Abschied von Haiti
Freitag, 25. Juli 2008Es war eine kurze Nacht. Morgens um vier klingelte der Wecker. Ich hatte mir dieses Gerät, das ich ebenso sehr schätze wie verabscheue, auf diese frühe Zeit gestellt, um telefonisch die Meldung über die Entführung der jungen Ordensfrau nach Deutschland durchzugeben. Als gestern die Fakten feststanden, war es Nacht in Deutschland, und die Büros waren geschlossen. Das Internet in Port-au-Prince funktionierte mal wieder nicht, und dann wurde am Abend auch noch der Strom abgeschaltet.
Das heißt, er wurde in meine Unterkunft abgeschaltet. Denn dort gibt es einen Generator, der aus Diesel Strom erzeugt. Die umliegenden Häuser hatten bereits keinen Strom mehr, als ich aus Rivière Froide zurück in die Hauptstadt kam.
Untergebracht bin ich in den Villa Manrèse, einem Exerzitienhaus, hoch über Port-au-Prince gelegen. Der Blick über die Stadt am frühen Morgen ist herrlich und nahezu unendlich: Die Stadt liegt scheinbar ruhig in der Ebene, der Hafen und davor die durch ihre Gewaltakte verschriene „Cité Soleil“ scheinen noch zu schlafen. Auf dem spiegelglatten Wasser der Karibik haben sich die ersten Segler aufgemacht: die Fischerboote sind schon nachts ausgelaufen, um ihren Fang zu machen.
Wie schön kann Haiti sein. Früher, so hat mir ein Deutscher erzählt, der hier seit Jahren lebt, seien die Großgrundbesitzer von den verschiedenen Häfen des Landes mit Packbooten, auf denen sie ihren Kaffee verschifften, nach Europa gekommen und hätten in Hamburg, Amsterdam oder Bremen eingekauft. Heute gibt es in Haiti keine Kaffeebauern mehr, und einzig der Hafen und Port-au-Prince funktioniert noch. Was ist aus dem glorreichen Freiheitskampf gegen die Franzosen geworden? Das Land, das noch vor den USA als erster Staat in der Neuen Welt seine Unabhängigkeit von Europa durchsetzte, ist ruiniert worden. Ruiniert durch Diktatoren, ruiniert durch die korrupten, raffgierigen Politiker, ruiniert durch die Interessenpolitik der Großmächte.
Die Jesuiten, die einst die „Villa Manrèse“ gründeten, jenes großzügige Haus, in dem ich die letzte Nacht auf der Insel verbracht habe, sind vom Diktator Duvalier vertrieben worden. Des Landes verwiesen worden. Sie kamen wieder, als sie durften, betreuen jetzt andere Einrichtungen.
Heute wollen die meisten Haitianer ihre Heimat freiwillig verlassen, vor allem die, die eine halbwegs gute Ausbildung haben. Sie zieht es nach Kanada oder in die USA. In Miami gibt es inzwischen so viele Haitianer, dass ein Stadtteil „Little Haiti“ genannt wird und ein haitianischer Priester die katholische Gemeinde leitet, in der Gottesdienste in kreolischer Sprache gefeiert werden.
Die anderen versuchen, in die Dominikanische Republik zu kommen, um dort – illegal – auf dem Bau oder in der Landwirtschaft zu arbeiten.
Viele von ihnen werden wieder abgeschoben. Deportiert. Jede Woche landet ein Flugzeug aus den USA mit Haitianern, die in den USA straffällig wurden und jetzt nach Port-au-Prince abgeschoben werden, berichtet der für die Migranten zuständige Bischof François Gayot. Manche von ihnen wurden in den USA geboren und können noch nicht einmal kreolisch sprechen.
Ich werde den umgekehrten Weg nehmen. Über Miami zurück nach Deutschland. Weil ich einen gültigen Pass habe und ich das Glück habe, in einem Land zu wohnen, in dem die Menschen es sich leisten können, von ihrem Reichtum den Armen etwas abzugeben.
Christian Frevel



