Archiv für Juni 2008

Zu Gast bei Engeln

Mittwoch, 11. Juni 2008

Von der Innenstadt aus ist es fast eine Stunde hinaus nach Sant’Ana, einem der nördlich gelegenen Stadtteile von São Paulo. Obwohl uns der Fahrer des Erzbischofs voranfährt, ist es nicht ein´fach, den richtigen Weg zu finden. Es sei halt unmöglich, jede Straße in der Millionenstadt zu kennen, entschuldigt sich Erzbischof Odilo Scherer. Der Kardinal hat sich diesen Tag Zeit genommen, um mit unserer Delegation einen Abstecher in die Realität der Seelsorge am Rand der Großstadt zu unternehmen.

Blick von Sant\'Ana auf São Paulo

Kardinal Scherer führt uns in die Pfarrei Santissima Trinidade (Heiligste Dreifaltigkeit), die auf einen Hügel oberhalb von Sant’Ana liegt. Von hier aus geht der Blick über die Stadt: Häuser, Wolkenkratzer, elende Hütten und Straßen – ein graues Meer, soweit das Auge blicken kann. Pfarrer Victor Fernandes erklärt uns die Größe und sie Arbeit der Pfarrei die sich insbesondere für die Arbeitslosen einsetzt. So hat man in der Pfarrei eine Art Arbeitsamt eingerichtet, wo monatlich mehr als 1,000 Menschen vorbeischauen auf der Suche nach Arbeit. Zahlreiche Firmen melden sich hier auf der Suche nach Arbeitskräften, und so ist die Vermittlungsrate hoch. Kirche springt hier subsidiär ein, wo andere Stellen nicht präsent sind.

Beeindruckend aber vor allem die Arbeit der “Anjos da Vida”, der Engel für das Leben”, wie sich eine Gruppierung nennt, die hier in der Pfarrei ihre Gründung hatte und inzwischen Kreise zieht auch über die Stadtgrenzen von São Paluo hinaus. Diese Männer und Frauen besuchen die Kranken in der Gemeinde, bringen ihnen die Heilige Kommunion, bringen ihnen Medikamente, falls sie nicht die Möglichkeit haben, diese zu bezahlen, oder bringen ihnen Lebensmittel – denn viele Menschen haben in dieser Stadt nicht ausreichend zu essen. Sie kümmern sich insbesondere um die Kinder, geben ihnen Unterricht und wollen sie begeistern für Musik, Tanz und Theater. Die “Engel” haben Ärzte und Psychologen gewinnen können, die gratis mitarbeiten und zahlreiche Menschen betreuen, die sonst keinen Zugang zur Gesundheitsfürsorge haben.

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Zugleich wollen die “Engel” kulturell tätig sein: Sie haben Tanz-, Musik- und Theatergruppen, bilden sich fort, wollen die Kultur in die Elendsviertel tragen.

Für Weihbischof Franz Grave, dem die “Engel” gleich ein T-Shirt ihrer Gruppe überreichten, sind die Männer und Frauen ein Beispiel gelebter Seelsorge für den Nächsten: “Ich glaube, dass wir gemeinsam diesen Weg des Lebens gehen könne, den uns die Engel des Lebens zeigen”.

Übrigens: weitere Fotos zum Besuch sowie Informationen über die Arbeit der „Engel des Lebens“ auf der Internet-Seite der Bewegung: www.anjosdavida.org.br

Christian Frevel

Fotos: Tina Umlauf/Adveniat

Zu Gast bei den Bischöfen der Großstadt

Sonntag, 08. Juni 2008

Der Bundesstaat Sao Paulo ist der bevölkerungsreichste und wirtschaftlic bedeutendste Bundesstaat Brasiliens. Er gliedert sich in 645 Gemeinden (”municípios”). Von den 37 Millionen Einwohnern des Bundesstaates leben mehr als 19 Millionen in der Stadt São Paulo.

Kein Wunder, dass die Brasilianische Bischofskonferenz CNBB hier eine eigene Bischofsregion eingerichtet hat. Mehr als 40 Diözesen zählen dazu. In dieser Woche haben sich die Bischöfe dieser Region “Süden 1″ der CNBB in Itaici eingefunden. Das große Tagungshaus, das dem Jesuitenorden gehört und in dem auch regelmäßig die Vollversammlung der CNBB tagt, bietet die notwendige Ruhe und den notwendigen Platz für die Beratungen. Denn hier sitzen nicht nur die Bischöfe, sondern auch ihre engsten Berater zusammen.

Bschoöfe der CNBB-Region Sul 1 in Itaici

Die Bischöfe unter dem Vorsitz von Dom Nelson Westrupp nehmen sich fast zwei Stunden für die Adveniat-Delegation. Wichtigstes Thema auch hier die Frage der Präsenz der Kirche in der Großstadt und die verschiedenen Initiativen zur Großstadtpastoral. Dem Internet, so vernimmt unsere Gruppe mit großem Interesse, wird von den Bischöfen für die zukünftige Seelsorge eine wichtige Rolle zugesprochen.

Ganz besonders interessiert hören die Bischöfe zu, als Adveniat-Geschäftsführer Bernd Klaschka über die Projektpolitik bei Adveniat spricht: Denn es sei wichtig festzustellen, dass Adveniat ein pastorales Hilfswerk sei, das die Pastoral im Sinne der Beschlüsse der Generalversammlungen der lateinamerikanischen Bischöfe interpretiere. Damit sind auch Projekte gemeint, die zum Beispiel in der Gesundheitspastoral, in der Arbeit für die Menschenrechte oder der Bildung liegen, sagt Prälat Bernd Klaschka.

Prälat Bernd Klaschka (links) und Weihbischof Franz Grave (rechts) in Itaici.

Einzelgespräche runden den Tag ab: So mit mit dem Erzbischof von São Paulo, Kardinal Odilo Scherer, und dem Vorsitzenden des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM, Erzbischof Damasceno de Asis aus Aparecida – der Wallfahrtsort gehört ebenfalls zur Region São Paulo.

Er sei erfreut und empfinde dies als Anerkennung für die Arbeit von Adveniat, dass sich die Bischöfe so viel Zeit für die kleine Delegation nähmen, sagt Weihbischof Grave. Und er erhält Komplimente zurück: Ohne die Hilfe der deutschen Katholiken über Adveniat sei Veles, auf das die Kirche Lateinamerikas heute baue, nciht möglich gewesen, sagt Dom Nelson Westrupp. Und er fasst es auf Deutsch Zusammen: “Herzlichen Dank und Gottes Segen für Ihre weitere Arbeit!”

Christian Frevel

Die Kinder des Urwalds

Mittwoch, 04. Juni 2008

Bischof Gerardo Zerdin ist ein Missionar aus Leidenschaft. Noch immer ist er am liebsten mit dem Boot unterwegs, die Hand am Außenborder des Aluminiumbootes auf den Flüssen, die das Wasser von den Bergen der Anden hinab leiten Richtung Brasilien und Amazonas. Nur 350 Kilometer sind es von Lima bis nach San Ramón, dem Bischofssitz des Apostolischen Vikariates, dessen Gebiet bis zur brasilianischen Grenze reicht. Das sind weitere 700 Kilometer – und da es hier, in der „Selva Central“, dem „mittleren Urwald“ Perus, keine Straßen mehr gibt, die weiterführen nach Osten, muss der Bischof entweder ein Kleinflugzeug nehmen oder aber das Boot.

18 Jahre ist der aus Kroatien stammende Franziskaner einfacher Priester gewesen im Tiefland. Er versteht vier indianische Sprachen, spricht deutsch, spanisch, englisch und etwas italienisch. Und er isst am liebsten beim Chinesen. Das sei hier das beste „Chifa“, das beste China-Restaurant im Umkreis von mehreren hundert Kilometern, meint Bischof Zerdin über die Küche von Herrn Wuu und seiner Frau. Und so essen wir im peruanischen Urwald, umrahmt vom Gekrächze zweier Papageien und eines Tukan, Hühnchen süß-sauer und trinken Jasmin-Tee.

Unsere Gruppe hat das staubige Lima verlassen und ist im San Ramón gelandet. Im Departamento Chanchamayo fehlt es weder an Wasser noch an Grün. „Hijos de la Selva“ – Kinder des Urwalds nennen sich die Bewohner der Region in einem Lied stolz. Die Verse des Liedes, das aus der Feder des Franziskanerpaters Daniel stammt, kommen froh und stolz von den Lippen der etwa 60 Frauen und Männer, die gekommen sind, um Weihbischof Franz Grave als dem Repräsentanten von Adveniat zu danken. Denn sie alle sind Katecheten oder Religionslehrer, die eine Schule durchlaufen haben, die Adveniat mit finanzieren half.

In bewegenden Worten erzählen sie, wie diese Kurse ihr Leben beeinflusst haben und warum sie sich jetzt noch mehr für ihre Mitmenschen und für Gott einsetzen wollen. Zum Teil nehmen diese Männer und Frauen zwei Tage Anreise ín Kauf, um an den Kursen teilnehmen zu können. Da kommen uns die 12 Stunden Flug nach Europa kurz vor.

Christian Frevel

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Die Krankheit der Armen

Dienstag, 03. Juni 2008

Gestern Abend waren wir in Comas, einem weiteren Stadtteil Limas. Die Fahrt vom Zentrum durch den samstäglichen Verkehr war ein steter Kampf unseres Fahrers mit den anderen Autofahrern. Wenn es Regeln für den Autoverkehr in Lima gibt, dann hält sie niemand ein. Von links, von rechts schieben sich Autos, Lastwagen, Motorräder und dazwischen sogar ein Mann im Rollstuhl über die Kreuzungen. Es wird gehupt, gedrängelt, und ich hatte mehr als einmal das Gefühl, dass unser Wagen sich unweigerlich in den von rechts oder links heranbrausenden Wagen bohren müsste. Doch irgendwie ging alles gut. Nach mehr als einer Stunde Fahrt kamen wir in Comas an.

Mit dabei war Schwester Maria van der Linde. Sie ist eine resolute Ordensfrau aus dem Münsterland, seit fast vierzig Jahren in Peru – so lang, dass es ihr schwer fällt, im Gespräch die richtigen Wörter im Deutschen zu finden und statt dessen öfters mal spanische Vokabeln in das Gespräch einflicht. Maria van der Linde, Ordensfrau in der Gemeinschaft der Hiltruper Schwestern, war im vergangenen Jahr von Adveniat-Journalisten besucht und porträtiert worden. Ein kurzer Film über ihre Arbeit („Gesundheitshelfer“) ist auf der Adveniat-Homepage zu sehen: http://www.adveniat.de/index.php?id=video-presse

Wir hatten sie im Stadtzentrum getroffen, wo – neben der Universität der Jesuiten in Lima – sie ein Zentrum zur Koordination der Gesundheitsfürsorge unterhält und sich dort vor allem dem Kampf gegen die Tuberkulose verschrieben hat.

Schwester Maria van der Linde hat einige Jahre in Comas gearbeitet, und daher liegt ihr dieser Stadtteil besonders am Herzen. Jeden Samstag treffen sich hier – im Haus der Gemeinde La Merced – Kranke aus den Tuberkulosegruppen. 30 Gruppen gibt es allein in Comas, mit mehr als 800 Kranken. „Tuberkulose ist eine Krankheit der Armen“, sagt Schwester Maria. „Aber sie ist heilbar.“ Sie ist dankbar, dass Padre Jaime von den Oblaten und viele andere katholische Priester den Tuberkulosekranken die Räume zur Verfügung stellen, wo sie sich treffen können und wo sie gemeinsam die Medizin einnehmen – genau kontrolliert durch die Koordinatoren der Gruppen, die selbst erkrankt sind.

Rund ein Jahr dauert es, bis dass die Behandlung erfolgreich abgeschlossen wird. Als wir das Treffen der Koordinatoren der Gruppen besuchen, strahlen diese Zuversicht aus. Tuberkulose ist eine schwere Krankheit, doch gemeinsam kämpfen sie gegen sie an – und kämpfen gegen die Umstände, die die Tuberkulose hervorrufen: Mangelhafte Ernährung, schlechtes Trinkwasser, ungenügende hygienische Zustände, Überarbeitung… Wir gut ernährten Europäer sind nahezu immun gegen die Tb-Erreger. Und es erstaunt uns, die wir vor vielen Jahren bereits in Deutschland die Tuberkulose-Impfung abschafften, dass Tb hier so zugenommen hat.

„Die Erkrankungsrate steigt weiter“, weiß Schwester Maria. Denn die Umstände haben sich nicht geändert. Während die makroökonomischen Daten gut sind (Peru verzeichnete 2007 ein Wirtschaftswachstum von 8 Prozent), kommt vom Aufschwung bei den Armen nichts an. „Wir müssen den Armen eine Lobby geben“, sagt Schwester Maria.

Christian Frevel

Wasser für die Zone „R“

Sonntag, 01. Juni 2008

Chosica ist eine Großstadt in der Großstadt. Die Stadt wuchs am Rand der peruanischen Hauptstadt Lima, und die wächst nach oben. Bis an die Ränder der steilen Berge bauen die Menschen ihre Hütten und Häuser, und je höher die Häuser liegen, desto jünger sind sie. Niemand möchte gerne dort oben leben, weit weg vom Zentrum, den steilen Weg hinauf. Motorradtaxis bieten ihre Dienste an; es sind motorisierte Rikschas, in denen zwei bis maximal drei Leute sitzen können. Die Motorräder kommen aus Indien, und hunderte von ihnen knattern die steilen Wege hinauf und hinunter, stets eine Staubwolke aufwirbelnd. Sie geben den Rhythmus an in der Stadt. Denn die Busse kommen hier nicht mehr her.

Weihbischof Franz Grave gemeinsam mit Menschen aus Chosica in der \

Weiter oben ist auch für die Motorradtaxis Schluss. Hier, in der „Zone R“ steht die Kapelle „Santa Maria de la Merced“. Die Verwaltung der Stadt Chosica versucht, Ordnung in den Wildwuchs der Siedlungen zu bringen und hat, von unten mit „A“ beginnend, die Stadt in Zonen aufgeteilt. Die Kapelle steht in der Zone „R“. Von hier aus geht es weiter nach oben, bis in die Zone „T“. An der Kapelle treffen wir Tina, Mutter von sieben Kindern, das Kleinste gerade mal zwei Jahre alt. Sie zeigt uns ihr kleines Haus: Eine Holzhütte, etwa 30 Quadratmeter groß, gekocht wird auf offenem Feuer draußen. Kein Problem, denn es regnet hier ja so gut wie nie. Sieben Menschen wohnen hier, es ist dunkel in der Hütte, und den Fußboden bildet der gleiche Staub, der auch draußen die Wege in Grau hüllt.

Tina freut sich, denn seit drei Monaten hat die Familie einen Anschluss an die Wasserversorgung. Das senkt den Wasserpreis: Zuvor wurde das Trinkwasser von einem Tankwagen gebracht. 10 Soles kostete es, den gemauerten Tank vor der Hütte zu füllen – hinein passte etwa so viel, wie bei uns in eine Badewanne passt. Damit musste Tina eine Woche auskommen, mehr Geld hatte sie nicht übrig. Manchmal musste das Wasser auch für zwei Wochen reichen.

Die Wasserqualität sei schlecht, sagt Jose Luis Perez, Verantwortlicher der Sozialpastoral im Bistum Chosica. Amöbenkrankheiten seien vor allem bei den Kindern alltäglich.

Das Bistum hilft den Menschen, sich zu organisieren, für ihre Rechte einzutreten. In der Kapelle treffen sich die Menschen zum Gottesdienst und um ihre Situation zu besprechen. „Poco a poco“, ganz langsam, komme sie voran, bekäme ihre Kinder groß, sagt Tina, und schaut aus ihrer Holzhütte auf die noch ärmlicheren Hütten weiter oben am Hang: Man müsse zusammenhalten. Die Gemeinde, die sich in der Kapelle trifft, ist für Tina der Ort der Gemeinschaft.

Christian Frevel

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