Bolivien - Politik und Gastfreundschaft

10. März 2010

Indigene und Weiße in BolivienBolivien ist vor allem für die wunderschöne Landschaft im Hochland bekannt und für die bis heute stark präsente indigene Kultur, die immer noch das tägliche Bild des bolivianischen Lebens prägt. Schlagzeilen macht das Land in den letzten Jahren aufgrund des ersten indigenen Präsidenten, Evo Morales, der im Dezember des letzten Jahres mit einem überraschend starken Ergebnis wiedergewählt wurde und nun seine zweite Amtszeit antritt. Sogar in den Departamentos des Tieflands, in denen die politischen Führungen weiterhin für mehr Autonomie kämpfen, stimmten viele Menschen für Evo Morales. Dennoch ist das Land gespalten, nicht nur geographisch in das durch die indigenen dominierte Hoch- und das vor allem von Weißen bevölkerte Tiefland, sondern auch ideologisch teilt sich das Land in Anhänger und Gegner der Regierung.
Schon während meines ersten Aufenthalts als Missionar auf Zeit in Bolivien ist mir der in der bolivianischen Gesellschaft stark verankerte Rassismus aufgefallen. Und auch jetzt, bei meinem zweiten Besuch, ist die starke gegenseitige Abneigung zwischen indigenen und Weißen allgegenwärtig und stellt meines Erachtens eines der größten Probleme dieses Landes dar. Verschärft wird dieser Konflikt durch Maßnahmen, wie die Nationalisierung der Bodenschätze, wodurch die gesamte bolivianische Bevölkerung von dem enormen Reichtum profitieren soll und nicht nur das ökonomisch starke Tiefland. Doch dort fühlen sich die Menschen hintergangen und fürchten weitere Einschnitte ihrer Prioritäten.
Doch vor allem unter den jungen Menschen im Tiefland gibt es viele, die eine differenzierte Meinung der bolivianischen Politik haben und vor allem die Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Situation der in Armut lebenden Bolivianer befürworten. Gleichzeitig werfen sie Evo Morales eine einseitige Politik vor, die nur die Indigenen bevorteilt und somit die Spaltung des Landes weiter vorantreibt.
Abseits der ganzen Probleme Boliviens, ist für mich aber vor allem die extreme Gastfreundschaft bemerkenswert, die ich sowohl im Tiefland als auch im Hochland erlebt habe. Menschen die in bitterer Armut leben und dennoch alles tun, um Gäste so gut wie eben möglich zu empfangen.
Warum ist ein Land wie Bolivien eigentlich nicht dafür bekannt?

Text + Foto: Dominik Pieper

Brasilien - Alexandre, unser “Sesam öffne dich”

04. März 2010

Mit der Polizei auf Streife in BrasilienFür unseren Artikel über den Alltag der Kirche in den Favelas  von Vitória, einem der gewalttätigsten Bundesstaaten des Landes, wollten wir gerne die Polizei auf Streife begleiten. Weder die offizielle Anfrage bei der Leitung der Militärpolizei noch der persönliche Anruf des Sicherheitsbeauftragten der Präfektur beim örtlichen Kommandanten brachten uns weiter.

Mit der Polizei auf Streife in Brasilien2Auch eine Gruppe Polizisten, die wir angesprochen hatten, wimmelte uns ab. In einem letzten verzweifelten Versuch fuhren wir wenige Stunden vor unserem Abflug auf gut Glück zum Hauptquartier der Militärpolizei. Unser Begleiter Alexandre Lemos von der Kommission für Frieden und Gerechtigkeit war nicht sehr zuversichtlich, da die Polizei generell keine Presse mag. Doch zufällig kannte unser Taxifahrer den Soldaten, der am Eingang Wache schob. Und das schwere Tor öffnete sich wie von Zauberhand. Einmal drinnen fragten wir uns zur Pressestelle durch, und Alexandre strahlte, als er die zuständige Funktionärin erblickte: es handelte sich um eine alte Bekannte. Plötzlich war innerhalb von einer halben Stunde doch noch möglich, was uns vorher tagelang verwehrt blieb. Ohne persönliche Beziehungen, haben wir festgestellt, läuft fast nichts in Brasilien.

Text: Sandra Weiss

Fotos: Jürgen Escher

Chaos an Brasiliens Flughäfen

03. März 2010

Am Flughafen in Brasilien“Wir sind nur für Sie da”, prangt derzeit auf grossen Werbetafeln an fast allen brasilianischen Flughäfen. Das muss ein Überbleibsel von Karneval sein, vermuten Fotograf Jürgen Escher und ich. Für uns allerdings ist meist gar keiner da, um auch nur den Anschein von Logik in das Chaos brasilianischer Flughäfen zu bringen. In Fortaleza beispielsweise checken wir gemeinsam ein in den gleichen Flug. Doch auf den Bordpässen stehen zwei verschiedene Gates zum Einsteigen. Als wir das richtige herausgefunden haben – der dritte Flughafenangestellte wusste schliesslich Bescheid – werden wir dort je nach Sitzplatznummer in drei verschiedene Reihen eingeteilt. Dann läuft ein Angestellter der Fluglinie durch die Reihe, und lässt sich die Personalausweise oder Pässe zeigen. Weil die Ansage nicht per Lautsprecher durchgegeben wurde, haben allerdings nur die vordersten in der Reihe sie überhaupt verstanden, hinten entwickelt sich ein Riesenchaos. Der Kontrolleur versucht, Ordnung zu schaffen, sieht aber deshalb viele Pässe gar nicht. Als er noch damit beschäftigt ist,  öffnet sich die Türe, vorne nuschelt wieder jemand etwas, und aus den drei Reihen wird plötzlich eine Riesentraube.

Am Flughafen in Brasilien 2Beim Abreissen des Tickets sagt uns eine freundlich lächelnde Dame, wir mögen durch den Gang bis zur Röhre 17 laufen, damit wir im richtigen Flugzeug landen. Obwohl wir sichtbar Ausländer sind, spricht sie ganz selbstverständlich Portugiesisch. Im Geiste male ich mir aus, wie bei der Fussball-WM massenweise Fans in falsche Flugzeuge steigen, in falschen Städten landen, fehlgeleitet von stets freundlich nuschelnden Brasilianern es niemals rechtzeitig zum Spiel ihrer Mannschaft schaffen und hilflos auf brasilianischen Strässen und Flughäfen umherirren. Warten auf Godot auf brasilianisch.

Text: Sandra Weiss

Fotos: Jürgen Escher

Brasilien - Verkaufsfördernde Heilige

02. März 2010

Supermarkt São José“Gott ist treu”, steht auf dem klapprigen Kleinbus, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat, und dessen Fahrer wie ein Henker über die schlaglochübersäte Piste brettert. Der Supermarkt gegenüber unserem kirchlichen Haus in Vitória heisst São José, Heiliger Josef, und sein Logo ist ein über den Wolken schwebender Geistlicher mit einem Heiligenschein. Über der kleinen Fressbude am Busbahnhof prangt in dicken Lettern “Gott ist mein Hirte, mir wird es an nichts fehlen”. Brasilianische Marketingexperten scheinen die Religion für sehr verkaufsfördernd zu halten. Das mag daran liegen, dass hier Alltag und Religion viel enger miteinander vermischt sind als in Deutschland. Wer sein Haus fertiggebaut, ein Auto gekauft oder einen Brunnen gebohrt hat, der bittet den Priester um seinen Segen. Irgendwo steht in jedem Haus garantiert ein kleiner Altar mit einer Marienstatue oder prangt ein Heiligenbild an der Wand. “Beim heiligen Jesus” rufen die Brasilianer, wenn sie etwas erstaunt, und wenn sie einmal keine Antwort wissen, verweisen sie gerne an höhere Mächte: “só Deus sabe”, nur Gott weiss”.

Text: Sandra Weiss

Foto: Jürgen Escher

Brasilien - Hauptsache laut

01. März 2010

Party in Dom PedroEs ist Freitagabend in Dom Pedro. Partytag. Was macht die Jugend in einem 8000 Einwohner zählenden, verlorenen Nest mitten in der Pampa des Bundesstaat Maranhão? Von dem die nächste Großstadt fünf Fahrtstunden entfernt ist? Ganz einfach, sie trifft sich auf dem Dorfplatz, wo ein paar findige Händler an mobilen Ständen gebratenes Fleisch, eiskaltes Bier, belegte Brote und Säfte verkaufen. Zwei oder drei der Bessergestellten haben ihre Autos mit übergroßen Boxen mitgebracht, werfen eine CD ein, öffnen alle Türen und drehen auf. Egal ob Reggae, Samba, Pop oder alles zusammen – Hauptsache laut. Ein paar Jugendliche klopfen den Takt und schwingen die Hüften zu den schmissigen Rhythmen. Die Anwohner scheint es nicht zu stören. Musik gehört in Brasilien einfach mit zum Leben dazu. Egal ob Live-Musik im Restaurant, rappende Straßenkinder, eine Capoeira-Session am Strand oder die volle Dröhnung vom Nachbarn – nie kämen die Brasilianer auf die Idee, sich darüber zu beschweren. Ungläubige Blicke ernte ich, wenn ich erzähle, dass in Deutschland schon mal die Polizei eine zu laute Party beendet, weil sich die Nachbarn gestört fühlen, oder die Kinder auf Spielplätzen eine Mittagspause einhalten müssen.

Brasilien - Mittelalter bei der künftigen Weltmacht

26. Februar 2010

Wenn Politologen über die Länder sprechen, die das 21. Jahrhundert prägen werden, fällt neben China, Russland und Indien auch immer der Name Brasilien. So charismatisch Präsident Lula, so schön Rio und so kosmopolitisch und modern São Paulo auch sein mögen - in der  Provinz herrschen oft mittelalterliche Zustände. Der Bundesstaat Maranhão ist ein erschreckendes Beispiel. Das sechs Millionen Einwohner zählende Bundesland am Tor zum Amazonas wird seit über 40 Jahren von der gleichen Familie beherrscht, den Sarneys. Straßen, Schulen, Gebäude tragen ihre Namen. Ihnen gehören Medienkonzerne, Ländereien, Universitäten und Bauunternehmen. Maranhão ist das zweitärmste Bundesland, trotz Sojaanbau, Häfen, Aluminiumkonzernen. “ Aber die zahlen wenig Steuern, verschmutzen die Umwelt und exportieren die gesamte Produktion. Die Bevölkerung hat nichts von diesem Reichtum”, sagt Marta Bispo von der Landpastorale.

In der Hauptstadt São Luis gibt es vielerorts nicht mal eine Kanalisation, viele Menschen leben  in Lehmhütten, auf dem Land werden die Tagelöhner versklavt, und wenn sie ein Stück Erde besetzen, von bewaffneten Schutztruppen der Fazendeiros vertrieben. Dem Ganzen überdrüßig erteilte die Bevölkerung den Sarneys bei der letzten Wahl einen Denkzettel. Roseana Sarney, Tochter des Ex-Präsidenten und aktuellen Senatspräsidenten José Sarney, verlor gegen den Kandidaten der linken Arbeiterpartei PT von Präsident Lula. Doch die Familie gab nicht auf, zog vor das örtliche Gericht, in dem ausschließlich den Sarneys eng verbandelte Juristen sitzen – und erreichte wegen angeblichen Wahlbetrugs ihr Ziel: Per Gerichtsbeschluss wurde Roseana doch noch Gouverneurin. Lula schwieg. Er braucht im Bundesparlament die Stimmen der PMDB, der Partei Sarneys, um zu regieren. “Wir wurden geopfert, die Demokratie landete im Mülleimer”, sagt der PT-Abgeordnete Vadinar Barros bitter. Alltag in der Provinz.

Brasilien - Es lebe die Kokosnuss

25. Februar 2010

KokosnussverkäuferDeutschland versinkt im Schnee, Brasilien leidet unter einer rekordverdächtigen Hitzewelle. Seit Wochen werden Temperaturen zwischen 30 und 40 Grad gemessen. Wer nicht muss, geht nicht auf die Strasse sondern bleibt im klimatisierten Büro oder dem schattigen Zuhause. Doch wir haben keine Wahl und müssen raus für unsere Reportagen: in die Favelas, zu den Müllsammlern, zu den Strassenkindern. Trotz ärmellosen T-Shirts, Sommerkleid und Sandalen schwitzen wir, dass uns das Wasser nur so herunterläuft. Vor allem Jürgen, der seine schätzungsweise acht Kilo schwere Fototasche immer mit sich herumschleppt.

Unsere Retter sind die Kokosnussverkäufer. Besonders Edilson, der strategisch günstig gelegen im Stadtzentrum von Sao Luis platziert ist, und “coco gelado” feil bietet. Kaum ein Getränk erfrischt so gut wie die eisgekühlte Kokosmilch. Nichts ist so billig, so gesund und so ökologisch: die Nuss wird mit der Kokosnuss auslöffelnMachete aufgehackt, einziger Plastikmüll ist der Strohhalm, den man hineinsteckt, um sie auszutrinken, und wer will, kann sie sich anschließend aufschlagen lassen und das Fruchtfleisch auslöffeln mit einem Schaber, den Edilson mit drei gekonnten Machetehieben aus der Schale der Nuss herausschlägt. Edilson verkauft auch Wasser und Erfrischungsgetränke, doch die Kokosnüsse sind der Renner.

Reich wird Edilson dennoch nicht. Für umgerechnet etwa 60 Eurocents verkauft er jede Nuss, wenn der EdilsonEinkaufspreis, die Standgebühren an die Präfektur, der Bus, mit dem er ins Stadtzentrum fährt und die Kosten für die Eiswürfel zum Kühlen abgezogen werden, kommt er täglich auf etwa 60 Reais Gewinn (rund 25 Euro). Dafür steht er um sechs Uhr früh auf und kommt um zehn abends nach Hause. “Bitte gleich noch eine “, unterbricht Jürgen. Edilson strahlt und sucht die Größte davon aus. Extra für die guten Kunden aus “Alemanha.”

Text: Sandra Weiss, Fotos: Jürgen Escher

Brasilien - Demokratischer Strand

24. Februar 2010

JoggerSobald die Sonne untergeht in Fortaleza, schnappen sich die Brasilianer ihre Turnschuhe und machen sich auf den Weg zur Strandpromenade. Dann lässt die Hitze des Tages nach, und die Anwohner bemühen sich, anderweitig ins Schwitzen zu kommen. Darin unterscheidet sich Fortaleza nicht von den anderen Uferstädten Brasiliens wie Rio oder Recife: Tagsüber bevölkern Wellenreiter und Surfer den Strand, abends werden sie abgelöst von Fussballern und Volleyballern, für die eine extra Flutlichtbeleuchtung eingerichtet wurde.

Am frühen Morgen und abends zwischen sieben und neun Uhr abends reicht der überbreite Gehweg der Strandpromenade kaum aus für die vielen Walker, Jogger und Skater, die sich gegenseitig übertreffen. Ein frischer Saft oder eine eisgekühlte Kokosnuss vom fliegenden Händler am Strassenrand sorgen anschliessend für gesunde Erfrischung. Egal ob Nationalfeiertag, Sylvesterfeuerwerk oder Wahlkampfveranstaltung – gefeiert wird am Strand. Und das schönste daran ist, dass hier alle zusammen kommen, die sonst der soziale Status trennt. FortalezaDie Aussicht auf Olympische Spiele und die Fussball-WM scheint alle zu beflügeln und gleichermassen stolz zu machen auf ihr Heimatland. Für Taxifahrer Josmar ist schon ausgemacht, dass Brasilien auch in Südafrika wieder ganz oben auf dem Treppchen steht. Denn Deus é brasileiro. Gott ist schliesslich Brasilianer. Und sportlich muss er dann wohl auch sein.

Text: Sandra Weiss, Foto: Jürgen Escher

Hilfe nicht nur in der Hauptstadt nötig

19. Februar 2010

Die beiden Jesuiten P. Regino und P. David haben mir gestern erzählt, wie sie zwei Tage nach dem Erdbeben mit Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten nach Haiti gefahren sind. Sie waren nicht nur in Port-au-Prince und Umgebung, sondern auch in den  Departements des Nordens, wo sie mit den Bischöfen von Gonaives, Cap Haitien und Fort Liberté darüber sprachen, welche Hilfe für die Flüchtlinge am Notwendigsten ist und wie die Güter am Besten verteilt werden. (Fort Liberté veröffentlichte übrigens nur wenige Tage nach dem Erdbeben einen strukturierten Aktionsplan). Derzeit konzentriert Solidaridad Fronteriza seine Hilfe vor allem auf den Norden. „Unsere Region ist die, die am weitesten von der Hauptstadt entfernt liegt und von jeher vernachlässigt wurde,“ sagt Schwester Nidia aus Ouanaminthe. Sie arbeitet eng mit den dominikanischen Kollegen zusammen.

„Haiti ist nicht im Krieg!“

Den kirchlichen Mitarbeitern war gleich klar, dass die Verteilung der Hilfsgüter überall im Land mit den Menschen vor Ort vonstatten gehen muss – sie wurden und werden bis heute mit eingebunden. „Das geht dann Hand in Hand“. David lacht, wenn er an die Vorgehensweise der Amerikaner denkt: „wie die mit ihren Hubschraubern und in Tarnanzügen das Land überflogen haben und die Päckchen abgeworfen haben! Denken die, es gäbe hier überall Bin Ladens?“

Doch nicht nur an der eigenartigen „Verteilung“ der Hilfsgüter seitens der USA üben sie Kritik, sondern vor allem an der massiven Militärpräsenz, die aufgefahren wurde. „Haiti ist doch nicht im Krieg“, sagen Regino, David und ihr haitianischer Mitbruder Monestime. „Wir brauchen keine militärische „Hilfe“, sondern technische.“

Das Zauberwort: Dezentralisierung

Bevor ich in die dominkanisch-haitianische Grenzregion bei Dajabón und Ouanaminthe fuhr, dachte ich, dass es auch hier wie in Jimaní Hilfstransporte ohne Ende gäbe, dass auch hier die Grenze voller Helfer aus aller Welt sei. Weit gefehlt. In Ouanaminthe sieht man so gut wie keine internationale Hilfsorganisationen, die Hilfe wird unter Haitianern organisiert. „Die ausländische Hilfe konzentriert sich vor allem auf die Hauptstadt und ihre Umgebung“, sagt Regino. Dabei bräuchte das ganze Land Hilfe, vor allem weil schätzungsweise bisher mindestens 100.000 Menschen die Hauptstadt verlassen haben.

Wie die meisten Menschen, mit denen wir während der Reise über das Erdbeben und seine Folgen gesprochen haben, hofft Regino, dass Haiti dezentralisiert wird, dass die anderen Regionen des Landes entwickelt und gestärkt werden – auch politisch. Die Ministerien könnten etwa auf die verschiedenen Städte verteilt werden. Da das Land klein ist, gäbe es keine Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit und gemeinsame Treffen. Für Monestime muss die Dezentralisierung auch unbedingt unter Einbindung der Zivilgesellschaft eingehen.

Verwirrende Natur

18. Februar 2010

Es hat wieder die ganze Nacht geregnet. Normalerweise sei Februar kein Monat, in dem es so viel regnet, sagen die Schwestern, „doch alles ist durcheinander mit der Natur, es gibt keine Regeln mehr.“ Es ist ein kräftiger, unnachgiebiger, tropischer Regen. Frage mich, wieviele Hütten völlig durchnässt sein müssen.

Beerdigungen

Ich musste nochmals an die zwei Beerdigungen denken, die wir in Ounaminthe gesehen haben. Lange Beerdigung in OuanamintheProzessionen von Angehörigen, Freunde und Nachbarn, alle elegant gekleidet. Männer in dunklen Anzügen tragen den Sarg, es wird viel gesungen, auch eine Blaskapelle ist manchmal dabei. Bei der Beerdigung der Mutter einer Lehrerin waren alle Schulklassen und die gesamte Lehrerschaft anwesend. Die Leute scheuen keine Mühe, um die Toten angemessen zu verabschieden. Wie schlimm muss es für die Menschen in Port-au-Prince sein, die ihre Angehörigen nicht begraben konnten!

Die Frau unterm Mangobaum

Denis Joseph (mit grünem Top) aus Port-au-Prince mit ihrer Gastfamilie Auch eine Frau will mir nicht aus dem Kopf. Denis Joseph, 31 Jahre. Sie hat ihren Mann und ihre beiden Jungen beim Erdbeben verloren. Sie ist nach Ouanaminthe gekommen, weil ihre Tante in Cap Haitien wohnt. Doch sie hat nicht die Kraft weiterzureisen. Den ganzen Tag sitzt sie auf einem kleinen gelben Stuhl unter einem niedrigen schattenspendenden Mangobaum bei den Leuten, bei denen sie untergebracht ist, und schaut ins Leere. Ihre Gastgeber bringen ihr zu essen, versuchen mit ihr zu sprechen. Doch Denis antwortet kaum. Sie sitzt und schweigt. Die Trauer lähmt sie.

Die Hilfe aus dem Nachbarland

Wir haben Padre Regino Martínez getroffen. Er ist Leiter der Menschenrechtsorganisation „Solidaridad Padre Regino Martínez aus DajabónFronteriza“ und einer der Menschen, die trotz vieler Kritik, die manchmal ihn mir für die Institution Kirche gärt, mich mit ihr versöhnt. (Ein kleines Porträt über den außergewöhnlichen Mann findet sich im Reportageheft Kontinent der Hoffnung – Haiti, das 2009 erschienen ist: „Padre Reginos radikale Option für die Armen.“). Regino und seine Mitearbeiter und ehrenamtliche Unterstützer arbeiten seit Jahren schon für einen besseren Schutz haitianischer Migranten in der Dominikanischen Republik und prangern Menschenrechtsverletzungen an der Grenze an. Und Padre Regino hat sich nie gescheut, den Rassismus und die populistische Migrationspolitik seines Landes zu kritisieren.

Umso glücklicher und voll des Lobes für sein Land ist er seit dem Erdbeben. Die spontane Hilfsbereitschaft und Solidarität der Dominikaner für die Haitianer ist enorm gewesen – und auf allen Ebenen: Bevölkerung, Regierung, Kirche – alle haben schnell, koordiniert und großzügig geholfen. „Das zeigt, dass der anti-haitianische Diskurs und der Rassismus in der Dominikanischen Republik keine tiefen Wurzeln haben, sondern ideologischer, konzeptueller Natur ist“, sagt P. Regino. Selbst nationalistische Politiker hätten nachdrücklich zur Solidarität aufgerufen. Mittlerweile sei die große Welle spontaner, großzügiger Hilfe etwas abgeklungen und habe einer pragmatischeren, rationaleren Vorgehensweise Platz gemacht. Doch die Begeisterung bleibt: im Moment der höchsten Not bei den Nachbarn sind alle Vorbehalte, Vorurteile, Kritik und Abwehr gegenüber den Haitianern vergessen.

Vorletzter Tag

Morgen abend geht es zurück nach Deutschland. Es ist immer das Gleiche: vor der Reise plagen mich lauter Ängste (und ich jammere meinen armen Kollegen die Ohren voll), doch kaum steige ich am Zielort aus dem Flugzeug, ist es damit vorbei und die Zeit vergeht sehr schnell. Das hat mit den vielen neuen Eindrücken und Informationen zu tun, aber vor allem auch mit der enormen Gastfreundschaft, Herzlichkeit und dem Engagement unserer Projekt- und Gesprächspartner. Immer wieder bin ich äußerst beeindruckt von diesen Menschen, die beharrlich und mutig – jede und jeder auf seine Weise und oft unter widrigen Umständen - für bessere Lebensbedingungen kämpfen. Wir können viel von ihnen lernen.

Text: Verena Hanf

Fotos: Jürgen Escher