Die Berliner Journalistin Gaby Herzog und der Bochumer Fotograf Martin Steffen sind im Auftrag von Adveniat in El Salvador unterwegs.
Gestern Abend hatten wir dem Sturzregen noch seine positiven Seiten abgewinnen können: Stundenlang trommelte das Wasser auf das Vordach der Veranda, während wir entspannt bei Limonentee und süßen Keksen unsere Texte geschrieben und Fotos bearbeitet haben. Dass wir am Nachmittag beim Rückweg von der UCA (Universidad Centroamericana) zum Hotel bis auf die Knochen nass geworden sind, fanden wir irgendwie beeindruckend - genau wie die Sturzbäche, die die Straßen überspülten. „Heute regnet es nur einmal”, hatte Paco gesagt und wir haben zusammen gelacht…
Umso unvorstellbarer die Bilder heute morgen in den Früh-Nachrichten: Die Ausläufer des tropischen Wirbelsturms „Ida” haben in der Nacht schlimme Schäden angerichtet. Die Wassermassen haben Häuser weggespült, Autos mit sich gerissen, Bäume umgestoßen. Die schreckliche Bilanz der Nacht: 90 Tote, 60 Menschen werden noch vermisst. Die TV-Bilder zeigen, dass es - wie so oft - ein Armenviertel getroffen hat. Ein Erdrutsch hat die Gebäude unter sich begraben. Die Häuser in dem Örtchen San Vincente waren ohne ordentliches Fundament an einen Hang gebaut worden.
Nahuizalco, ein ganz ähnliches Städtchen, das eine Autostunde von San Salvador entfernt liegt und von „Ida” verschont wurde, haben wir heute besucht: Feliciano Maye Tadeo lädt uns zu sich nach Hause ein. Der Messerschleifer wohnt mit seiner fünfköpfigen Familie in einfachsten Verhältnissen. Es gibt keinen Wasseranschluss, nur ein Bett für alle und in der Küche wird selten so viel zubereitet, dass alle wirklich satt werden.
Feliciano hebt den Kopf und betrachtet mit Sorge die dunklen Wolken, die sich über dem nahe liegenden Vulkan zusammenbrauen. Auch seine Hütte hat kein Fundament, steht auf glitschigem, unsicherem Grund an einem abschüssigen Hang. „Vor wenigen Monaten ist mein Schwager umgebracht worden, der Onkel meiner Frau wurde vor einem Jahr von Banditen erschossen. Dabei waren beide mittellos, hatten kaum Geld bei sich”, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Aber so ist es nun einmal: Wer arm ist in El Salvador, der lebt gefährlich.”