Von den Llanos nach Zulia
Mittwoch, 30. September 2009Nach knapp zehn Tagen in den weiten Gebieten der venezolanischen Llanos bin ich nach einem fast zweistündigen Flug über Caracas auf der anderen Seite der Andenkette, in El Vigía angekommen. Vor gut zwei Jahren verunglückte eine Maschine der Fluggesellschaft Santa Barbara in Merida, das inmitten der Anden liegt. Es war schon immer bekannt, dass der Flughafen sehr gefährlich ist; neben tückischen Fallwinden von den umgebenden Bergen ist die Lage des Flughafens inmitten der Stadt ein großes Risiko. Die Behörden haben auf das Unglück geantwortet und alle Flüge nach Merida gestrichen. Der Ausweichflughafen ist der von El Vigía, das gut eine Autostunde von Merida entfernt am Rande der Andenkette liegt. Es ist eine Stadt von rund 200.000 Einwohnern, die besonders vom Handel und Dienstleistungen lebt. Die Region ist bekannt für den Anbau von Bananen und Kakao. Seine Bewohner stammen überwiegend aus den Anden. Während die Llanos teilweise noch echtes Missionsgebiet sind, - sie verhalten sich entweder indifferent der Religion gegenüber oder sind evangelisch, was aber auch nicht unbedingt viel aussagt -, sind die Einwohner von El Vigía überwiegend katholisch und gläubig. Muss die Kirche in den Llanos um jeden Gottesdienstbesucher kämpfen, sind die Kirchen in El Vigía und der Andenregion voll. Wenn auch die religiöse Bildung der Gläubigen noch defizitär ist, nimmt die Volksreligiosität, besonders neben der Verehrung der Mutter Gottes auch die des Heiligen Benedikt, einen breiten Raum ein. Sind die Kirchen in den Llanos eher klein, konnte ich in El Vigía Pfarrkirchen von Größen über 1.000 m² sehen. Die rückläufige oder ganz ausbleibende Unterstützung durch den Staates wird durch die Gläubigen getragen. Die Beteiligung an Aktivitäten und ihrer Finanzierung ist hoch. Das ist in den Llanos anders. Auch packen die Menschen an, trotz aller Schwierigkeiten und der Bedrohung durch die bewaffneten Kräfte aus Kolumbien, die immer stärker im Land präsent sind. Dennoch ist auch hier die weltweite Wirtschaftskrise inzwischen angekommen: Obwohl Venezuela selbst Erdöl besitzt und vor allem die USA beliefert, wird in den Tankstellen das Benzin knapp. Die Regierung schiebt dies ausschließlich auf den Schmuggel nach Kolumbien und versucht dem durch stärkere Kontrollen Herr zu werden. Fakt sind die langen Schlangen an den Zapfsäulen.
Während El Vigía und die Zone bis zum Maracaibosee überwiegend von der Landwirtschaft leben, werden die großen Sumpfgebiete am Rande der kolumbianischen Grenze, die zum Apostolischen Vikariat Machiques gehören, überwiegend von der Viehzucht genutzt. Aber auch hier sind Veränderungen erkennbar: Die Viehzucht mit Rindern wird durch die Ansiedlung amerikanischer Büffel verdrängt. Auch haben viele Viehzüchter auf den Anbau der Palma Africana umgestellt, eine Palmenart, dessen Früchte sehr fetthaltig ist, aus dem man Öl und andere Stoffe gewinnen kann. Sie beansprucht aber den Boden sehr, so dass viele Regionen, in der die Pflanze angebaut wurde, inzwischen zu Wüsten verödet sind. Die Konsequenzen werden allerdings erst Jahre später sichtbar.
In der Region des Apostolischen Vikariats sind die Auswirkungen der bewaffneten Auseinandersetzungen im Nachbarland sichtbar: Die Vacuna, wie man allgemein die Schutzzahlungen nennt, sind für alle Gewerbetreibenden obligatorisch. Das Vikariat hat in Zusammenarbeit mit Caritas und dem UN-Flüchtlingshilfswerk ACNUR Büros für Flüchtlinge aus Kolumbien eingerichtet, um ihnen materielle, psychologische und vor allem juristische Hilfen anzubieten.
Fortschritte macht aber die Bekämpfung der Malaria, von Gelbfieber und Denge. Durch die Trockenlegung der Sümpfe einerseits und eine verbesserte medizinische Versorgung andererseits konnte die Zahl der Toten erheblich abgesenkt werden. Dennoch gilt die Zone weiterhin als sehr gefährdet.
29.09.2009
Reiner Wilhelm