Archiv für Juli 2009

Was bleibt nach dem großen Treffen vieler „kleiner Leute“ in Porto Velho?

Dienstag, 28. Juli 2009

Das knapp einwöchige Treffen der Deligierten der Basisgemeinden Brasiliens (CEBs) hinterlässt vielfältige Eindrücke. Bei mir überwiegt zunächst einmal die Dankbarkeit für die Gelegenheit, ein Stück Weg mitgegangen zu sein, sei es in Arbeitsgruppen, in Ansprachen, während der täglichen Liturgie, in Gesprächen oder auf dem heißen Asphalt, dem der ursprüngliche Regenwald um Porto Velho zum Opfer gefallen ist.

Lebendigkeit.  Sofern die 3.000 Deligierten die 80.000 Basisgemeinden Brasiliens repräsentieren – und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln – kann man uneingeschränkt feststellen, dass diese sehr lebendig sind. Davon zeugen die Liturgiefeiern ebenso wie die kulturellen Höhepunkte und die verschiedenen Charismen der anwesenden Frauen und Männer aus dem ganzen Land. Prägend für die vielen Gespräche sind die für den Anderen offenen Augen, Ohren und Herzen. Das Bild des Unterwegs-Seins der CEBs drückte sich bisher in einem Zug aus, an den zu jedem bisher zwölf landesweiten Treffen ein Waggon angehängt wird. Hier in Amazonien fügt sicht das Bild des Kanus als Fortbewegungsmittel hinzu. Überall zu spüren ist die Sensibilität für die Orte, an denen das biblische „Leben in Fülle“ bedroht ist und der Wille, das Leben von seinen Bedrohungen zu befreien (Armut, Umweltzerstörung, Gewalt, Korruption, Unterdrückung von Frauen, Kindern, Indigener, Afrobrasilianern und anderen so genannten Minderheiten, etc.).

Treue zur eigenen Tradition. Der in den CEBs seit den 1960er Jahren praktizierte Dreischritt Sehen-Urteilen-Handeln ist nicht eine bloße Methode, sondern ein konkreter Weg, in der Nachfolge Jesus Christi zu leben, zu beten und zu handeln. Interessant war, dass in Porto Velho zunächst zwei Tage lang das Sehen der Wirklichkeit im Mittelpunkt stand. Am ersten Tag begegneten sich die Delegierten aus dem ganzen Land in bunt gemischten Arbeitsgruppen, um sich untereinander auszutauschen. Am zweiten Tag ging es darum, dass vor allem die aus anderen Regionen Brasiliens stammenden Teilnehmer/innen (das war die überwiegende Mehrzahl) konkrete Schritte taten, um die Realität in Porto Velho kennen zu lernen. Sie wurden – wiederum bunt gemischt – ausgesandt, um Menschen und Gemeinden in bedrohten Lebenskontexten zu besuchen: Peripherieviertel der 600.000-Einwohner-Stadt, Indígena-Dörfer, Siedlungen am Ufer des Rio Madeira, Gefängnisse, Jugendhaus, Krankenhaus, Kleinbauern, Quilombolas etc. Einer der Teilnehmer äußerte etwas sehr Interessantes: „Wir Brasilianer müssen erst einmal Amazonien kennen lernen.“ Aus der entgegengesetzten Perspektive sprach ein Referent: „Brasilien muss amazonisiert werden“. Bei den Besuchen vor Ort ging es auch um ein Üben der Weise, wie man als Fremder dem Neuen begegnet: nicht mit fertigen Rezepten und Lösungen in der Tasche, sondern mit Zuhören, Fragen und dem Versuch, die lokalen Kontexte zunächst einmal zu verstehen, so wie Jesus es in den ersten 30 Jahren seines Lebens inmitten der Menschen in seiner Umgebung tat. Dieser Tag wurde für die Deligierten zu einer Art Labor für die Fragen: Was bedeutet Mission heute, vor allem für Amazonien, das bis heute überwiegend ausgebeutet wurde? Wie kann der Aufruf der Bischofskonferenz für eine Woche der Mission in Amazonien umgesetzt werden? Wie kann man dem entsprechenden Appell der lateinamerikanischen Bischöfe in Aparecida für eine kontinentale Mission folgen? Das gelebte Beispiel der Basisgemeinden mit ihrer Sensibilität für die Wahrnehmung der Zeichen der Zeit und ihre reichen Erfahrung der Reflexion im Lichte des Glaubens (2. Schritt: Urteilen) könnten helfen, dass diese Mission gelingt.

Hinwendung zur Ökologie und zur Verantwortung für den Planeten Erde. Thematisch nahm die Frage der Bedrohung der Erde durch globale Erwärmung und der Bedrohung der Umwelt im Lebenskontext jeder/es Einzelnen in der Vorbereitung und Durchführung des CEBs-Treffens einen breiten Raum ein („Amazonien vor der eigenen Haustür entdecken“). Deutlich wurde auch, dass die Basisgemeinden die Überwindung von Armut und Misere nicht losgelöst von der Umweltzerstörung und der weltweiten Wirtschafts- sowie Politikkrise diskutieren, deren Folgen die Armen besonders hart treffen. Im Schlussdokument (www.cebs12.org.br) verpflichten sich die Teilnehmenden am letzten Tag des Treffens (3. Schritt: Handeln) u.a., sich für eine umweltverträgliche Landwirtschaft und für nachhaltiges Wirtschaften einzusetzen, die ökologische Perspektive der Basisgemeinden zu stärken und auszubauen. Möglicherweise war es gerade das wachsende Bewusstsein für die bedrohten Biome in Brasilien – Regenwald Amazoniens, Atlantischer Regenwald, Cerrado (Buschsteppe), Pantanal etc. – das die Deligierten dazu veranlasste, als Austragungsort des 13. Treffens der CEBs im Jahr 2013 für das Bistum Crato im Nordosten Brasiliens zu stimmen und nicht für Kandidaten aus dem Süden des Landes. Auch für den Nordosten gilt ähnlich wie für Amazonien, dass er vom Großteil der Brasiliener anderer Regionen bis heute nicht ausreichend verstanden und respektiert, sondern überwiegend mit kolonialen Augen betrachtet wird. Es gibt große soziale und ökologische Herausforderungen: Teilableitung des Rio São Francisco, Vordringen von Monokulturen wie Zuckerrohr, Soja und Eukalyptus (mit weitreichenden internationalen Verflechtungen), nachhaltiges Wirtschaften im semi-ariden Sertão, Migration.

CEBs in der Katholischen Kirche und der Gesellschaft Brasiliens. Bemerkenswert ist die gegenüber anderen Treffen der brasilianischen Basisgemeinden sehr hohe Zahl von etwa 50 katholischen Bischöfen, die in Porto Velho waren. Der kürzlich verstorbene brasilianische Kardinal Lorscheider hat über die Bedeutung der CEBs für die katholische Kirche gesagt: „Die Kirche braucht die Baisgemeinden in der heutigen Welt, vor allem in der Welt der Verarmten, der Marginalisierten, der Vergessenen. Die Kirche muss im Wesentlichen Gemeinde des Glaubens und des Kampfes sein und wirkliche geschwisterliche Verbindungen schaffen, nicht bloß Menschenmassen anziehen und unterhalten. Alle katholischen Bewegungen und Pastoralbereiche sollten die Basisgemeinden als Modell haben, als Form, Kirche zu sein. „Die lebendigen CEBs in Brasilien zeigen nach den Eindrücken von Porto Velho, dass ein Teil der katholischen Kirche nicht in innerkirchlicher Nabelschau verharrt, sondern in seinen Reihen Menschen hervorbringt und fördert, die sich aus ihrem Glauben heraus für eine gerechtere Gesellschaft engagieren. Dazu bekennen sich die Delegierten im Schlussdokument des zwölften CEBs-Treffens, das sie als Selbstverpflichtung mit in ihre Heimatgemeinden und -bistümer nehmen. Dieses lesenwerte Dokument (www.cebs12.org.br) macht deutlich, dass die CEBs – anders als die katholische Kirche insgesamt – die vorurteilsfreie Vernetzung mit sozialen Bewegungen, mit anderen christlichen Kirchen und anderen Religionen als essentiellen Teil ihres Selbstverständnisses betrachten, um zusammen mit ihnen die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen zu erreichen. Innerhalb eines öffentlichen Bekenntnisses für den gemeinsamen Einsatz für Frieden zusammen mit Vertreter/innen anderer Religionen wurde dies am Ende des CEBs-Treffen erneut unterstrichen.

Autor: Norbert Bolte

28. Juli 2009

Zeuginnen und Zeugen ihres Glaubens und Handelns beim Treffen der CEBs

Montag, 27. Juli 2009

Märtyrer, Propheten und Zeugen des Glaubens spielen eine zentrale Rolle im Selbstverständnis und in der gelebten Spiritualität der CEBs. Zu den besonders dichten Momenten des Treffens in Porto Velho gehören das Gedenken an die vom Volk verehrten Märtyrer/innen Lateinamerikas – Oskar Romero, Chico Mendes, Dorothy Stang u.v.a. – und die Zeug/innen des Glaubens und Handelns. Ihnen widmet das CEBs-Treffen einen ganzen Nachmittag in der voll besetzten Sporthalle. Sehr bewegend ist die Würdigung des aus Deutschland stammenden Pe. Gunter Kroemer, dem langjährigen Missionar des Indianermissonsrats CIMI. Er verstarb am 15.07.  Drei Xerente-Indios singen ihr Lied zum 7-Tage-Seelenamt, bevor ein CIMI-Missionar die Lebensgeschichte von Gunter Kroemer in ausführlicher Form vorträgt. Dem Ruf eines Indio „Pe. Gunter ist nicht tot – sein Geist ist lebendig unter uns“ folgt lang anhaltender Applaus der 3.000 Anwesenden. Für des Basistext des CEBs-Treffens hatte Pe. Gunter einen Beitrag über Basisgemeinden und indigene Religionen verfasst. Eigentlich sollte er als Referent bei der Veranstaltung mitwirken.

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Hier: Nachruf, Meldung und weitere Bilder

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Dom José Maria Pires – nach dem brasilianischen Sklavenführer des 17. Jahrhunderts Dom Zumbi genannt – ist einer der wenigen afrobrasilianischen Bischöfe. Der inzwischen 90 Jahre alte ehemalige Erzbischof von Paraiba gehört zu denjenigen, die wegen ihres gesellschaftlichen Engagements während der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur verfolgt wurden. In seiner Ansprache fokussiert er die jahrhundertelange Leidensgeschichte der afrobrasilianischen Sklaven und ihrer Nachfahren. Sein Schrei nach Gerechtigkeit gilt auch den Sünden der katholischen Kirche, die ebenfalls Sklaven hatte. Brasilien gehört zu den letzten Ländern, die die Sklaverei gesetztlich abschafften (1888). In seiner Ansprache veweist er auf die 1928 gegründete brasilianische Kongregation der Missionárias de Jesus Crucificado (www.mjc.org.br), die als erste afrobrasilianische Schwestern aufnahm. Dom José Maria Pires berichtet von rassistischen Erniedrigungen, die er in seinem Leben erlitt, von Schwierigkeiten bei den Anstrengungen, Raum für eine inkulturierte Kirche zu schaffen, die die religiösen Traditionen der Afrobrasilianser respektiert. Schließlich erinnert Dom Zumbi an die Fastenkampagne der Kirche im Jahr 1988 zum 100-jährigen Gedenken an die Abschaffung der Sklaverei, die sich dem Thema Afrobrasilianer in der katholischen Kirche und in der Gesellschaft widmete. Er verschweigt nicht, gravierende Fälle von innerkirchlichem Rassismus zu nennen. Stehend applaudieren die Zuhörer Dom Zumbi, der sich anschließend mit Geduld einer langen Reihe von Wartenden zuwendet. Sie danken ihm mit einer Umarmung, viele wollen mit ihm fotografiert werden.

Eine andere mit Spannung erwartete Zeugin ihres Glaubens ist Marina Silva, die nach ihrem Rücktritt als Umweltministerin vor zwei Jahren nun als Senatorin des Nachbarbundesstaats Acre für die Arbeiterpartei im Kongress sitzt. Im Laufe des einstündigen Vortrags ihrer bewegenden Lebens- und Leidensgeschichte muss die 51-Jährige mehrfach inne halten. Mal ist es der Applaus, der sie unterbricht, mal versagt ihr die Stimme. Marina Silva ist ein Beispiel für Lebenskampf und gesellschaftliches Engagement aus dem Glauben heraus. Schon als Kind musste sie als Gummizapferin arbeiten. Mit 16 Jahren zog sie in die Landeshauftstadt Rio Branco, um die Schule zu beginnen. Sie hatte das Ziel, Ordensfrau zu werden. Über Clódovis Boff und Dom Moacyr Grechi, der damals Bischof in Rio Branco war, lernte sie die Befreiungstheologie kennen. Statt in den Orden einzutreten, begann sie, sich als Katechetin in der Pfarrei, in den Basisgemeinden, in der Gewerkschaft der Gummizapfer und schließlich in der Politik zu engagieren. Mit großer Selbstverständlichkeit bekennt sie sich zu ihrer Sozialisierung in der katholischen Kirche und zu ihrer jetzigen Zugehörigkeit zur protestantischen Assembléia de Deus. In ihrem Apell für gegenseitigen Respekt zwischen Kirchen und Religionen plädiert sie dafür, dass es auch Aufgabe der Kirchen sei, den Menschen Räume für Bildung und gesellschaftliches Engagement zu schaffen. Ihre tiefe Verehrung für Dom Moacyr Grechi, den Gastgeber der CEBs-Treffens, und Pe. Luiz Ceppi, den vielleicht wichtigsten Mann des Organisationsteam, bekennt Marina Silva am Ende ihrer bewegenden Rede. So wie bei Dom Zumbi erheben sich die Zuhörer und danken mit lang anhaltendem Applaus.

Viele andere Zeug/innen des Glaubens unter den 3.000 Teilnehmer/innen kommen an diesem Nachmittag nicht zu Wort. Sie in anderen Momenten des Treffens zu erleben – in den Arbeitsgruppen, bei den Mahlzeiten, bei Wortmeldungen im Plenum oder auf dem Weg zur Unterkunft in Familien – gehört zu den nachhaltigen Eindrücken der Veranstaltung.
Hervorheben unter ihnen möchte ich Dom Moacyr Grechi, der zusammen mit den 4.000 ehrenamtlichen Helfern sowie den tausenden Familien ein ganz besonderer Gastgeber ist. Er setzt auf dieser Großveranstaltung Akzente, ohne sich in den Vordergund zu drängen. Herzlichkeit und Einfachheit im Kontakt mit den Menschen paaren sich bei ihm mit dem Mut, unnachgiebig die Strukturen von Ungerechtigkeit und Unterdrückung anzuprangern. Gegen Korruption in der Politik kämpft er der von zwei schweren Autounfällen gezeichnete 73-Jährige so unnachgiebig wie gegen den Großgrundbesitz in der Amazonasregion, den er als Krebsgeschwür verurteilt. Der aus Südbrasilien stammende Erzbischof wirkt glaubwürdig, wenn er zum Thema einer inkulturierten Kirche spricht, die in Amazonien errichtet werden muss. Spannend ist die Wiederentdeckung eines prophetischen Dokuments der Bischöfe aus dem Jahr 1972, auf das Dom Moacyr hinweist. In dem Dokument von Santarem (Documento de Santarem) fordern die damaligen Bischöfe von allen Verantwortlichen für die katholische Kirche in Amazonien ein vorurteilsfreies Kennenlernen der Realität dort, eine befreiende Evangelisierung und eine Förderung von einheimischen Führungskräften in den Gemeinden (http://comissao.amazonianet.org.br). Dass dieselben Themen wie 1972 auch heute offenbar noch aktuell sind, ist für mich ein Zeichen für bisher unzulängliche Fortschritte an vielen Orten. Wie kommt es, dass ein Bischof aus Amazonien sagt, dass viele der Priester seines Bistums dem Volk nicht trauen? Warum gibt es unter den Bischöfen dieser großen Region, die fast die Hälfte Brasiliens einnimmt, nur einen einzigen einheimischen Bischof?

Autor: Norbert Bolte

27. Juli 2009

Basisgemeinden und Ökologie: „Aus dem Innern der Erde kommt der Schrei Amazoniens“

Freitag, 24. Juli 2009

Das Thema des 12. Treffens der brasilianischen Basisgemeinden trifft mit dem Focus Ökologie eine Herausforderung planetarischer Dimension. Im Sinne Dom Helder Camaras, dem wir hier in Porto Velho in einer Ausstellung begegnen, versuchen die CEBs, die Zeichen der Zeit zu erkennen, um aus der anschließenden gemeinsamen Reflexion aus dem Glauben heraus zu Handlungsleitlinien für die Verbesserung der lebensbedrohenden Lebenssituationen zu gelangen.

Zwei Jahre lang haben die Basisgemeinden in allen Regionen des Landes zum Thema Ökologie gearbeitet, haben auf Bistums- und anschließend auf Regionalebene ihre Verterterinnen und Vertreter für das Nationaltreffen hier in Porto Velho bestimmt. Pe. Beozzo, der als Theologe seit vielen Jahren die CEBs begleitet, ist überzeugt, dass die Bewahrung der Schöpfung eine breite Resonanz in der katholischen Kirche Brasiliens bekommen hat, die natürlich auch in die Gesellschaft Brasiliens ausstrahlt.

Keineswegs haben die CEBs mit der Hinwendung zur Ökologie ihre Option für die Armen aufgegeben. In den Statements der Kleingruppenarbeit wird deutlich, dass die Verarmten am meisten an der fortschreitenden Zerstörung der Umwelt zu leiden haben. Besonders deutlich zu hören ist der Schrei Amazoniens aus dem Mund der indigenen Bevölkerung. Für die meisten von ihnen stellt der ausbeuterische Verkauf von Luft, Wasser und Erde zur Gewinnmaximierung eine zum Himmel schreiende Versündigung an der Natur dar.

Leonardo Boff erinnert in einer kurzen Reflexion am Morgen daran, dass die Menschheit für die Beibehaltung ihres Verbrauchs an natürlichen Ressourcen eingentlich 1,4 Welten benötigt. „Die Erde braucht uns Menschen nicht, aber wir brauchen sie”. Boff wagt eine Neudeutung der Abkürzung CEBs und nennt sie Comuninades Ecológicas de Base - Ökologische Basisgemeinden, die er als den prädestinierten Raum für die Verwandlung des Glaubenstraums in einen politischen Traum betrachtet. Er schließt mit dem ermutigenden Satz: „Viele kleine Leute, die viele kleine Dinge in weit von einander entfernten Gemeinden tun, können nicht nur außerordentliche Veränderungen schaffen, sie können auch Wunder bewirken.”

Mit Worten kaum zu beschreiben ist der Eindruck von der Erinnerung an die zahllosen Märtyrer/innen während eines kurzen Pilgerwegs am Nachmittag in Richtung der Großbaustelle des Staudamms am Rio Madeira. Sie haben ihr Leben gelassen im Einsatz für die verarmten und entrechteten Menschen der Amazonasregion. Die Menschen haben von Ihnen Fotos, Banner und auch ein blutgetränktes Hemd mitgebracht. Dom Luiz, Erzbischof von Manaus, ergänzt laut über Lautsprecher: „Es reicht, wir wollen keine Märtyrer mehr, wir wollen leben!”

Autor: Norbert Bolte

24. Juli 2009

Eröffung des 12. Treffens der Basisgemeinden Brasiliens mit vielen „kleinen“ Leuten

Donnerstag, 23. Juli 2009

Die Eröffnungsfeier des 12. Treffens der Basisgemeinden (CEBs) findet auf dem Madeira-Mamoré-Platz im Stadtzentrum von Porto Velho statt. Dort in der Nähe des Hafens haben sich viele tausend Menschen versammelt: 3.000 Delegierte aus ganz Brasilien, dazu etwa 4.000 ehrenamtliche Helfer/innen des Treffens und eine Vielzahl von Interessierten hier aus der Stadt. Die abendliche Hitze und die Anstrengungen der Anreise stehen vielen ins Gesicht geschrieben. Dennoch ist die Stimmung bei den Menschen, mit denen ich spreche, von großer Freude, Neugier und Offenheit geprägt. Viele haben eine Anreise per Bus von vier oder fünf Tagen hinter sich. Bisweilen konnten sie unterwegs in Pfarrreien essen, schlafen und duschen, die sich zu diesem Zweck eigens vorbereitet und organisiert hatten. So ist Porto Velho die Endstation von Bussen aus ganz Brasilien. Der Erzbischof von Porto Alegre, Dom Moacyr Grechi, hebt in seiner Begrüßung hervor, dass auf dem 12. Basisgemeindetreffen erstmals Delegierte aus allen 271 Bistümern Brasiliens präsent sind.

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Hier: Link zum Treffen der Basisgemeinden

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Anders als vorherige Eröffnungen besticht die Feier in Porto Velho durch ihre Schlichtheit. Mit seinem ruhigen Flötenspiel lädt uns ein Indio zu Beginn ein, auf die Stille des Regenwalds zu hören. Vertreter/innen der indigenen Völker, der Bewohner der Flussränder, der Gummizapfer und der Quilombos treten in ihrer traditionellen Kleidung nach vorn. Ihre Kleidung, die mitgebrachten Arbeitsinstrumente und die Bilder auf der Bühne lassen eine unermessliche Vielfalt an Symbolik erahnen, die sich mir nur zum kleinen Teil erschließt. Ich vermute, dass es den Frauen und Männern aus anderen Teilen Brasiliens nicht viel anders geht. Immer wieder sind Wasser und Boote zu sehen. Der Respekt vor Gottes Schöpfung ist überall präsent.Sehr einducksvoll sind Dom Moacyrs Predigtworte: „Die Völker Amazoniens benötigen dieses Treffen, denn noch immer wird Amazonien von den Regierenden als eine Art Kolonie betrachtet, die es auszubeuten gilt.“
In der Tat muss man angesichts der  stetig vorschreitenden Ausbeutung dieser Region Brasiliens, in der 160 Indiovölker leben, an die leidvolle Geschichte der zurückliegenden 500 Jahre des Landes denken. Ist es eine Neuauflage dieser Kolonialzeit mit beschleunigten Vorzeichen, mit brasilianischen und ausländischen Kolonialherren, wenn etwa alle 18 Sekunden 1 Hektar des brasilianischen Regenwalds in Weidefläche für Rinder verwandelt wird?
Meine bisherigen Gespräche mit Einheimischen hier machen den Satz von Dom Moacyr auch für die in der Katholischen Kirche „Regierenden“ relevant. Auch sie haben in den letzten Jahren ein verstärktes Interesse an einem größeren missionarischen Engagement der Katholischen Kirche in Brasilien bekommen. Ich spüre bei kirchlichen Mitarbeiter/innen und mit Missionar/innen, die lange Zeit hier in Amazonien gearbeitet haben, eine gewisse Befürchtung, dass auswärtige Priester, Ordensleute und Laien mit fertigen missionarischen Konzepten kommen. Sie sagen: Es gibt bereits eine sehr lebendige Gemeinde hier in Amazonien; die solltet ihr zunächst einmal kennen lernen, um uns dann bei der Bewältigung der hier herrschenden Herausforderungen zu helfen.
Pe. Hermes aus dem südbrasilianischen Santa Catarina hat sieben Jahre in der Amazonasprälatur Óbidos gearbeitet. Als ich ihm sage, dass ich nur bis zum Ende des einwöchigen Basisgemeindetreffen bleiben kann, erwidert er mir: „Schade – Du wirst Amazonien nicht kennen lernen.“
Beim Schlusssegen wiederholt Dom Moacyr einen auch bei uns in Deutschland in anderer Form bekannten Satz, der so etwas wie ein Slogan für das Basisgemeindetreffen hier in Porto Velho werden könnte: „Viele kleine Leute, die viele kleine Dinge in weit von einander entfernten Gemeinden tun, können außerordentliche Veränderungen schaffen.“ Dieser Satz passt auch sehr gut in das Adveniat-Stammbuch.

Autor: Norbert Bolte

Porto Velho, 23.07.2009

Ankunft in Porto Velho

Donnerstag, 23. Juli 2009

Beim Landeanflug auf Porto Velho wird zum ersten Mal der mächtige Rio Madeira sichtbar, der größte Nebenfluss des Amazonas. Wegen des Baus von zwei großen Staudämmen ist der Rio Madeira seit ein paar Jahren Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen. Vom Flugzeug aus kann man die Großbaustelle des Santo-Antônio-Staudamms unmittelbar am Rand der 600.000-Einwohner-Stadt gut erkennen. Das milliardenschwere Mammutprojekt hat in kurzer Zeit den Zuzug von 25.000 Menschen bewirkt. Meine zufällig angetroffenen Gesprächspartner hier vor Ort sind tendenziell eher positiv auf den Santo-Antônio-Staudamms und den Jirau-Staudamm 120 km flussaufwärts zu sprechen, obwohl der Strom ausschließlich in Richtung São Paulo exportiert wird und die Bevölkerung in Rondônia kaum nennenswert von den Großprojekten profitieren wird.
Nur wenige kommen zu dem Schluss, dass es – wieder einmal – um die grundsätzliche Frage geht, welches Entwicklungsmodell wollen wir für unsere Region, für unser Land: ein Modell, das von grenzenlosem Wachstum ausgeht und die Endlichkeit der Naturressourcen einfach negiert – oder ein Modell, das eine nachhaltige Entwicklung favorisiert? Mit ihrem Programm zum beschleunigten Wachstum gibt die brasilianische Regierung eine unmissverständliche Antwort.
Ganz anders dagegen die Überzeugung der Senatorin Marina Silva, wie Präsident Lula eine der Führungsgestalten der brasilianischen Arbeiterpartei. Sie fragt: welche Erde wollen wir allen noch nicht geborenen Kindern hinterlassen? Interessant, dass die 50 Jahre alte Politikerin aus dem Nachbarbundesstaat Acre geprägt ist von ihrem Engagement in den dortigen Basisgemeinden und an der Seite des 1988 ermordeten Gummizapfers und Umweltschützers Chico Mendes. Grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten mit den Hardlinern der Lula-Regierung hatten Marina Silva vor zwei Jahren zum Rücktritt von ihrem Amt als Umweltministerin bewogen. Ich bin gespannt, was Marina Silva in wenigen Tagen den Delegierten des Basisgemeindetreffens hier in Porto Velho sagen wird.
Ein ebenso zufälliger wie spannender Gesprächspartner ist der Taxifahrer Ivan. Er stammt aus Manaus, hat als Schauspieler in Rio und São Paulo gearbeitet, später dann als Goldschürfer am Rio Madeira. Seit 30 Jahren lebt er in Porto Velho und teilt sich mit seinem Bruder ein Taxi. Bei der Fahrt durch die sengende Hitze der Stadt, in der praktisch alle Bäume gefällt wurden, kommt er auf das rasante Wachsen der Landeshauptstadt und den Raubbau an der Natur zu sprechen. Tatsächlich sind überall unverputzte Bauten aus rotem Ziegelstein zu sehen, dem am häufigsten verwendeten Baumaterial hier. Ivan deutet während der Fahr auf Stellen hin, wo er als Kind im Fluss geschwommen ist. Ob des offenbar grenzenlosen Wachstumswahns des Menschen schüttelt er den Kopf und erinnert an ein Theaterstück, das er vor 25 Jahren zusammen mit einem argentinischen Freund geschrieben hat: Doutor Tijolo e a Turma do Miolo – Dr. Ziegelstein und die Botkrumenstaffel. Darin geht es um das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Am Ende des Stücks treten Tiere auf, die feststellen müssen, das man Ziegelsteine nicht fressen kann.
Meine äußerst unterhaltsame Fahrt mit Ivan endet unweit des Zentrums von Porto Velho, wo sich im Serviço Social da Indústria (Sozialzentrum der Industrie) das organisatorische Hauptquartier des CEBs-Treffens befindet.

Autor: Norbert Bolte

Porto Velho, 22.07.2009

Unterwegs zum 12. Treffen der Basisgemeinden in Porto Velho (Amazonien)

Dienstag, 21. Juli 2009

Voller Überraschungen ist mein Weg zum Treffen der Basisgemeinden Brasiliens (Comunidades Eclesiais de Base-CEBs), das erstmals im Amazonasgebiet stattfindet, nämlich in Porto Velho, der Hauptstadt des Bundesstaats Rondônia. Im Flieger von Frankfurt nach São Paulo treffe ich die langjährige Freundin Gleice. Sie lebt in Porto Velho und kehrt gerade von einer Europareise zurück, auf der sie eine Gruppe von fünf indigenen Völkern der Region begleitet hat. In verschiedenen Völkerkundemuseen fanden Besuche und Workshops statt, in denen es um die Kunst des Federschmucks ging. Die Begegnungen waren ein Geben und Nehmen, denn die Indigenen entdeckten in Exponaten und auf Fotos Techniken von Vorfahren und anderen Völker, die aufgrund der vielfältigen Bedrohungen heute nicht mehr praktiziert werden. Ebenso wie Sprache, Religion, Tanz und Musik - erklärt Gleice - ist der Federschmuck bis heute bei einigen Indígenas ein Element kultureller Ausdruckform, das eine wichtige Rolle für die Identität spielt und damit für den Überlebenskampf dieser Völker.

Im Wartesaal am Flughafen in São Paulo dann die nächste Überraschung: ich treffe die Kollegin Christiane aus dem Bistum Würzburg, die ebenfalls unterwegs ist zum Treffen der CEBs. Sie hat in den 1980er Jahren in Brasilien gearbeitet, u.a. beim Indianermissionsrat CIMI. Christiane berichtet von Trauer und Bestürzung beim CIMI angesichts des plötzlichen Tods von Gunter Kroemer, CIMI-Missionar und Projektpartner Adveniats (vgl. auch Nachruf auf der Internetseite Adveniats). Später erfahre ich in Porto Velho, dass man während des Treffens Moment Gunter Kroemer würdigen wird, der vor kurzem noch einen wichtigen Beitrag über CEBs und indigene Religionen geschrieben hatte.

Als wir uns in Brasília zum Weiterflug nach Porto Velho begeben, fragt Christiane plötzlich: „Ist das nicht Leonardo Boff?” Allem Anschein nach ist auch der 70-jährige brasilianische Theologe zusammen mit seiner Frau Márcia Miranda auf dem Weg zum Treffen der CEBs. Für sie stellt er seit Jahrzehnten eine der wichtigen Leitfiguren dar. Man sieht Leonardo Boff an, wie ihm das Gehen wegen eines langjährigen Handicaps schwer fällt. Ich kann mich gut an einen Protestmarsch während des Weltsozialforums 2003 erinnern. Auch dort hatte sich Leonardo Boff unter die Menschenmassen gemischt und bei sengender Hitze zusammen mit tausenden Frauen und Männern auf den Straßen in Porto Alegre für eine gerechtere Welt demonstriert.

In den letzten Tagen hatte ich Email-Kontakt zu zwei Projektpartnern Adveniats in Brasilien. Schwester Petra bewirkt seit vielen Jahren als Rechtsanwältin und Seelsorgerin Wunder mit Strafgefangenen und deren Familien in einer Millionenstadt in Zentralbrasilien. „Es ist schon merkwürdig”, schreibt sie. „Ihr macht Euch von Europa aus auf den Weg zum Basisgemeindetreffen und wir hier nicht. Nun ja, im Gefängnis gibt es keine CEBs, und im übrigen sitzen die Gefangenen hinter Gittern und dürfen nicht reisen.” Ihre nachdenklich stimmenden Worte machen mir deutlich, wie ausgeschlossen von der Mehrheitsgesellschaft die Strafgefangenen sind.

Sehr nachdenklich macht mich auch das, was mir ein Pfarrer mailt, der zu den Gastgebern eines CEBs-Treffens während der Zeit der Militärdiktatur in Brasilien (1964-1985) gehörte. Zu seinem Schutz möchte ich den Namen hier nicht nennen. Er schreibt: „damals war noch die Geheimpolizei an der Tür des Hauses und ein Kapuziner-Bischof (…), der alles aufgenommen hat, was gesagt wurde und durch einen Priester weiter gab an die Geheimpolizei. Damals versuchte ich seinen Koffer zu öffnen um die Bandaufnahmen zu löschen, doch als ich den Koffer öffnete war nichts anderes im Koffer als seine Hängmatte. All diese Umstände haben mich damals so stark mitgenommen, dass ich nie wieder zu einem CEBs, trotz wiederholter Einladungen, gegangen bin.”

Was der Pfarrer sagt, klingt nach Vergangenheit, die mit der Gegenwart nicht viel zu tun hat. Das Gegenteil aber ist der Fall: In Brasilien hat bis heute keine gesellschaftsversöhnende Bearbeitung der 21 Jahre Militärdiktatur begonnen. Gerade die in Basisgemeinden, Katholischer Arbeiterjugend, der Katholischer Aktion und Studentenseelsorge Engagierten waren der Verfolgung durch das Regime ausgesetzt. Aus ihren Reihen kommen überdurchschnittlich viele Gefolterte, Ermordete und ins Exil Vertriebene. In Politik, Justiz, Militär und Polizei gelten weiterhin Prinzipien aus der Zeit der Militärs. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer aus der Katholischer Arbeiterjugend stammenden Frau während meines Aufenthalt in São Paulo. Sie weist darauf hin, dass es in den letzten Jahren seitens staatlicher Instanzen teils sehr massive Anfeindungen gegenüber den sozialen Bewegungen in Brasilien gibt, die auf eine Kriminalisierung abzielen. Bekanntestes Beispiel dafür ist die Landlosenbewegung MST. Die Gesprächspartnerin geht fest davon aus, dass auch in Porto Velho die Geheimpolizei mithören wird, denn schon immer gehörten die CEBs-Engagierten auch zu den Aktiven der sozialen Bewegungen.

Autor: Norbert Bolte

Porto Velho, 20.07.2009

Entschiedener Verteidiger der Rechte der Indianer

Montag, 20. Juli 2009

Günter Kroemer: sein Tod ist für Brasiliens Kirche ein herber Verlust

In Porto Velho hatte man ihn erwartet. Hier, in der Stadt im brasilianischen Amazonasgebiet, findet in diesem Jahr das zwölfte intereklesiale Treffen der Basisgemeinden statt. 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen in die Stadt, zusätzlich Vertreter kirchlicher Basisgemeinschaften aus ganz lateinamerika. Günter Kroemer sollte schon zum Treffen der indigenen Gemeinschaften anreisen, das ein paar Tage vor dem eigentlichen Treffen der  Basisgemeinschaften (CEBs) stattfindet. Doch der bekannte Pater und Kämpfer für die Rechte der indigenen Völker starb kurz vor dem Treffen an einer Infektion.
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Hier: Nachruf, Meldung und weitere Bilder  
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„Das ist ein herber, kaum zu verarbeitender Verlust”, sagt  Moacyr Grechhi, Erzbischof von Porto Velho und Gastgeber des Treffens der CEBs. „Pater Günter war ein exzellenter Kenner der indianischen Kultur und Religionen, mit ihm geht ein Fachmann verloren, den wir so nicht ersetzen können.” Der Erzbischof würdigte den aus Deutschland stammenden Priester als einen „entschiedenen Verteidiger der Rechte der Indianer.” Kroemer habe sich nie gescheut, sein Leben für die Indianer aufs Spiel zu setzen.

Günter Kroemer stammte aus Breslau und hatte sich entschlossen, Priester zu werden, nachdem er in Brasilien Dom Hélder Câmara kennen gelernt hatte. Kroemer gehörte zu den Gründungspersönlichkeiten des brasilianischen Indianermissionsrates CIMI. Dort war viele Jahre für die Kontakte zu den „unberührten” Völkern zuständig, die kaum oder noch gar keinen Kontakt zur „zivilisierten Welt” des übrigen Brasilien hatten. Kroemers Tod trifft daher vor allem seine Mitstreiter beim CIMI, die in dieser Woche ebenfalls in Porto Velho sind. In einem Gottesdienst wollen sie Günter Kroemers gedenken.

Sein Beitrag zum zwölften intereklesialen Treffen der Basisgemeinden, den er kurz vor seinem Tod schrieb, liest sich wie ein Vermächtnis: „Die indianischen Völker mit ihren traditionellen Kulturen sind für uns ein Vorbild in Sachen ökologisches Handeln. Ihr Handeln, das nachhaltig und ökologisch ausgerichtet ist, kann für unsere globalisierte Welt, die sich am Markt orientiert. Wir können von den Indianern lernen, dass es die Erde ist, die unsere Wirtschaft garantiert, eine Welt, in der man nachhaltig leben und wirtschaften muss und sich nicht nur ihrer bedient, um sich zu bereichern.”

Der Einsatz für die Rechte der Indianer, wie ihn Günter Kroemer gelebt hatte, soll weitergehen. Gerade erst habe der CIMI mit dem erfolgreichen Kampf um das Gebiet der „Terra Raposo do Sol” der Macuxi-Indianer im Nordwesten Brasiliens einen wichtigen Erfolg errungen. „Aber noch immer sind viele Indianergebiete nicht ausreichend markiert, werden Indianer als Menschen zweiter oder gar dritter Klasse betrachtet und gelten ihre Länder allein als Lagerstätten wichtiger Bodenschätze, die es auszubeuten gelte”, klagt Erzbischof Moacyr Grecchi. Die Kirche werden diesen Einsatz, ganz im Sinne Günter Kroemers, fortsetzen.

Text: Christian Frevel

Bewegtes Adveniat

Donnerstag, 16. Juli 2009

Dort, wo Latino-Klänge und Samba-Rhythmen erklingen, ist Adveniat mit dabei: Dieses Jahr beim Heinrichsfest am 12.07.09, das Erzbischof Schick unter dem Thema „Nachhaltigkeit” ausgerufen hatte. Der Samstagnachmittag begann mit einem Motorradgottesdienst, zu dem die Motorradgemeinschaft Jakobus im Erzbistum Bamberg aufgerufen hatte. Mehrere hundert Motorradfahrer, die ihre schweren Maschinen auf dem Domplatz geparkt hatten, nahmen den bischöflichen Aufruf ernst und kauften ein Bäumchen, um es zu Hause im Garten oder wo auch immer zu pflanzen. Ein guter Beitrag zur Reduzierung des CO2-Ausstosses!

Am Adveniat-Stand drehte sich das Glücksrad, viele Gläubige, Interessierte und Passanten nutzten den Stand für ein Gespräch zur Arbeit des Hilfswerkes in Lateinamerika. Die chilenische Musikgruppe ‚Rodrigo Tobar und Band’ heizte am Abend nach einem Regenschauer ein, so dass die rund 500 Besucher auf dem historischen Pflaster zu Cumbias und Merengues sich wieder warm und trocken tanzten. Bamberg, der Ort, an dem Adveniat seine diesjährige Jahresaktion am ersten Adventssonntag mit dem Thema Armut am Beispiel von Haiti unter dem Motto „Den Armen eine gute Nachricht!” eröffnen wird, zeigte sich von seiner gastfreundlichsten und der Weltkirche verbundenen Seite!

 

Aber nicht nur in Bamberg, sondern auch auf dem 18. Samba-Fest in Coburg war Adveniat bei dem  Samba-Gottesdienst dabei. Der Marktplatz von Coburg lud am Morgen mit rund 1.000 TeilnehmerInnen zu Gebet, Gesang und Meditation ein. Die evangelische Jugendarbeit im Dekanat Coburg (EJott) hatte den Gottesdienst organisiert und trat in den lateinamerikanischen Trachten aus der Adveniat-Modenschau auf. Drei Jugendliche trugen  ihre Gedanken zum „Vater Unser” vor. Informationen gab es zu der Arbeit von brasilianischen Ordensfrauen im Amazonas-Gebiet, die im Urwald mit den Fischer-Familien zusammenleben.

Der Gottesdienst endete mit einer Kollekte für ein Schulprojekt in Brasilien und mit einer Agape-Feier mit Brot und Trauben, bevor die Sambistas aus ganz Europa die Bühne auf dem Markt stürmten.

Nationaltreffen der kirlichen Basisgemeinden in Brasilien

Donnerstag, 09. Juli 2009

DIE CA. 80.000 KIRCHLICHEN BASISGEMEINDEN IN BRASILIEN (COMUNIDADES ECLESIAIS DE BASE - CEBS)  haben eine lange Tradition. Seit Mitte der 1970er Jahre werden Nationaltreffen der CEBs durchgeführt. Mit Porto Velho als Veranstaltungsort findet erstmals ein Nationaltreffen der Basisgemeinden in der flächenmäßig größten Region des Landes - dem Amazonas-Raum - statt. Dies liegt ganz auf der Linie der gesellschaftlichen und auch der kirchlichen Hinwendung  nach Amazonien in den letzten Jahren. Gemessen an der Realität anderer Regionen des Landes sind die Herausforderungen im Amazonas-Raum besonders groß und vielfältig. In Porto Velho breiten sich vor allem die extensive Viehwirtschaft und die Sojamonokulturen immer weiter aus. Es gibt zahlreiche Landkonflikte, die Indios, Kleinbauern und Goldsucher involvieren. Illegale Goldsuche und Abholzung des Regenwalds, sowie der Bau von zwei großen Staustufen am Rio Madeira haben schwerwiegende Auswirkungen auf Mensch und Natur. Zum Nationaltreffen im Juli 2009, das unter dem Leitwort “Aus dem Schoß der Erde kommt der Schrei Amazoniens” steht, erwartet man 3.000 Delegierte aus ganz Brasilien. Das Nationaltreffen der CEBs ist von großer Bedeutung für die Lokalkirche von Porto Velho, die Region Westamazonien und die Kirche in Brasilien. Für die Ortskirche von Porto Velho war es eine mutige Entscheidung, Austragungsort des XII Encontro zu werden. Die Katholische Kirche muss gegen permanente Anfeindungen, teilweise auch Bedrohungen seitens einiger politischer Gruppen und der organisierten Kriminalität, ankämpfen.

Norbert Bolte, Länderreferent für Brasilien bei Adveniat, wird während seiner Brasilienreise im Juli 2009 an dem Nationaltreffen der Basisgemeinden in Porto Velho teilnehmen und von dort berichten.