Begegnungen in Kuna-Yala

21. Januar 2010

Kuna in PanamaCongreso heißt der Versammlungsraum der Kuna-Indianer auf jeder der bewohnten Inseln des Archipels San Blas vor der Karibikküste Panama. Hier ist der Mittelpunkt des politisch-religiösen Lebens der Kuna-Dorfgemeinschaft unter der Führung des Sahilas (politisch-religiöser Führer) und seines Adjutanten (Argar). Probleme des Alltagslebens werden hier erörtert und die reichhaltigen Mythen des Kuna-Volkes über ihre Geschichte bis zur Erschaffung der Welt weitertradiert.

Die Kuna sind bis heute eine relativ geschlossene Ethnie Panamas von gut 70.000 Menschen, der es politisch und kulturell gelungen ist, ihren vor 85 Jahren erkämpften Autonomiestatus zu bewahren.

Nach zweistündiger Fahrt im Cayuco ( Holz-Kanu) bei kräftigem Wellengang sind wir zusammen mit drei Claretinern in Ustupu angekommen, der größten bewohnten Insel von Kuna-Yala.Kuna-Frau mit Tochter

Die drei jugendlichen Padres aus Costa Rica, Honduras und Guatemala leben mit den Kuna auf drei verschiedenen Inseln eine inkulturierte Pastoral und sind anlässlich unseres Besuches heute alle zusammengekommen.

Die Regel gebietet, dass wir als fremde Gäste uns beim Sahila vorstellen. Angetan mit hellblauem Hemd, Krawatte und Filzhut sitzt er mit halbgeschlossenen Augen in der Hängematte in der Mitte des Congreso, im monotonen Sprechgesang Texte aus dem Babigala (das Heilige Buch der Kuna) rezitierend, die im Wechsel vom Vocero (Sprecher und Interpret der Texte) kommentiert werden. Es herrscht eine würdevolle Stille, nur unterbrochen von den wiederkehrenden Zwischenrufen eines Mannes, der an der Seite der palmgedeckten Gemeinschaftshütte sitzt. Er sagt immer wieder die gleichen Worte, die - so erfahren wir später - die auf Bänken sitzenden Teilnehmer „aufwecken” sollen, damit ihr Geist nicht ermüdet. Sind doch die Erzählungen vom Gesetz des Werdens und Vergehens und vom Zusammenleben der Menschen von zeitloser Aktualität.

Nach diesem Zeremoniell, das an die zwei Stunden gedauert hat, stellt uns Padre Freddy vor - in Kuna-Sprache. Auch wir selbst schildern den Grund für den Besuch, nämlich das Anliegen von Adveniat für eine gelebte Solidarität mit den indigenen Völkern. Dieser Austausch ist ein menschlicher, kultureller, religiöser und hinterlässt in uns einen tiefen Eindruck.

Baba y Nana - bei den Kuna wird Gott männlich und weiblich gedacht - sollen uns für unsere Arbeit segnen, sagt der Sahila.

Die Übersetzung durch die drei Padres ist keineswegs eine einseitige, wie wir in den folgenden Tagen erleben. In einer Versammlung treffen wir auf eine große Gruppe von Kuna-Frauen mit ihrer farbenprächtigen Kleidung von Mola-Blusen (Blusen in aufwendiger Stoffstickerei), Wickelrock und ihrem leuchtend gelb-roten Tuch um den Kopf. Selbstbewusst tragen viele von ihnen den goldenen Nasenring und den schwarzen Nasenstrich als Schönheitssymbol. Es dauert nicht lange, bis wir - trotz Übersetzung - in ein ganz lebendiges Gespräch miteinander kommen über die Rolle der Frau, die Veränderungen in der Welt, den Umgang mit Mutter Erde und die Werte, die uns wichtig sind. „Compartir”  (Teilen) ist ihre Lebensgrundlage und übereinstimmend sagen sie, dass ihnen die Katechese hilft, bessere Kuna-Frauen zu werden, eine Bereicherung für sie und ihre Familien.

In der späteren Versammlung des Kuna-Rates in der Pfarrei ergreift der 80-jährige Vocero das Wort und berichtet von seiner wertvollen Erziehung in einem Don Bosco-Kolleg in Panama. Wie viele andere Kuna ist er als Erwachsener bewusst aus der Hauptstadt in die Comarca (autonomes Gebiet der Kuna) zurückgekommen. „Ich bin Kuna und ich bin Christ”, sagt dieser Arqar  selbstbewusst und er habe im Rat der Kuna viel dazu beigetragen, um den Aufbau der Pastoral zu fördern.

Am letzten Tag unseres bewegenden Aufenthaltes unter den freundlich-neugierigen Kuna sind wir zu der Hochzeit eines Paares eingeladen, das seit 30 Jahren nach Kuna-Ritus verheiratet ist, erwachsene Kinder hat und nun aus eigener Entscheidung auch kirchlich heiraten will - ein großes Fest. Wir sitzen in der Brautmesse in der Bank hinter dem Sahila und seiner Frau. Beim Friedensgruß wenden wir uns kurz einander zu und bitten gemeinsam um den Segen für unsere bedrohte Welt.

Text: Ursula Bernauer

„Haitianer müssen Akteure ihrer Zukunft sein!“

19. Januar 2010

Die Haitianer selbst müssen die führende Rolle beim Wiederaufbau ihres Landes spielen. Wer sonst kennt die Verhältnisse im Land besser als die Menschen dort? Es kann nicht angehen, dass das Land noch tiefer in eine internationale (politische) Abhängigkeit gerät.

Ich habe den Eindruck, dass es derzeit in der Berichterstattung zwei Pole gibt: Die armen haitianischen Opfer und die guten Helfer aus den USA und Europa. Wir bei Adveniat erfahren jedoch aus zahlreichen Mails von Projektpartnern im ganzen Land, dass die Haitianer selbst längst zu Helfern geworden sind: Zahlreiche Pfarreien in den ländlichen Regionen haben Flüchtlinge aufgenommen und versuchen sie mit dem Notwendigsten zu versorgen. Pfarrer und Ordensleute sind in die Hauptstadt gefahren, um Menschen aus dem Chaos der Not herauszuholen; sie bieten ihnen jetzt Hilfe und Obdach an.

In einer Mail an Adveniat schrieb Pater Jan Hanssens aus Haiti, der im Advent 2009 als Adveniat-Aktionsgast in Deutschland war: „Die internationale Gemeinschaft muss sicherlich eine Rolle in der Frage der Sicherheit in Haiti nach der Katastrophe spielen, aber nicht in der der Frage, wem der Ruhm zusteht.”

Ich habe außerdem den Eindruck, dass derzeit kaum Haitianer zu Wort kommen, wenn es um den Wiederaufbau des Landes geht. Die Haitianer, um deren Heimatland es ja geht, werden in eine Randposition gedrängt. Dies spiegelt sich auch in der Berichterstattung über die Katastrophe: In den großen Fernsehsendungen sitzen die Haitianer am Katzentisch, spielen also nur eine Nebenrolle.

Die Haitianer selbst müssen Akteure ihrer Zukunft sein - in Zusammenarbeit mit der internationalen Gemeinschaft.

Ich freue mich sehr über die Entscheidung der Bischöfe, dass an diesem Wochenende in allen Gottesdiensten eine Sonderkollekte für Haiti abgehalten wird. Adveniat hat bereits 1,5 Millionen Euro Sondermittel den Wiederaufbau in Haiti bereitgestellt.

Die Hilfsbereitschaft für Haiti darf kein Strohfeuer sein. Ich bitte Sie: Vergessen Sie Haiti nicht!

Prälat Bernd Klaschka

Adveniat-Geschäftsführer

Fragen an die Purisima

18. Januar 2010

La Purisima in der Kathedrale von GranadaDie Inmaculada Concepcion ist Patronin von Nicaragua. Auf der Mondsichel stehend, grüßt die Hocherhobene in unübersehbarer Größe von einem der Hauptplätze Managuas. Viele Kirchen sind ihr geweiht, selbst einer der Vulkane in Nicaragua trägt ihren Namen. Von den Franziskanern nach Lateinamerika gebracht, genießt die Purisima seit Jahrhunderten höchste Verehrung, lange bevor 1854 ihr Dogma verkündet worden ist. Vom Volk wird sie zärtlich Conchita genannt, sei es, weil sie in barocker Manier vor einer geöffneten Muschel dargestellt ist, sei es, weil die Mädchen mit dem

Kathedrale von Granada, Nicaragua

Namen Concepcion Conchita gerufen werden. Die Feierlichkeiten zum Festtag der Purisima am 8. Dezember beginnen in Granada schon am 27. November. Dann wird die prächtige Statue vom Hochaltar heruntergeholt und in tagelangen Prozessionen durch die Straßen dieser schönen Kolonialstadt getragen - vorausgesetzt, der Bischof ist da. “Si el Obispo no esta, la Virgen no baja!”.

Unserem Gastgeber, Bischof Bernardo Hombach, dem langjährigen und geschätzten Partner von Adveniat, gefällt das nicht ganz: sechs Marienstatuen in seiner Kathedrale und nur eine bedeutsame von Christus. Da ist etwas nicht richtig. Der Marienkult habe sich in Nicaragua verselbstständigt, sagt Bischof Hombach lächelnd mit seinem feinen Humor. Seit 47 Jahren lebt er in Lateinamerika sehr nahe am Herzen der Menschen. Er weiß, wie wichtig für viele die Zuflucht zu Maria ist, für die Frauen, die in der Mehrzahl ihre Kinder allein und unter schwierigsten Bedingungen aufziehen müssen und für die vielen Menschen, die nie ein zuhause hatten. Doch könnte es nicht sein, dass die Verehrung der Inmaculada mit neuen Inhalten gefüllt werden muss? Nicht als die Purisima, die in unerreichbarer Ueberhöhung von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt ist, sondern als der Mensch des Ursprungs, wie in Gott erschaffen und gemeint hat?

Text: Ursula Bernauer

Überleben in El Chorrillo

15. Januar 2010

Häuser im Armutsviertel El Chorrillo, Panama Stadt

In dem von Adveniat finanzierten Pick Up mit Doppelkabine lässt es sich gut und sicher reisen - meinen wir. Der Besuch in dem von den Mercedariern geführeten Sozialwerk der Pfarrei für Kinder und Alte inmitten des berüchtigten Problemviertels El Chorrillo, nahe der Altstadt von Panama-City, war sehr eindrucksvoll. Die beiden Padres aus Spanien leben in einem Ambiente, wo sie täglich aus nächster Nähe mit Gewalt und Übergriffen konfrontiert sind.

Wir drei Frauen und Padre Francisco sind auf dem Rückweg durch die löchrigen und vermüllten Straßen dieses Barrio, als plötzlich von der Seite her ein junger Kerl gegen das Auto knallt, der Padre deshalb langsamer fährt und dann - schneller als man überhaupt denken kann - der Griff von einem anderen Jungen in das geöffnete Wagenfenster, der zielsicher die Handtasche vom Boden des Wagens herauszerrt und wie ein Blitz davonrennt in einen Hauseingang hinein. Der Padre hält an, ruft auf seinem Handy die Polizei und geht unerschrocken durch das Gewimmel von Kindern und herumlungernden Jugendlichen in das Haus hinein.

Menschenauflauf, als nach einigen Minuten zwei Polizeiautos mit sechs Schwerbewaffneten eintreffen, die mit Getöse das Labyrinth von Gängen und Hinterhüfen durchstreifen und die Ecken dieses heruntergekommen Hauses absuchen. Niemand hat etwas gesehen, natürlich nicht. Nach dem ersten Schreck sind wir vor allem in Sorge um den Padre, falls die Gewalt jetzt eskalieren sollte.

Da taucht ein großer dunkelhäutiger Mann auf, der auf den Padre zugeht und ihn mit Handschlag begrüßt. Es ist Fernando, der ihn aus dem Knast kennt, wo er noch vor kurzem eingesessen und von Padre Franciscio Unterstützung erfahren hat. Fernando will Abhilfe schaffen in dieser Sache, sagt er. Inzwischen hat die Polizei die Ausgeraubte selbst ins Haus gerufen zum Zweck einer Gegenüberstellung. Nein, sie kann keinen der vielen Jungen als Täter erkennen, Gott sei Dank, denkt sie, wie sollte man in dieser Welt von Miseria und aufgeheizten Emotionen einen Schuldigen ausmachen! Geistesgegenwärtig wie sie ist, redet sie mit den aufgebrachten Leuten, lässt sich von den Kindern anfassen, und macht deutlich, dass ihr grösstes Unglück in diesem Moment der Verlust ihrer Sonnenbrille sei. Von den zahlreichen Dollar- und Euroscheinen im Portemonnaie ist nicht die Rede.

Als wir El Chorrillo verlassen und wieder eine Asphaltstrasse erreichen, ist es schon dunkel. Wir fahren auf die gigantische Skyline von Panama-City zu mit ihren kühn konstruierten Hochhäusern und der amerikanischen Glitzerwelt von riesigen Malls und internationalen Hotelketten. Ein unvorstellbarer Kontrast. Was für eine Provokation müssen diese Gringas in diesem Barrio gewesen sein, sagen wir uns, leichtsinnig obendrein, das Autofenster zu öffnen, nur um besser ein Foto schießen zu können…

Zwei Stunden später klopft es an der Haustür des Pfarrhauses, wo wir wohnen und unsere Geschichte in allen Einzelheiten rekapitulieren. Fernando ist gekommen, in der Hand eine  Plastiktüte mit der Sonnenbrille, den Scheckkarten nebst der Pfefferminzpastillen-Dose. Austausch von freundlichen Worten, ja, der junge Dieb sei ein Experte, sagt Fernando lächelnd. Er geht zufrieden mit einem Schokoladengeschenk aus Alemenia fria nach Hause. Ein Deal, jeder hat etwas gewonnen in dieser unglaublichen Geschichte. Wer weiss, wozu sie gut war.

Text: Ursula Bernauer, Elisabeth Freitag, Stefanie Hoppe

Ein Equipo von Schatzgräbern

12. Januar 2010

José Arguëllo ist ein hochgebildeter Mann. Nach seinem Studium der Philosophie und der Theologie in Tübingen als DAAD-Stipendiat ist er vor zwanzig Jahren nach Nicaragua zurückgekehrt und hat dort eine Initiative gegründet, die ihresgleichen sucht. Sie setzt an der Wirklichkeit der Armen an in ihrem dauernden Überlebenskampf wie auch ihrer sprühenden Lebenskraft.  Aus der Nähe zum Alltag entstanden die Themen, die das Equipo Teyocoyani für ihre Arbeit aufgriff: Die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung ebenso wie Verlassenheit, Ausgrenzung, Mord und Totschlag - Themen, die eindringlich auch im Alten und Neuen Testament vorkommen. Die Identifikation mit Gestalten in der Bibel eröffneten neue Sichtweisen hin zu mehr Selbstbewusstsein und Handlungsmöglichkeiten. Diese “Teologia cotidiana” verbindet das materielle und spirituelle Leben und füllt das Vakuum zwischen wirklichkeitsferner Theologie und dem reichen Fundus von Erfahrungen aus dem  eigenen Volk.

Was sich auf diese Weise prozesshaft entwickelte, wurde vom Equipo Teyocoyani unter der Leitung von José Arguëllo im Lauf der Jahre in ein hervorragendes Schulungsmaterial umgesetzt für die Delegados de la Palabra und alle, die am Gemeindeleben aktiv teilnehmen: ansprechende und kostengünstige Hefte über die Rolle der Laien als Salz der Erde, über Familie, Frauen in der Bibel, Menschenrechte, Sekten, Bewahrung der Schöpfung und der Schatz in den Gleichnissen.

Schon ein Blick in diese Hefte ist sehr anregend, trifft mit seinen Zeichnungen den Nagel auf den Kopf und führt zu neuer Erkenntnis, ohne belehrend zu wirken. Dabei fällt auf, dass mehr FÜR als gegen eine Sache gekämpft wird. Wie Arguëllo sagt, muss man auch die Gründe des Gegners kennen, um das Böse zu überwinden (vgl. das Gedicht von Ruben Dario “Los motivos del lobo”, das hier eine große Rolle spielt). Die Menschen hier haben einen ausgeprägten Sinn für Bilder und Symbole.

Das Equipo Teyocoyani ist an diesen Erfahrungen selbst gewachsen und fühlt sich  bestärkt, in Unabhängigkeit diesen Weg mit den Gemeinden weiter zu gehen, oft auf beschwerlichen langen Wegen, zu Wasser und zu Pferd.

Das Buch, das sie herausgegeben haben mit Gebeten aus der christlichen Tradition, angefangen von den Wüstenvätern bis zu D. Bonhoeffer und Glaubenszeugnissen aus den Völkern Lateinamerikas heute, ist für sie selbst eine Quelle geworden, aus der sie schöpfen.

Die eintägige Begegnung mit den Hauptamtlichen des Equipo (zwei Männer, zwei Frauen) in einem angemieteten schlichten Raum in Managua bestärkt Adveniat, diese kreative pastorale Bildungsarbeit weiterhin zu unterstützen.

Text:  Ursula Bernauer

La Palma Africana

11. Januar 2010

Der Dreikönigs-Morgen beschert plötzlich einen wolkenlosen Himmel. Keine Stunde später sind wir an der Anlegestelle der Lagune und starten in der “Panga Misionera I”  Richtung Kukra Hill. Padre Flavio steuert das Boot schnell und sicher durch die Gewässer entlang der dichten Magrovenwälder, bis wir über einen Seitenarm des Flusses dieses traumhaft gelegene Dorfes erreichen. Vor der grün gestrichenen Capilla San Juan Bautista de La Salle erfahren wir durch einige Lideres dieser Afro Mestizo Gemeinde etwas von ihrem Leben.

Lange wurde hier Zuckerrohr angebaut, aber nun ist die Palma Africana lukrativer geworden für die ausländischen Firmen: Palmöl für die Herstellung von Biodiesel, Kosmetika und Lebensmitteln. Die Löhne für die Saisonarbeiter sind miserabel, drei bis vier Dollar pro Tag, ohne Versicherung, ohne Essen und Unterkunft. Dabei ist die Gewinnung der Palmfrüchte mühsam und gefährlich, die Stämme sind hoch und haben giftige Stacheln. Postmoderne Sklaverei in Zeiten der Globalisierung, sagt Padre Flavio.

Die Entwicklung einer praxisnahen Landwirtschaftsschule für die Subsistenzwirtschaft der Kleinbauern, wie die Pfarrei sie plant, wäre hier das notwendige Gegengewicht, eine Hoffnungsspur. Das Fundamet für den Bau besteht bereits.

Text:  Ursula Bernauer

Wohin die Spanier nicht kamen

11. Januar 2010

Miembros del consejo parroquial y de economíaEs schüttet wie aus Kübeln in Bluefields. Hier regnet es dreizehn Monate im Jahr, lacht Padre Flavio. Was nicht hindert, dass die Menschen permanent unterwegs sind und zusammenkommen. Unter einem prasselnden Kirchendach sitzend erwartet uns bereits die Versammlung der ca 25 Evangelizadores. Sie berichten von ihren Besuchen zu zweit bei den Nachbarn ihres Barrio, wo sie anklopfen und in die Aussichtslosigkeit von Armut und Gewalt hinein die biblische Botschaft tragen. Umgeben von unzähligen Sektenkirchen mit ihren oft aggressiven Methoden wollen sie Zeugnis geben von dem, was sie selber trägt und was sie in ihren Bibelkursen reflektiert haben. Man nimmt ihnen in ihrer Ernsthaftigkeit und ihrem Realitätssinn ab, wie sie durch den eigenen Glauben Lebenskrisen überwinden und Hoffnung weitergeben koennen.

Eine Reihe junger Leute ist unter ihnen mit den Zuegen der Miskito-Indianer, bildschöne Frauen mit asiatischen Gesichtern neben den dunkelhäutigen Afros und der alten Sakristanin aus dem Volk der Garifuna. Ein junger Mann outet sich als Ex-marero.

Diese Gruppe mit ihrem ansteckenden Lachen spiegelt das ethnische Voelkergemisch von Bluefields, der ältesten Stadt an der Karibikküste, zugleich Hauptstadt der Region Autonoma del Atlantico Sur (RAAS). Die Spanier sind nicht bis hierher gekommen, dafür englische Kaufleute und Piraten, später europäische Siedler, die für den Bananenexport schwarze Arbeiter anheuerten - heute sind sie willkommene Arbeitskräfte auf den modernen Kreuzfahrtschiffen.

Später kamen chinesische Einwanderer hinzu, auch Padre Flavios Grossvater kommt aus China, damals auf der Flucht vor dem Regime Mao tse Tungs.

Die Eindrücke in dieser afro-karibischen Gesellschaft mit ihren Brechungen und Vernetzungen sind in diesem Klima von extrem hoher Luftfeuchtigkeit und dauerndem Regen von fast unüberschauberer Vielfalt wie die tropische Pflanzenwelt, die uns umgibt. Hilfreiche Orientierung kommt von Padre Flavio, dem Pfarrer dieser riesigen Gemeinde: nicht nur dass er mit seinem equipo einen ganz hervorragenden Plan Pastoral ausgearbeitet hat. Er verkörpert auch, mit Weitsicht und viel Humor, dass die vielen Desafios (Herausforderungen) gesehen und bewältigt werden können

Text:  Ursula Bernauer

Tod eines Kaffeepflückers

06. Januar 2010

Eleusio wollte nur nach seiner roten Mütze greifen, die ihm heruntergefallen war. Dabei stürzte er kopfüber die Rampe des Lastwagens herunter, wurde überrollt und war auf der Stelle tot. Nun liegt der junge Mann Kaffeepflücker auf dem Werk zum Ernteeinsatzleblos auf der offenen Ladefläche, um ihn her ein aufgeregtes Stimmengewirr, man ruft nach Freunden oder Familienangehörigen. Für die Kaffeepflücker, die sich gerade auf den Weg gemacht hatten zu einem zweiwöchigen Einsatz in der Kaffeeernte , verzögert sich ihre Reise. Unruhe breitet sich aus, solche Unfälle passieren oft in dieser Zeit…

Am nächsten Morgen im Sonntagsgottesdienst - es ist unser Abschied von Waslala - spricht Monsenor David von der Schöpfung, die uns anvertraut ist und davon, wie wir zusammengehören. An Eleusio wird gedacht und an alle, die hier versammelt sind. Wir drei Frauen aus Deutschland und zwei Italienerinnen, die einige Wochen hier solidarisch mitgearbeitet haben, werden nach vorne gebeten, damit wir den Segen empfangen für unsere lange Rückreise. Wer uns segnet, ist die Gemeinde selbst, mit erhobenen Armen und den hellen Stimmen der vielen Kinder. Ein bewegender Augenblick - bene-dicere, sich den Segen zusprechen, den wir alle brauchen.

Auf dem Altar haben sich derweil neben einer Hibiskusblüte kleine Häufchen von Münzen und Scheinen angesammelt für die Familie von Eleusio. Jemand zählt schnell und verkündet glücklich, es seien an die 300 Cordoba zusammengekommen, 15 Dollar. Dann holen die Kinder die gefüllten Plastikflaschen, die sie vor den Altar gestellt haben: geweihtes Wasser, das sie sorgsam nach Hause tragen. Der Segen soll weitergehen…

Text: Ursula Bernauer

“Wie fröhlich ist Waslala jetzt”

04. Januar 2010

Der Name Waslala hat einen besonderen Klang. In der indigenen Sprache der Misquitos bedeutet er “Silberfluss”. Und der zieht sich wie ein unsichtbares Band durch die Erzählungen von Junio, der uns am letzten Tag des Jahres im Pick-Up durch die wellige, tropisch-grüne Berglandschaft von Managua nach Waslala bringt (236 km).

Junio, ein ca. vierzigjähriger Brasilianer ist seit einigen Jahren in der Pfarrei Maria Inmaculada von Waslala führend tätig. Für ihn wie für die anderen Mitglieder der Pastoral-Equipe ist Waslala zum zentralen Lebensort geworden, mehr noch, Waslala gilt ihnen als der eigentliche Mittel- und Anziehungspunkt Nicaraguas. Hier komme alles zusammen, was in einer menschen-nahen Pastoral zusammengehört: Die Arbeit mit den vielen Kindern und Jugendlichen (samt ihrer fantastischen Musik-Band), Reflexion zu Bibel und Lebenswirklichkeit, Gesundheitsprogramme und Förderung der Kleinbauern, bis hin zu einer “Pastoral del agua” - alles fließe hier, wir würden es bald selbst erleben.

Waslala ist in Nicaragua die meist umkämpfte Region gewesen im Krieg zwischen der Frente Sandinista und den Contras mit allen verheerden Folgen von Gewalt, Korruption und Festschreibung der extremen Armut. Unterwegs begegnen uns auf der abschüssig - steilen Strasse zwischen Matagalpa und Waslala die in Staubwolken gehüllten schwankenden Lastwagen, bis oben hin besetzt mit Menschen, darunter viele Kinder. Sie sind auf dem Weg zum Einsatz in den Kaffeeplantagen. Was die Kaffeepflücker des guten und international prämierten Kaffees aus Nicaragua verdienen, reicht weder zum Leben noch zum Sterben: ca. ein Euro für einen Eimer gepflückte Kaffeebohnen auf meist unwegsamen Gelände.

Wie war es möglich, dass Ernesto Cardenal in seinem “Canto Cosmico” 1989 so euphorisch von Waslala sprechen konnte? “Wie fröhlich fließt der Fluss jetzt durch Waslala, die Kaffeeernte wird gut in diesem Jahr, wie fröhlich ist Waslala jetzt”. Die Realität ist nämlich die, dass heute, dreißig Jahre später die meisten Dörfer des Munizips Waslala noch immer nicht angeschlossen sind an Strom und Trinkwasser, dass  die Ausbeutung weiter geht…

Und dennoch: Waslala lebt. Spannend ist, wie im Roman “Waslala” von Gioconda Belli dieser Ort noch Jahre später erscheint als “eine Legende, ein Anhaltspunkt, eine Hoffnung”.  “Wie ein Traum vermochte Waslala die Wünsche und Erwartungen derjenigen zu moblisieren, die eine gemeinsame, bessere Zukunft wollten. Da verstanden wir, dass die Phantasie genauso viel wert war wie die Wirklichkeit.” (S. 425) Diese Vision Bellis ist in der Tat nicht weit entfernt von der Begeisterung, die Junio uns auf dem Weg dorthin überzeugend vermittelt hat. Wer nach Waslala kommt, so sagt er, kehrt immer wieder zurück oder er bleibt gleich da. So hat er es erlebt wie einige seiner Kolleginnen und Kollegen im Pastoralteam, die, aus Brasilien, Italien, Kanada und den USA kommend, hiergeblieben sind, eine Familie gegründet haben und zusammen mit den Nicas in Waslala kontinuierlich die Option für die Armen leben.

Als wir am Silvesterabend in Waslala ankommen, steht der Vollmond am Himmel. Junio sorgt nach dieser eindrucksvollen Tagesfahrt noch für den Asado im Rauchfang. Das gemeinsame Silvesteressen im Pfarrhaus wird ein Fest.

Im Übergang  zum neuen Jahr sagt einer der Delegados de la Palabra: “In der biblischen Botschaft befinden wir uns auf den Spuren zur Befreiung, erreicht haben wir sie noch nicht. Aber sie bestimmen mein Leben und das von Waslala.”

Text: Ursula Bernauer

Zugeknöpfte Maquilas

14. Dezember 2009

San Pedro Sula. “Es ist ja leichter, in den Knast zu kommen als in die Maquila.” Fotograf Achim Pohl ist sichtlich genervt. Seit einer Woche versuchen wir, einen Maquila-Besuch zu organisieren, doch alle Kanäle haben bis dahin versagt: der Industrieverband, die Kirche, persönliche Demarchen bei Maquila-Betrieben. “Die Anfrage geht direkt nach Montreal, und bisher habe ich noch keine Antwort”, antwortet mir eine freundliche Pressesprecherin von Gilden am ersten und am zweiten Tag. Am dritten sind alle dortigen Direktoren in einer Präsidiumssitzung, am vierten geht sie nicht mehr ans Telefon. Klarer kann eine Absage in Lateinamerika eigentlich nicht ausfallen.

Wir sitzen in der Klemme. Alles andere ist unter Dach und Fach – Interviews mit Unternehmern, Besuch bei Maquilaarbeiterinnen und Gespräche mit Menschenrechtlern – doch ohne den Besuch in einer der berüchtigten Fertigungswerkstätten droht die Reportage zu sterben. Ich telefoniere mir die Finger wund, bis die Handybatterie erschöpft den Geist aufgibt. Über Bekannte von Bekannten bekommen wir dann doch noch kurzfristig einen Termin beim Präsidenten des Maquilaverbands von San Pedro Sula. Beziehungen und Empfehlungen sind das A und O in Lateinamerika. Einen Fabrikbesuch will er aber am Telefon nicht versprechen. Achim setzt für den Termin sein Honduras-Käppi auf, ich werfe mich in meinen entwaffnendsten Minirock, setze ein unschuldiges Lächeln auf und verkneife mir jede kritische Frage – und, welch Wunder, am Ende des Interviews muss unser Maquila-Präsident nur einen Anruf tätigen, und die schweren Fabriktore öffen sich doch noch wie von Geisterhand für uns.

Autorin: Sandra Weiss

Foto: Achim Pohl