Archiv für die Kategorie ‘Bolivien’

Armut und Reichtum – Eine sich immer weiter öffnende Schere

Mittwoch, 21. April 2010

Ein allgemein lateinamerikanisches Phänomen ist die ungleiche Verteilung der Güter und die dadurch resultierende extreme Teilung der Gesellschaften in arm und reich. Während die Meisten der Gesellschaften trotz der unglaublichen Bodenschätze in prekären und menschenunwürdigen Situationen leben müssen, gibt es eine Schicht von Wenigen, die das wirtschaftliche Potential nutzen und sich daran bereichern. Allgemein heißt es, das Argentinien und Chile zu den stärksten Volkswirtschaften Südamerikas gehören und als sogenannte „Schwellenländer“ zählen, doch auch dort gibt es einen bedeutenden Teil der bittere Armut erleiden muss.
Bolivien, eine sowieso schon stark geteilte Bevölkerung, erlebt dadurch eine weitere Teilung, die bizarre Formen annimmt. Die ökonomisch Bessergestellten kapseln sich gegenüber dem Rest der Bevölkerung ab und schließen sich in „Condominios“ ein. Dies sind durch Mauern abgesperrte Wohnbereiche, die von privaten Sicherheitsfirmen bewacht werden und in die man als Außenstehender auch nur mit entsprechender Genehmigung eintreten darf. Innerhalb dieser „privaten Wohngebiete“ gibt es dann alles, wunderschöne Häuser mit gepflegten Gärten, prallgefüllte Supermärkte, schicke Gemeindezentren und natürlich auch Schwimmbäder. Zwei komplett unterschiedliche Welten in einer Stadt, getrennt durch eine ca. 30 cm dicke Mauer und einer Horde Sicherheitskräfte. Außerhalb der Mauer beginnt dann das „wahre“ bolivianische Leben und die Menschen bauen ihre Hütten aus Holz, Lehm und Palmzweigen. Dadurch ergibt sich ein Bild von Armut und Reichtum, das krasser den Unterschied nicht zeigen könnte.
Grund Nummer eins, in diesen Parallelgesellschaften zu leben, ist die nicht unbegründete Angst vor Überfällen, denn es ist nicht überraschend, dass der vorgelebte Reichtum der Einen, bei den Anderen Neid und Missgunst weckt.

Text: Dominik Pieper

Chile - Lasst uns nicht gleichgültig sein

Dienstag, 13. April 2010

betroffenheit-und-engagement-in-bolivien_1„No quédemos indiferentes”, was soviel bedeutet wie “Lasst uns nicht gleichgültig bleiben”, ist das Motto einer Werbung, die auch noch nach mehr als sechs Wochen nach dem Erbeben Chile fast stündlich im bolivianischen Fernsehen zu sehen ist und die weiterhin zu Spenden auffordert. Während in Deutschland die Erdbeben in Haiti und Chile schon langsam in Vergessenheit geraten und aus der Medienlandschaft verschwinden, ist dies immer noch Thema in  Fernsehen, Radio und Zeitung. Oft sind es freiwillige Helfer die in etlichen Fernsehsendungen über ihre Erfahrungen in Haiti und Chile berichten und von den katastrophalen Bedingungen in den Erbebengebieten erzählen.

betroffenheit-und-engagement-in-bolivien_2Es ist unglaublich, wie sehr die Betroffenheit der Bolivianer direkt nach dem Erdbeben vom 27. Februar zu spüren war, und das trotz der historisch stark belasteten Beziehung der beiden Andenländer. Viele der Menschen hier haben Verwandte in Chile, die aufgrund einer besseren ökonomischen Perspektive dorthin ausgewandert sind, und daher einen direkten persönlichen Bezug dorthin haben. Doch auch die Solidarität gegenüber den Menschen in Haiti ist ungebrochen und es wird weiterhin über die Zustände auf der Karibikinsel berichtet.

„Auch wenn wir ein nicht so reiches Land sind, wollen wir unseren Teil geben, um den Chilenen zu helfen”, erzählt mir der Leiter des Jugendsymphonieorchesters Santa Cruz, nach einem Benefizkonzert. Ca. 200 Menschen sind gekommen, um sich das Konzert anzuhören und somit den Wiederaufbau eines Altenheims im Süden von Santiago de Chile mit Spenden zu unterstützen. Nach dem Konzert erzählt der chilenische Botschafter in Bolivien von den verheerenden Folgen des Erdbebens und der problematischen Situation im Süden Chiles, die viele Menschen in Not und Armut getrieben hat. Sichtlich berührt bedankt er sich bei den Musikern und Besuchern des Konzerts für die Spenden und freut sich darüber, dass so viele Menschen in Bolivien an der Katastrophe Anteil nehmen und ihrem Mitgefühl Ausdruck verleihen.

Text + Fotos: Dominik Pieper

Bolivien - Politik und Gastfreundschaft

Mittwoch, 10. März 2010

Indigene und Weiße in BolivienBolivien ist vor allem für die wunderschöne Landschaft im Hochland bekannt und für die bis heute stark präsente indigene Kultur, die immer noch das tägliche Bild des bolivianischen Lebens prägt. Schlagzeilen macht das Land in den letzten Jahren aufgrund des ersten indigenen Präsidenten, Evo Morales, der im Dezember des letzten Jahres mit einem überraschend starken Ergebnis wiedergewählt wurde und nun seine zweite Amtszeit antritt. Sogar in den Departamentos des Tieflands, in denen die politischen Führungen weiterhin für mehr Autonomie kämpfen, stimmten viele Menschen für Evo Morales. Dennoch ist das Land gespalten, nicht nur geographisch in das durch die indigenen dominierte Hoch- und das vor allem von Weißen bevölkerte Tiefland, sondern auch ideologisch teilt sich das Land in Anhänger und Gegner der Regierung.
Schon während meines ersten Aufenthalts als Missionar auf Zeit in Bolivien ist mir der in der bolivianischen Gesellschaft stark verankerte Rassismus aufgefallen. Und auch jetzt, bei meinem zweiten Besuch, ist die starke gegenseitige Abneigung zwischen indigenen und Weißen allgegenwärtig und stellt meines Erachtens eines der größten Probleme dieses Landes dar. Verschärft wird dieser Konflikt durch Maßnahmen, wie die Nationalisierung der Bodenschätze, wodurch die gesamte bolivianische Bevölkerung von dem enormen Reichtum profitieren soll und nicht nur das ökonomisch starke Tiefland. Doch dort fühlen sich die Menschen hintergangen und fürchten weitere Einschnitte ihrer Prioritäten.
Doch vor allem unter den jungen Menschen im Tiefland gibt es viele, die eine differenzierte Meinung der bolivianischen Politik haben und vor allem die Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Situation der in Armut lebenden Bolivianer befürworten. Gleichzeitig werfen sie Evo Morales eine einseitige Politik vor, die nur die Indigenen bevorteilt und somit die Spaltung des Landes weiter vorantreibt.
Abseits der ganzen Probleme Boliviens, ist für mich aber vor allem die extreme Gastfreundschaft bemerkenswert, die ich sowohl im Tiefland als auch im Hochland erlebt habe. Menschen die in bitterer Armut leben und dennoch alles tun, um Gäste so gut wie eben möglich zu empfangen.
Warum ist ein Land wie Bolivien eigentlich nicht dafür bekannt?

Text + Foto: Dominik Pieper

Wallfahrt zum Herrn der Seen

Mittwoch, 24. September 2008
Schon kilometerweit vom Wallfahrtsort entfernt bildet sich eine lange Autoschlange. Um zum Wallfahrtsort zu kommen, müssen mehrere Straßenschranken in Form von Seilen, die über die Straße gespannt sind, überwunden werden. Nur durch das Bezahlen einer Straßenmaut kommt man weiter. Alle wollen vom Fest profitieren: Das nationale Straßenamt, die Provinz, der Ort selbst. Jeder verlangt eine Durchlassgebühr, zumindest an diesem Feiertag des „Señor de las Lagunas“, was übersetzt so viel wie „Herr der Seen“ bedeutet. Ich bin in Begleitung des Bischofs, der die feierliche Heilige Messe zelebrieren wird. Er fährt das Fahrzeug selbst und erhält freien Durchlass. Er überholt die Fahrzeugschlange auf der Gegenfahrbahn, was beinahe zu einer Kollision mit einem Lastwagenfahrer geführt hätte. Dieser wollte einfach nicht einsehen, dass der Bischof pünktlich zur Messfeier kommen muss. Das nächste Problem ist der Parkplatz. Das Fahrzeug muss so abgestellt werden, dass es nach der Feier nicht zugeparkt ist und wir den Ort der Feierlichkeiten ohne Probleme wieder verlassen können. Seitlich der Straße sind auf dem freien Feld Zelte aufgestellt. Viele Gläubige verbringen mehrere Tage am Ort und haben weite Anreisen hinter sich.

Vor der Kirche und auf verschiedenen Plätzen auf dem Gelände bilden sich Gruppen mit Menschen, hauptsächlich Männer, in bunte Kostüme gekleidet, mit langen Röcken über den Hosen, weißen Hemden und bunten Westen, den typischen Wollmützen über den Ohren und einen Hut obenauf. Sie bilden einen Kreis und tanzen zur Flöte, die von den meisten gespielt wird. Einige trommeln auf einer kleinen Handtrommel und geben den Takt vor. Innen im Kreis befinden sich mehrer Kästen Bier, die im Laufe des Festen geleert werden. Neben den Kästen befinden sich Modelltiere, insbesondere Ochsen, Modellautos, häufig in Form von Lastwagen, und Modellhäuser in einem kitschigen amerikanischen Stil. Sie drücken die Wünsche und Sehnsüchte der meist armen Menschen aus: Gesundes und zahlreiches Vieh, Grundlage des Lebensunterhalts vieler Hochlandbewohner, ein schönes und großes Haus und ein Fahrzeug. Ein Lastwagen oder Bus ist häufig eine Einnahmequelle. Dazu kommen Bündel von Geld in Form von Papiergeldscheinen im verkleinerten Format, täuschend echte Nachbildungen der bolivianischen Währung oder von Dollarscheinen. Die Modelle und Geldscheine können direkt an den Ständen links und rechts der Straße erworben werden.

All die Dinge werden mit Musik und Tanz beschwört. Menschen als Teufel verkleidet tanzen außerhalb des Kreises. Das Böse soll fern gehalten werden. Viele Menschen bringen die Gegenstände später mit in die Kirche zur Eucharistiefeier und deponieren sie möglichst in der Nähe des Altars. Eine wichtige Rolle spielen die Blumen. Ein Blumenmeer erstreckt sich vor der Christusstatue, die sich hinter Glas befindet. Die Menschen bringen die Blumen vor den Altar und nehmen sie wieder mit. Mit Blumenwedeln werden die Menschen mit Weihwasser besprengt. Nach dem Gottesdienst bildet sich eine große Schar von Gläubigen am Hintereingang der Sakristei, um vom Priester diesen Segen zu erhalten. Mehrere Eimer mit geweihtem Wasser stehen bereit. Nach den Menschen sind die Fahrzeuge an der Reihe. Sie sind an einem eigenen Ort geparkt und besonders schön geschmückt. In einem Land mit ungewöhnlich vielen tödlichen Autounfällen kann man das Anliegen der Menschen verstehen, im geweihten Fahrzeug unterwegs zu sein.

Wem das alles nicht genug ist, wendet sich den Schamanen zu, die direkt an der Seite der Kirche ihre Stände aufgebaut haben. Gegen ein Entgeld werden mit viel Weihrauch, zahlreichen Gesten und Beschwörungen verschiedene Rituale durchgeführt, die den Menschen zum Ziel ihrer Träume bringen sollen.

Die Kirche ist bei der Feier des Gottesdienstes brechend voll. Auch nach dem Ende der liturgischen Feier bleibt das Gotteshaus voller Gläubigen, die nun direkt zur Christusfigur pilgern, um dort voller Inbrunst und Andacht ihre Anliegen vorzubringen.

Das Fest hat natürlich auch einen säkularen Charakter. Zahlreiche Stände laden zum Kauf. Es herrscht reges Treiben wie auf einem Markt. Entlang der Straße zur Kirche haben die Bewohner vor ihren Häusern kleine Lehmherde errichtet, die nun voll in Betrieb sind und allerlei warme Köstlichkeiten anbieten. Gefeiert wird tagelang mit viel Alkohol.

Wir erhalten nach dem feierlichen Gottesdienst als Ehrengäste zusammen mit den Ministrantinnen und Ministranten eine warme und kräftige Suppe, die von der Mutter des Pfarrers und einigen freiwilligen Frauen gekocht wurde. Wir reisen ab, bevor die Betrunkenen die Straßen beherrschen und den Verkehr gefährden. Wir haben Glück. Mit etwas Geschick steuert der Bischof den Geländewagen quer an zahlreichen Hindernissen vorbei auf die Straße, zu einem neuen Einsatz.

Martin Hagenmaier

Nein zur Gewalt, Ja zur Verständigung

Montag, 15. September 2008

„Nein zur Gewalt, Ja zur Verständigung. Die Gewalt zwischen Bolivianern muss ein Ende haben“. Vor dem Hintergrund neuer und immer gewaltsameren Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Regierung und der Opposition riefen die bolivianischen Bischöfe gestern erneut und eindringlich zu einem Ende der Gewalt und zu einem Weg der Verständigung auf. „Seien wir bereit, unser Vaterland auf einem konstruktiven Wege aufzubauen, der auf den Grundwerten der Gerechtigkeit aufbaut“. Vertreter der Bischofskonferenz riefen die Regierung, die politischen Kräfte und die Medien dazu auf, bei der Lösung der aktuellen Konflikte mitzuhelfen. Am selben Tag melden die Medien acht Tote und 30 Verwundete bei einer Auseinandersetzung in Pando. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen haben schon jetzt an vielen Stellen des Landes eine Intensität erreicht, die es schwierig macht, zu einem friedlich Dialog zurückzukehren. Die Bischöfe betonen, dass Veränderungen im politischen und sozialen Bereich notwendig sind. Diese müssten jedoch Frucht einer breiten Übereinstimmung, des Dialogs und ständiger gegenseitiger Verständigung sein und keinesfalls mit Gewalt durchgeführt werden. Daher appellieren die Bischöfe an die politischen, sozialen und bürgerlichen Führungspersönlichkeiten, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und Entscheidungen und Verlautbarungen so zu treffen, dass nicht neue Gewalt dadurch provoziert wird. Die Bischöfe bekräftigen ihre Bereitschaft, zwischen den beiden Lagern zu vermitteln, unter der Voraussetzung, dass sie von beiden Seiten dazu eingeladen werden.

Martin Hagenmaier

Radio der Hoffnung

Samstag, 13. September 2008

Der Name ist Programm. Radio Esperanza, zu deutsch „Radio der Hoffnung“, gibt vielen Bolivianern auf dem Land eine neue Perspektive. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um ein Radio, das die frohe Botschaft, das Evangelium sendet, anhand zahlreicher Berichte und Musik, sie aber auch tatkräftig umsetzt, indem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Radios, alles Fachkräfte, konkrete Projekte mit den Menschen auf dem Land verwirklichen. Landwirtschaftsingenieure organisieren mit den Kleinbauern der kargen Bergregionen eine Verbesserung der Bodenqualität durch biologische Düngung und bauen Wasserrückhaltebecken mit einem einfachen Bewässerungssystem, so dass die landwirtschaftlichen Erträge nachhaltig gesteigert werden können. Die Landwirte ernten damit mehr, als sie selbst verzehren, so dass sie das, was übrig bleibt, auf dem Markt verkaufen können. In einem Aufforstungsprogramm konnten in den letzten Jahren vier Millionen Pflanzen gesetzt werden. Viele freiwilligen Mitarbeiter in den Dörfern sammeln Informationen, die dann über das Radio verbreitet werden, so dass immer alle informiert sind. Das Radio bildet diese lokalen Korrespondenten aus. Das Radio begleitet mit seinem Programm die Entwicklungsprojekte und gibt darüber hinaus wertvoll Hinweise und Informationen, die der Landbevölkerung helfen, ihren schwierigen Alltag zu bewältigen. Die meisten Bauern haben kleine Transistorradios, die es ihnen erlauben, auch bei der Feldarbeit das Programm zu hören. Ein großer Teil des Programms wird in quechua gesendet, der Sprache der indigenen Bevölkerung. Adveniat unterstützt die Arbeit des Radios, half bei der Anschaffung eines neuen Fahrzeuges und ist zur Zeit dabei, eine Hilfe für den Kauf eines neuen Sendegerätes zu prüfen. Mit einem stärkeren Sender kann eine größere Reichweite erzielt werden.

Martin Hagenmaier

Krise und Konflikt

Montag, 08. September 2008

Zwei Begriffe, die man immer wieder hört und liest: Krise und Konflikt. Beides hängt miteinander zusammen und beschreibt den gleichen Zustand, die aktuelle Lage von Bolivien. Der Hauptkonflikt besteht zwischen Regierung und Opposition. Hinter der Regierung steht ein Großteil der Bevölkerung des Hochlandes. Die Regierung wird getragen von der Bewegung zum Sozialismus, MAS (Movimiento al Socialismo), zu der auch Evo Morales, der Präsident gehört. Bevor Evo Morales Präsident wurde, war er Koka-Bauer und Anführer der Gewerkschaft der Koka-Bauern. Die Opposition wird geprägt von Vertretern des Tieflandes, allen voran die Präfekten der Tieflanddepartamentos. Die Präfekten können mit unseren Bundesländern und die Präfekten mit unseren Ministerpräsidenten verglichen werden. Evo Morales hat eine wichtige Einnahmequelle der Departamentos gekürzt, um mit diesen Einnahmen ein allgemeines Rentensystem aufzubauen. Die Präfekten reklamieren nun diese Einnahmen, da sie ihnen für ihre eigene Infrastruktur fehlen. Da die Präfekten dem Regierungskurs sozialistischer Prägung von Evo Morales nicht trauen, erhält die Autonomiebewegung eine Radikalisierung. Anhänger der Autonomiebewegung versuchen nach den positiven Referenden Fakten zu schaffen, in dem sie Einrichtungen der nationale Regierung wie Polizeipräsidien oder Steuerbehörden gewaltsam besetzen. Um der Forderung nach einer Rücknahme des Gesetzes, das die Einnahmen der Departamentos beschränkt, Nachdruck zu verleihen, werden Strassen blockiert. Eine Strassenblockade kann kein Fahrzeug passieren. Sie dauern oft mehrere Tage. Ganze Städte können damit belagert und von der Außenwelt abgetrennt werden, bis Nahrungsmittelknappheit eintritt. Eine Blockade hat bereits zur Folge, dass in manchen Regionen Treibstoff für die Autos knapp wird, aber auch für die Traktoren, mit denen die Felder bestellt werden.

Damit ist auch schon beschrieben, wie der Konflikt zur Krise führt. Eine Krise, die das Land lähmt und auch wirtschaftliche Folgen haben wird. Manch ein Bewohner rechnet bereits mit einem Bürgerkrieg, da eine Verständigung beider Konfliktparteien nicht wirklich erscheint.

Was macht die Kirche? Sie appelliert zum Wiederholten Male an die Konfliktparteien, eine friedliche Lösung zu suchen. Sie bietet sich als Moderator an. Der Verbund der Tieflandpräfekten hat die Kirche bereits gebeten, zu vermitteln. Die Regierung steht der Kirche sehr kritisch gegenüber und versucht, ihren Einfluss zu begrenzen. Auch die Vereinigung der amerikanischen Staaten wurde um Hilfe bei der Vermittlung gebeten. Vertreter dieser Institution wie auch Vertreter der Kirche betonen, dass eine Vermittlung nur gelingen kann, wenn eine Verständigungsbereitschaft vorhanden ist. Diese ist zur Zeit schwerlich zu erkennen. Die Regierung versucht, ihren Kurs durchzuziehen, die Opposition versucht mit allen Mitteln, ihn zu verhindern. Gewalt nicht ausgeschlossen, von beiden Seiten nicht.

Martin Hagenmaier

Santa Cruz

Freitag, 05. September 2008

Die Nacht hat die lang ersehnte Abkühlung gebracht. Gestern noch war es unerträglich heiß. Starke Winde fegten über das Land und verteilten die trockene Erde in Form von Sand, Staub und Dreck in alle Ritzen und Ecken. Wenn es nicht regnet, ist die Stadt staubig und schmutzig. Nun brachten kräftige Regengüsse und Gewitter einen Temperatursturz und reinigten die Straßen, brachten den Bauern den ersehnten Regen. Es ist Frühling und Zeit für die Aussaht. Dazu braucht es Feuchtigkeit. Die eigentliche Regenzeit beginnt jedoch erst im November. Wenn es regnet, dann heftig. Dann stehen die Straßen teilweise unter Wasser, da die Kanalisation die Wassermassen nicht aufnehmen kann.

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Santa Cruz ist das städtische Zentrum des Tieflandes von Bolivien. Das Tiefland ist die Kornkammer des Landes. Bemerkbar macht sich dies an den zahlreichen Fabriken und Industieansiedlungen, in denen das Zuckerrrohr zu Zucker oder Soja zu Speiseöl verarbeitet wird. Gleichzeitig gibt es eine starke Bevölkerungswanderung von den armen Andenregionen ins Tiefland. Viele Menschen siedeln sich am Stadtrand an in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden. Die Stadt ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Die Bevölkerung wird heute auf mehr als eine Million geschätzt.

Es herrscht ein reger Verkehr

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„Wir sind da, um zu helfen“ sagt Bruder Rafael, der Leiter des „Hogar Santa Teresa de los Andes“, eines Zentrums für geistig und körperlich behinderte Kinder. Die Ordensgemeinschaft „Fraternidad de la Divina Providencia“ hat dieses Zentrum aufgebaut. Es finanziert sich zu einem großen Teil durch ausländische Spenden. Die Kinder stammen häufig aus armen Familien und könnten eine Therapie nicht bezahlen. Im Zentrum erhalten sie professionelle Hilfe. Ein Teil der Kinder wohnt im Heim, ein anderer Teil kommt täglich zur Therapie. Ein Bus des Zentrums holt sie ab und bringt sie zurück. Um einen Teil zum eigenen Unterhalt beizusteuern, arbeiten diejenigen, die dazu in der Lage sind, in der eigenen Bäckerei mit. In der Planung befindet sich der Aufbau einer kleinen Landwirtschaft. Die Arbeit dort ist Therapie und die Produkte ergänzen den Speiseplan. Die Kinder werden angeleitet, sich gegenseitig zu helfen.

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Die Schwestern hatten eine Gesundheitsstation der Pfarrei geschlossen, da sie den Eindruck hatten, dass dieser Dienst nicht mehr benötigt wird. Schließlich gibt es einen staatlichen Gesundheitsdienst. Die Bevölkerung jedoch beharrte darauf und so öffneten die Schwestern wieder die Station. „Die Art und Weise, wie die Schwestern die Menschen, die zu ihnen kommen, behandeln, wie sie die notwendigen Medikamente suchen, macht den Unterschied.“ Das sagt der Pfarrer der Pfarrei „Nuestra Señora de las Mercedes“ in Montero, einer 100.000 Einwohner-Stadt, eine Stunde von Santa Cruz entfernt. Die Seelsorge teilen sich zwei Pfarreien. Zur Pfarrei der Barmherzigkeit gehören 70.000 Menschen. Drei Gesundheitsstationen sind in Betrieb. Im Gefängnis, das sich im Bereich der Pfarrei befindet, organisiert die Pfarrei Ausbildungskurse für die Gefangenen. Sie lernen richtig lesen und schreiben, die Handhabung eines Computers, lernen Schneidern oder das Anfertigen von Kunsthandwerk. Die Kurse werden von ausgebildeten Lehrern durchgeführt, so dass die Gefangenen einen anerkannten Abschluss erwerben können.

Es gibt in der Stadt keine Straßenkinder, die auf der Straße nächtigen, wohl aber Kinder und Jugendliche, die auf der Strasse arbeiten, also kleine Dienstleistungen verrichten oder etwas verkaufen, um zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizutragen. Wenn sie sich verpflichten, regelmäßig die Schule zu besuchen, dürfen sie am Programm der Pfarrei speziell für sie teilnehmen. 80 nehmen dieses Angebot wahr.

An den Wochenenden gibt es zwei Gottesdienste für Kinder und zwei Gottesdienste für Jugendliche, da sonst nicht alle in der Kirche Platz finden würden. Kein Wunder, werden doch 1.200 Kinder auf die Erstkommunion vorbereitet und 1.400 Jugendliche gefirmt. Nicht alles konzentriert sich in der Pfarrkirche mitten in der Stadt. Ich besuche ein Grundstück am Rande der Stadt in einem Armenviertel.

Hier wohnen 14.000 Menschen. Das Bürgermeisteramt hat der Pfarrei 5.000 m² geschenkt für den Aufbau einer neuen Pfarrei. Noch finden die Veranstaltungen unter freiem Himmel statt. In Kürze erhalten wir einen ausgearbeiteten Antrag für den Bau einer Kapelle. Die Hilfe von Adveniat ist angefragt. Die Notwendigkeit ist offensichtlich.

Martin Hagenmaier

Bolivien

Montag, 01. September 2008

Nach dem Referendum am 10. August fühlen sich alle Seiten bestätigt. Präsident Evo Morales kann sich auf eine stattliche Mehrheit von über 67 % berufen, gleichzeitig wurden seine Hauptwidersacher, die Gouverneure der Tieflandprovinzen, in ihren Ämtern bestätigt. Gibt es einen Weg aus der Konfrontation? Wie verhält sich die Kirche im aktuellen Konflikt? Martin Hagenmaier, Projektreferent für Bolivien und Kuba, berichtet auf seiner Projektreise durch Bolivien von seinen Erfahrungen und Begegnungen.