Archiv für Januar 2009

Tocopilla, ein Jahr nach dem Erdbeben

Montag, 26. Januar 2009

Tocopilla, eine Stadt mit 25.000 Einwohnern, verdankt seine Existenz dem Salpeter, der wegen der Produktion von Schwarzpulver im 19. Jahrhundert für die Militärindustrie unverzichtbar war. Die Stadt prosperierte. Nachdem chemische Stoffe das Salpeter verdrängten, geriet Tocopilla in eine tiefe Krise, die durch Kupferfunde nicht aufgehalten wurden. So verlor die Stadt zunehmend Bedeutung, konnte sich dank des Salpeters und des Kupfers dennoch halten. Einen geringen Aufschwung verspürte man im Rahmen des Wirtschaftsbooms, der im vergangenen Jahr stark abgebremst wurde und den Verfall der Rohstoffpreise mit sich brachte. Tocopilla bekam die Krise unmittelbar zu spüren; sie zeigt sich in einer hohen Arbeitslosenrate und der Schließung vieler kleinerer Kupferminen.

Am 14. November 2007 begann um die Mittagszeit die Erde in der Region Tocopilla zu Beben. Das Erdbeben mit seinem Epizentrum unmittelbar in der Nähe der Stadt hatte eine Stärke von über 9,2 auf der Richterskala. In Tocopilla maßen die Seismographen immer noch eine Stärke von 8,5, die aber von den Behörden auf 8,0 heruntergesetzt wurden. Fast alle Gebäude der Stadt wurden beschädigt, viele Häuser stürzten sofort ein. Dank der Tageszeit wurden nur wenige Menschen getötet oder verletzt. Während die Medien in Chile ausführlich über die Ereignisse in Tocopilla berichteten, blieb das Echo in der internationalen Presse nicht zuletzt wegen anderer Tagesereingnisse eher gering. Während des Erdbebens, das nicht einmal eine Minute dauerte, verloren 3.000 Familien ihr Zuhause.

Die Erzdiözese Antofagasta, die erste Organisation vor Ort, half den Opfern umgehend mit Trinkwasser und Lebensmitteln, bis der Staat wenige Tage später die gesamte Versorgung übernahm. Umgehend bracht das chilenische Militär Bretterverschläge in die Stadt, wo sehr schnell provisorische Häuser in Leichtbauweise errichtet wurden. Da der Wiederaufbau nur schleppend vorangeht, leben bis heute in ihnen immer noch viele Menschen. Es sind kleine Behausungen von knapp 20 m², in denen Familien mit vielen Kindern wohnen. Für persönliche Dinge oder gar Möbel bleibt da kein Platz. Die Sozialpastoral der Erzdiözese Antofagasta und Caritas Chiles halfen daher den Bewohnern der verschiedenen Lager mit doppelstöckigen Betten, den so genannten „literas“, um die Menschen wenigstens ausreichend Schlafraum zu bieten. Die Wasserversorgung wird bis heute durch Tankwagen gesichert, die das Wasser in großen Tanks vor den Häusern einfüllen. Daher war es notwendig den Bewohnern kle  inere Eimer zu geben, damit sie das Trinkwasser auch transportieren konnten. Eine kleine Hilfe mit großem Nutzen. Bis heute verfügen die provisorischen Häuser weder über einen Wasseranschluss noch über ein Abwassersystem. Es müssen Gemeinschaftsduschen und -toiletten genutzt werden. Probleme mit der Hygiene bleiben da nicht aus. Hinzu kommen persönliche Spannungen, da die Bewohner aus ihrem sozialen und familiären Umfeld herausgerissen wurden und neue Lebensgemeinschaften entstanden sind. Die Kirche begann unmittelbar mit der Seelsorge unter den Opfern, organisierte neues soziales und religiöses Leben, so dass neue Beziehungen wachsen konnten. Da der Wiederaufbau nur schleppend vorangeht und die Opfer in den Lagern immer noch unter dem Einfluss des Erdbebens und der veränderten Lebensbedingungen leiden, ist die pastorale Arbeit der Priester, Diakone und der vielen freiwilligen Helfer in diesem Umfeld ein wichtiger Beitrag für eine hoffnungsvolle Zukunft der Stadt.
  Die Nachbardiözese Iquique unterstützte diese Arbeit mit einer Prozession der Muttergottes von Tirana, die durch die Straßen der zerstörten Stadt getragen wurde. Die Marienverehrung in der Region ein fundamentaler Bestandteil des Glaubens der Menschen und war daher ein wichtiger solidarischer Beitrag.

Die Stadt hat sich nach gut einem Jahr nach der Katastrophe noch nicht ganz erholt. So findet der Unterricht der Kinder in einem Gebäude aus aufeinander gestapelten Containern statt. Ungeklärte Besitzverhältnisse verhindern ebenfalls einen zügigen Wiederaufbau, da die Häuser auf dem alten Grundstück errichtet werden müssen. Auch hat der Staat, indem er die Stärke des Erdbebens heruntersetzte, nur ein Teil der beschädigten Häuser ersetzt. Viele Familien blieben unberücksichtigt und müssen mit eigenen Mitteln versuchen, ihre Wohnungen wieder bewohnbar und sicher zu machen. Dennoch ist die geleistete Arbeit der Helfer und der Behörden beachtlich. Die Kirche Chiles hat ihre Fastenaktion 2008 ganz dem Wiederaufbau Tocopillas gewidmet, ein starkes Zeichen innerkirchlicher Solidarität.

Reiner Wilhelm

Chaitén, die Geisterstadt

Mittwoch, 21. Januar 2009

Auf dem Weg nach Puerto Montt erzählte mir der Bischof von Ancud, Mons. Juan María Agurto, über Chaitén. Im Vorfeld meiner Reise hatten wir eine Reise dorthin ins Auge gefasst. Dies hat aber trotz aller Versuche des Bischofs nicht geklappt. Zunächst scheiterte eine Überfahrt an der aufgewühlten See und die letzte Möglichkeit, mit einem Hubschrauber der Marine in die Stadt zu fliegen, musste wegen eines Unfalls der Beauftragten der Präsidentin abgesagt werden. Dennoch erzählte mir der Bischof ausführlich über die Ereignisse:

Im Mai vergangen Jahres ist der Vulkan Chaitén aktiv geworden und hat eine etwa 30 km hohe Aschewolke ausgespuckt. Die Asche hat wohl so viel Feuchtigkeit in der Luft gebunden, dass erhebliche Regenfälle die Konsequenz waren, die in der gesamten Region niedergingen. Der große Regen provozierte eine Schlammlawine, die einen großen Fluss verstopfte, der durch die Stadt fließt. Der Damm brach einige Tage später und eine Welle aus Wasser, Geröll und Schlamm begrub einen Großteil der etwa 3.000 Einwohner zählenden Stadt. Die Menschen wurden umgehend evakuiert und mussten alles zurücklassen, was sie nicht tragen konnten. Es gab Gott sei Dank keine Opfer. Die überwiegende Zahl der Häuser wurde aber verschüttet und zerstört. Die Bewohner wurden auf verschiedene Städte der Insel Chiloé und auf Puerto Montt verteilt. Als die Sperrzone etwa zwei Monate nach diesen Ereignissen von den chilenischen Behörden aufgehoben wurde, kehrten rund 100 Bewohner nach Chaitén zurück. Dort halten sie b  is heute ohne Wasser und Strom aus. Die Asche hat die Eigenschaft, sich im feuchten Zustand zu verkleben. Wenn die Masse dann trocken ist, ist sie so fest wie Beton und hat das gesamte Kanalsystem der Stadt zerstört. Daher ist der Wiederaufbau der Stadt eher unwahrscheinlich, auch wenn ein Teil der Bewohner hartnäckig daran festhält, wieder zurückzukehren. Die Behörden denkt daran, die Stadt in unmittelbarer Nähe neu aufzubauen. Wann das sein wird, steht bislang in den Sternen, denn der Vulkan ist weiterhin aktiv. Die Diözese Ancud, so der Bischof, betreut die Flüchtlinge mit einem Pastoralteam von Puerto Montt aus. Das erfordert viel Zeit und verursacht auch erhebliche Kosten, denn die Wege für die Seelsorger sind weit. Es ist aber eine notwendige Arbeit, die die Priester gerne leisten. Auch sie stehen noch unter dem Eindruck des Erlebten. Sie möchten ihre Gemeindemitglieder bei der Verarbeitung der Katastrophe und dem Schmerz über den Verlust ihres Zuhauses und ihrer Heimat begleiten.

Reiner Wilhelm

Ferien in Chile

Freitag, 16. Januar 2009

In den Monaten Januar und Februar sind in Chile die Ferien. Die Kinder haben schulfrei und ganze Unternehmen machen zu dieser Zeit alle Türen dicht. Die Kirche folgt in dieser Zeit einer alten Tradition: Sie nutzt die Freizeit, um ihre Aktivitäten zu intensivieren. „Vamos a las misiones“ heißt es dann. Viele Jugendliche und Studenten folgen diesem Aufruf und ziehen zusammen mit ihren Priestern aufs Land, um dort Volksmission abzuhalten. Sie vermitteln ihren Glauben, beten und singen mit den Menschen oder kümmern sich um Kinder und Jugendliche. Vielfach geht es zu wie in Zeltlagern. Im Hintergrund steht aber, die zukünftigen Eliten des Landes mit anderen Realitäten in Kontakt zu bringen und sie für die Bedürfnisse ihrer Umgebung zu sensibilisieren. Auch steht das Miteinander und die Vertiefung des eigenen Glaubens im Mittelpunkt.
Bis heute haben sich viele Reiche eine Sensibilität gegenüber den Bedürfnissen der Armen bewahrt und sind bereit, ihre Mittel hierfür zu geben. Die Kirche hat es aber bislang nicht vermocht, diese Gruppe zu einem dauerhaften Engagement zu gewinnen. Sicherlich könnte Chile von ausländischer Hilfe längst unabhängig sein und sogar anderen Ländern finanziell helfen, würden die wohlhabenden Bürger ihren Beitrag zur Finanzierung der Kirche leisten. Das Beitragsystem der chilenischen Kirche hat viel Beitragszahler aus den armen Schichten erreicht, hat aber bislang wenig Echo unter den Wohlhabenden gefunden. Die Kirche wird auch weiterhin auf Hilfen aus dem Ausland angewiesen sein , will sie weiter prophetische Stimme in der Welt sein.

Reiner Wilhelm

Der Kampf der Mapuche

Freitag, 16. Januar 2009

Die Problematik der Mapuchegemeinden hat sich seit einigen Jahren verschärft. Obwohl die Mapuches schon immer die Rückgabe ihrer Grundstücke gefordert haben, die ihnen im Laufe der vergangenen fast 200 Jahre von Siedlern weggenommen worden sind (das chilenische Recht erlaubt jedem, solange das Eigentum nicht verbrieft und reklamiert worden ist, dies zu tun). Da die Mapuches die rasch ändernden Gesetze nicht kennen und daher ihre Besitztitel nie juristisch eingefordert haben, stehen sie vor dem Dilemma, dass ihr Grund und Boden immer kleiner wird und sie damit ihrer kulturellen wie physischen Existenzgundlage beraubt werden, während die Großgrundbesitzer weiter expandieren und ihren „Zugewinn“ mit allen legalen und illegalen Mitteln verteidigen. Hinzu kommt eine Regelung aus der Pinochetzeit, die die Verteilung des Wassers betrifft: So gehört das Wasser, das durch eine Parzelle fließt, nicht dem Eigentümer der Parzelle, sondern demjenigen, der sich die Nutzung des Wassers hat vorher schriftlich zusichern lassen. Sowohl Großgrundbesitzer als auch die großen Firmen haben sich diese vor vielen Jahren gesichert und keinen Peso dafür bezahlt. Die Mapuches waren an diesem Handel nicht beteiligt, so dass dies ein weiterer Konfliktpunkt in ihrem Kampf ist. Das chilenische Recht steht zudem dieser einflussreichen Gruppe das Recht zu, für die Rückgabe dieser Rechte, finanziell entschädigt zu werden, was für den Staat sehr teuer ist und daher eine rasche Lösung verhindert. Erst kürzlich erschien ein Hirtenwort von Mons. Luis Infanti, dem Apostolischen Vikar von Aysen, der auf dieses Problem aufmerksam machte und den Staat aufforderte, die Wasserrechte zu verstaatlichen, damit es wieder von allen genutzt werden kann. Beide Problempunkte und der teilweise offene, teilweise versteckte Versuch des Staates, die Mapuche zu „chilenisieren“, d.h. sie kulturell in das Gesamtgebilde des chilenischen Staates einzubinden, sind Gründe für einen Konflikt, der sich im Laufe der 90er Jahre mehr und mehr zugespitzt hat und inzwischen offen ausgetragen wird. Hinzu kommen Probleme, die regional bedingt sind, wie der, den ich nun vor Ort in Vilcún, rund 20 km von Temuco, erleben konnte. Hier geht es konkret um einen Bewässerungskanal, der vor vielen Jahren von den Mapuches angelegt worden ist, um ihre Felder mit Wasser zu versorgen. Das System war in die Jahre gekommen und der Staat bot sich an, die Kanäle zu modernisieren. Das mit den Arbeiten beauftragte Unternehmen machte aber eine schlechte Arbeit, so dass das Bewässerungssystem schließlich noch schlechter funktionierte als zuvor. Im Winter sind Überschwemmungen und im Sommer Trockenheiten die Konsequenz. Hinzu kommt das rechtliche Problem mit den oben schon beschriebenen Wasserrechten, die sich ein aus der Schweiz stammender Großgrundbesitzer vor vielen Jahren gesichert hatte. Er dehnte gleichzeitig seinen Grundbesitz auf Kosten der Mapuches aus, musste aber während der 60er Jahre einige Grundstücke an die Mapuches zurückgeben. Während der Pinochet-Diktatur nutzte er die Gunst der Stunde und seine guten Beziehungen zum Diktator und dehnte seinen Grund und Boden noch weiter aus als zuvor. Ferner ließ er nicht zu, dass sich das Vieh seiner Nachbarn auf seinem Grundstück aufhielt. Verlief sich ein Tier dennoch, so schoss er es ab oder brachte sie mit einem LKW zu einer Polizeistation, die rund 40 km von seiner Finca entfernt liegt. Neben der Strafe mussten die Mapuches einen Lastwagen mieten, um das Tier nach hause zu transportieren, was mit erheblichen Kosten verbunden war. Dies verschärfte die Spannungen weiter. Als im Januar 2008 zwei Jugendliche sein Grundstück widerrechtlich betraten, rief er die Polizei, die einen der jungen Mapuche, Matías Carileo, von hinten erschoss. Die beiden jungen Leute waren unbewaffnet und wollten mit ihrer Tat auf die Ungerechtigkeit der Landnahmen aufmerksam machen. Der Leichnahm Matías Carileo wurde von den Mapuches versteckt und später Mons. Sixto Parziner und P. Fernando Diaz übergeben, die von den Mapuches als Vermittler eingeschaltet wurden. Der Polizist, der den jungen Mapuche erschoss, ist bislang auf freiem Fuß. Die Anklage wurde entsprechend einer seit der Diktatur geltenden Regelung in einem Zivilgericht nicht zugelassen und muss an ein Militärgericht verhandelt werden, das aber bislang bis auf die Beweisaufnahme sich nicht geregt hat. Bis heute steht ein Urteil aus.

Am gestrigen Morgen (13.01.2009), also rund ein Jahr nach dem Tod von Matías Carileo, drang gegen 5.30 h eine Gruppe von Polizisten in das Haus der Eltern von Luis Tralcal ein, eines gesuchten radikalen Mapucheführers, dem nachgesagt wird, dass er einer der Köpfe der militanten bewaffneten Terroristengruppe CAM (Coordinador Arauco Maineco) sei. Sie durchsuchten die Zimmer nach Waffen und nach dem Versteck ihres Sohnes. In einem Nachbarhaus, in dem sein Bruder mit zwei Kindern wohnt, wurde die Polizeiaktion im Haus der alten Leute bemerkt und man verständigte die Nachbarn mittels eines Horns (Culcul), das traditionell für Botschaften genutzt wird. Dies war für die Polizei der Anlass, sich dem Haus zu nähern und auf es zu schießen, obwohl zwei Kinder (ein Junge von 13 Jahren und eine Mädchen von 10 Jahren) dort schliefen. Die Kugelnd durchschlugen die Wände in Brusthöhe. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Die Zeitungen schrieben, dass die Polizei aus dem Ha us beschossen worden wären. Zeugen oder Beweise wurden aber nicht vorgelegt. Der Junge, den ich später vor Ort besuchen konnte, berichtete, dass die Razzien der Polizei regelmäßig stattfinden. Er erzählte auch, als er seinen Großeltern zu Hilfe kommen wollte – sein Großvater (80) hat Arthrose und kann sich nur schwer bewegen und seine Großmutter (75) wurde erst kürzlich an Krebs operiert – er durch die Polizei daran gehindert wurde, indem man ihm ein Gewehrlauf an den Kopf hielt.

Dieses Ereigniss zeigt einerseits, wie angespannt die Lage in der Region ist, aber auch, mit welcher Härte versucht wird, einen Konflikt zu lösen, der mit diesen Mitteln nicht gelöst werden kann. Im Gegenteil, besonders die Jugendlichen werden durch diese Ereignissen radikalisiert und greifen zu den Waffen. Bislang ist es eine kleine Gruppe, die aber besonders unter den Studenten großen Rückhalt hat und Zulauf erhält. Bislang ist es den alten Gemeindeführern gelungen, sie zurückzuhalten und die jungen Leute vor einem großen Blutvergießen zu bewahren, wie lange dies aber noch möglich ist, kann nicht gesagt werden. In jedem Fall wird die bewaffnete Option dem Mapuchevolk und seinem Kampf eher schaden als nutzen.

Reiner Wilhelm

Reise durch Chile im Wahljahr 2009

Mittwoch, 07. Januar 2009

Chile ist eigentlich nur für Insider interessant, wenig spektakulär, mit einer gefestigten Demokratie und einer sozialistischen Regierung. Und so wie es aussieht, wird sich daran auch nichts ändern, auch wenn das Land sich 2009 in einem Wahljahr befindet. Da Frau Bachelet nicht erneut kandidieren darf, stellt sich die Frage nach ihrer Nachfolge. Obwohl die Monate Januar und Februar die Ferienmonate schlechthin sind, werden sie dennoch von dieser Frage überschattet. Gestern kam durch die Medien, dass einer der Kandidaten der Concertación, Insulza, seine Kandidatur zurückgezogen habe. Damit wird immer wahrscheinlicher, dass die kommenden Präsidentschaftswahlen auf zwei Kandidaten hinauslaufen; auf Frei, der der Christsozialen Partei angehört und schon einmal Chile regierte und auf den konservativen Sebastian Piñera, der aus einer der wohlhabendsten Familien des Landes kommt und mit der Fluggesellschaft Lan Chile ein Vermögen gemacht hat. Obwohl die Amtszeit von Frei durch die Asienkrise überschattet wurde, genießt er dennoch eine große Popularität. Dies wird möglicherweise in den kommenden Wahlen den Ausschlag geben, ob die Concertación weiter regieren kann oder nicht. In den beiden letzten Legislaturperioden haben wiederholt Skandale und eine wachsende Korruption das Ansehen des Parteienbündnisses überschattet.

Ähnlich wie in Deutschland scheint auch in Chile die Krise noch nicht angekommen zu sein. In Zeiten, in der der Kupferpreis hoch war, konnte der Staat große Rücklagen bilden, die in Zeiten der Krise nun vorhanden sind. Der Finanzminister wurde wegen seiner restriktiven Handhabung der Mittel sehr kritisiert. Nun wird er dafür gelobt. Chile gehört zu den wenigen Ländern der Erde, die keine Schulden vorzuweisen hat. Daher hofft man, mit einem blauen Auge aus der Finanz- und Wirtschaftskrise davonzukommen. Chile, ein Land, das auf Export angewiesen ist (Wein, Obst, Gemüse, Lachs, Kupfer, …) spürt eine Krise natürlich besonders deutlich. Daher ist man froh, dass man die Überschüsse nun in Beschäftigungsprogramme einsetzen kann. So hat die Regierung Bachelet angekündigt, ein Konjunkturprogramm mit einen Volumen von 4 Mrd. $US aufzulegen, um die Wirtschaft vor einer möglichen Rezession zu bewahren. Dennoch betrug die Inflation im vergangen Jahr etwa um die 10 %, was für Chile sehr hoch ist. Besonders deutlich merkten die Chilenen die Teuerung an der Zapfsäule der Tankstellen und an den Preisen der Grundnahrungsmittel. Im Moment stöhnen die Studenten über die Erhöhung ihrer Studiengebühren um 8 %. Wie sie diese finanzieren wollen, ist für viele nicht einfach. Daher greifen viele auf das Angebot der Banken zurück, die an den Türen der Universitäten ihre Kreditkarten verkaufen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass eine große Zahl Jugendlicher bereits weit vor eintritt ins Arbeitsleben hoch verschuldet sind. Als Sicherheiten dienen Bürgschaftserklärungen ihrer Eltern und Verwandten oder sogar Hypotheken auf ihr späteres Erbe
Reiner Wilhelm