Am Morgen hieß es um sechs in Richtung „Grand Boulage“, einer Pfarrei auf dem Lande, aufbrechen. Auf der Terrasse unseres Gästehauses wurden wir kurz vor der Abfahrt Zeuge, wie in Port-au-Prince Müll entsorgt wird. Man nehme seinen Abfall und schmeiße ihn schwupdiwup in Nachbars Garten. Wem das jetzt nach zu viel Flachs klingt, der möge überlegen, wie in Deutschland die Situation wäre, wenn es so gut wie keine Müllabfuhr gäbe und jeder seinen Unrat selbst entsorgen müsste.
Unser Gefährt war ein Toyota Pick-up. Vier von uns nahmen im Auto Platz, während drei, mich eingeschlossen, auf der Pritsche Halt suchten. Wir kamen auf der nationalen Straße drei gut voran, die für haitianische Verhältnisse fantastisch ausgebaut ist. Die Überholstrategie werde ich übrigens mit nach Deutschland nehmen: Hupen, (fast) ohne Rücksicht auf Verluste vorbeifahren und dann geht es in der Mitte der Straße weiter. Gegenverkehr weicht man kurz aus, um dann wieder konsequent in das Zentrum des Fahrwegs zurückzukehren.
Dramatisch bewusst wurde uns während der Fahrt die Auswirkungen der ständigen Abholzung auf Haiti. Obwohl wir in den Tropen sind und eigentlich üppiges Grün erwarten müssten, war da nur steiniger Fels mit wenig Erde und grünem Wuchs darauf. Bäume gab es so gut wie keine. Außerdem sahen wir an vielen Stellen freilaufende Ziegen und Kühen, die die wenigen Sprösslinge, die versuchen zu gedeihen, abfressen.
Den Kopf in den Fahrtwind haltend, drängte sich mir die Frage auf, wie man denn bitte woanders auf der Insel für 60 Kilometer sechs Stunden und mehr brauchen kann. Als die Abzweigung zur Pfarrei kam, wurde auch diese Information geliefert. Wir kamen zu einem stetig ansteigenden Weg, der mit Schlaglöchern und Pfützen übersät war und in sich nicht wirklich eben war. Aber dem Ingenieur von Toyota sei Dank, der in diesen Jeep den Allrad eingebaut hatte. Schieben erübrigte sich damit und wir kamen auch durch die tiefsten Pfützen. Ohne groß zu fragen, sprangen hinten noch ein haitianischer Vater mit seiner Tochter auf, die zum Gottesdienst in „unserer“ Pfarrei wollten. Was aber für Haiti normal ist und von daher wohlwollend toleriert wurde.
Auf den ersten Blick liegt „Grand Boulage“ idyllisch. Kirche, das angebaute Pfarrhaus, Ställe und Schulgebäude rahmen einen Platz mit Bäumen ein, der dadurch viel Schatten hat. In einem ersten Gespräch mit Pfarrer Tristan rückten die Auswirkungen der bereits oben beschriebenen Abholzung in den Mittelpunkt. Die Mitglieder seiner Pfarrei, die mit Filialgemeinden etwa 15.000 bis 20.000 Menschen umfasst, und von denen die weiteste sieben Stunden einfachen Fußmarsch entfernt liegt, versuchen Landwirtschaft zu betreiben. Da aber durch die Abholzung der Bäume der Regen den fruchtbaren Boden immer mehr abschwemmt, bringt der Anbau von Erbsen und Mais so wenig Ertrag, dass die Familien, teilweise mit sieben bis zwölf Kindern, nicht davon leben können. Von daher ist die Haupteinahmequelle die Herstellung von Holzkohle, für die man zwangsläufig Holz benötigt. Trockenmauern, die die Abschwemmung von Erde verhindern sollen, in dem sie dem fließenden Wasser die Wucht nehmen, können zwar helfen den Teufelskreis zu mindern, aber sie durchbrechen ihn nicht. An anderer Stelle in Haiti werden auch durch Organisationen neue Bäume gepflanzt, aber trotz der Menge von zwei bis drei Millionen Sprösslingen stellen diese Maßnahmen nur einen Tropfen auf dem heißen Stein dar.
Pfarrer Tristan ist übrigens durchaus ein Beweis dafür, dass man sich auch abgelegen relativ komfortabel einrichten kann. Obwohl sein „Pfarrhaus“ nur aus einem lang gestreckten Raum besteht, der auch als Versammlungsort dient, erzeugte ein Generator Strom für zwei (!) Fernseher und einen Computer. In daneben liegenden Ställen waren ein Schwein und Hasen zu finden.
Erwähnt werden muss übrigens auch, dass der Pick-Up, dessen Anschaffung Adveniat finanziell unterstützt hat, dass einzige Auto in der Region ist. Von daher hält Tristan nicht nur Gottesdienste und ist für die Seelsorge zuständig, sondern bringt Kranke oder auch Frauen, die niederkommen, beispielsweise nach Port-au-Prince. Eine kleine Randbemerkung an dieser Stelle: In Haiti sind gute Chauffeure hoch angesehen, was bei dem existierenden Verkehr, wie bereits mehrmals in diesem Blog beschrieben, kein Wunder ist.
Nach einem ausgiebigen und leckeren Frühstück nahmen wir am Sonntagsgottesdienst der Gemeinde teil, der so gut besucht war, dass viele Besucherinnen und Besucher im Freien sitzen mussten. In diesem Zusammenhang läuft momentan ein Antrag der Pfarrei, der den Neubau einer Kirche oder die Erweiterung der bestehenden zum Inhalt hat. Die Feier wurde in einer Mischung aus Französisch und Kreolisch gehalten. Beide Sprachen beherrsche ich etwa so gut wie Kishuaeli, nämlich gar nicht. Aber da überall in der katholischen Welt der Aufbau der Eucharistiefeier gleich ist, weiß man wann der Friedensgruß ansteht oder es auch Zeit ist, sich an der Kollekte zu beteiligen.Nach Ende der Messe um circa elf Uhr probte der Chor für die Pfingstmesse. Die Ausdauer, die die Mitglieder an den Tag legten, war bewundernswert. Als wir uns nämlich um drei auf den Heimweg machten, sangen sie immer noch.
Ein spannendes Gespräch entspann sich vor dem Mittagessen mit Lehrern und einer Lehrerin der Pfarrschule. Unterricht wird in der Kirche, und in einem angrenzenden Raum und in einem extra Gebäude gehalten. Auf die Frage, wie sie denn “Professore” geworden seien, erklärten sie uns, dass sie früher selbst in „Grand Boulage“ zur Schule gegangen seien und dort lesen und schreiben gelernt hätten. Um der drohenden Arbeitslosigkeit zu entgehen, besuchten sie Lehrerfortbildungen und geben nun ihr Wissen auf Fächer spezialisiert an die neun Klassen weiter. Drei Klassen betreffen die Vorschule für Kinder ab drei Jahren, während die übrigen sechs die Altersstufen von sechs bis zwölf Jahren betreffen, die die Primärstufe ausmachen. Dem haitianischen Schulsystem gemäß, der auch das Curriculum der Schulausbildung vorgibt, schließt sich daran die Sekundarstufe mit der siebten bis neunten Klasse an und darüber sitzt bis zur 12. Klasse die Möglichkeit das Abitur zu machen. Da aber der Besuch der Schulen nicht umsonst ist – die Primärstufe in „Grand Boulage“ kostet umgerechnet etwa acht Euro pro Jahr, die Sekundärstufe grob 25 Euro, können sich die Unterrichtteilnahme innerhalb des Pfarrgebiets nur 20 bis 25 Prozent der vorhandenen Kinder leisten. Trotzdem versuchen die Eltern alles, um möglichst vieler ihrer Kinder Bildung zukommen zu lassen. Einer der Lehrer betonte, dass in Haiti ein immenser Wissensdurst vorhanden sei. Er glaube, dass sich die Gesellschaft in Haiti zum Besseren wandle, wenn mehr Menschen Teilhabe an Bildungsmaßnahmen bekommen und damit bessere Aussichten auf Arbeit hätten. Ohne Bildung sei die Chance gleich null, eine Beschäftigung zu finden und es drohe die Perspektivlosigkeit. Sein Gehalt gab er mit etwa 40 amerikanischen Dollar pro Monat an. Wenn man bedenkt, dass die absolute Armutsgrenze bei einem Dollar pro Tag liegt, kann man sich ausrechnen, dass ein Lehrereinkommen in einer Dorfschule nur geringfügig darüberliegt.
Vor der Abreise zeigte uns Pfarrer Tristan noch seine Wasserzisterne und Pumpanlage. Was ein weiteres Problem in Haiti beschreibt: die ständige Wasserknappheit, die einen sinnvollen Anbau von Gemüse und Früchten weiter erschwert.
Während des Aufbruchs nach Port-au-Prince zeichnete sich bereits Regen ab, der dann auch bald einsetzte und die Freiwilligen auf der Pritsche, zu denen ich dieses Mal nicht gehörte, durchnässte. Was eine nicht funktionierende Kanalisation bei ergiebigen Niederschlägen auslösen kann, erfuhren wir bei der Rückkehr in die haitianische Hauptstadt. Die Straßen standen Zentimeter hoch unter Wasser und der Müll, der zumindest vorher noch auf Haufen lag, verteilte sich jetzt gleichmäßig durch die Überschwemmungen. Nicht weiter nachdenken darf man über die jugendlichen Einwohner der Stadt, die barfuß durch die Brühe wateten.
Datum: 25.05.2009
Jürgen Eckert