Archiv für Juli 2008

Abschied von Haiti

Freitag, 25. Juli 2008

Es war eine kurze Nacht. Morgens um vier klingelte der Wecker. Ich hatte mir dieses Gerät, das ich ebenso sehr schätze wie verabscheue, auf diese frühe Zeit gestellt, um telefonisch die Meldung über die Entführung der jungen Ordensfrau nach Deutschland durchzugeben. Als gestern die Fakten feststanden, war es Nacht in Deutschland, und die Büros waren geschlossen. Das Internet in Port-au-Prince funktionierte mal wieder nicht, und dann wurde am Abend auch noch der Strom abgeschaltet.
Das heißt, er wurde in meine Unterkunft abgeschaltet. Denn dort gibt es einen Generator, der aus Diesel Strom erzeugt. Die umliegenden Häuser hatten bereits keinen Strom mehr, als ich aus Rivière Froide zurück in die Hauptstadt kam.
Untergebracht bin ich in den Villa Manrèse, einem Exerzitienhaus, hoch über Port-au-Prince gelegen. Der Blick über die Stadt am frühen Morgen ist herrlich und nahezu unendlich: Die Stadt liegt scheinbar ruhig in der Ebene, der Hafen und davor die durch ihre Gewaltakte verschriene „Cité Soleil“ scheinen noch zu schlafen. Auf dem spiegelglatten Wasser der Karibik haben sich die ersten Segler aufgemacht: die Fischerboote sind schon nachts ausgelaufen, um ihren Fang zu machen.
Wie schön kann Haiti sein. Früher, so hat mir ein Deutscher erzählt, der hier seit Jahren lebt, seien die Großgrundbesitzer von den verschiedenen Häfen des Landes mit Packbooten, auf denen sie ihren Kaffee verschifften, nach Europa gekommen und hätten in Hamburg, Amsterdam oder Bremen eingekauft. Heute gibt es in Haiti keine Kaffeebauern mehr, und einzig der Hafen und Port-au-Prince funktioniert noch. Was ist aus dem glorreichen Freiheitskampf gegen die Franzosen geworden? Das Land, das noch vor den USA als erster Staat in der Neuen Welt seine Unabhängigkeit von Europa durchsetzte, ist ruiniert worden. Ruiniert durch Diktatoren, ruiniert durch die korrupten, raffgierigen Politiker, ruiniert durch die Interessenpolitik der Großmächte.
Die Jesuiten, die einst die „Villa Manrèse“ gründeten, jenes großzügige Haus, in dem ich die letzte Nacht auf der Insel verbracht habe, sind vom Diktator Duvalier vertrieben worden. Des Landes verwiesen worden. Sie kamen wieder, als sie durften, betreuen jetzt andere Einrichtungen.
Heute wollen die meisten Haitianer ihre Heimat freiwillig verlassen, vor allem die, die eine halbwegs gute Ausbildung haben. Sie zieht es nach Kanada oder in die USA. In Miami gibt es inzwischen so viele Haitianer, dass ein Stadtteil „Little Haiti“ genannt wird und ein haitianischer Priester die katholische Gemeinde leitet, in der Gottesdienste in kreolischer Sprache gefeiert werden.
Die anderen versuchen, in die Dominikanische Republik zu kommen, um dort – illegal – auf dem Bau oder in der Landwirtschaft zu arbeiten.
Viele von ihnen werden wieder abgeschoben. Deportiert. Jede Woche landet ein Flugzeug aus den USA mit Haitianern, die in den USA straffällig wurden und jetzt nach Port-au-Prince abgeschoben werden, berichtet der für die Migranten zuständige Bischof François Gayot. Manche von ihnen wurden in den USA geboren und können noch nicht einmal kreolisch sprechen.
Ich werde den umgekehrten Weg nehmen. Über Miami zurück nach Deutschland. Weil ich einen gültigen Pass habe und ich das Glück habe, in einem Land zu wohnen, in dem die Menschen es sich leisten können, von ihrem Reichtum den Armen etwas abzugeben.

Christian Frevel

Ordensfrau entführt!

Freitag, 25. Juli 2008

Ordensfrau entführt!

Ich nehme ein Flugzeug zurück nach Port-au-Prince. Die zweimotorige Maschine der Caribintair hat fast eine Stunde Verspätung, aber der Kapitän nimmt’s gelassen: Man werde schon noch in der Hauptstadt ankommen, sagt er auf Spanisch. Kapitän und Copilot stammen aus der Dominikanischen Republik. Die guten Piloten Haitis, so höre ich später, seien ausgewandert in die USA oder nach Kanada. Der „brain drain“, die Abwanderung der Elite ins Ausland, hält in Haiti unvermindert an und ist ein weiterer Grund dafür, warum das Land nicht aus seiner Krise findet.
Am Flughafen begrüßt mich der Generalsekretär der haitianischen Bischofskonferenz, Mgr. André Pierre. Es habe wohl eine Entführung gegeben, berichtet er. Noch seien die Nachrichten nicht bestätigt. Diese folgt auf dem Fuß, als ich ein Gespräch mit dem Erzbischof von Port-au-Prince, Mgr. Serge Miot führe. Es handelt sich um eine Schwester aus der Gemeinschaft der „Petites Soeurs de Sainte Thérèse de l’Enfant de Jesus“. Die Kongregation ist für ihren Einsatz bei den Armen in den ländlichen Regionen bekannt und ist seit vielen Jahren einer der wichtigsten Projektpartner von Adveniat in Haiti.
Ich hatte für heute ohnehin ein Treffen im Mutterhaus der Schwestern angefragt, so dass wir schnell aufbrechen. Das Haus in Rivière Froide lag einst einsam im Wald, auf den Höhen über einem Fluss, dessen kaltes Wasser dem Ort den Namen gab. Inzwischen werden links und rechts des Ufers immer mehr Häuser errichtet: Port-au-Prince wächst immer weiter, und die frühere Einsamkeit der Schwestern ist längst dahin.
Schwester Gisèle, Mitglied der Leitung des 207 Schwestern zählenden Ordens, ist beunruhigt: Die Entführer verlangen 100.000 US-Dollar Lösegeld, und noch immer sei nicht klar, was wirklich passiert sei. Mgr. Pierre, der Generalsekretär der Bischofskonferenz, handelt schnell und umsichtig. Er holt Informationen bei den Pfarrern der Region ein, wo der Bus überfallen wurde, in dem die Schwester saß. Und schon bald ergibt sich ein klares Bild: Die 35-jährige Schwester Fedline Dumervil befand sich auf der Fahrt in einem öffentlichen Bus in Carrefour Peye, einem Flecken zwischen den Städten Saint Marc und Gonaïves, als der Bus gegen 19.00 Uhr von Bewaffneten überfallen wurde. Nachdem sämtliche Passagiere ausgeraubt wurden, verschleppten die Entführer Schwester Fedline Dumervil und zwei weitere Haitianer. Zuvor hatte Schwester Fedline einen der Passagiere, die nicht entführt wurden, gebeten, den Vorfall im nächsten Pfarrhaus zu melden.
Als der Pfarrer die Nachricht erfuhr, war es bereits der Morgen des Folgetags. Der Busfahrer hatte den Überfall und die Entführung nicht gemeldet. Erst der Pfarrer ging zur Polizei und informierte den Bischof.
Die Schwester sei nicht wirklich gesund, sagte Schwester Gisèle voller Sorge. Sie habe eine Zyste, die ihr dringend entfernt werden müsse, daher sei sie beim Arzt gewesen, um dann wieder ins Jugendcamp zurückzukehren, das die Schwestern für junge Mädchen durchführen.
Man ist sich in Kirchenkreisen einig: Ein Angriff auf die „Petites Soeurs de Sainte Thérèse“, die für ihren aufopfernden Einsatz für die Ärmsten der Armen bekannt sind, ist etwas Ungeheuerliches. Es ist, als ob etwas Heiliges gestohlen worden wäre. Die Gemeinschaft ist eine haitianische Gründung und besteht seit 1948. Inzwischen haben die Ordensfrauen durchweg in den abgelegenen ländlichen Regionen 32 Schulen gegründet, 13 Kliniken, 2 Hospitäler, ein Waisenhaus und zwei Altenheime, leiten Ausbildungszentren, in denen Jugendliche einen Beruf erlernen und arbeiten – natürlich – in der Seelsorge.
Wer sollte eine Angehörige dieser Ordensgemeinschaft entführen wollen, wer wollte von ihnen das Geld erpressen wollen, dass sie doch ausschließlich für die Armen einsetzen?
In Gesprächen betonen Kirchenvertreter, es sei auffällig, dass die Entführungen gerade jetzt zunähmen. Denn Haiti bereitet sich darauf vor, dass der Präsident nach Monaten politischen Stillstands eine Ministerpräsidentin ernennen könnte. „Manche Kreise, auch politische Kreise, leben gut mit der Krise und wollen verhindern, dass sich etwas am status quo ändert“, sagt mir ein hoher Kirchenvertreter, ohne mit dem Namen zitiert werden zu wollen.
Entführungen sind geeignet, das politische Klima zu vergiften und Unruhe zu stiften. Gestern rechnete mir ein Vertreter der „Minustah“, der UN-Friedenstruppen in Haiti, vor, wie viel Steuern ein Großgrundbesitzer spare, weil der Staat nicht funktioniere. „Sind 800.000 Dollar Reingewinn im Jahr kein Grund, den Status Quo erhalten zu wollen?“ fragte er mich. Deshalb habe es in den vergangenen Jahren immer dann, wenn sich eine politische Einigung in Haiti abzeichnete, Aufstände, Unruhen und Gewalt gegeben. Zuletzt im März bei den so genannten „Hungerrevolten“. Interessant jedoch, so mein Gesprächspartner von der Minustah, dass bei den „Hungerrevolten“ weder ein Supermarkt noch eines der vollen Lagerhäuser mit Lebensmitteln angegriffen oder gar geplündert worden wäre. Stattdessen habe sich die Aggression sehr schnell gegen den Präsidentenpalast gerichtet. „Und seien Sie sicher“, sagte der UN-Mitarbeiter, „wenn die Minustah nicht dort gewesen wäre, um den Präsidenten zu schützen, stände dort heute kein Präsidentenpalast mehr. Und wer weiß, wer heute in Haiti regierte.“

Christian Frevel

Synkretismus am Tag des Heiligen Jakobus

Donnerstag, 24. Juli 2008

Patronatsfest in der Pfarrei in Plaine du Nord. Schon am Abzweig von der Bundesstraße 1 von Cap Haitien Richtung Port au Prince stauen sich die TapTaps, die zu Bussen umgebauten Wagen, die meist nur ein paar Bänke auf die Ladefläche eines einfachen Pick-Ups geschraubt haben. Man hält sie an, steigt auf, und sobald man wieder hinunter möchte, haut man kräftig gegen die Wagenwand, steigt ab und entrichtet seinen Obolus an den Fahrer. Heute stehen am Abzweig auch Motorräder, die sich als Taxis anbieten (bis zu drei Personen werden von den Fahrern mitgenommen), und einige fliegende Händler bieten Getränke und Speisen an.
In den Straßen von Plaine du Nord herrscht drängende Enge. Eine Musikgruppe mit Trompeten und Trommeln gibt klassische Marschmusik zum Besten, zu deren Marschtakten junge Mädchen in weißen und grünen Kostümen tanzen. Nebenan dröhnen die Trommeln in anderen Rhythmen, die sich nahezu phrasierend über dem 4/4 Takt der Marschkapelle legen

Musikkappelle beim Fest in Plaine du Nord

Dazwischen drängen Männer die Laufkundschaft, bei Glücksspielen ihre Einsätze zu machen. In einer Nebenstraße wird gerade ein Schwein für den Grill vorbereitet, und über allem liegt der Duft vieler Dutzend Stände, an denen Frauen Speisen anbieten: Geröstete Bananen, frittiertes Fleisch aller Art, Maiskolben, gewürzten Reis, und natürlich Getränke.

In der Pfarrkirche recken die Menschen ihre Hände zum Himmel, stehen in entrückter Pose vor dem schlichten Altar, vor dem sich Blumengestecke und Kerzen türmen. Viele Frauen tragen die Farben des Voodoo, rot-blaue Kleider, und sie stellen die Kerzen in den für den Voodoo-Kult typischen Farbkonstellationen auf. Manche haben Fotos ihrer Angehörigen in den Händen, stoßen Bittgebete aus. Es ist der Vorabend zum Fest des Heiligen Jakobus, und von nah und fern sind die Menschen zusammengeströmt um zu feiern. „Es ist eine Mischung aus katholischer Heiligenverehrung und Voodoo“, sagt Pfarrer Alain Prophète. Er selbst wolle und dürfe mit dem Voodoo nichts zu tun haben. Daher gibt es in der Kirche auch keine Statue des Heiligen Jakobus. Denn dieser stellt im Voodoo einen mächtigen Loa dar, eine starke Gottheit. Es sei wichtig, dass der Priester der Pfarrei besonders an diesen Festtagen zeige, dass dieser Synkretismus, diese Vermischung von katholischer Religion und Voodoo, keine von der Kirche geförderte Sache sei. Draußen vor der Kirche verkaufen die Händler in friedlicher Eintracht die Heiligenbilder und Schriften der römisch-katholischen Kirche zusammen mit den Voodoo-Utensilien: Tabak, Kerzen und speziellen Bändern.

Heiligenandenken
Er selbst sei daher nur zu den Gottesdiensten in der Kirche, sagt Pfarrer Alain Prophète– denn man wisse ja sonst nie, zu wem die Menschen gerade beteten. Und „auf die andere Seite“ des Dorfes, da er gehe er ohnehin niemals hin.
Auf der „anderen Seite“ befindet sich ein riesiges Bassin von der Größe eines kleinen Schwimmbads. Im trüben, stinkenden Wasser stehen junge Männer. An den Rändern drängen sich Frauen und Männer, Kinder und Greise, die Gaben in die Brühe werfen oder sich mit der Flüssigkeit abwaschen. Immer, wenn kleine Münzen in das Bassin geworfen werden, fischen die jungen Männer im Dreck und holen sie heraus, um sie in die Taschen ihrer Shorts zu stecken.
Nebenan hat ein Heiler seine Pforten geöffnet. Und etwas weiter tanzen junge Männer und Frauen zu den stampfenden Rhythmen großer Trommeln.
Ruhig ist es bisher noch auf dem großen Gelände, auf dem fleißige Helfer gerade Stühle und Tische aufbauen. Dort sollen heute und morgen die bekanntesten Bands Haitis spielen, unter ihnen „L’orchestre tropicana d’Haïti“. Ich kann darauf verzichten. Bereits gestern Nacht fand ein ähnliches Konzert auf dem Platz vor der Kathedrale statt. Das haus des Erzbischofs, in dem ich in diesen Tagen untergebracht bin, zeigt ebenfalls auf diesen Platz. Jedenfalls zeigen alle Fenster meines Zimmers (was hier bedeutet: keine geschlossenen Fensterscheiben, sondern Fliegengitter und Lamellen) auf den Platz. Die Musik war so dröhnend, dass sie sogar meine Ohrstöpsel versagten. Das Konzert endete um 03.30 Uhr heute Morgen. Nein, ein weiteres Konzert muss heute nicht sein.
Morgen früh geht es zurück in die Hauptstadt, zurück nach Port-au-Prince.

Christian Frevel

Ein Beispiel für die Adveniat-Hilfe

Donnerstag, 24. Juli 2008

Cap-HaÏtien wächst. An den Rändern der zweitgrößten Stadt Haitis errichten die Menschen irgendwie und irgendwo ihre Hütten. Wer Geld hat, kauft sich ein Grundstück, vielleicht sogar bereits mit dem Rohbau eines Hauses darauf. Viele Familien, die den ländlichen Regionen Haitis den Rücken zugekehrt haben, um in Cap Haitien eine bessere Zukunft zu finden, verlassen die Stadt enttäuscht und versuchen, in die Dominikanische Republik oder in USA zu gelangen. Ihre Bauruinen, Versuche, in der Stadt Fuß zu fassen, sind überall zu sehen.
Im Bidonville „Petite Anse“, das direkt an der Bucht von Cap Haitien liegt, werden Schiffe verkauft. Es sind diese nur bedingt hochseetauglichen Holzboote, deren Trümmer immer wieder einmal an den Küsten Floridas angeschwemmt werden. Immer wieder versuchen Haitianer, per Boot die USA zu erreichen. Niemand weiß, wie viele Menschen bei diesen Versuchen ertrunken sind.

Boote am Ufer der Bucht von Cap Haitien
„Wir sind zu einer Transitpfarrei geworden“, sagt Pfarrer Claret Léon. „Die Menschen kommen an, bleiben ein paar Monate, gehen wieder.“ In einer solchen Situation sei es schwierig, eine funktionierende Seelsorge aufzubauen. Dankbar ist der junge Pfarrer für die Hilfe, die er von Adveniat erhalten hat. Die Pfarrkirche „Notre Dame de Altagrâce“ im Viertel „Fort Saint Michel“ wurde mit Hilfe der deutschen Katholiken gebaut. Und jetzt wird an das Pfarrhaus ein Erweiterungsbau angefügt, um dem Vikar, der bald das Pastoralteam verstärken soll, eine Wohnung zu geben. Gruppenräume sind auch eingeplant. Adveniat bat um eine Eigenleistung der Pfarrei, und daher sind auch heute wieder Frauen und Männer angetreten, um Baumaterialien in das im Bau befindliche zweite Stockwerk zu schleppen. Geld habe die Pfarrei nicht beisteuern können: „Wie auch? In der Sonntagskollekte kommen in allen drei Messen zusammen umgerechnet knapp 40 Dollar zusammen“, sagt Pfarrer Claret Léon. Davon soll der Priester seinen Lebensunterhalt bestreiten, den Strom für Kirche und Pfarrhaus zahlen, Kosten für den Transport begleichen… Ohne die Hilfe von außen ginge hier gar nichts, meint der junge Priester.
Wie auch? Ein Blick in die erste beliebige Seitenstraße ist erschreckend. Der kurze Weg mündet am Fluss, der wenige hundert Meter weiter im Meer mündet. Das Ufer ist übersät mit Müll, in dem Schweine und Hunde nach Nahrung wühlen. Der Anbau einer Hütte, der auf Stelzen ins Wasser gebaut wurde, erweist sich als Abort, aus dem die Fäkalien direkt ins Wasser entsorgt werden.

Mitten im Müll ensteht in Cap Haitien eine Siedlung
„Manche Menschen haben so wenig Geld, dass sie sich kein Grundstück kaufen können und statt dessen ihre Hütten auf den Müll am See bauen“, berichtet Pfarrer Claret Léon. „Der Müll wird weiter angeschüttet, und irgendwann haben diese Leute festen Boden unter den Füßen.“ Diese Methode wird auch an anderen Stellen der Bucht von Cap Haitien angewendet.

Christian Frevel

… Stromprobleme…

Mittwoch, 23. Juli 2008

… jetzt hat es doch länger gedauert mit dem Blog. Gestern Abend war einfach der Strom abgeschaltet worden. Und einen Generator gab es in meiner Unterkunft nicht. Strom ist wertvoll geworden in Haiti. Und heute morgen gab es noch immer keine Verbindung zum Internet.

Ich bin in Cap Haitien angekommen, der zweitgrößten Stadt der Insel. Die Stadt ist deutlich ruhiger, ihr Bild durch alte Bauten geprägt. Eine frische Brise vom Meer macht die Hitze erträglich. Heute Abend soll vor der Kathedrale ein großes Konzert stattfinden – der Generalvikar des Erzbistums meinte, ich sollte dort hingehen, da ich sonst ohnehin kein Auge zu bekäme: Musik sei in Haiti immer laut.

Am Morgen bin ich im „bidonville“, im Armen-Vorort Sainte Philomène. Es liegt direkt vor den alten Stadttoren, die von der Bundesstraße 1 durchschnitten wird. Auf ihr kämpfen sich Busse, Lastwagen und überfüllte Tap-Taps, die bunten Kleinbusse, hupend zwischen Fahrradfahrern, Fußgängern, Lastenträgern und Frauen, die große Töpfe auf dem Kopf balancieren. In acht Stunden kann man mit dem Bus in der Hauptstadt sein.

Die Menschen leben beengt. Zwischen den kleinen, ohne große Planung errichteten Häusern, verlaufen die Wasserleitungen (jeder Hausbesitzer legt sich hier offensichtlich seine eigene Leitung) und der „Abwasserkanal“, eine stinkende, offene Rinne, zwei Meter tief, neben der die Kinder spielen. Es ist Ferienzeit.

Die Taubstummenschule, die ich mir im gleichen Stadtteil anschaue, ist deshalb leider leer: Keine Schüler, meint die Direktorin, Schwester Marie-Rosine bedauernd. Sie ist von dem Schlag Ordensfrau, aus dem man sich Direktorinnen in einer solchen Umgebung wünscht: offen, entschlossen, ein Löwe für ihre Schüler. Dafür zeigt sie mir ein liebevoll zusammengestelltes Album, und am liebsten würde sie mir die Geschichte eines jeden ihrer Schützlinge erzählen. Ich beschränke es auf die beiden Schüler, die sich nach Jahren des gemeinsamen Schulbank-Drückens zur Hochzeit entschlossen – ein Höhepunkt für die Taubstummen-Schule „Institut Marie-Louise de Jésus“.

Inzwischen funktioniert auch mein Handy wieder, offensichtlich ist der Strom wieder da. Ich höre von Minus-Temperatur-Rekorden in Deutschland – in der Hitze der Bidonville von Sainte Philomène gar kein so abschreckendes Bild…

Christian Frevel

Stillstand in Port-au-Prince

Mittwoch, 23. Juli 2008

An jeder Straßenecke stehen in Port-au-Prince die Wagen der Minustah, der internationalen UN-Truppen, die die Ruhe im Land garantieren sollen. Die Blauhelme haben alle Hotels in der haitianischen Hauptstadt besetzt, dazu noch einige leer stehende Privathäuser und Teile der Universität. 9.000 Mann sind es in Haiti, die meisten davon in der Hauptstadt Port-au-Prince.

Seit den Unruhen im März, als die Nahrungsmittel knapp wurden und der Ministerpräsident zurücktreten musste, herrscht Ruhe im Land. „Wir sind kein gewalttätiges Volk“, sagt P. Jean Hanssens, Mitglied des Nationaldirektoriums von „justitia et pax“. Es gebe in Port-au-Prince im Monat 30 Tote auf den Straßen – in diese Zahl seien die Verkehrstoten eingerechnet. Verglichen mit São Paulo oder Rio de Janeiro, wo jede Nacht im Schnitt fünf bis 6 Menschen umgebracht werden, steht die 2-Millionen-Stadt in Haiti, die von Blauhelmen bewacht wird, also noch recht gut da.

Zu beobachten sei jedoch ein Stillstand in der Politik, ein kaum noch funktionierendes Justizsystem und eine Perspektivlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt, meint P. Hanssens. Nach den Unruhen der vergangenen Monate hatte es starken politischen Druck gegeben, die Gewalttäter zu verhaften. Es habe daher etliche Polizeiaktionen gebeben, hunderte meist Jugendlicher seien verhaftet worden, die Gefängnisse hoffnungslos überfüllt. Nur einer von zehn Insassen der Haftanstalten in der Hauptstadt sei verurteilt, die übrigen seien Untersuchungshäftlinge, gegen die oft noch nicht einmal ein Verfahren eröffnet worden sei.

Der Premierminister hatte, als ihm die Abgeordneten das Vertrauen entzogen hatte, sein Amt niederlegen müssen. Das ist inzwischen Monate her, doch die Abgeordneten konnten oder wollten sich noch auf keinen Nachfolger einigen, so dass der alte Premierminister als Interimschef weiterhin das Kabinett leitet. Manchmal, so sagte mir ein Journalist in Port-au-Prince, sei es für die Politiker ertragreicher, mit der Krise zu leben. Man habe sich mit dem Stillstand arrangiert. Und niemand wisse genau, sagt der haitianische Journalist, wie viel Geld die Politiker an dieser Situation verdienten.

Die Verlierer sind die Armen. Für sie gibt es kaum Perspektiven. Die Straßen von Port-au-Prince sind voll von fliegenden Händlern, fast alles wird auf dem informellen Markt gehandelt. Viele Geschäfte haben geschlossen, vor ihren verschlossenen Läden haben die Händler ihre Buden aufgebaut.

Christian Frevel

Haiti

Montag, 21. Juli 2008

Im Frühjahr kam es in Haiti zu Protesten der Bevölkerung: Die hohe Inflation und die weltweit stark angestiegenen Preise für Grundnahrungsmittel führten zu schweren Unruhen mit mehreren Todesopfern. Wie sieht es jetzt in Haiti aus? Christian Frevel, Abteilungsleiter für Öffentlichkeitsarbeit bei Adveniat, ist in Haiti und berichtet im Blog über das Leben und die Probleme im ärmsten Land Lateinamerikas.

Migranten

Montag, 21. Juli 2008

Die Reise nach Haiti beginnt in der Dominikanischen Republik. Ich nehme also den entgegengesetzten Weg, den derzeit täglich hunderte Haitianer einschlagen: Ich begebe mich aus dem „Wohlstandsland“ Santo Domingo in das ärmste Land der westlichen Hemisphäre.
Mindestens eine Million Haitianer soll es derzeit in der Dominikanischen Republik geben; die Zahlen sind geschätzt, denn fast alle Haitianer kommen illegal über die Grenze, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen. Die meisten von ihnen schlagen sich irgendwie durch, bekommen Jobs. Die Dominikanische Republik erlebte in den vergangenen Jahren vor allem im Tourismus-Sektor einen vergleichsweise steilen Aufstieg. Viele Haitianer fanden einen Job in der Bauindustrie und halfen so, die bei den Deutschen beliebten Hotels und Resorts an der Küste zu errichten.
Inzwischen spricht der dominikanische Präsident von einer Krise, die das Land durchlebe. Da sind vor allem die gestiegenen Benzinpreise, die den Transport deutlich verteuert haben. Und es ist eine (vor allem hausgemachte) Krise in der Nahrungsmittelversorgung: Viele Menschen, vor allem die Armen (und darunter die meisten Haitianer im Land) können die Lebensmittel nicht mehr bezahlen.
Die brasilianischen Scalabrini-Schwestern, die sich in der Hauptstadt Santo Domingo und in San Pedro de Macoris um die Migranten aus Haiti sorgen, berichten von Kindern, die nachmittags um fünf ihre erste Mahlzeit erhalten – wenn sie zu den Schwestern kommen.
Es hatte schon seit vielen Jahren Arbeiter aus Haiti vor allem auf den Zuckerrohrfeldern im Westen der Dominkanischen Republik gegeben. Doch in den vergangenen Jahren war die Zahl dramatisch angestiegen – im gleichen Maße, wie in Haiti die der Menschen wuchs. Die Dominikanische Republik wäre kaum in der Lage gewesen, eine solche Anzahl Menschen aufzufangen, hätten nicht in der gleichen Zeit hunderttausende Dominikaner die Insel verlassen, um eine bessere Zukunft in den USA, Kanada oder Europa zu suchen.
„Wir können die Probleme Haitis nicht auf Dauer in der Dominikanischen Republik lösen“, sagte mir heute morgen der neu gewählte Präsident der dominikanischen Bischofskonferenz, Kardinal Lopez Rodríguez, Erzbischof in der Hauptstadt Santo Domingo. Stattdessen müsse man in Haiti versuchen, die Gründe für die Flucht aus dem Land zu beseitigen.
Ich werde in den nächsten Tagen mit den Haitianern genau hierüber reden.