Archiv für Mai 2009

Vom Leben im Müll

Mittwoch, 27. Mai 2009

Kinder in der Pfarrschule bei der Essensausgabe Überall Müll, selbst aus der Straße, einem gestampften Weg, lugen Kunststofffetzen, Tüten und sogar der Rest einer Plastiksandale heraus.
“Unser ganzes Viertel ist auf Müll gebaut”, sagt Pfarrer Antoine-Marie Claret Léon. Fort St. Michel, das ist ein wachsender Stadtteil von Haitis zweitgrößter Stadt Cap Haitien. Das Viertel in einem Sumpfgebiet wächst dort, wo die Menschen Müll in den Sumpf und das wasser des Flusses hineinwerfen, um schließlich auf dem Unrat ihre Häuser zu errichten.

Elf Monate nach meinem letzten Besuch bin ich erneut in der Gemeinde “Nôtre Dame D’Altagrace” in Fort St. Michel. Und Pfarrer Claret hat nichts von dem entschlossenen Geist verloren, den er schon im Juli vergangenen Jahres ausstrahlte. “Die Kirche ist wohl die einzige Institution, die sich für diese Menschen einsetzt”, sagt er und zeigt auf die Häuser, die inmitten der Müllberge und stinkenden Wasserlachen stehen: “Dies sind die Ärmsten der Armen. Sie zahlen sogar dafür, dass der Müll ihnen abgeladen wird.” Straßenszene im Viertel Denn tatsächlich ködern die Familien, die ein Grundstück “trockenlegen” wollen, die Fahrer der Müllabfuhr mit Geld, damit sie den Unrat dort ins Wasser kippen, wo später einmal ihr Haus errichtet werden soll.
Es sind vielfach alleinerziehende Mütter, die hier wohnen. “Viele Männer sind in der dominikanischen Republik, um dort Geld zu verdienen. Die Mütter bleiben mit den Kindern allein hier, und oft kommt das Geld ihrer Männer aus dem Ausland einfach nicht.” Viele Kinder leiden und Unterernährung, fast alle an Mangelernährung. Nur jedes fünfte Kind kann eine Schule besuchen: “Für das Schulgeld haben die Familien meistens kein Geld.”
Die Pfarrei hat daher eine Pfarrschule eingerichtet. 250 Kinder lernen hier, und ein Freiwilligenteam bereitet ihnen täglich ein einfaches, warmes Essen — für die meisten Kinder die einzige Mahlzeit am Tag.der Pfarrer in Fort St. Michel, P. Claret mit M.
Meine Kollegin, Haiti-Länderreferentin Margit Wichelmann, schaut nach dem Fortgang der Adveniat-Projekte in der Pfarrei. Mit Hilfe aus Deutschland konnten die Pfarrkirche und das Pfarrhaus errichtet werden.
Wie so oft bei Neubauten, bleibt auch hier noch einiges zu tun.

 

 

 

Christian Frevel

Katastrophe mit Ankündigung

Mittwoch, 27. Mai 2009

Margit Wichelmann mit Bischof Péan Es steht ein Reisetag an. Wir wollen von Porte-Au-Prince, der Hauptstadt, nach Cap Haitien, der zweitgrößten Stadt Haitis. Wir nehmen den Landweg, obwohl es mit dem Flugzeug deutlich schneller und erheblich bequemer wäre. Denn wir wollen Zwischenstopp machen in Gonaïves, der Stadt, die am schwersten betroffen war von den Hurrikans des vergangenen Jahres.
Wir sind dankbar, dass uns der Fahrer der Haitianischen Bischofskonferenz sicher über die wohl wichtigste Straße der Insel fährt, die Nationalstraße 1. Denn die „Schnellstraße“ ist in weiten Streckenabschnitten in einem desolaten Zustand. Das liegt teilweise daran, dass sie nicht immer optimal gebaut wurde und den stetigen Belastungen nicht Stand hält, vor allem aber daran, dass die Wirbelstürme und mit ihnen die anschwellenden Flüsse die Straße unter- bzw. überspülten, Brücken einrissen und Erdrutsche den Weg unpassierbar gestalteten.
Das Bischofshaus in Gonaïves gleicht einem Wasserschloss. Ein großer Teil des Innenhofes steht immer noch rund 40 Zentimeter unter Wasser, das einfach nicht abfließen will. Im September, als die Hurrikane „Ike“ und „Hannah“ Haiti trafen, stand das Wasser rund vier Meter hoch. Vom ersten Stock des Bischofshauses aus hat man einen guten Blick über die Stadt. Das Haus der Ordensschwestern gleich nebenan, erklärt Bischof Yves-Marie Péan, sei bis über das Dach überspült worden. So wird es wohl auch den vielen tausend anderen Häusern im Ort ergangen sein, die ebenfalls nicht höher sind und nur über ein Stockwerk verfügen. 500 Menschen nahm der Bischof in das Diözesanzentrum neben dem Bischofshaus auf, sein Haus wurde zum Obdach für Dutzende Priester, Ordensleute und Laien, die nicht in ihre Häuser konnten. Man habe die Phasen des Schocks, der Trauer und des Aufräumens hinter sich, sagt Bischof Péan, obgleich noch immer dreitausend Helfer der Caritas die Dutzende Lastwagen immer wieder mit den Resten des Schlamms beladen, den die Flut aus den Bergen hinabspülte. Allein aus dem Hof des Bischofshauses habe man bisher mehr als 250 LKW-Ladungen herausgebracht, sagt der Bischof, während draußen immer noch Arbeiter Lehm in Schubkarren schaufeln – acht Monate nach der Katastrophe. Noch immer leben Menschen in Zelten und Notunterkünften, hausen bei Verwandten in beengten Verhältnissen.Straßenszene in Gonaïves
Der Bischof von Gonaïves hatte in den vergangenen Monaten etliche Politiker in seinem Haus zu Gast, Staatspräsident Préval war gleich drei mal hier. Ihnen allen predigte er das, was er auch in einem Hirtenbrief an die Gläubigen geschrieben hatte: Es gilt jetzt, einer neuen Katastrophe vorzubeugen. Denn im Juli beginnt die nächste Hurrikan-„Saison“, und die Situation hat sich kaum verändert. Noch immer wird in den Bergen weiter abgeholzt, weil das Land Holzkohle braucht.
„Sie wird nicht nur fürs Kochen benötigt, sondern auch die Bäcker, die Wäschereien und auf den Baustellen nutzt man die Kohle. Wir brauchen ein Programm und Gesetze, die diesen massiven Gebrauch der Kohle stoppen“, fordert der Bischof. Im städtischen Bereich müsse man beginnen, hier ließen sich, da es eine Stromversorgung gebe, am schnellsten Alternativen für die Kohle finden. „Daneben müssen Deiche gebaut, Straßen gesichert werden“, sagt Bischof Péan. Das ganze erfordere einen „radikalen Bewusstseinswandel“. Die Kirche, mit den Predigten der Pfarrer und Bischöfe, tue ihren Teil, um darauf hinzuarbeiten.
„Inzwischen weiß die Bevölkerung um den Zusammenhang zwischen Abholzung und Überschwemmungen. Jetzt muss aus dem Wissen ein handeln erwachsen.“ Als wir am Nachmittag weiter fahren Richtung Cap Haitien, wird uns deutlich, welche gigantischen Anstrengungen notwendig sein werden, um das Problem zu lösen: Die Nationalstraße 1 ist an vielen Stellen zerstört, überall wird gebaut, doch selbst mit großen Maschinen ist es nicht möglich, die Folgen der Katastrophe auszulöschen. Viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum Beginn der Hurrikan-Saison, und schon jetzt ist klar, dass die Arbeiten nicht ausreichen werden, um einem erneuten Hurrikan Stand zu halten. Sollte erneut ein Wirbelsturm mit der Gewalt von „Hannah“ das Land treffen, werden diese ersten Bemühungen der Menschen, finanziert durch ausländische Hilfe, nicht ausreichen. Es mutet an wie die Ankündigung einer weiteren Katastrophe. „Natürlich haben die Menschen Angst“, hatte Bischof Péan gesagt. „Aber jetzt gilt es, gemeinsam die notwendigen Anstrengungen zu unternehmen.“ Hoffen wir, dass den Haitianern genug Zeit bleibt, um die Aufgaben zu lösen. Zehn Jahre brauche man, um den Plan umzusetzen, hatte der Bischof gesagt. In den vergangenen fünf Jahren wurde Haiti von fünf großen Wirbelstürmen getroffen. Gonaïves wurde drei Mal schwer getroffen.

Christian Frevel

Schulbildung gibt es nur für eine Minderheit

Mittwoch, 27. Mai 2009

Der Pater und ein Seminarist mit Margit WichelmannMit dem Pick-Up von Pfarrer Jean-François Tristan fahren wir nach Grand Boulage, einer Landpfarrei im Norden der Erzdiözese Porte-Au-Prince. Die 90-minütige Fahrt führt hinauf in die Berge, vorbei an Polizeiposten und einer Einheit der Minustah, der Blauhelmtruppe der Vereinten Nationen, die die Sicherheit und den Frieden in Haiti sichern sollen.
Von der asphaltierten Hauptstraße geht eine Schotterpiste weiter hinein in die karge Berglandschaft. Überall lassen sich die Folgen der jahrzehntelangen Abholzung erkennen: verkarstete Gebirge, kaum Bäume, die Flüsse im Tal zeigen deutliche Spuren davon, wie viel Erde, Schlamm und Geröll aus den Bergen sie mit sich führen. Im September 2008 führte das in Folge mehrerer Wirbelstürme zu starken Zerstörungen vor allem im Westen des Landes.
Ja, auch hier würde man Bäume fällen und zu Holzkohle verarbeiten, sagt Jean Fenelus, ein alter Bauer aus dem Dorf Grand Boulage. Schließlich gebe der Boden, anders als früher, nicht mehr genug Nahrung für mehr als eine kleine Ernte: Ein Teufelskreis; denn es waren die Bauern selbst, die mit der massiveren Abholzung der Bäume der Erosion des Bodens Anschub gaben.
Pfarrer Jean-François Tristan ist seit drei Jahren Pfarrer der neu gegründeten Pfarrei, die weiter wächst: Neben der Pfarrkirche gehören inzwischen fünf weitere Kapellen im weitläufigen Gebiet zur Pfarrei.
Pfarrer Jean-François ist daher viel unterwegs und angewiesen auf seinen Allradwagen, bei dessen Anschaffung er von Adveniat unterstützt wurde.
„Das nächste Krankenhaus ist in Porte-Au-Prince, auch der nächste Arzt ist eine Autostunde entfernt“, sagt der 44-jährige Pfarrer. „Ich bin daher mit dem Auto auch Krankenwagen und Taxi zum Doktor.“ Stolz ist die Gemeinde auf die achtklassige Schule die sie unterhält.
Der Unterricht findet für drei Klassen in der Kirche statt, die übrigen Kinder finden Platz in der eigentlichen Schule. Mehr als 300 Schülerinnen und Schüler kommen täglich zu Fuß in die Schule, manche laufen fast zwei Stunden aus ihren weiter entfernt liegenden Dörfern zu Schule, die daher erst um 8 Uhr beginnt – für Haiti recht spät. „Dies ist die einzige Schule im weiten Umkreis“, sagt Fenelus Franckel, der Direktor der Schule. „Leider ist für einige Kinder der weg zu weit. Und, was viel schwerer wiegt: Die meisten Kinder können nicht am Unterricht teilnehmen, weil ihre Familien die geringen Schulgebühren nicht aufbringen können.“ Nur ein Viertel aller Kinder erhält daher eine Schulbildung. Obwohl die Kirche die Schule unterstützt, obwohl es internationale Hilfe gibt, ist die Pfarrei darauf angewiesen, Schulgebühren zu erheben, um den Lehrer ein (wenn auch niedriges) Gehalt zu zahlen.
Eigentlich ist Rektor Fenelus Franckel auf dem Weg zum Priesteramt.
Seine ersten Studienjahre im Priesterseminar hat er bereits hinter sich, jetzt absolviert er ein „praktisches Jahr“ in einer Pfarrei. So kam er nach Grand Boulage und wurde vom Pfarrer mit der Leitung der Schule beauftragt. Stolz zeigt der Seminarist die gut bestückte Bibliothek der Schule und äußert seine Sorge, dass auch nach seiner Rückkehr ins Seminar die Leitung in sicheren Händen liegen möge: Die Lehrer sind nicht besonders gut bezahlt, und wirkliche Fachleute lassen sich damit nicht unbedingt in eine Landpfarrei locken. Adveniat daher hat in mehreren Diözesen geholfen, Lehrerfortbildungsprogramme durchzuführen, damit es ausreichend Fachpersonal gibt.
Da muss man schon ein Pionier sein, wie es Pfarrer Jean-François offensichtlich ist. Sein „Pfarrhaus“ ist ein Raum hinter der Kirche, der als Lager, Küche, Versammlungsraum, Wohn- und Schlafzimmer für den Priester dient. Heute, am Sonntag, platzt die kleine Kirche wieder aus allen Nähten. Unter den großen Sarment-Bäumen vor dem kleinen Gotteshaus haben Gemeindemitglieder Bänke und Stühle aufgestellt, und auch diese sind voll besetzt, als die Messe in Kreolisch beginnt. Französisch spricht der Pfarrer nur zur Begrüßung der Gäste aus Deutschland, und als Adveniat-Länderreferentin Margit Wichelmann über Adveniat spricht, übersetzt er ihre Französische Ansprache ins Kreolische. Denn ein Großteil der Gemeindeangehörigen spricht nur kreolisch. Die Amtssprache Französisch lernt man auf der Schule, aber … wenn nur ein kleiner Teil der Bevölkerung zur Schule geht… Pfarrer Jean-François plant den Bau einer neuen Pfarrkirche, größer und der weiten Gemeinde angepasster. „An Festtagen kommen mehr als 500, manchmal 800 Menschen“, sagt er. In die frühere Kapelle, die vor fünfzig Jahren von Spiritaner-Patres gebaut wurde und jetzt als Pfarrkirche dient, passen 120 hinein. Die mehr als hundert, die am heutigen Sonntag draußen Platz gefunden haben, werden bei Regen nass.
Gebaut hat der innovative Pfarrer bereits eine Wasserzisterne, die das halbe Dorf versorgt, er hat einen Pfarrgarten angelegt, hegt hinter der Kirche Ziegen, ein Schwein und ein paar Kaninchen: Das Leben eines Priesters auf Haiti ist finanziell nicht unbedingt abgesichert; da ist es gut, ein paar Reserven zu haben.
Über Grand-Boulage haben sich dunkle Wolken zusammengezogen. Meine Kollegin Margit Wichelmann und ich beschließen, während der Rückfahrt auf der Ladefläche des Pick-Ups zu sitzen und den Journalisten, die zu unserer kleinen Delegation gehören, den trockenen Platz im Wageninneren zu überlassen. Als wir losfahren, fallen die ersten Tropfen. Als wir in den Bergen sind, gießt es aus den Wolken wie aus Kübeln. Und als wir wieder in Porte-Au-Prince ankommen, sitzen wir nass wie die berühmten Pudel auf der Ladefläche, sie sich in eine Pfütze verwandelt hat. Wie schön, dass heute die Dusche im Haus der Haitianischen Caritas, wo unsere Delegation untergebracht ist, warmes Wasser abgeben. Ein wohltuender Luxus, den die Menschen in Grande-Boulange nicht haben.

Christian Frevel

Migration als Ausweg?

Montag, 25. Mai 2009

Das Interview anhören >> Migration Padre Han’s Alexandre im Interview mit Adveniat-Länderreferentin Margit Wichelmann und Carlo Schindhelm vom Bayerischen Rundfunk)

Samstag in Porte-Au-Prince. Die Gemeinde Sacre Coeur hat sich herausgeputzt; denn heute ist Firmung. 364 Jungen und Mädchen in weißen Hemden und Spitzenkleidchen erhalten vom Bischof das Sakrament. Die Messe dauert rund dreieinhalb Stunden – von Müdigkeit ist bei den jungen Leuten, aber auch beim Pfarrer der Gemeinde, Père Han’s, Alexandre der auch noch Sekretär der Haitianischen Bischofskonferenz ist, keine Spur.
Wir hatten zuvor die Gemeinde kennen lernen können, vor allem das Elendsviertel „Corridor Bois de Chêne“. Wieviele Menschen hier wohnen, kann niemand sagen. Doch es ist eng, Autos können hier nicht herein. Die Menschen blicken argwöhnisch, wer da in ihren Bereich hereinkommt. Wir besuchen eine Schule, die mitten zwischen den Häusern aus einem großen Raum und einigen weiteren kleineren Zimmern besteht. Der Staat kommt seiner Aufgabe im Erziehungswesen nicht nach, staatliche Schulen gibt es so gut wie nicht. Da ist vor allem die Kirche gefragt.
Für die Kinder bedeutet der Schulbesuch neben dem Lernen auch, dass sie hier etwas zu essen bekommen. Für viele ist es die einzige Mahlzeit am Tag. Schlimmer noch: „Wir merken, dass etliche Kinder von ihrer Mahlzeit etwas mit nach Hause nehmen, damit ihre kleinen Geschwister auch etwas zu Essen haben“, sagt Père Han’s. Da ist sie plötzlich greifbar, die unsägliche Armut, die uns auch aus den vielen kleinen Zimmern heraus anschreit: Auf zehn, fünfzehn Quadratmetern leben oft sechs, acht Menschen zusammen.
Die Pfarrei hat neben der Kirche noch eine Schule, die vor allem benachteiligten Kindern offen steht. Wir hören, dass hier auch „Restaveks“ unterrichtet werden, das sind Kinder, die von ihren Eltern in andere Familien gegeben wurden, weil sie sie selbst nicht mehr ernähren können. Dort müssen sich die Kleinen dann als Dienstmagd verdingen: „Schwabenkinder“ hieß das früher einmal in Deutschland, doch dass ist im vorletzten Jahrhundert gewesen. In Haiti ist es bittere Aktualität.
Nach der Messe zur Firmung, bei Tisch, entwickelt sich ein Gespräch mit dem Studentenseelsorger, einem französischen Priester aus Brest in der Bretagne. Nein, viele schaffen es nicht bis zur Universität, Und wer dort einen Abschluss schafft, sieht keine Perspektive in Haiti. „Welche Jobs gibt es denn?“ fragt der Franzose, und ergänzt, dass es eine Industrie kaum gäbe, und die Stellen in der Verwaltung schlecht bezahlt sein. „Von den Absolventen der Uni gehen 80 Prozent ins Ausland, vor allem in die USA und nach Kanada. Die Übrigen, das ist das Ergebnis einer Umfrage, die wir gemacht haben, wollen zu mehr als 60 Prozent am Liebsten bei ausländischen Nichtregierungsorganisationen hier in Haiti arbeiten.“
Migration als der einzige Ausweg? Père Han’s weiß um die vielen Tausend Menschen, die sich von Haiti aus mit wackligen Booten auf machen nach Norden. Ihre Familien verschulden sich, um den Schleppern die Überfahrt zu bezahlen. Eine Garantie ist das nicht: Ein Großteil wird von der US-amerikanischen Küstenwache abgefangen und nach Hause geflogen, andere gehen mit den wackligen Booten im karibischen Meer unter – oder werden einfach über Bord geworfen. „Wenn schlechtes Wetter aufkommt, drohen die Boote zu kentern, da sie fast immer überbelegt sind. Dann werfen die Bootsleute einfach ein paar Leute ins Meer, damit die anderen überleben.“
Einen Teil des Gesprächs mit Pfarrer Han’s Alexandre habe ich aufgezeichnet; die Datei kann im Blog angehört werden (Übersetzung: Margit Wichelmann).

Bildtext: Padre Han’s Alexandre im Interview mit Adveniat-Länderreferentin Margit Wichelmann und Carlo Schindhelm vom Bayerischen Rundfunk)

Christian Frevel

Der Schlüssel zu allem ist Bildung

Montag, 25. Mai 2009

Die Lehrer der zur Pfarrei gehörenden SchuleAm Morgen hieß es um sechs in Richtung „Grand Boulage“, einer Pfarrei auf dem Lande, aufbrechen. Auf der Terrasse unseres Gästehauses wurden wir kurz vor der Abfahrt Zeuge, wie in Port-au-Prince Müll entsorgt wird. Man nehme seinen Abfall und schmeiße ihn schwupdiwup in Nachbars Garten. Wem das jetzt nach zu viel Flachs klingt, der möge überlegen, wie in Deutschland die Situation wäre, wenn es so gut wie keine Müllabfuhr gäbe und jeder seinen Unrat selbst entsorgen müsste.

Unser Gefährt war ein Toyota Pick-up. Vier von uns nahmen im Auto Platz, während drei, mich eingeschlossen, auf der Pritsche Halt suchten. Wir kamen auf der nationalen Straße drei gut voran, die für haitianische Verhältnisse fantastisch ausgebaut ist. Die Überholstrategie werde ich übrigens mit nach Deutschland nehmen: Hupen, (fast) ohne Rücksicht auf Verluste vorbeifahren und dann geht es in der Mitte der Straße weiter. Gegenverkehr weicht man kurz aus, um dann wieder konsequent in das Zentrum des Fahrwegs zurückzukehren.

Dramatisch bewusst wurde uns während der Fahrt die Auswirkungen der ständigen Abholzung auf Haiti. Obwohl wir in den Tropen sind und eigentlich üppiges Grün erwarten müssten, war da nur steiniger Fels mit wenig Erde und grünem Wuchs darauf. Bäume gab es so gut wie keine. Außerdem sahen wir an vielen Stellen freilaufende Ziegen und Kühen, die die wenigen Sprösslinge, die versuchen zu gedeihen, abfressen.

Den Kopf in den Fahrtwind haltend, drängte sich mir die Frage auf, wie man denn bitte woanders auf der Insel für 60 Kilometer sechs Stunden und mehr brauchen kann. Als die Abzweigung zur Pfarrei kam, wurde auch diese Information geliefert. Wir kamen zu einem stetig ansteigenden Weg, der mit Schlaglöchern und Pfützen übersät war und in sich nicht wirklich eben war. Aber dem Ingenieur von Toyota sei Dank, der in diesen Jeep den Allrad eingebaut hatte. Schieben erübrigte sich damit und wir kamen auch durch die tiefsten Pfützen. Ohne groß zu fragen, sprangen hinten noch ein haitianischer Vater mit seiner Tochter auf, die zum Gottesdienst in „unserer“ Pfarrei wollten. Was aber für Haiti normal ist und von daher wohlwollend toleriert wurde.

Auf den ersten Blick liegt „Grand Boulage“ idyllisch. Kirche, das angebaute Pfarrhaus, Ställe und Schulgebäude rahmen einen Platz mit Bäumen ein, der dadurch viel Schatten hat. In einem ersten Gespräch mit Pfarrer Tristan rückten die Auswirkungen der bereits oben beschriebenen Abholzung in den Mittelpunkt. Die Mitglieder seiner Pfarrei, die mit Filialgemeinden etwa 15.000 bis 20.000 Menschen umfasst, und von denen die weiteste sieben Stunden einfachen Fußmarsch entfernt liegt, versuchen Landwirtschaft zu betreiben. Da aber durch die Abholzung der Bäume der Regen den fruchtbaren Boden immer mehr abschwemmt, bringt der Anbau von Erbsen und Mais so wenig Ertrag, dass die Familien, teilweise mit sieben bis zwölf Kindern, nicht davon leben können. Von daher ist die Haupteinahmequelle die Herstellung von Holzkohle, für die man zwangsläufig Holz benötigt. Trockenmauern, die die Abschwemmung von Erde verhindern sollen, in dem sie dem fließenden Wasser die Wucht nehmen, können zwar helfen den Teufelskreis zu mindern, aber sie durchbrechen ihn nicht. An anderer Stelle in Haiti werden auch durch Organisationen neue Bäume gepflanzt, aber trotz der Menge von zwei bis drei Millionen Sprösslingen stellen diese Maßnahmen nur einen Tropfen auf dem heißen Stein dar.

Pfarrer Tristan ist übrigens durchaus ein Beweis dafür, dass man sich auch abgelegen relativ komfortabel einrichten kann. Obwohl sein „Pfarrhaus“ nur aus einem lang gestreckten Raum besteht, der auch als Versammlungsort dient, erzeugte ein Generator Strom für zwei (!) Fernseher und einen Computer. In daneben liegenden Ställen waren ein Schwein und Hasen zu finden.

Erwähnt werden muss übrigens auch, dass der Pick-Up, dessen Anschaffung Adveniat finanziell unterstützt hat, dass einzige Auto in der Region ist. Von daher hält Tristan nicht nur Gottesdienste und ist für die Seelsorge zuständig, sondern bringt Kranke oder auch Frauen, die niederkommen, beispielsweise nach Port-au-Prince. Eine kleine Randbemerkung an dieser Stelle: In Haiti sind gute Chauffeure hoch angesehen, was bei dem existierenden Verkehr, wie bereits mehrmals in diesem Blog beschrieben, kein Wunder ist.

Nach einem ausgiebigen und leckeren Frühstück nahmen wir am Sonntagsgottesdienst der Gemeinde teil, der so gut besucht war, dass viele Besucherinnen und Besucher im Freien sitzen mussten. In diesem Zusammenhang läuft momentan ein Antrag der Pfarrei, der den Neubau einer Kirche oder die Erweiterung der bestehenden zum Inhalt hat. Die Feier wurde in einer Mischung aus Französisch und Kreolisch gehalten. Beide Sprachen beherrsche ich etwa so gut wie Kishuaeli, nämlich gar nicht. Aber da überall in der katholischen Welt der Aufbau der Eucharistiefeier gleich ist, weiß man wann der Friedensgruß ansteht oder es auch Zeit ist, sich an der Kollekte zu beteiligen.Nach Ende der Messe um circa elf Uhr probte der Chor für die Pfingstmesse. Die Ausdauer, die die Mitglieder an den Tag legten, war bewundernswert. Als wir uns nämlich um drei auf den Heimweg machten, sangen sie immer noch.

Ein spannendes Gespräch entspann sich vor dem Mittagessen mit Lehrern und einer Lehrerin der Pfarrschule. Unterricht wird in der Kirche, und in einem angrenzenden Raum und in einem extra Gebäude gehalten. Auf die Frage, wie sie denn “Professore” geworden seien, erklärten sie uns, dass sie früher selbst in „Grand Boulage“ zur Schule gegangen seien und dort lesen und schreiben gelernt hätten. Um der drohenden Arbeitslosigkeit zu entgehen, besuchten sie Lehrerfortbildungen und geben nun ihr Wissen auf Fächer spezialisiert an die neun Klassen weiter. Drei Klassen betreffen die Vorschule für Kinder ab drei Jahren, während die übrigen sechs die Altersstufen von sechs bis zwölf Jahren betreffen, die die Primärstufe ausmachen. Dem haitianischen Schulsystem gemäß, der auch das Curriculum der Schulausbildung vorgibt, schließt sich daran die Sekundarstufe mit der siebten bis neunten Klasse an und darüber sitzt bis zur 12. Klasse die Möglichkeit das Abitur zu machen. Da aber der Besuch der Schulen nicht umsonst ist – die Primärstufe in „Grand Boulage“ kostet umgerechnet etwa acht Euro pro Jahr, die Sekundärstufe grob 25 Euro, können sich die Unterrichtteilnahme innerhalb des Pfarrgebiets nur 20 bis 25 Prozent der vorhandenen Kinder leisten. Trotzdem versuchen die Eltern alles, um möglichst vieler ihrer Kinder Bildung zukommen zu lassen. Einer der Lehrer betonte, dass in Haiti ein immenser Wissensdurst vorhanden sei. Er glaube, dass sich die Gesellschaft in Haiti zum Besseren wandle, wenn mehr Menschen Teilhabe an Bildungsmaßnahmen bekommen und damit bessere Aussichten auf Arbeit hätten. Ohne Bildung sei die Chance gleich null, eine Beschäftigung zu finden und es drohe die Perspektivlosigkeit. Sein Gehalt gab er mit etwa 40 amerikanischen Dollar pro Monat an. Wenn man bedenkt, dass die absolute Armutsgrenze bei einem Dollar pro Tag liegt, kann man sich ausrechnen, dass ein Lehrereinkommen in einer Dorfschule nur geringfügig darüberliegt.

Vor der Abreise zeigte uns Pfarrer Tristan noch seine Wasserzisterne und Pumpanlage. Was ein weiteres Problem in Haiti beschreibt: die ständige Wasserknappheit, die einen sinnvollen Anbau von Gemüse und Früchten weiter erschwert.

Während des Aufbruchs nach Port-au-Prince zeichnete sich bereits Regen ab, der dann auch bald einsetzte und die Freiwilligen auf der Pritsche, zu denen ich dieses Mal nicht gehörte, durchnässte. Was eine nicht funktionierende Kanalisation bei ergiebigen Niederschlägen auslösen kann, erfuhren wir bei der Rückkehr in die haitianische Hauptstadt. Die Straßen standen Zentimeter hoch unter Wasser und der Müll, der zumindest vorher noch auf Haufen lag, verteilte sich jetzt gleichmäßig durch die Überschwemmungen. Nicht weiter nachdenken darf man über die jugendlichen Einwohner der Stadt, die barfuß durch die Brühe wateten.

Datum: 25.05.2009
Jürgen Eckert

„Wir leben doch!“

Montag, 25. Mai 2009

Blick auf den Kindergarten (li.) und die Kapellenschule (re.)Am Vormittag führte uns Pere Han’s Alexandre in eines der noch „harmloseren“ Armenviertel. Die Bilder, die wir zu sehen bekamen, sind schwer zu beschreiben und überfordern einen ein Stück weit. In der Luft liegt die ganze Zeit ein Geruch aus Rauch, der beim Verbrennen von Holzkohle entsteht, Urin und Faulem. Und das Ganze durch die Wärme auch noch erhitzt. Links und rechts der Gassen läuft völlig verunreinigtes Wasser in kleinen Rinnen, und immer wieder liegt alles vorstellbare an Müll in den Wasserläufen. Was zumindest nicht zu sehen war, war Kot. Wir konnten einen Blick in ein Zimmer werfen, in dem auf sechs Quadratmetern fünf bis sechs Menschen hausten. Einer davon schlief auf dem Kühlschrank. Eines scheint mir aber an dieser Stelle trotzdem wichtig herauszuheben. In Haiti gilt Familie sehr viel und Individualität hat bei weitem nicht den Stellenwert wie bei uns. Von daher ist es nicht unnormal, dass Menschen eng zusammenleben.

Viele Clans versuchen durch den Verkauf von Dingen, Häusern oder durch die Aufnahme von Hypotheken oder Schulden einen Ihrer Angehörigen in das Ausland zu schicken, damit er dort Arbeit finden und die Angehörigen auf der Karibikinsel versorgen kann. Aber dabei geht es nicht darum einen Flug zu buchen, sondern sich einen Platz auf einem Flüchtlingsboot zu kaufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man im Ausland Asyl findet, liegt bei etwa 50 Prozent. Und auf See kommt es oft zu dramatischen Situationen. Ist ein Boot in Seenot, werden willkürlich Menschen bestimmt, die in das Meer müssen und ertrinken, um das Schiff leichter zu machen. Erreichen die Flüchtlinge das „gelobte“ Land und werden zurückgeschickt, haben sie in den Augen ihrer Familie versagt und sie sagen sich von Ihnen los. Die Wege sind dann vorgezeichnet. Entweder gleiten sie in die Kriminalität ab oder versuchen wieder auf ein Boot zu kommen. Han’s erzählte uns von ihm bekannten Menschen, die schon dreimal den Versuch machten in die USA überzusetzen.
Unser Weg führte uns dann durch weitere Armenviertel auf einen Hügel von Port-au-Prince, auf dem ein 15 Meter hohes weißes Betonkreuz steht, das zur Pfarrei „Sacre Cœur“ gehört, als Wallfahrtsort dient und an das eine Schule angeschlossen ist. Ein Haitianer in einem Viertel begrüßte uns freudig. Und auf die Frage nach dem Warum, teilte er uns mit, dass es ein gutes Zeichen für Haiti sei, dass Weiße wieder in seinem Viertel laufen können ohne bedroht zu werden und in Gefahr zu sein.

Beim Mittagessen in der Pfarrei trafen wir einen weißen französischen Priester, der seit 10 Jahren in Port-au-Prince als Studentenseelsorger wirkt. Wir fragten ihn nach seiner Einschätzung der Lage in Haiti und ob er sie als schwierig empfinde. Die Antwort, die kam, gab uns zu denken. Die Menschen in Haiti leben doch und das Leben funktioniere, mit dem was möglich ist. Das Problem der Hilfen aus dem Ausland sei oft, dass die Haitianer sie entweder nicht wollen oder nicht verstehen und dann damit nichts anfangen können. Das Ganze sei auch ein Mentalitäts- und kulturelles Problem. Er erlebe den Karibikstaat als Land, der schon viel erreicht, wenn es ihm gelingt, die ständig drohenden Katastrophen zu vermeiden. Seiner Meinung nach können sich Dinge verbessern, die lokal begrenzt sind. Werden regionale oder nationale Ebenen beschritten, sei alles zum Scheitern verurteilt. In der Regierung kämpfe jeder für sich und seine Familie, ein Miteinander und Zusammenarbeiten gebe es eigentlich nicht. Bezeichnend war auch das Wahlkampfmotto des aktuellen Präsidenten Rene Preval, der mit dem Slogan „Schwimm Dich frei!“ antrat. Widerspruch ernteten wir auch auf die Frage, ob unser Eindruck täusche, dass das Leben in den Straßen von Port-au-Prince sehr ernst wirke und wenig Freude zu sehen sei. Natürlich habe das Leben die Menschen gezeichnet, aber er erlebe viele freudige Momente und die Menschen leben in Beziehung. Legendär sei auch der haitianische Carneval. Das Essen wurde übrigens mit einem Aperitif eröffnet, der aus Rum und in Rum eingelegten Früchten bestand und in Viertelliter Gläsern gereicht wurde. Ich habe nach der Hälfte kapituliert, da sonst der Nachmittag für mich gelaufen wäre. Ronald und Adi haben ihre Gläser vollständig geleert, was prompt zu einem zwischenzeitlichen Stimmungshoch führte.

Am Nachmittag fuhren wir nach Cité Soleil. Der Slum, in dem 300.000 bis 400.000 Menschen leben, wurde in den letzten Jahren auch übernational bekannt. Zum einen gingen die Hungerrevolten 2008, als die Preise der Lebensmittel und von Energie explosionsartig anstieg, von dort aus, zum anderen stammte das letztjährige „Pressefoto des Jahres“ aus der Stadt. Die Gewaltexzesse gingen zwar in den letzten zweieinhalb Jahren aufgrund der stärkeren Präsenz von Polizei und der UN-Blauhelme der „Minustah“ zurück, trotzdem wird nicht mehr ganz so augenscheinlich betrogen, gestohlen und gemordet. Erst einen Tag vor unserer Ankunft wurden bei einem Gefecht neben dem Pfarrhaus zwischen rivalisierenden Gangs drei Menschen erschossen, ein Vierter verblutete auf einem Feld. Ein Gang durch die Seitenstraßen wurde uns aufgrund zu großer Gefährdung nicht empfohlen.

Das Hauptaugenmerk der Pfarrei liegt, soweit es die personellen und finanziellen Ressourcen zulassen, auf der Jugend und deren Ausbildung. Adveniat förderte im Gemeindezentrum den Bau ein Versammlungsraums und wir bekamen eine Maschine zu sehen und zu hören, die der Herstellung von Hohlblocksteinen diente.

Der Pfarrer der Gemeinde fuhr mit uns dann zu einer außerhalb liegenden „Kapellenschule“ mit angeschlossenem Kindergarten. In diesen Einrichtungen werden während der Woche Kinder unterrichtet und Versammlungen abgehalten. Am Wochenende finden dann Gottesdienste statt. Wer sich jetzt aber ein schönes Gebäude mit Türmchen vorstellt, ist leider völlig auf dem Holzweg. Das Gebäude ist eine Art „Bretterverschlag“ mit Wellblechdach, 5 mal 15 Meter groß, durch das es bei Regen munter nässt. 120 bis 150 Kinder werden in sechs Klassen dort unterrichtet. Das Niveau der vermittelten Bildung hängt stark von der Qualität der Unterrichtenden ab. Margit Wichelmann von Adveniat beschrieb uns Unterlagen der Lehrerausbildung, die auf dem Niveau einer Grundschule bei uns sind. Auf der anderen Seite waren in der Kapellenschule mathematische Ungleichungen an die Tafel geschrieben, die mich an meine Schulzeit erinnerten und deren Lösung mir den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Lehrer haben in Haiti nicht studiert, sondern geeignet Erscheinende werden zum Beispiel von Geistlichen angesprochen und können dann an in der Regel an Lehrerfortbildungen, die zum Beispiel zwischen einem und drei Jahren dauern können, teilnehmen. Adveniat ist in diesem Bereich stark involviert und finanziert diese Kurse mit. Ein zerrissenes Unicef-Zelt ohne Inhalt, etwa drei mal sechs Quadratmeter groß, stellte den Kindergarten dar. Regnet es, müssen die Kleinen ebenfalls in die Kapellenschule. Wer sich jetzt fragt, wie denn nun ein halbwegs sinnvoller Unterricht stattfinden kann, kann es sich so vorstellen. Die Klassen zu 20 bis 25 Kindern verteilen sich im Raum und die Gruppen sitzen Rücken an Rücken. Die Verantwortlichen teilten uns mit, dass sich die Kinder ein Ohr zuhielten, wenn sie sich durch die Geräusche, die die anderen Gruppen verursachten, gestört fühlten. Trotz der für unser Verständnis miserablen Räume, verstreuten die anwesenden Kinder viel Lebensfreude und Spaß an ihrer Einrichtung. Die Perspektive ist es immer, die entscheidet.

Datum: 25.05.2009
Jürgen Eckert

„In Port-au-Prince“

Samstag, 23. Mai 2009

Sonnenuntergang über der KaribikAuf dem Flug von Miami nach Haiti saßen wir gestern neben einem Haitianer, der sicherlich mehr gebildet war als andere Haitianer. Wir kamen mit ihm auf Englisch ins Gespräch und fragten, warum er nach Port-au-Prince fliege. Er gehe dort auf Urlaub, teilte er uns mit. Normalerweise wohne er seit 20 Jahren in den USA, und wolle jetzt auf der Karibikinsel ein paar Tage ausspannen. Überhaupt finde es, dass Haiti die schönste Insel weit und breit sei und dass in den Medien nur das Schlechte stehe.

Was ich auf jeden Fall bestätigen kann, ist die Schönheit der Insel zumindest aus der Luft, soweit es zu sehen war. Was in Haiti „un minute“ bedeutet, mussten wir am Flughafen lernen. Wir wurden von der haitianischen Bischofskonferenz abgeholt, die sich um unser Gepäck kümmern wollten. Nach einer halben Stunde, als eigentlich alle anderen Reisenden schon ihre Koffer hatten, waren wir die Einzigen, die noch ohne waren. Da fängst Du schon an, Dir im Kopf auszumalen, wie Du 8 Tage Haiti ohne Gepäck überstehst und überlegst genau, was Du alles im Handgepäck hast.

Aber nach „un minute“ waren auch wir am Start und die erste Fahrt ging zu Mons. Louis Kebrau, dem Vorsitzenden der haitianischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Cap Haitien. Auf dem Weg zu ihm bekamen wir Port-au-Prince zu sehen. Unzählige Menschen sind unterwegs oder versuchen am Straßenrand etwas zu verkaufen. Dazwischen sind immer wieder Müllhaufen zu sehen, wobei Margit Wichelmann, die zuständige Länderreferentin von Adveniat uns erzählte, dass deren Anzahl vor drei vier Jahren noch wesentlich mehr waren und ihr die Stadt etwas sauberer erscheinen. Dass der Verkehr hier überhaupt funktioniert und Autos vorwärts kommen, ist für deutsche Autofahrer unfassbar. Wichtigstes Teil des Autos ist die Hupe, mit der überholt wird, Menschen aus dem Weg gescheucht, usw. Großen Respekt hatte ich vor unserem Chauffeur, der uns mit stoischer Ruhe den Weg bahnte und uns ans Ziel brachte.

In der Bischofskonferenz hatten wir noch etwas Zeit. Zwischen Christian Frevel, dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei Adveniat, und Adalbert Kopp von der Diözesanstelle Mission-Entwicklung-Frieden entwickelte sich eine Diskussion, warum in anderen Ländern Entwicklungshilfe zumindest zum Teil greift, während in Haiti der Eindruck entsteht, dass Maßnahmen versickern und kaum Erfolge zu sehen sind. Ein Grund kristallisierte sich am Essenstisch im Gespräch heraus: Eines der Hauptprobleme sind nicht vorhandene Strukturen im Land, die eine koordinierte Hilfe unmöglich machen. Auch ist die politische Verwaltung korrumpiert. Reiche bestechen beispielsweise Verwaltungskräfte, um von Steuern befreit zu werden. Nur ein Land, das kein Geld einnimmt, kann natürlich auch nicht die Aufgaben übernehmen, die es eigentlich machen müsste, wie zum Beispiel den Auf- und Ausbau der Infrastruktur.

An das Essen, bei dem wir zum ersten Mal die haitianische Küche mit Essbananen, Schweinefleisch mit Zwiebeln, Kartoffelauflauf und einem nicht allzu süßem Pudding aus Kuh- und Ziegenmilch kennen lernen duften, schloss sich ein Besuch eines städtischen Pfarrzentrums mit dem Namen „Sacre Cœur“ mit angeschlossener Schule an. Sie können sich die Einrichtung wie eine heruntergekommene Lagerhalle vorstellen, die aus mehreren kleinen, dunklen Räumen besteht, die keine Türen haben. Licht fällt in die „Zimmer“, durch unverglaste „Fenster“ in der Wand und durch die Türen. Trotzdem versucht die haitianische Kirche hier Hilfe und Bild zu vermitteln, soweit es Ihr möglich ist. Die Kinder der Einrichtung setzen sich zum großen Teil aus Restavecs und Straßenkindern zusammen. Erstere sind Jungen und Mädchen, die von ihren Eltern, weil sie sie nicht mehr für sie zahlen können, an wohlhabende Familien weggegeben werden. Diese sind aber nicht bereit für die Bildung der Heranwachsenden aufzukommen. Schulen, wie die des Pfarrzentrums, bieten den jungen Haitianern die Möglichkeit, kostenlosen Unterricht zu erhalten. In „Sacre Cœur“ werden fünf Jahgangsstufen unterrichtet. Ein weiteres Problem stellt die Bildung der Lehrer dar. Uns wurde von einem erzählt, der zwar sich beim Unterrichten sehr viel Mühe gebe, aber kaum französisch, sondern nur kreolisch spreche. Nur ohne die europäische Amtssprache sind Türen für ein Weiterkommen nicht zu öffnen.

Was unsere Quartiersuche anging, musste improvisiert werden. Einen Tag vor unserer Anreise gab es im Süden des Landes einen tropischen Sturm, der Straßen überschwemmt, eine Brücke zum Einsturz brachte und elf Menschen das Leben kostete. Von daher saßen in „unseren“ Zimmern in der Villa Manrese oberhalb der Stadt jetzt Gäste fest, die aufgrund der kaputten Straßen nicht nach Hause können. Nach einigen Telefonaten wurden wir umquartiert und sind jetzt im Gästehaus der Caritas untergebracht, dass neu ist und uns sicher ein zufrieden stellendes Zuhause geben wird.

Ich werde mir jetzt auch angewöhnen früh um halb fünf aufzustehen. Zum einen wird man durch Hahnengeschrei und irgendwie ständig dröhnende Musik sowieso geweckt und zum anderen ist es dann noch halbwegs kühl und erleichtert das Arbeiten.

Erstaunlich fand ich übrigens gestern, dass wir in einem kleinen Supermarkt mit Kreditkarte zahlen konnten. Auch dass sei vor drei, vier Jahren noch undenkbar gewesen, so Margit Wichelmann.

Datum: 23.05.2009
Jürgen Eckert

Ankunft in der Hauptstadt Haitis

Samstag, 23. Mai 2009

Wieder in Haiti, wieder eine Landung in der Hauptstadt Porte-au-Prince. Die Hafenstadt gibt sich bedeckt, dunkle Wolken verhängen den Himmel. Die letzten Tage hat es hier Sturzbäche geregnet. Und wieder einmal hat das zu Hochwasser in den Flüssen und zu folgenschweren Überschwemmungen in den Mündungsbereichen der Flüsse geführt. Erneut traf es vor allem die Gebiete, die schon im August und September 2008 durch den Wirbelsturm „Hanna“ und den Tropensturm „Gustav“ verwüstet worden waren. Die haitianische Nachrichtenagentur spricht derzeit von elf Toten durch die Wassermassen. Unklar ist die Straßenlage: Welche Strecken sind passierbar?
Die Katastrophe, die vor allem diejenigen trifft, die ohnehin im vergangenen Jahr fast alles verloren hatten, ist erneut darauf zurückzuführen, dass in den Bergen die Erosion weiter fortschreitet. Ein großer Teil des natürlichen Waldbestandes ist abgeholzt und zu Holzkohle verarbeitet worden. Morgen wollen wir schauen, warum die Menschen in den „Bidonvilles“, den Armenvierteln, auf die Holzkohle angewiesen sind.
Für unsere Gruppe mit Journalisten aus Bayern und Vertretern der Erzdiözese Bamberg hat das Hochwasser auch ganz praktische Auswirkungen. Können wir unseren Plan aufrecht erhalten, mit dem Auto nach Cap-Haitien zu fahren? Ist die Stadt Saint-Marc passierbar? Wie sieht es in Gonaïves aus, der Stadt, die im vergangenen Jahr durch Wasser- und Schlammmassen in großen Teilen zerstört worden war?
Unser Ankunftstag dient vor allem einem ersten Kennenlernen. Erzbischof Louis Kébreau, der Vorsitzende der Haitianischen Bischofskonferenz, ist in die Hauptstadt gekommen, um uns zu begrüßen und sich bei einem Mittagessen den ausführlichen Fragen der Journalisten zu stellen. Wie macht sich die neue Regierungschefin? Wie ist das mit dem Voudou? Wie stark sind die evangelikalen Kirchen und Sekten? Wie steht es um die haitianische Fußballnationalmannschaft? Der Erzbischof bleibt keine Antwort schuldig.
Nach zwei Stunden muss der Erzbischof weiter zu einem anderen Treffen. Wir nutzen die Zeit bis Sonnenuntergang für eine kleine Tour durch die Stadt, die sich quirlig und verstopft wie stets zeigt. Dann beziehen wir unser Quartier, im Gästehaus des nationalen Caritasverbandes.#

Christian Frevel

„Aufbruch nach Haiti“

Freitag, 22. Mai 2009

Blick auf die Skyline von MiamiIch müsste lügen, wenn ich auf die Reise nach Haiti nur Vorfreude empfunden hätte. Natürlich ist es spannend, ein Land, dass trotz seiner Nöte vieles bietet, von einer Seite kennen lernen zu dürfen, die wohl kaum ein Tourist, vorausgesetzt er ist in dem Land in der Karibik anzutreffen, so sieht. Ich habe mich im Vorfeld auch versucht gut zu informieren, und das, was ich da zu lesen bekommen habe, hat mich schon unsicher gemacht, ob das mit dem Trip eine so gute Idee war. Ich muss aber auch gestehen, dass ich nur auf ein Buch getroffen bin, das sich bemüht hat, Haiti nicht nur als verwüstetes Land darzustellen, sondern versucht hat, die immer noch vorhandene Lebensfreude der Haitianer herauszustellen und ihre große Freundlichkeit beschrieben hat. Jetzt bin ich in der Luft, und nachdem wir heute noch eine Nacht im Miami verbringen müssen, weil Flüge nach Haiti nur am morgen gehen, werden wir sehen, was der Tag und die Zeit bis zum 30. Mai bringt, wenn unsere Reise endet.

Was haben wir heute gelernt? Es ist gar nicht so einfach einen Koffer so zu packen, dass er nur 23 Kilo wiegen darf. Pro Gepäckstück ist nämlich nicht mehr erlaubt. Und ich habe es eigentlich auch gut hinbekommen. Was hat die Waage beim Einchecken in Nürnberg gezeigt. Exakt 23,0 Kilogramm. Wenn das keine Punktlandung ist. Allerdings musste die Flasche Wodka, die ich zu Desinfektionszwecken mitnehmen wollte, zu Hause bleiben (zu viel Gewicht!). Ein Kollege der kna (Katholischen Nachrichten Agentur), der letztes Jahr im Senegal war, hat uns nämlich geraten, nach jedem Essen einen kleinen (!) Schluck zu nehmen und uns innerlich zu desinfizieren. Der Hausarzt von Adi Kopp, dem Leiter der Diözesanstelle Mission - Entwicklung - Frieden, der unser „Chef der Mission“ ist, schwört dagegen mehr auf Whisky, der angeblich bis zum letzten „Darmzipfel“ zieht. Ich bin übrigens ganz froh, dass Adi dabei ist. Als alter Reisehase in die schwierigen Länder der Welt gibt er für uns eine gute Leitfigur ab. Und auch Carlo Schindhelm vom Bayerischen Rundfunk, der uns begleitet, hat schon einige unsichere Länder und Krisenherde bereist. Außerdem fahren noch Ronald Rinklef vom Fränkischen Tag und Johanna Säuberlich von den Nürnberger Nachrichten mit.

Zurück zu den Lerneffekten. 100 kleine Kreuze aus dem Sortiment des Bistumsjubiläums und Kugelschreiber alarmieren am Nürnberger Flughafen beim Durchleuchten des Gepäcks die Sicherheitskräfte, und ziehen Erklärungen nach sich, dass es sich dabei nicht um verkappte Waffen handelt. Die Sachen haben wir übrigens als Gastgeschenke dabei.

Die Fluglinie des Tages ist übrigens die Swiss. Sie brachte uns von Nürnberg nach Zürich und von dort weiter nach Miami. Die Flugdauer von Mittelfranken in die Schweiz beträgt etwa eine Stunde, während die Reise über den Teich zehn Stunden in Anspruch nimmt. Von Miami nach Port-au-Prince sind es morgen dann noch einmal 90 Minuten. Die Schweizer Stewardessen sind auf den Flügen sehr um uns bemüht, und während wir auf der ersten Teilstrecke mit Schweizer Schokolade angefüllt wurden, was ja eigentlich nur konsequent ist, darben wir auch über dem Atlantik keinen Hunger. Eigentlich bin ich auch ganz froh, „nur“ Economy zu fliegen, weil unsere Servicekräfte auf mich viel netter wirken wie die Mitarbeiter der „Business-Klasse“. Auf Fragen von Economy-Passagieren reagieren sie, um es mit den Worten des Würzburger Kabarettisten Erwin Pelzig zu sagen, etwas pampig.

Was man übrigens den Amerikanern und deren Regierung lassen muss, noch ein, zwei Formulare, und ich kann meine Personalausweisnummer auswendig. Der Check am Schweizer Flughafen bestand zum großen Teil aus Ausweis zeigen, Ausweis zeigen, Ausweis zeigen …. Und worauf man vielleicht am Anfang nicht wirklich gefasst ist, ist die Frage auf den Einreiseformularen, ob man demnächst Mitglied einer terroristischen Vereinigung wird, ist oder war. Richtig gespannt bin ich schon darauf, wie unsere Einreise in die USA wird. Wenn es so weiter geht wie in der Schweiz haben wir noch einen langen Tag vor uns.

Ich werde mir während der Reise sehr viel Mühe geben, dieses Tagebuch weiterzuführen. Sollte es einmal Tage geben, wo nichts kommt, könnte es gut daran liegen, dass wir auf Haiti dann weder auf das Internet noch auf Strom getroffen sind.

Datum: 22.05.2009
Jürgen Eckert

Haiti 2009

Freitag, 22. Mai 2009

Haiti, das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, steht im Mittelpunkt der Adveniat-Jahresaktion 2009.

Ab dem 21. Mai begibt sich eine hochrangige Adveniat-Delegation auf Erkundungsreise in die “vergessene Perle der Karibik”. Mit dabei: Erzbischof Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Adveniat-Geschäftsführer Prälat Bernd Klaschka, Christian Frevel (Leiter Öffentlichkeitsarbeit Adveniat) sowie Journalisten und Eine-Welt-Fachleute aus Bamberg und der Adveniat-Zentrale in Essen.

Sie berichten in den nächsten Tagen von ihren Erlebnissen und Eindrücken. Zusätzlich zu den Blog-Einträgen finden Sie aktuelle Fotos aus Haiti im Adveniat MediaPortal.