit den Einreisebestimmungen der USA: Die Vereinigten Staaten wollen einen der Adveniat-Aktionsgäste nicht über Miami reisen lassen – die Ausstellung des Visums verzögere sich bis mindestens zum 18. Dezember – da soll unser Gast bereits zurück in Haiti sein. Wir werden jetzt wohl einen Flug über Santo Domingo buchen müssen…

Wenn die UNO reist…

Freitag, 20. November 2009

Wenn das Wort Blauhelmeinsatz fällt, da denkt man als Normalbürger doch an eingestaubte Soldaten in unwirtlichen Wüstengegenden, an teuren Materialaufwand, an nächtliche Bootslandungen und spektakuläres Gehubschraubere…
Und jetzt dies: Schalter der American Airlines in Miami. Drei kurzhaarige junge Männer versuchen ein originalverpacktes Gewehr nach Port-au-Prince einzuchecken. Das geht natürlich nicht. Langes und lautes Palawer, die wartende Schlange murrt aber die Mitarbeiter bleiben hart. Auch wenn es sich bei dem Gewehr, wie sich später herausstellt, nur um ein Luftgewehr handelt. Später im Flugzeug sitzen noch viel mehr junge Kerle mit derselben schnittigen Frisur.  Alle sprechen Portugiesisch. Alle mit diesem wundervollen, weichen brasilianischen Akzent. Und da wird klar: Hier reisen UN-Soldaten der MINUSTAH nach Haiti zu ihrem Blauhelmeinsatz. Und das nicht anders als wir Touristen. In T-Shirt und Jeans,  mit Ärger am Schalter, lästigem Ausfüllen der Einreisezettel, lauwarmem Kaffee und pappigen Sandwichs aus der Bordbar.
Der Einsatz der MINUSTAH dauert bereits seit Juni 2004. Damals reagierte die Weltgemeinschaft auf die andauernden Unruhen und bürgerkriegsähnlichen Zustände in Haiti und beschloss die Resolution 1542. Die haitianische Armee wurde abgeschafft, etwa 8500 Uniformierte, Soldaten und Polizisten kamen ins Land. Deren Mandat wurde kürzlich bis Oktober 2010 verlängert.
Über den Erfolg dieser Mission, über Aufwand und Nutzen bestehen in Haiti durchaus unterschiedliche Meinungen. Fakt ist jedoch, dass das Land einigermaßen zur Ruhe gekommen ist. Die Strassen sind auch nach Sonnenuntergang bevölkert, die Kriminalitätsrate ist zurückgegangen.
Da bleibt nur eine Frage:  Was, in aller Welt, hat ein brasilianischer Blauhelmsoldat in Haiti mit einem Luftgewehr vor?

Martin Steffen aus Port au Prince, Haiti

Ordentliche Leute

Freitag, 20. November 2009

Von Gaby Herzog und Martin Steffen

Luis mag sich nicht setzen. „Lieber nicht“, sagt er und schüttelt schüchtern den Kopf, als Martin ihn auffordert, sich für ein Foto zu seinen fünf Geschwistern auf die Stufen vor der Hütte zu setzen.
Der 17-Jährige hat sich herausgeputzt: Schwarze Hose, schwarz-weiß kariertes Hemd, die Schuhe sind frisch geputzt. Nach unserem Aufstieg von der Straße über Trampelpfade hoch zu seiner Hütte, ist Luis dabei, Staubflecken von der empfindlichen Hose zu rubbeln. Würde er sich zu seinen Brüdern und Schwestern gesellen, die in kurzen Hosen auf dem Boden sitzen, würde er sein Outfit völlig ruinieren.  Das ist natürlich ein Argument…
Jeden Tag macht sich Luis stadtfein. Drei Monate lang geht er zu einem Computer Kurs im Projekto 2000 von Weihbischof Chávez in San Salvador. Dort haben wir ihn kennengelernt und ihn gebeten, ihn nach Hause begleiten zu dürfen. Nie hätten wir erwartet, dass Luis mit seiner Familie in einer zwölf Quadratmeter großen Hütte mit plattgeklopftem Lehmboden lebt, in der es kein fließendes Wasser, keinen Strom und nur zwei schmale Betten gibt. An der Tür hängt ein Adventskranz aus durchsichtigen Plastiktüten und „Kugeln“ aus roten Verschlusskappen. Die Mutter arbeitet als Haushälterin in der Stadt. Sie ist selten zu Hause, die Kinder müssen für sich sorgen, braten tagein tagaus Maisfladen und kochen dazu Bohnen.
Luis weist seinen kleinen Bruder an, mit dem Besen den Hof zu fegen, die kleine Schwester stapelt leere Cola- und Bier-Dosen zu einem ordentlichen Haufen. „Die bringen wir zum Altmetall und bekommen ein paar Cents dafür“, erklärt er. „Mutter sagt: Auch wenn unser Haus aus Dingen gebaut ist, die andere weggeworfen haben, so heißt das noch lange nicht, dass wir keine ordentlichen Leute sind.“

McDonald‘s kann einpacken

Sonntag, 15. November 2009

Gaby Herzog und Martin Steffen

Bei unserer Ankunft vor elf Tagen klang das Wort für unsere Ohren noch sehr exotisch: „Pupusas“ stand da in großen handgeschriebenen Lettern auf der kleinen Bude unweit unseres Hotels. Das sind Maisfladen mit Bohnenpaste und Käse gefüllt, erklärte uns Paco, der Fahrer und machte dabei ein verzücktes Gesicht. Die mussten wir natürlich probieren und nahmen gleich am ersten Abend auf den kleinen Plastikstühlchen vor dem Wellblechverschlag Platz.Pupusa-Laden in El Salvador

Die platt geklopften Teigtaschen werden auf einem Grill am Eingang frisch zubereitet und auf Gitternetztellern aus Plastik serviert. Dazu gibt es eingelegten Kohl, Möhren, scharfe Jalapeños und eine Tomaten-Salsa. Sehr heiß, sehr nahrhaft, mit 40 US-Cent das Stück sehr günstig und wirklich sehr, sehr lecker! Pupusas – das Wort merken wir uns, beschlossen wir.

Schnell wurde uns klar, dass es sich bei Pupusas nicht um irgendwelche Teigtaschen handelt, sondern um D A S salvadorianische Nationalgericht. An jeder Straßenecke stehen die heißen Grillplatten auf denen die Fladen garen, im Radio läuft der Song „A mi me gustan las Pupusas“ („Mir schmecken Pupusas“) rauf und runter und die Diskussion, wie viele Pupusas ein erwachsener Mensch hintereinander essen kann, kann abendfüllend werden. Der Rekord soll bei 50 liegen!!! Martins persönliche Bestleistung liegt bei dreieinhalb, meine bei zweieinhalb!

Gestern Abend – wir saßen beim Essen zusammen – da kam uns die Idee: Wir bringen die Pupusas nach Deutschland. Wir werden die Sortenvielfalt erweitern, Teigtaschen mit Speck, Rucola oder Kräutern der Provence und als süßen Nachtisch mit Marmelade und Nutella anbieten. Die beiden ersten Filialen sind in Bochum und Berlin. McDonald‘s kann einpacken und in drei bis fünf Jahren weiß in Deutschland jedes Kind, was Pupusas sind…

Gaby Herzog und Martin Steffen

Romero als Gartenzwerg

Donnerstag, 12. November 2009

Von Gaby Herzog und Martin Steffen

Klar, hatten wir schon viel von ihm gehört. Davon, dass er sich auf die Seite der Armen und Rechtlosen gestellt, dass er furchtlos die Verbrechen und Ungerechtigkeiten der Oberen und der Militärs angeprangert hat, dass das Volk ihn dafür liebte und verehrte, dass er ermordet wurde und davon, dass er bis heute in den Herzen der Salvadorianer weiter lebt. Eine dreihundert Seiten dicke Biographie haben wir vor Antritt unserer Reise gelesen, dazu einige Aufsätze studiert und den Film des Schweizer Journalisten Oswald Iten angesehen.
Doch wie allgegenwärtig dieser Erzbischof Oscar Arnulfo Romero auch fast 30 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod ist, das überrascht uns bei unserer Reise durch das Land jeden Tag aufs Neue: Jeder, der damals schon auf der Welt war, hat seine persönliche Geschichte zu „Monsegnor“ zu erzählen, andere erinnern sich an die Erzählungen der Großmutter oder der Eltern und halten größte Stücke auf ihn – egal ob Katholik oder Protestant.
Diese Verehrung schlägt sich auch im Straßenbild wider: Martin hat seit einigen Tagen begonnen, Romero-Abbildungen zu fotografieren. Mal mehr mal weniger original lächelt einem Romeros Konterfei, in groben Pinselstrichen gemalt, von den Hauswände entgegen, die Menschen tragen Anstecker auf dem Pullover, haben seine Botschaften in Bäume geritzt oder sein Foto an prominenter Stelle in ihren Wohnzimmern aufgehängt. So auch Erzbischof Rosa Chavez, den wir heute in seinem Haus besuchten: In einem Blumenkübel steckt dort ein freundlich lächelnder Romero-Gartenzwerg…

Wer arm ist, lebt gefährlich

Dienstag, 10. November 2009

Die Berliner Journalistin Gaby Herzog und der Bochumer Fotograf Martin Steffen sind im Auftrag von Adveniat in El Salvador unterwegs.

Gestern Abend hatten wir dem Sturzregen noch seine positiven Seiten abgewinnen können: Stundenlang trommelte das Wasser auf das Vordach der Veranda, während wir entspannt bei Limonentee und süßen Keksen unsere Texte geschrieben und Fotos bearbeitet haben. Dass wir am Nachmittag beim Rückweg von der UCA (Universidad Centroamericana) zum Hotel bis auf die Knochen nass geworden sind, fanden wir irgendwie beeindruckend - genau wie die Sturzbäche, die die Straßen überspülten. „Heute regnet es nur einmal”, hatte Paco gesagt und wir haben zusammen gelacht…

Umso unvorstellbarer die Bilder heute morgen in den Früh-Nachrichten: Die Ausläufer des tropischen Wirbelsturms „Ida” haben in der Nacht schlimme Schäden angerichtet. Die Wassermassen haben Häuser weggespült, Autos mit sich gerissen, Bäume umgestoßen. Die schreckliche Bilanz der Nacht: 90 Tote, 60 Menschen werden noch vermisst. Die TV-Bilder zeigen, dass es - wie so oft - ein Armenviertel getroffen hat. Ein Erdrutsch hat die Gebäude unter sich begraben. Die Häuser in dem Örtchen San Vincente waren ohne ordentliches Fundament an einen Hang gebaut worden.

Messerschleifer aus El SalvadorNahuizalco, ein ganz ähnliches Städtchen, das eine Autostunde von San Salvador entfernt liegt und von „Ida” verschont wurde, haben wir heute besucht: Feliciano Maye Tadeo lädt uns zu sich nach Hause ein. Der Messerschleifer wohnt mit seiner fünfköpfigen Familie in einfachsten Verhältnissen. Es gibt keinen Wasseranschluss, nur ein Bett für alle und in der Küche wird selten so viel zubereitet, dass alle wirklich satt werden.

Feliciano hebt den Kopf und betrachtet mit Sorge die dunklen Wolken, die sich über dem nahe liegenden Vulkan zusammenbrauen. Auch seine Hütte hat kein Fundament, steht auf glitschigem, unsicherem Grund an einem abschüssigen Hang. „Vor wenigen Monaten ist mein Schwager umgebracht worden, der Onkel meiner Frau wurde vor einem Jahr von Banditen erschossen. Dabei waren beide mittellos, hatten kaum Geld bei sich”, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Aber so ist es nun einmal: Wer arm ist in El Salvador, der lebt gefährlich.”