Archiv für die Kategorie ‘El Salvador’

30 Jahr nach der Ermordung: Oscar Romero ist im Volk auferstanden

Mittwoch, 24. März 2010

Die Kapelle des Krankenhaus zur göttlichen Vorsehung platzt heute Morgen aus allen Nähten. Campesinos und Basisgemeinden aus allen Teilen El Salvadors, Bischöfe, Priester und Laien aus der ganzen Welt feierten heilige Messe an dem Altar, hinter dem Erzbischof Oscar Romero heute vor 30 Jahren erschossen wurde. Bischof Samuel Ruiz (Chiapas, Mexiko) erinnerte daran, dass es weiterhin vor allem um eines ging: zu lieben, wie Oscar Romero es getan hat!

Text und Fotos: Julia Stabentheiner

Neue Zeugenaussagen im Fall Romero

Mittwoch, 24. März 2010

30 Jahre nach der Ermorderung des salvadorianischen Erzbischofs erregt eine Veröffentlichung mit dem Titel “So töteten wir Romero” in der digitalen Zeitschrift El Faro Aufmerksamkeit: Gespräche mit verschiedenen Zeugen, allen voran ein 40-stündiges Interview mit dem selbst in die Ausführung des Mordes verwickelten Kapitän Saravia, bestätigt bisherige Verdächtige und nennt weitere Beteiligte am Mordfall. Der mutmaßliche Auftraggeber Roberto D’Aubuission sei selbst nur ausführendes Organ höherer Befehle gewesen. Eine gerichtliche Untersuchung des Falles Romero, die zu einem Prozess führen könnte, wird durch das kurz nach Veröffentlichung des Berichts der UN-Wahrheitskommission erlassene Amnestiegesetz bis heute verhindert.

Text: Julia Stabentheiner

Romero lebt!

Montag, 22. März 2010

jugendwallfahrt_elsalvador_romero… so schallte es am Samstag aus tausenden Mündern durch die Straßen der Hauptstadt. Schon am Nachmittag hatten sich Jugendgruppen aus dem ganzen Land zur Jugendwallfahrt zum Grab des berühmten Erzbischofs getroffen. Zum großen Gedenkmarsch und dem Gottesdienst vor der Kathedrale am Abend waren es dann mehrere Tausende Salvadorianer und Gäste aus aller Welt. Ein Teilnehmer zog besondere Aufmerksamkeit auf sich: Mit Mauricio Funes, dem Wahlsieger der Linken im vergangenen März, nahm erstmals der Präsident El Salvadors an den Gedenkprozession teil. Ob der Wandel in der Politik El Salvadors sich auf solche symbolischen Akte beschränkt, muss Funes erst unter Beweis stellen. “Wir wollen einen Präsidenten, der auf der Seite der Armen steht”, erinnerten ihn die Teilnehmer der Prozession in lauten Sprechchören.

Text + Foto: Julia Stabentheiner

————————

Zum Thema Oscar Romero finden Sie auf http://www.adveniat.de/oscarromero.html Informationen, Veranstaltungshinweise und Filmtipps und vieles mehr. Anlässlich des 30. Todestages von Oscar Romero hat Adveniat eine Sonderausgabe der Zeitschrift Blickpunkt Lateinamerika unter dem Namen “Blickpunkt Oscar Romero” herausgegeben. Diese kann dort kostenlos bestellt werden. Weitere Lese- und Buchtipps zu Oscar Romero finden Sie hier http://www.adveniat.de/romero_buchtipps.html

Mikrophone Gottes

Freitag, 19. März 2010

teilnehmer am oscar Romero-Kongress

In kleinen Gruppen werden die Vorträge engagiert diskutiert. In unserer Gruppe überlegen Teilnehmer aus El Salvador, Haiti, Deutschland, Österreich, Spanien, Brasilien, Guatemala und Honduras, was die Option für die Armen heute bedeutet. Romero hat ein beeindruckendes Zeugnis hinterlassen: die Armen als wirkliche Freunde behandeln, uns von ihnen bekehren lassen, anfassbaren Anlass zur Hoffnung geben und dabei fröhlich sein - das sind anspruchsvolle Aufgaben, die Romero vorgelebt hat. Alle seien dabei zur Mitarbeit aufgerufen, erläutert Maria Clara Luchetti Bingememer (Brasilien) das Kirchenbild Romeros, vom Taxifahrer bis zur Kaffepflückerin seien alle Priester, die die Liebe Gottes in der Welt spürbar machen können, alle Mikrophone Gottes.

Auf dem Foto: Kongress-Teilnehmer

Text: Julia Stabentheiner
Foto: Irmgrad Klein

Oscar Romero - Gallionsfigur der Solidarität

Mittwoch, 17. März 2010

Oscar Arnulfo Romero Galdámez - der salvadorianische Erzbischof, 1980 wegen seines mutigen Einsatz für die Armen in seinem Land ermordet - bewegt an seinem 30. Todestag mehr Menschen denn je. Längst ist er über Lateinamerika hinaus eine Symbolfigur für den prophetischen Einsatz für soziale Gerechtigkeit geworden. Viele Organisationen und Menschen sind El Salvador seit Jahrzehnten solidarisch verbunden. So habe ich auf dem Campus der zentralamerikanischen Universität neben Menschen aus allen Teilen El Salvadors, auch Mitarbeiter von britischen, US-amerikanischen und österreichischen Hilfsorganisationen getroffen, außerdem über 50 Mitglieder mexikanischer, deutscher und kanadischer Solidaritätsgruppen. Der Campus wimmelt von Besuchern, denn heute Nachmittag beginnen hier die Gedenkfeierlichkeiten für Erzbischof Romero mit einem theologischen Kongress.

Text: Julia Stabentheiner

Ankunft in San Salvador

Mittwoch, 17. März 2010

Verkehrschaos in der Hauptstadt: Klapprige Autos und neue glänzende. Schnaubende Busse, die schon im letzten Jahrhundert alt waren. Unglaublicher Schmutz und Gestank. Jonglierende oder Scheiben wischende Kinder, die an den Ampeln Geld zu erbetteln versuchen. Blinkende Werbeflächen der blitzblanken Supermärkte. Marktfrauen mit bunten Wägelchen. Ein Baby, das am Straßenrand im Schatten einer Palme gestillt wird. Arbeiter auf der Ladefläche eines Pick-Ups. Mit und unter diesen Menschen lebte der berühmteste aller Salvadorianer: Erzbischof Oscar Romero, dessen Tod sich in wenigen Tagen zum 30. Mal jährt.

Auf dem Foto: Blick über San Salvador

Text und Foto: Julia Stabentheiner

Ordentliche Leute

Freitag, 20. November 2009

Von Gaby Herzog und Martin Steffen

Luis mag sich nicht setzen. „Lieber nicht“, sagt er und schüttelt schüchtern den Kopf, als Martin ihn auffordert, sich für ein Foto zu seinen fünf Geschwistern auf die Stufen vor der Hütte zu setzen.
Der 17-Jährige hat sich herausgeputzt: Schwarze Hose, schwarz-weiß kariertes Hemd, die Schuhe sind frisch geputzt. Nach unserem Aufstieg von der Straße über Trampelpfade hoch zu seiner Hütte, ist Luis dabei, Staubflecken von der empfindlichen Hose zu rubbeln. Würde er sich zu seinen Brüdern und Schwestern gesellen, die in kurzen Hosen auf dem Boden sitzen, würde er sein Outfit völlig ruinieren.  Das ist natürlich ein Argument…
Jeden Tag macht sich Luis stadtfein. Drei Monate lang geht er zu einem Computer Kurs im Projekto 2000 von Weihbischof Chávez in San Salvador. Dort haben wir ihn kennengelernt und ihn gebeten, ihn nach Hause begleiten zu dürfen. Nie hätten wir erwartet, dass Luis mit seiner Familie in einer zwölf Quadratmeter großen Hütte mit plattgeklopftem Lehmboden lebt, in der es kein fließendes Wasser, keinen Strom und nur zwei schmale Betten gibt. An der Tür hängt ein Adventskranz aus durchsichtigen Plastiktüten und „Kugeln“ aus roten Verschlusskappen. Die Mutter arbeitet als Haushälterin in der Stadt. Sie ist selten zu Hause, die Kinder müssen für sich sorgen, braten tagein tagaus Maisfladen und kochen dazu Bohnen.
Luis weist seinen kleinen Bruder an, mit dem Besen den Hof zu fegen, die kleine Schwester stapelt leere Cola- und Bier-Dosen zu einem ordentlichen Haufen. „Die bringen wir zum Altmetall und bekommen ein paar Cents dafür“, erklärt er. „Mutter sagt: Auch wenn unser Haus aus Dingen gebaut ist, die andere weggeworfen haben, so heißt das noch lange nicht, dass wir keine ordentlichen Leute sind.“

McDonald‘s kann einpacken

Sonntag, 15. November 2009

Gaby Herzog und Martin Steffen

Bei unserer Ankunft vor elf Tagen klang das Wort für unsere Ohren noch sehr exotisch: „Pupusas“ stand da in großen handgeschriebenen Lettern auf der kleinen Bude unweit unseres Hotels. Das sind Maisfladen mit Bohnenpaste und Käse gefüllt, erklärte uns Paco, der Fahrer und machte dabei ein verzücktes Gesicht. Die mussten wir natürlich probieren und nahmen gleich am ersten Abend auf den kleinen Plastikstühlchen vor dem Wellblechverschlag Platz.Pupusa-Laden in El Salvador

Die platt geklopften Teigtaschen werden auf einem Grill am Eingang frisch zubereitet und auf Gitternetztellern aus Plastik serviert. Dazu gibt es eingelegten Kohl, Möhren, scharfe Jalapeños und eine Tomaten-Salsa. Sehr heiß, sehr nahrhaft, mit 40 US-Cent das Stück sehr günstig und wirklich sehr, sehr lecker! Pupusas – das Wort merken wir uns, beschlossen wir.

Schnell wurde uns klar, dass es sich bei Pupusas nicht um irgendwelche Teigtaschen handelt, sondern um D A S salvadorianische Nationalgericht. An jeder Straßenecke stehen die heißen Grillplatten auf denen die Fladen garen, im Radio läuft der Song „A mi me gustan las Pupusas“ („Mir schmecken Pupusas“) rauf und runter und die Diskussion, wie viele Pupusas ein erwachsener Mensch hintereinander essen kann, kann abendfüllend werden. Der Rekord soll bei 50 liegen!!! Martins persönliche Bestleistung liegt bei dreieinhalb, meine bei zweieinhalb!

Gestern Abend – wir saßen beim Essen zusammen – da kam uns die Idee: Wir bringen die Pupusas nach Deutschland. Wir werden die Sortenvielfalt erweitern, Teigtaschen mit Speck, Rucola oder Kräutern der Provence und als süßen Nachtisch mit Marmelade und Nutella anbieten. Die beiden ersten Filialen sind in Bochum und Berlin. McDonald‘s kann einpacken und in drei bis fünf Jahren weiß in Deutschland jedes Kind, was Pupusas sind…

Gaby Herzog und Martin Steffen

Romero als Gartenzwerg

Donnerstag, 12. November 2009

Von Gaby Herzog und Martin Steffen

Klar, hatten wir schon viel von ihm gehört. Davon, dass er sich auf die Seite der Armen und Rechtlosen gestellt, dass er furchtlos die Verbrechen und Ungerechtigkeiten der Oberen und der Militärs angeprangert hat, dass das Volk ihn dafür liebte und verehrte, dass er ermordet wurde und davon, dass er bis heute in den Herzen der Salvadorianer weiter lebt. Eine dreihundert Seiten dicke Biographie haben wir vor Antritt unserer Reise gelesen, dazu einige Aufsätze studiert und den Film des Schweizer Journalisten Oswald Iten angesehen.
Doch wie allgegenwärtig dieser Erzbischof Oscar Arnulfo Romero auch fast 30 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod ist, das überrascht uns bei unserer Reise durch das Land jeden Tag aufs Neue: Jeder, der damals schon auf der Welt war, hat seine persönliche Geschichte zu „Monsegnor“ zu erzählen, andere erinnern sich an die Erzählungen der Großmutter oder der Eltern und halten größte Stücke auf ihn – egal ob Katholik oder Protestant.
Diese Verehrung schlägt sich auch im Straßenbild wider: Martin hat seit einigen Tagen begonnen, Romero-Abbildungen zu fotografieren. Mal mehr mal weniger original lächelt einem Romeros Konterfei, in groben Pinselstrichen gemalt, von den Hauswände entgegen, die Menschen tragen Anstecker auf dem Pullover, haben seine Botschaften in Bäume geritzt oder sein Foto an prominenter Stelle in ihren Wohnzimmern aufgehängt. So auch Erzbischof Rosa Chavez, den wir heute in seinem Haus besuchten: In einem Blumenkübel steckt dort ein freundlich lächelnder Romero-Gartenzwerg…

Wer arm ist, lebt gefährlich

Dienstag, 10. November 2009

Die Berliner Journalistin Gaby Herzog und der Bochumer Fotograf Martin Steffen sind im Auftrag von Adveniat in El Salvador unterwegs.

Gestern Abend hatten wir dem Sturzregen noch seine positiven Seiten abgewinnen können: Stundenlang trommelte das Wasser auf das Vordach der Veranda, während wir entspannt bei Limonentee und süßen Keksen unsere Texte geschrieben und Fotos bearbeitet haben. Dass wir am Nachmittag beim Rückweg von der UCA (Universidad Centroamericana) zum Hotel bis auf die Knochen nass geworden sind, fanden wir irgendwie beeindruckend - genau wie die Sturzbäche, die die Straßen überspülten. „Heute regnet es nur einmal”, hatte Paco gesagt und wir haben zusammen gelacht…

Umso unvorstellbarer die Bilder heute morgen in den Früh-Nachrichten: Die Ausläufer des tropischen Wirbelsturms „Ida” haben in der Nacht schlimme Schäden angerichtet. Die Wassermassen haben Häuser weggespült, Autos mit sich gerissen, Bäume umgestoßen. Die schreckliche Bilanz der Nacht: 90 Tote, 60 Menschen werden noch vermisst. Die TV-Bilder zeigen, dass es - wie so oft - ein Armenviertel getroffen hat. Ein Erdrutsch hat die Gebäude unter sich begraben. Die Häuser in dem Örtchen San Vincente waren ohne ordentliches Fundament an einen Hang gebaut worden.

Messerschleifer aus El SalvadorNahuizalco, ein ganz ähnliches Städtchen, das eine Autostunde von San Salvador entfernt liegt und von „Ida” verschont wurde, haben wir heute besucht: Feliciano Maye Tadeo lädt uns zu sich nach Hause ein. Der Messerschleifer wohnt mit seiner fünfköpfigen Familie in einfachsten Verhältnissen. Es gibt keinen Wasseranschluss, nur ein Bett für alle und in der Küche wird selten so viel zubereitet, dass alle wirklich satt werden.

Feliciano hebt den Kopf und betrachtet mit Sorge die dunklen Wolken, die sich über dem nahe liegenden Vulkan zusammenbrauen. Auch seine Hütte hat kein Fundament, steht auf glitschigem, unsicherem Grund an einem abschüssigen Hang. „Vor wenigen Monaten ist mein Schwager umgebracht worden, der Onkel meiner Frau wurde vor einem Jahr von Banditen erschossen. Dabei waren beide mittellos, hatten kaum Geld bei sich”, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Aber so ist es nun einmal: Wer arm ist in El Salvador, der lebt gefährlich.”