Begegnungen in Kuna-Yala
21. Januar 2010
Congreso heißt der Versammlungsraum der Kuna-Indianer auf jeder der bewohnten Inseln des Archipels San Blas vor der Karibikküste Panama. Hier ist der Mittelpunkt des politisch-religiösen Lebens der Kuna-Dorfgemeinschaft unter der Führung des Sahilas (politisch-religiöser Führer) und seines Adjutanten (Argar). Probleme des Alltagslebens werden hier erörtert und die reichhaltigen Mythen des Kuna-Volkes über ihre Geschichte bis zur Erschaffung der Welt weitertradiert.
Die Kuna sind bis heute eine relativ geschlossene Ethnie Panamas von gut 70.000 Menschen, der es politisch und kulturell gelungen ist, ihren vor 85 Jahren erkämpften Autonomiestatus zu bewahren.
Nach zweistündiger Fahrt im Cayuco ( Holz-Kanu) bei kräftigem Wellengang sind wir zusammen mit drei Claretinern in Ustupu angekommen, der größten bewohnten Insel von Kuna-Yala.
Die drei jugendlichen Padres aus Costa Rica, Honduras und Guatemala leben mit den Kuna auf drei verschiedenen Inseln eine inkulturierte Pastoral und sind anlässlich unseres Besuches heute alle zusammengekommen.
Die Regel gebietet, dass wir als fremde Gäste uns beim Sahila vorstellen. Angetan mit hellblauem Hemd, Krawatte und Filzhut sitzt er mit halbgeschlossenen Augen in der Hängematte in der Mitte des Congreso, im monotonen Sprechgesang Texte aus dem Babigala (das Heilige Buch der Kuna) rezitierend, die im Wechsel vom Vocero (Sprecher und Interpret der Texte) kommentiert werden. Es herrscht eine würdevolle Stille, nur unterbrochen von den wiederkehrenden Zwischenrufen eines Mannes, der an der Seite der palmgedeckten Gemeinschaftshütte sitzt. Er sagt immer wieder die gleichen Worte, die - so erfahren wir später - die auf Bänken sitzenden Teilnehmer „aufwecken” sollen, damit ihr Geist nicht ermüdet. Sind doch die Erzählungen vom Gesetz des Werdens und Vergehens und vom Zusammenleben der Menschen von zeitloser Aktualität.
Nach diesem Zeremoniell, das an die zwei Stunden gedauert hat, stellt uns Padre Freddy vor - in Kuna-Sprache. Auch wir selbst schildern den Grund für den Besuch, nämlich das Anliegen von Adveniat für eine gelebte Solidarität mit den indigenen Völkern. Dieser Austausch ist ein menschlicher, kultureller, religiöser und hinterlässt in uns einen tiefen Eindruck.
Baba y Nana - bei den Kuna wird Gott männlich und weiblich gedacht - sollen uns für unsere Arbeit segnen, sagt der Sahila.
Die Übersetzung durch die drei Padres ist keineswegs eine einseitige, wie wir in den folgenden Tagen erleben. In einer Versammlung treffen wir auf eine große Gruppe von Kuna-Frauen mit ihrer farbenprächtigen Kleidung von Mola-Blusen (Blusen in aufwendiger Stoffstickerei), Wickelrock und ihrem leuchtend gelb-roten Tuch um den Kopf. Selbstbewusst tragen viele von ihnen den goldenen Nasenring und den schwarzen Nasenstrich als Schönheitssymbol. Es dauert nicht lange, bis wir - trotz Übersetzung - in ein ganz lebendiges Gespräch miteinander kommen über die Rolle der Frau, die Veränderungen in der Welt, den Umgang mit Mutter Erde und die Werte, die uns wichtig sind. „Compartir” (Teilen) ist ihre Lebensgrundlage und übereinstimmend sagen sie, dass ihnen die Katechese hilft, bessere Kuna-Frauen zu werden, eine Bereicherung für sie und ihre Familien.
In der späteren Versammlung des Kuna-Rates in der Pfarrei ergreift der 80-jährige Vocero das Wort und berichtet von seiner wertvollen Erziehung in einem Don Bosco-Kolleg in Panama. Wie viele andere Kuna ist er als Erwachsener bewusst aus der Hauptstadt in die Comarca (autonomes Gebiet der Kuna) zurückgekommen. „Ich bin Kuna und ich bin Christ”, sagt dieser Arqar selbstbewusst und er habe im Rat der Kuna viel dazu beigetragen, um den Aufbau der Pastoral zu fördern.
Am letzten Tag unseres bewegenden Aufenthaltes unter den freundlich-neugierigen Kuna sind wir zu der Hochzeit eines Paares eingeladen, das seit 30 Jahren nach Kuna-Ritus verheiratet ist, erwachsene Kinder hat und nun aus eigener Entscheidung auch kirchlich heiraten will - ein großes Fest. Wir sitzen in der Brautmesse in der Bank hinter dem Sahila und seiner Frau. Beim Friedensgruß wenden wir uns kurz einander zu und bitten gemeinsam um den Segen für unsere bedrohte Welt.
Text: Ursula Bernauer











