Wallfahrt zum Herrn der Seen
Mittwoch, 24. September 2008
Schon kilometerweit vom Wallfahrtsort entfernt bildet sich eine lange Autoschlange. Um zum Wallfahrtsort zu kommen, müssen mehrere Straßenschranken in Form von Seilen, die über die Straße gespannt sind, überwunden werden. Nur durch das Bezahlen einer Straßenmaut kommt man weiter. Alle wollen vom Fest profitieren: Das nationale Straßenamt, die Provinz, der Ort selbst. Jeder verlangt eine Durchlassgebühr, zumindest an diesem Feiertag des „Señor de las Lagunas“, was übersetzt so viel wie „Herr der Seen“ bedeutet. Ich bin in Begleitung des Bischofs, der die feierliche Heilige Messe zelebrieren wird. Er fährt das Fahrzeug selbst und erhält freien Durchlass. Er überholt die Fahrzeugschlange auf der Gegenfahrbahn, was beinahe zu einer Kollision mit einem Lastwagenfahrer geführt hätte. Dieser wollte einfach nicht einsehen, dass der Bischof pünktlich zur Messfeier kommen muss. Das nächste Problem ist der Parkplatz. Das Fahrzeug muss so abgestellt werden, dass es nach der Feier nicht zugeparkt ist und wir den Ort der Feierlichkeiten ohne Probleme wieder verlassen können. Seitlich der Straße sind auf dem freien Feld Zelte aufgestellt. Viele Gläubige verbringen mehrere Tage am Ort und haben weite Anreisen hinter sich.
Vor der Kirche und auf verschiedenen Plätzen auf dem Gelände bilden sich Gruppen mit Menschen, hauptsächlich Männer, in bunte Kostüme gekleidet, mit langen Röcken über den Hosen, weißen Hemden und bunten Westen, den typischen Wollmützen über den Ohren und einen Hut obenauf. Sie bilden einen Kreis und tanzen zur Flöte, die von den meisten gespielt wird. Einige trommeln auf einer kleinen Handtrommel und geben den Takt vor. Innen im Kreis befinden sich mehrer Kästen Bier, die im Laufe des Festen geleert werden. Neben den Kästen befinden sich Modelltiere, insbesondere Ochsen, Modellautos, häufig in Form von Lastwagen, und Modellhäuser in einem kitschigen amerikanischen Stil. Sie drücken die Wünsche und Sehnsüchte der meist armen Menschen aus: Gesundes und zahlreiches Vieh, Grundlage des Lebensunterhalts vieler Hochlandbewohner, ein schönes und großes Haus und ein Fahrzeug. Ein Lastwagen oder Bus ist häufig eine Einnahmequelle. Dazu kommen Bündel von Geld in Form von Papiergeldscheinen im verkleinerten Format, täuschend echte Nachbildungen der bolivianischen Währung oder von Dollarscheinen. Die Modelle und Geldscheine können direkt an den Ständen links und rechts der Straße erworben werden.
All die Dinge werden mit Musik und Tanz beschwört. Menschen als Teufel verkleidet tanzen außerhalb des Kreises. Das Böse soll fern gehalten werden. Viele Menschen bringen die Gegenstände später mit in die Kirche zur Eucharistiefeier und deponieren sie möglichst in der Nähe des Altars. Eine wichtige Rolle spielen die Blumen. Ein Blumenmeer erstreckt sich vor der Christusstatue, die sich hinter Glas befindet. Die Menschen bringen die Blumen vor den Altar und nehmen sie wieder mit. Mit Blumenwedeln werden die Menschen mit Weihwasser besprengt. Nach dem Gottesdienst bildet sich eine große Schar von Gläubigen am Hintereingang der Sakristei, um vom Priester diesen Segen zu erhalten. Mehrere Eimer mit geweihtem Wasser stehen bereit. Nach den Menschen sind die Fahrzeuge an der Reihe. Sie sind an einem eigenen Ort geparkt und besonders schön geschmückt. In einem Land mit ungewöhnlich vielen tödlichen Autounfällen kann man das Anliegen der Menschen verstehen, im geweihten Fahrzeug unterwegs zu sein.
Wem das alles nicht genug ist, wendet sich den Schamanen zu, die direkt an der Seite der Kirche ihre Stände aufgebaut haben. Gegen ein Entgeld werden mit viel Weihrauch, zahlreichen Gesten und Beschwörungen verschiedene Rituale durchgeführt, die den Menschen zum Ziel ihrer Träume bringen sollen.
Die Kirche ist bei der Feier des Gottesdienstes brechend voll. Auch nach dem Ende der liturgischen Feier bleibt das Gotteshaus voller Gläubigen, die nun direkt zur Christusfigur pilgern, um dort voller Inbrunst und Andacht ihre Anliegen vorzubringen.
Das Fest hat natürlich auch einen säkularen Charakter. Zahlreiche Stände laden zum Kauf. Es herrscht reges Treiben wie auf einem Markt. Entlang der Straße zur Kirche haben die Bewohner vor ihren Häusern kleine Lehmherde errichtet, die nun voll in Betrieb sind und allerlei warme Köstlichkeiten anbieten. Gefeiert wird tagelang mit viel Alkohol.
Wir erhalten nach dem feierlichen Gottesdienst als Ehrengäste zusammen mit den Ministrantinnen und Ministranten eine warme und kräftige Suppe, die von der Mutter des Pfarrers und einigen freiwilligen Frauen gekocht wurde. Wir reisen ab, bevor die Betrunkenen die Straßen beherrschen und den Verkehr gefährden. Wir haben Glück. Mit etwas Geschick steuert der Bischof den Geländewagen quer an zahlreichen Hindernissen vorbei auf die Straße, zu einem neuen Einsatz.
Martin Hagenmaier

